Stil + Stilmittel

Wie groß ist der Verbiegegrad?

1991: Mein Chef in der Medienagentur runzelt die Stirn: „Wenn wir jemals mit einem Kunden vor Gericht ziehen müssen, werden wir gewinnen, weil du die korrekt formuliertesten Briefe schreibst. Aber das ist zu korrekt, es grenzt an Unfreundlichkeit!“ Er hat recht. In der Anwaltskanzlei habe ich jahrelang täglich distanzierte Briefe mit mehr oder weniger unterschwelligen Drohungen verschickt. Vom Plauderton war ich weit entfernt.

Ich habe also angefangen, mir den Kanzleistil abzugewöhnen. Es hat Monate gedauert, bis ich bei einem normalen Bürostil angelangt war – übrigens auch nicht die Krönung! Nach und nach bin ich lockerer geworden. Damals war ich im Vertrieb. Die Schere „Gitte normal und am Telefon“ + „Gitte per Fax und E-Mail“ war enorm.

Seit dieser Zeit lockere ich meine Schreibe mehr und mehr und mehr und mehr.

Seit 1991 bin ich kontinuierlich am Lockern.

Seit 22 Jahren!

Am Lockern!

Kontinuierlich!

😯

Der eigentliche Schock (auch für mich) ist: Es geht immer noch was!

Je größer der Verbiegegrad ist, desto weiter entfernt sind Sie von Ihrem eigenen Stil und desto mehr verschenken Sie. Übrigens bei allen Texten.

verbiegen

Beim bewussten Verbiegen wissen Sie ganz genau, dass und meist auch inwiefern „das nicht Sie sind“. Bei Angestellten kann das – wie bei mir mit der Anwaltskanzlei – an der Branche liegen. Oder es liegt an einem spezifischen Aufgabengebiet, zum Beispiel, dass Sie nur Berichte oder Präsentationen in einem festgelegten Format erstellen. Vielleicht schreiben Sie auch für Kunden und bewegen sich in deren bisherigem Formulier-Fahrwasser.

Natürlich kann auch Rücksicht eine Rolle spielen. Das war zum Beispiel bei mir viele Jahre so. Obwohl ich schon immer recht locker in der Selbstständigkeit war, so war ich lange Jahre nicht alleine selbstständig. Wir haben natürlich unsere Eigenheiten gezeigt, aber da ich von Natur aus ein deutlich „brutalerer“ Mensch bin mit einer rotzigeren Sprache, habe ich das in der gemeinsamen Selbstständigkeit immer bewusst zurückgefahren. Weil die Firma eben nicht nur ich war.

Das heißt, dass Sie bei gemeinsamen Projekten natürlich eine Firmen- oder Gruppenwirkung als gemeinsamen Nenner finden werden, in der sich idealerweise alle wiederfinden und als Einzelpersonen sichtbar sind – aber dennoch die Gesamtwirkung zählt.

Sehr häufig verstellt man sich aber auch selbst: Indem man sich zu sehr an anderen orientiert, weil „man“ das offenbar so macht. Oder auch, weil man sich nicht zeigen will. Besonders bei Selbstständigen treffe ich immer wieder auf Leute, die glauben, einen offenerer, normalerer Stil wäre schlecht für sie. Weil es an der Kompetenz kratzt, weil sie sich zu sehr persönlich sichtbar machen oder weil sie den Plauderton damit verwechseln, private Dinge ausplaudern zu müssen.

Dabei ist das gar nicht der Fall!

„Normal“ und „Sie selbst“ zu sein bedeutet ganz einfach, dass man in Ihren Texten die Person dahinter greifen kann.

Wenn Texte noch nicht gut sind, liegt das in 95 % der Fällen daran, dass die Texte keine Persönlichkeit haben.

Sobald ich sage „Lass es mal ungefiltert raus, schreib den ersten Entwurf richtig schnell und frisch von der Leber weg runter“, sind die Texte sofort um Klassen besser. Weil sie näher am Schreiber dran sind. Und schneller geht es auch noch!

Ach, und zum „das macht man so“: Wenn Sie das machen, was alle machen, dann schaufeln Sie sich gerade als Selbstständige/r fleißig selbst zurück in die Masse der Mitbewerber.

Das unbewusste Verbiegen

Nun gibt es aber noch den Teil, der einem nicht so ganz klar ist. Das merke ich zum Beispiel immer in Workshops, wenn ich meine Leute mit einer ersten Aufgabe ohne große Anleitung ins kalte Wasser werfe. Bei der zweiten Aufgabe kitzle ich dann den Plauderton raus. Jetzt hat jeder den Vorher-Nachher-Effekt und die Glühbirnen gehen auf.

Das Authentischsein beim Schreiben ist für viele eine richtige Hürde, die sie noch gar nicht wahrgenommen haben. Wenn man sich auf das Schreiben konzentriert, ist man einfach mit Inhalt und Formulierungen so beschäftigt, dass man manchmal das Lockerlassen völlig vergisst.

Zum unbewussten Verbiegen gehört aber natürlich auch die Entwicklung. Ich kann deshalb seit über 20 Jahren meinen Schreibstil immer noch weiter lockern, weil ich mich natürlich auch selbst entwickle. Ich gehe immer noch offensiver an die Dinge ran, ich rede mit zunehmender Erfahrung (und Alter haha) noch deutlicheren Klartext, ich finde Sachen heute nicht mehr schlimm, die mich vor zehn Jahren aufgeregt haben und kann über anderes lachen.

Wir Menschen verändern uns. Und damit eben auch unsere Persönlichkeit, unser Stil und unser Nach-außen-gehen. Im Alltag passiert das automatisch. Aber wenn Sie Ihre Texte beschreiben, statt aus sich heraus schreiben, dann ist es gut möglich, dass Ihre aktuellen Texte nicht Ihrer Entwicklung entsprechen.

Dann gibt es natürlich noch die Crux, dass man weiß, dass man sich schreiberisch verbiegt, aber das Nichtwissen darin besteht, dass man schlicht keine Ahnung hat, wie und ob man das ändern sollte.

Wie groß ist denn jetzt Ihr Verbiegegrad?

… das lässt sich relativ leicht herausfinden:

1. Schreiben Sie sich mal ganz konkret auf, was Sie zum bewussten Verbiegegrad alles sagen können. Und zwar frisch von der Leber weg!

Am besten funktioniert es, wenn Sie sich eine Eieruhr auf sagenwirmal 5 Minuten stellen und sich einen angefangenen Satz als Sprungbrett geben. Jetzt einfach spontan losschreiben mit dem Ziel „nicht groß nachdenken und bis zum Klingeln durchschreiben“. Also immer wenn es stockt trotzdem sitzenbleiben und weiterschreiben. Sie dürfen ruhig einen kleinen Gedankenschlenker machen, aber dann wieder zurück zum eigentlichen Thema kommen – dem Inwiefern-verbiege-ich-mich-beim-Schreiben.

Ich reiße mal an, wie das aussehen könnte:

Ich weiß schon, wie ich mich beim Schreiben verbiege, und zwar geht das schon damit los, dass ich keinen richtigen Einstieg finde. Dann formuliere ich mich zu Tode. Und während ich noch formuliere, merke ich, dass ich mich verkünstle. Das klingt dann immer total staubig wie früher bei meiner Diplomarbeit. Mein Gott, wie ich das immer gehasst habe! Damals habe ich den totalen Widerwillen beim Schreiben bekommen und mir das Schreiben auch versaut. Ich weiß noch gut, wie ich als Kind immer lustige Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben habe. Da war ich ganz unbeschwert und hatte richtig Freude dran. Eigentlich bin ich auch lustig. Der Leitartikel in der Hochzeitszeitung letztes Jahr war der richtige Brüller. Da hatte ich auch so einen Heidenspaß dabei! Und jetzt quäle ich mich gerade mit meinen Marketingtexten wieder ewig rum. Ahja, das Verbiegen. Also ich finde, dass meine Texte gar nicht so richtig mir entsprechen, weil ich selbst merke, dass ich mich viel zu sehr an den anderen orientiere, und zwar …

Sie erkennen das Prinzip?

Wir doktern nicht analytisch mit einer Tabelle an vermeintlich bereits identifizierten Schreibmacken rum, sondern Sie schreiben einfach mal Ihre spontanen Gedanken raus. Das geht – auch ganze fünf Minuten lang -, weil das der bewusste Teil des Verbiegens ist. Das steckt alles im Kopf beziehungsweise im Gefühl, dem Sie mit dem Rauslassen mal eine Stimme geben. Sie fassen in Worte, was Sie alles rund um das Verbiegen eh schon irgendwie wissen.

Dann staunen Sie über die vielen vollgeschriebenen Blätter und freuen sich über das befreiende Gefühl, dass diese Übung auslöst (und die vielen Aha-Erkenntnisse). Jetzt lassen Sie Ihr Werk erst mal liegen.

2. Widmen Sie sich erst dem unbewussten Teil. Den kann man nicht einfach rauslassen, sondern man muss ihn hinterfragen, um ihn sich bewusst zu machen. Aber Achtung: Hektiken Sie nicht durch die folgenden Fragen, sondern nehmen Sie sich jede Frage ruhig einzeln und intensiv vor. Sie wissen ja: Nur das Konkretwerden bringt auch was!

  • Die erste nützliche Frage ist: Bin das ich? Beziehungsweise: Wie sehr bin das ich? Sie nehmen sich einige Ihrer Texte vor, lesen Sie sich laut vor und vergleichen was/wie viel davon Ihrer Alltagspersönlichkeit entspricht. Das klingt abstrakt, aber es ist ganz simpel gemeint: Wie sehr entspricht die Person auf dem Papier der echten Person, die Ihre Freunde und Kunden im Alltag erleben? (Bei Firmen mit mehreren Leuten heißt das: Wie sehr entspricht die Firmenpersönlichkeit auf Papier – wenn überhaupt eine erkennbar ist – der Wirkung, die wir da draußen auslösen wollen?)
  • Die zweite hilfreiche Frage finden Sie schon im Blog: Wie finde ich meinen eigenen Stil?
  • Und die dritte Frage ist: Welche Aspekte würde ich gerne anders machen beim Schreiben, weiß aber nicht wie? Das mischt man im Kopf nämlich gerne mal! Dabei ist es ein großer Unterschied zu sagen „Ich bin eigentlich witzig und weiß nur noch nicht, wie ich meine Texte witziger bekomme“ als wenn sie sagen „ich kann einfach nicht witzig schreiben“.

Sind Sie mit allem fertig, haben Sie eine fette Ausbeute an Erkenntnissen rund um Ihren aktuellen Verbiegegrad.

Immer, wenn man alles Schwarz auf Weiß vor sich hat, kann man viel besser auswerten: Wo ist ein gemeinsamer Nenner, der sich durch mehrere Symptome zieht? … daraus ergeben sich meist einige wenige Schrauben, an denen Sie drehen können. Sie können gewichten, was Ihnen als erstes Ziel am wichtigsten ist und sich dann konsequent nach und nach dran machen.

Jetzt brauchen Sie nur noch Geduld! 🙂