typische Fehler

Variieren Sie Ihre Formulierungen

Übung-Symbolbild - Bleistift mit Noitzblock auf Holzbank

Als Kinder haben mein Bruder und ich unser Taschengeld in John Sinclair-Hefte investiert. Jede Woche haben wir seinem Kampf gegen Zombies, Vampire und Dämonen entgegengefiebert*. Und durch das viele Lesen wurde mein Wortschatz größer.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass John Sinclair nicht einfach zur Seite ging oder auswich, sondern „er steppte zur Seite“. :mrgreen:

Wenn wir klein sind, saugen wir neue Wörter oft ganz unbewusst wie ein Schwamm auf: Was wir lesen, was wir sehen und hören. Als Erwachsene hingegen verfallen wir oft in gewohnte Muster. Jeder von uns hat ja einen aktiven und passiven Wortschatz. Wir nutzen bekanntermaßen sehr viel weniger Wörter, als wir kennen. Wenn dann auch noch der immer gleiche Satzbau dazu kommt, klingt das, was wir schreiben, irgendwie flach.

 

Problem Nr. 2: Tun, was andere tun.

Vor über zehn Jahren kam IKEA mit dem Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ an. Alleine dieser Spruch (mit Abwandlungen) hat eine regelrechte Lawine an Nachahmern ausgelöst, und zwar durchgehend. In jeder Branche, auf Werbemitteln oder als Überschriften für Artikeln: wo man hinschaut (bis heute!) wird dieses Satzkonstrukt kopiert.

Genauso, wie die Powerpoint-Strichmännchen in den 90er Jahren ist das aber ab einem gewissen Punkt nicht mehr witzig und originell, sondern erst geht man in der Masse unter und dann löst diese Kopiererei ein Augenrollen aus. Gähn!

Natürlich lässt man sich – bewusst oder unbewusst – durch das, was man woanders hört oder sieht inspirieren. So vergrößert man auch seinen Wortschatz und Formulierungsversiertheit. Doch nur, wenn man nicht 1:1 übernimmt, was man woanders sieht. Über das „Zu eigen machen“ haben wir letzte Woche schon gesprochen.

Die Lösung: die Überarbeitungsphase nutzen

Klar können Sie sich Ihrer Muster bewusst werden, Sie können Ihren Wortschatz aktiv erweitern und variieren, indem Sie gezielt üben:

Doch noch schneller geht es, wenn Sie jeden Tag Ihre Texte etwas mehr feintunen.

Und wenn ich „Texte“ sage, dann meine ich alles, was Sie schreiben.
Nicht nur Artikel oder Werbetexte, sondern wirklich alles.

Zum Beispiel die Haftzettelnotiz für den Kollegen oder die Familie:

haftzettelvariation

… Jaja, die letzte Variation ist nicht konkret genug, weil es ja zwei Kopien sein sollen, aber ich bin zu faul, das Bild neu zu machen. Variieren Sie und bleiben Sie trotzdem eindeutig.

Wir schreiben meistens dasselbe schnell-schnell hin, gerade auf kurzen Notizen. Wenn Sie das nächste Mal eine Notiz schreiben und ins alte Muster verfallen, dann wandeln Sie gezielt ab. Das geht auch bei privaten Minis wie dem Einkaufszettel:

einkaufszettel

… oder, wenn Sie nächstens ein Schild im Hof oder in der Büroküche aufhängen.

Trauen Sie sich ruhig, etwas mehr aus sich herauszugehen. Denn die üblichen Schilder werden oft so inflationär-neutral beschriftet, dass auch die Leser sie gar nicht mehr wahrnehmen. Letzte Woche habe ich mich in einem Zeitschriftenladen am Bahnhof totgelacht. Da stand nämlich nicht „Diebstähle werden angezeigt“ oder „Dieser Laden ist kameraüberwacht“, sondern auf einem großen Schild hinter der Kasse stand: „Wer hier klaut, stirbt.“

Aber Achtung. Auch wenn diese Schilder unkonventionelle Beispiele sind:
Es geht nicht darum, superoriginell zu sein. Sondern es geht einfach darum, dass Sie im Alltag Ihre gewohnten Formulierungen etwas aufschütteln.

Ein sehr schönes Übungsfeld sind auch E-Mails – berufliche und private. Letzte Woche hat mir zum Beispiel eine Bekannte gemailt:

>>Wollte fragen, ob wir uns schon um 18 Uhr treffen wollen?

Man könnte einfach spontan schreiben.

Ja, gerne. Bis später.

Viele Grüße
xx

… aber Sie können auch bei solchen privaten E-Mails feintunen, um Ihre Formulierungen zu variieren, zum Beispiel:

>>Wollte fragen, ob wir uns schon um 18 Uhr treffen wollen?

Das passt!
Bis um 18 Uhr dann,
xx

Ich betone noch mal: Es geht mir hier nicht um großartige Originalität! Es geht darum, dass Sie bei allem, was Sie schreiben, einfach nachträglich ein bisserl Variation reinbringen. Das setzt sich nämlich dann auch in allen weiteren Texten fort. Das Gehirn gewöhnt sich daran, abwechslungsreicher zu formulieren. Auf diese Weise schreiben Sie durch dieses Alltagstraining automatisch immer vielseitiger.

Wer möchte, kann auch trainieren, etwas mehr von sich zu erzählen/mehr aus sich rauszugehen. Zum Beispiel:

>>Wollte fragen, ob wir uns schon um 18 Uhr treffen wollen?

Das können wir gerne machen, ich habs mir aufgeschrieben und hoffe, dass mein Gehirn sich nicht so verflüssigt heute Nachmittag, dass ich es vergesse. Ich stell mir mal sicherheitshalber noch den Wecker …

Bis um sechs dann,
xx

Jetzt noch ein berufliches, „ernsthafteres“ Beispiel:

Sagen wir, Sie haben einen Artikel für Ihr Blog geschrieben, der so beginnt:

Selektive Wahrnehmung ist das Phänomen, nur bestimmte Dinge wahrzunehmen und anderes regelrecht auszublenden.

Beim Überarbeiten wollen Sie das griffiger machen. Aber achten Sie jetzt darauf, nicht nur inhaltlich mehr zu sagen, sondern auch Wörter und Formulierungen zu variieren:

Sicherlich kennen Sie das Phänomen, dass man plötzlich etwas verstärkt wahrnimmt: Sie haben ein neues Wort kennengelernt und auf einmal fällt es Ihnen überall auf. Sie sind frisch verliebt und plötzlich sehen Sie überall glückliche Paare. Das nennt man „selektive Wahrnehmung“.

Es geht nicht um besser oder schlechter. Es geht nur darum, dass Sie beim Überarbeiten gezielt mit Wörtern und Formulierungen spielen.

Je mehr Abwechslung Sie reinbringen, desto mehr aktivieren Sie den passiven Wortschatz und holen Ihr Gehirn aus gewohnheitsmäßigen Satzbaumustern.

Und wenn Sie das Gefühl haben, Sie schreiben zu unlocker, dann ist ein wichtiger Fokus für Sie der gute alte Plauderton.  Der macht jeden Text besser (auch Werbe- und Informationstexte, die Sie für Ihr Business schreiben). Denn Plaudern bedeutet Nähe und besseres Verstehen.

* entgegengefiebert ist auch so ein schönes, starkes Wort, das ich schon viele Jahre nicht mehr verwendet und eben nachträglich „reinpoliert“ habe