Lesefluss
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Wichtigstes Gut: Die Aufmerksamkeit Ihrer Leser

Sie haben ein spannendes Thema. Die Überschrift weckt Interesse, der Leser liest … doch wie weit kommt er?

aufmerksamkeithalten

Unsere Aufgabe beim Schreiben ist es, dafür zu sorgen, dass das Lesen von der Überschrift bis zum Schluss möglichst flüssig gelingt. Immer dann, wenn das Gehirn unserer Leser über etwas stolpert, unterbrechen wir diesen Lesefluss – und behindern damit auch das Verstehen.

❗ Vor zwei Jahren habe ich schon einmal das Hirn zu Wort kommen lassen: Ich bin es, das Gehirn Ihrer Leser.

❗ Auch die Formatierung Ihres Textes ist entscheidend dafür, dass Ihre Leser von oben bis unten flüssig durchkommen: 10 Formatierungen, die Ihren Text unlesbar machen

Heute schauen wir uns typische Formulierungsfallen und -chancen an.

Generell gilt: Keep it simple!

  • Schreiben Sie lebendig und „normal“.
  • Lassen Sie Bilder entstehen.
  • Überfrachten Sie Vergleiche nicht.

Lebendig und „normal“ schreiben

Fangen wir mit dem absoluten Basic an: Schreiben, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. In Workshops erlebe ich immer wieder, wie sich die Schleusen öffnen, sobald ich auf den Plauderton poche.In erster Linie bedeutet das: Sags direkter! Schriftlich haben wir oft einen etwas umständlicheren Satzbau – und bei vielen grassieren die Hauptwörter. Beim lauten Lesen merkt man sofort den Unterschied:

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Auch wenn Ihr Satz nicht kompliziert ist: Überprüfen Sie, ob Sie den Plauderton eingehalten haben und achten Sie auch darauf, ob Sie mehr Aussagekraft reinbringen können.

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Selbst erfundene Begriffe, unübliche Wörter + besondere Schreibweisen:

Unser Gehirn bleibt hängen, wenn ihm etwas unbekannt ist. Das geht bei der Schreibweise los. Wenn Sie immer SelbstBEWUSSTsein schreiben, stoppt man beim Lesen – auch wiederholt. Weil wir ohne nachzudenken wissen, wie Wörter aussehen. Darum irritiert es, wenn die Schreibweise anders ist als normal, wenn zum Beispiel jemand alles klein schreibt. Setzen Sie unübliche Schreibweisen darum immer dosiert ein und nur dann, wenn es wirklich sein muss.

Gleiches gilt für Kunstwörter. Hier muss man unterscheiden zwischen seltener genutzten Wörtern, die dennoch geläufig sind – wie „Glückskinder“ –  und Wortkombinationen, die man nicht auf Anhieb einordnen kann, weil es eigene Erfindungen sind oder Begriffe, die für die meisten Leute fremd sind, z. B. Seelenwege, Salbeizunge oder auch erfundene Bezeichnungen für ein Produkt. Jetzt ist entscheidend, dass Sie die Formulierung so eindeutig machen, dass man versteht, was der Begriff bedeutet – idealerweise ergibt sich die Bedeutung eindeutig aus dem Zusammenhang. Ist das nicht der Fall, ist es besser, das Wort auszutauschen oder dem Leser draufzuhelfen, indem Sie erklären, was gemeint ist. Das gilt natürlich auch für Fachjargon und Fremdwörter (auch: andere Sprachen/Dialekt). Für Sie – und viele andere Leser – ist vielleicht glasklar, was „kongruent“ oder „heuer“ bedeutet, aber es weiß eben nicht jeder.

Wir als AutorInnen sind dafür verantwortlich, dass unser Leser alles verstehen.
Ein „Das weiß doch jeder“ ist nicht hilfreich.

Bilder entstehen lassen

„Starke Wörter“ ist das Schlüsselwort. Das geht damit los, Universalwörter wie machen zu ersetzen: Haben Sie einen Mohnkuchen gemacht … oder haben Sie ihn gebacken oder gar gezaubert? Haben Sie etwas geholt oder geliehen oder gekauft?

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Aber Gitte, du hast doch gesagt, wir sollen schreiben wie wir reden. Aber vielleicht sage ich immer machen!“ – Ja! Weil wir alle einen kleinen aktiven Wortschatz haben. Das Schreiben ist die Gelegenheit, auch unsere Sprechsprache auszubauen. Wie nuancenreich unsere Sprache ist, zeigen Synyomwörterbücher wie Wortschatz Uni Leipzig.

Hier ein Auszug aus den Ergebnissen der Wortschatzseite der Uni Leipzig, wenn ich „ärgern“ eingebe:

aufbegehren, aufbrausen, aufbringen, aufschäumen, auffahren, bekümmern, belästigen, betrüben, empören , entrüsten, erblassen, erbosen, ergrimmen, erzürnen, frustrieren, fuchsen, grollen, hänseln, hochbringen, kochen, kränken, necken, peinigen, piesacken, quälen, reizen, rotieren, sauer, schäumen, schmollen, sieden, triezen, verärgern, verstimmen, verwunden, wurmen, wütend, zürnen

Adjektive und starke Verben sind überhaupt das A und O. Denn damit verstärken Sie das Verstehen und erhöhen das Lesevergnügen. Durch die Bilder, die beim Leser entstehen, werden Gefühle ausgelöst.

Sie erzählen von Ihren abstrakten Träumen? Ja, wie waren die denn genau? Waren sie wirr, mystisch, aufwühlend oder irgendwie heilsam? Oder die Bilder letztens bei der Ausstellung: Waren es gute Bilder? Waren sie anregend? Lässt sich das nicht noch besser beschreiben? Wie war der Stil? War es eher tiefgründige Fotografie, die ein Kopfkino ausgelöst hat? Oder wirkten die Bilder eher deprimierend und leer?

Schauen Sie sich an, wie viel stärker diese kleinen Sätze nur durch ein treffenderes Wort werden:

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Je individueller und stärker die Wörter sind, desto mehr kommt auch Ihr ganz eigener Stil durch.

Natürlich kann man noch eine Schippe drauflegen, aber bitte nur, wenn es für Ihren Text relevant ist. Ein Roman wird intensivere Bilder ausmalen als ein Fachtext. Statt „Sie tanzt Walzer“ kann sie auch fast schwebend beim Walzer über das Parkett gleiten. Die Sonne geht nicht einfach auf, sondern die Frühlingssonne strahlt. Vielleicht brechen vorher sogar noch die Wolken auf. Schmücken Sie aber bitte nichts aus, was nicht sein muss. Da sind wir wieder beim Ziel Ihres Textes.

Übrigens dürfen es ruhig auch überraschend kombinierte Bilder sein, sofern sie auf den ersten Blick verständlich sind:

  • Da habe ich erstmal bei amazon.de gegoogelt …
  • Im Tierpark Hellabrunn gibt es den traditionellen Pinguin-Spaziergang. Wie in einer Karawane watscheln sie an den Besuchern vorbei.

Gefühle wecken ohne Bilder zu malen: Der Ausruf.

Es muss nicht immer ein Bild sein, Sie können auch durch einen Ausruf eine eindeutige Szene im Kopf der Leser lebendig werden lassen.

  • Als ich die Arztpraxis verlasse, pocht ein einziges Wort in mir: Warum?
  • Tut mir leid. Sie haben die Stelle nicht bekommen. Schade! Wieder nichts.
  • Ich arbeite im Home-Office, mache aber nie persönliche Termine. Das ist mein Zuhause!

Die Aufmerksamkeit spricht auch auf Abwechslung an: Je mehr Leben in einem Text ist, desto mehr packt es Ihre Leser.

Überfrachten Sie Vergleiche nicht.

Bei der Wortwahl und den Formulierungen ging es auch schon dauernd darum, es einfach zu halten. Noch mehr gilt das für Vergleiche. Da gehen vielen Autoren die Gäule durch.

Ist ein Vergleich wirklich naheliegend und logisch, funktioniert er wunderbar.  Er bringt mehr Leben in den Text und lässt ein Bild im Kopf entstehen:

  • Ich bin wie eine Elster. Wenn etwas glitzert, muss ich es haben.

Doch nicht jeder Vergleich ist brauchbar. Wird es abwegiger oder weniger logisch, stolpert das Gehirn des Lesers:

  • Wie ein Kantenhocker sitze ich am Abgrund.

Klar sitzen Kantenhocker „am Abgrund“, aber der Vergleich wirkt übertrieben. Zum einen, weil man einen Kantenhocker nicht unbedingt als „am Abgrund sitzend“ beschreiben würde. Zum anderen, weil das, was man ausdrücken will, entweder nicht stark genug ist, um es als Abgrund zu bezeichnen. Und wenn doch, dann ist der Kantenhocker als Vergleich zu schwach. Bei einer Geschichte sieht das natürlich oft anders aus, da gilt „dichterische Freiheit“ und um die erzählerische Qualität. Bei einem Tipp-Text, Informationsartikel oder einer Selbstdarstellung liegt der Fokus auf dem Verstehen einer klaren Botschaft.

Bei Vergleichen bitte auch aufpassen, ob Sie polarisieren. Wenn ja, dann entscheiden Sie immer bewusst, ob es sich lohnt.

  • Die Nachbarin tut immer total verständnisvoll. Fehlt nur noch die lila Latzhose und Birkenstocksandalen.

Wollen Sie zur Nachbarin einen ganz anderen Punkt machen, ist es nicht wert, die Aufmerksamkeit der Leser auf „lila Latzhosen“ und/oder Birkenstockträger zu lenken, nur um irgendeine Pointe zu machen. Polarisieren bringt durchaus Leben in einen Text, aber schnell kidnappt Ihnen ein nebenbei gemachter Vergleich Ihre eigentliche Botschaft.

Aber da sind wir schon bei einem anderen Thema, dem Polarisieren.

Oh, und haben Sie gemerkt, dass da nicht steht „Die Nachbarin gibt sich verständnisvoll“, sondern das sehr umgangssprachliche „tut so“?

7 Kommentare

  1. Liebe Gitte,

    lila Latzhose ist auf jeden Fall besser als lila Mohnkuchen. Jedes Mal, wenn ich lila irgendwo aufleuchten sehe oder lese, denke ich in letztere Zeit an Amos Mohnkuchen… 😆

    Sehr schöner Text mit Aha- und Grinsefix-Effekten
    Silke

  2. Gitte Härter sagt

    …. ihhhh! Sag sowas nicht, Silke. Ich hab erst am Wochenende lecker Mohnkuchen gegessen und GOTTSEIDANK nicht an Amos lilagefärbten Schimmelmohnkuchen gedacht. Das fangen wir gar nicht erst an.

    Bin noch mitten im Making-of-einstellen, kommt gleich.

    Auf wiederschaun
    Gitte

  3. Martina Schoppe sagt

    hallo,

    mein Gehirn ist an diesem Satz hängen geblieben: „Polarisieren bringt durch Leben rein, aber…“
    Durch was bringt Polarisieren Leben wo hinein? *kopfkratz* 😉


    von Gitte: Ups! Danke Martina, da hab ich gleich demonstriert, wie man das Gehirn der LeserInnen ins Stolpern bringt. Hihi.

  4. Hey Gitte, ich stehe ein bisschen auf dem Schlauch. Wo steht der gesamte Text von Dir mit den 43 Wörtern? Habe ich das übersehen? Die Vorgehensweise von Dir und die Beschreibung ist optimal. Ratgeberschreiberin!!!
    Gruß Amos

  5. Gitte Härter sagt

    Hallo zusammen,

    ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich erst heute melde. Bin am Machen und Tun + gestern habe ich mir kurzfristig die Himbeerwerft für einen umfassenden Umbau vorgenommen. Wenn ich schon in den Ausläufern bin, alles aktuell zu bringen, dann kommt das auch noch mit dazu. 🙂

    @Maria: Dankeschön. Über die großen Auge habe ich sehr gelacht. Einen erstaunten Smiley kannst du zum Beispiel auch so machen:

    =-o

    … da ist dann der Mund groß (und er geht auch als „entsetzt“ durch … haha)

    @bei Martina habe ich mich oben schon bedankt für den Hinweis auf meine Schlampereien, die genau meinen Punkt demonstriert haben 😉

    @Amos: Der gesamte Text ist der oben (vom „Making-of“ unten hierhergelinkt). Wie gesagt: keine Geschichte wie Eure superkreativen Varianten, sondern in den Schreibtipp eingebaut.

    Einen schönen Feiertag morgen!
    Gitte

  6. Danke für all die tollen Artikel die ich in der kurzen Zeit schon gelesen habe. Nur schade, dass sich Verhaltensmuster nicht gleich beim Lesen ändern 🙂 Wäre das toll. Diesen Artikel, werde ich ausdrucken und beim Schreiben neben mich legen. Ob es hilft, wenn ich ihn unter’s Kopfkissen lege?
    Viele Grüsse aus der Schweiz

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