Deine Leser

Zielgruppenmischmasch

Im August hat sich eine Zecke an mir festgebissen. Natürlich habe ich das erst am Samstagvormittag gemerkt und musste daher in die Bereitschaftspraxis beim Krankenhaus. Zwei Stunden warten für zwei Minuten. Hilftjanix.

Jedenfalls sitze ich und sitze und irgendwann lese ich vor lauter Verzweiflung alles, was rumliegt. Da fällt mein Blick auf eine Zeitschrift für Ärzte und Patienten. Sofort war mir klar: Das funktioniert nicht.

Also neugierig geblättert, wie sie diese zwei extremen Zielgruppen unter einen Hut bringen wollen: Hat das Heft vielleicht einen eigenen Teil für die Fachzielgruppe und einen anderen für die Laien? Oder sind die Artikel wenigstens getrennt in Normalsprech und Ärzte-Inhalte?

Nö. Nichts davon. Für Laien waren die Artikel größtenteils unverständlich oder uninteressant. Ob Ärzte viel davon hatten, kann ich nicht beurteilen. Es erschien mir allerdings auch nicht so. Damit ist ein ganz klassischer Fehler passiert: Der Versuch, Fach- und Laienleser gleichzeitig zu erreichen.

Das machen übrigens auch die meisten meiner Kunden falsch, die ein Buch veröffentlichen wollen. – Für wen schreibst du das Buch?

➡ Ich schreibe ein Buch für alle, die selbst schon mal eine Krise hatten oder gerade in einer Krise stecken und für Fachkollegen, die Leute in Krisen betreuen.

➡ Ich schreibe ein Erziehungsbuch für Eltern und für Großeltern, die ihre Enkel betreuen, und für Erzieher, die Kindergruppen leiten.

➡ Ich schreibe ein Yogabuch für Anfänger und Fortgeschrittene und es gibt auch einen eigenen Buchteil speziell für Yogalehrer.

Verschiedene Zielgruppen gehen so gut wie immer in die Hose

Es gibt keine klare Botschaft – und damit auch keine individuellen Aha-Effekte. Der Praxisnutzen wird deutlich vermindert.

Man muss bei Inhalten und in der Sprache andauernd Kompromisse machen, zu sehr neutralisieren beziehungsweise viel zu viele Wenn-dann- und Oder-Konstruktionen einbauen. Schlimmstenfalls spricht man keine der Zielgruppen direkt an.

Dadurch sind die Inhalte nur teilweise relevant. Sie verschenken die Möglichkeit, Ihr Know-how zu beweisen und bekommen keinen Draht zum Leser.

Als Fachkraft wissen Sie das eigentlich auch

Sobald ich Kunden darauf hinweise, dass sie hier ihr Netz viel zu weit auswerfen, stutzen sie: „Natürlich! Wieso ist mir das selbst noch nicht aufgefallen? Das bringt so ja gar nichts!“

Hier kommt wieder das Konzipieren ins Spiel: In dem Moment, wo Sie Ihren Text (oder ein ganzes Projekt) vorab durchdenken, merken Sie schon vor dem Schreiben, dass da was nicht geht. Beim Konzipieren geht es darum, sich vorher klarzuwerden:

  • Warum und für wen schreibe ich das?
  • Was soll der Leser (konkret) wissen, können oder tun?

Spätestens hier merkt man sofort, wenn man die Zielgruppe nicht oder zu unscharf ausgewählt hat. Dann heißt es wieder: eine klare Auswahl treffen und nicht versuchen alles, was Sie zu einem Thema wissen, in ein einziges Projekt zu pressen.