Lesefluss
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Das verflixte Leseverhalten

Immer wieder ist in meinem Blog ja die Rede vom Lesernutzen und davon, sich in seine Leser hineinzuversetzen. Natürlich ist Ihnen eh klar, wie wichtig dieser Perspektivenwechsel ist. Gerade im Business, wo wir ganz genau wissen, worum und wie etwas geht – unsere Leser aber nicht unbedingt. Als Autoren können wir uns reinhängen und alles richtig machen:

Das klingt jetzt alles so einfach, doch stecken da natürlich schon Dutzende von Hürden, über die man vortrefflich stolpern kann. Macht aber nichts!

Schreiben ist ein Prozess. Darum geht es nicht darum, in jedem Text immer alles richtig zu machen, sondern immer mehr zu erkennen, worauf es zu achten gilt und es idealerweise vor dem Veröffentlichen zu optimieren. Und beim nächsten Mal wird es noch besser, wird mal was Neues ausprobiert …

Tatsache ist: Wir haben sehr viele Möglichkeiten, als AutorIn die Kontrolle darüber zu behalten, ob und wie unser Text ankommt. Diese Handlungsmacht sollten wir natürlich nützen.

Tatsache ist aber auch: Das geht nur bis zu einem gewissen Punkt. Ab da liegt es an den Lesern.

Die Leser – die unbekannte Masse

Wenn Sie bloggen, einen Newsletter herausgeben, Briefe verfassen, Werbung texten, Bücher schreiben … dann haben Sie immer eine Masse unbekannter Empfänger. Klar: Manche kennen Sie vom Namen her oder aus den Kommentaren oder haben sie persönlich irgendwo getroffen. Doch auch die, die Sie besser kennen, kennen Sie nicht wirklich. Denn das „unbekannt“ bezieht sich auf:

  • Wie ist diese Person genau?
  • Was braucht sie (gerade und beim Lesen)?
  • Welche Vorlieben hat sie (zum Thema, Herangehensweisen und beim Lesen)?
  • Wie aufmerksam liest sie?
  • Welches Vorwissen ist vorhanden?
  • Wie gut kann sie schriftliche Informationen aufnehmen, abstrahieren, umsetzen?
  • Wie sieht ihr Alltag aus?
  • Was schwirrt ihr gerade alles im Kopf herum?

Keine Sorge, ich propagiere nicht, dass man das alles herausfinden müsste. Erstens geht das gar nicht und zweitens geht es darum überhaupt nicht. Es soll nur deutlich machen, wie viele Variablen alleine in einem einzigen Leser mit dafür verantwortlich sind, ob unsere Texte gelesen und wie sie aufgenommen werden.

Natürlich ist Ihnen das nicht neu. Aber lassen Sie es mal in aller Wucht auf sich wirken. Und jetzt vervielfachen Sie das vor Ihrem geistigen Auge. Wenn Sie einen Newsletter für 50 Leute schreiben, haben Sie 50 x diese vielen Variablen. Wenn es 5000 sind, wird einem gleich noch schwindliger.

Keiner von Ihren Lesern ist völlig gleich. Aber alle möchten Sie idealerweise erreichen.

Leider gilt auch noch:

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Natürlich kann man, wie gesagt, viel machen, auch um Neugier zu wecken, das Lesen übersichtlich zu gestalten und die Aufmerksamkeit zu halten. Aber letztlich gibt es nicht die Schablone, die Ihnen sichert, dass jeder immer alles lesen wird.

Das ist unrealistisch.

Und es ist wichtig, als AutorIn zu wissen, dass es unrealistisch ist. Denn das macht Sie auf Optimierungsmöglichkeiten aufmerksam. Es verhindert aber auch Augenwischereien à la „3000 Leute auf Twitter lesen begierig sämtliche meine Nachrichten!“ oder „meinen Newsletter lesen jeden Monat 500 Menschen“.

Nö. Die bekommen das. Aber nicht jeder liest überhaupt oder jedes Mal aufmerksam mit. Besonders für Marketingaktionen ist diese Unterscheidung extrem wichtig.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil es entspannt. Denn da es eine Tatsache ist, dass nicht jeder immer alles lesen will oder kann, brauchen Sie zum Beispiel auch nicht die Krise bekommen, wenn Leute Ihren Newsletter abbestellen oder Ihnen in Social Media nicht mehr folgen wollen. Das heißt nicht automatisch „Boah, bist du Scheiße!“ oder „Deine Texte haben aber an Qualität verloren“, sondern es gibt sehr viele andere Gründe.

Ein weiterer Aspekt ist auch, dass Sie – wie jeder erfahrene Marketingmensch weiß – bestimmte Informationen öfter sagen müssen und nicht nach dem Motto verfahren „das hab ich doch im letzten Newsletter mal erwähnt“ oder „das stand vorige Woche auf meiner Facebook-Seite“. [Aber bitte nicht verwechseln mit Werbeschleudern und papageiartigem Wiederholen von Statusupdates, wie das einige machen.]

Ich zum Beispiel verweise ständig mit Verlinkungen oder wortwörtlich auf meine Selbstständigenseite – und dort hier auf meine Schreibseite. Und trotzdem sagen auch regelmäßige StammleserInnen oft: „Hoi, das ist ja interessant, dass Sie jetzt auch ein Schreibblog haben.“ :mrgreen:

Ihr To do: Achten Sie mal auf Ihr eigenes Leserverhalten

… und zwar so richtig! Das ist eine gute Sache, um einerseits realistisch zu bleiben und andererseits gute Anregungen zu bekommen, die Sie ausprobieren können, um das Lesen Ihrer eigenen Texte zu verbessern.

Aber tappen Sie mir bitte nicht in die Vereinheitlichungsfalle:

Nur, weil Sie etwas gut oder schlecht finden, heißt das noch lange nicht, dass alle das Empfinden. Es geht einfach nur darum, dass Sie sich ein paar Tage mal bewusster damit befassen, wie Sie mit Texten umgehen, wenn Sie Leser sind.

Als AutorIn schaut man nämlich einfach anders drauf, auch wenn sie bei den Inhalten die Leserperspektive bereits einnehmen.

leseverhalten

Legen Sie sich ein Woche lang einen Block neben sich: Wenn Sie viel im Netz lesen, an den Computer. Aber bitte auch an den Küchentisch, auf die Couch oder in die Tasche. Denn es ist eine gute Sache, ALLES zu überprüfen: Wie Sie Blogs oder Newsletter lesen, wie Sie Ihre Briefpost durchgehen, wie Sie Zeitschriftenartikel beachten.

Machen Sie sich gezielt Notizen, was Ihnen auffällt.

Was beachte ich überhaupt?

Unabhängig davon, ob wir gezielt eine Information recherchieren, ob uns jemand etwas schickt oder es uns nebenbei ins Auge fällt: Wir springen auf unterschiedliche Dinge an. Manches müssen wir lesen. Anderes weckt unsere Neugier. Wieder anderes nehmen wir gar nicht war oder wir treffen die gezielte Entscheidung, etwas auf keinen Fall zu lesen.

Achten Sie mal qualitativ darauf, auf was Sie anspringen. Einfach um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Facetten – oft unbewusst – eine Rolle dafür spielen, was Sie überhaupt wahrnehmen und wozu diese Wahrnehmung führt: Ob Sie lächelnd weiterlesen, neugierig klicken/aufblättern oder ob Sie mit den Augen rollen. – Warum ist das bei diesem speziellen Text gerade so?

Bemerken Sie auch, was Sie gar nicht mehr wahrnehmen. So sieht man manchmal Dinge nicht, die viel zu groß geschrieben sind. Oder bei Newslettern werden Inhalte, die immer gleich bleiben, oft nicht mehr wahrgenommen. Wenn Sie also zum Beispiel bestimmte links im Fuß des Newsletters oder Ihrer Website haben, dann blenden gerade die regelmäßigen Leser das nach einiger Zeit komplett aus. Darum ist es gut, auch optisch mal etwas zu verändern. Eine andere Farbe, eine etwas andere Anordnung, ein andere Formulierung.

Wie weit lese ich?

Wenn wir es schaffen, dass unsere Leser von oben bis unten flüssig durchkommen und tatsächlich bis zum Ende lesen, ist das toll. Aber realistisch ist es nicht. Denn viele scannen einfach nur drüber und noch mehr steigen gleich nach dem Anfang irgendwann aus – gerade im Internet, aber nicht nur.

Nehmen Sie in den nächsten Tagen mal bei allen Texten, die Sie lesen, wahr, wie weit Sie kommen: Lesen Sie wirklich den ganzen Text? Flutschen Sie nur schnell drüber? Was sind Aspekte, wann Sie abbrechen?

Auch hier werden Sie eine Fülle von Faktoren finden. Es wird Texte geben, die langatmig sind oder wo ein Schlüsselsatz vorkommt, der zu einem „Schon wieder das!“ oder „So ein Mist!“ führt. Es wird Texte geben, die eine vielversprechende Überschrift hatten, aber im ersten Absatz wird klar, dass es um was weit weniger Spannendes geht.

Dann wird der aktuelle Moment eine Rolle spielen. Manchmal sind Sie mit dem Kopf woanders. Oder Sie werden abgelenkt – wodurch? Ein anderer Artikel direkt daneben? Das Telefon? Lesen Sie danach den Ursprungsartikel weiter oder nicht?

Was tue ich damit?

Wenn Ihnen Texte nützlich erscheinen, dann verarbeiten Sie entweder die Information direkt („Das merke ich mir!“) – und bei simplen Informationen gelingt das oft sogar. Doch es gibt Texte, mit denen wir irgendwas tun:

  • Wir speichern sie zum Beispiel als Bookmark ab.
  • Wir heften einen Ausdruck in einen Ordner oder archivieren auf andere Weise.
  • Wir teilen auf Social Media.
  • Wir schicken den Text per E-Mail weiter an jemanden, für den es etwas sein könnte.
  • Wir schreiben eine einzelne Information aus dem Text auf, in ein Notizbuch oder ein elektronisches Archiv.

Übrigens: Achten Sie auch hier darauf, wie weit Sie den Text wirklich gelesen haben. Das Teilen auf Social Media zum Beispiel wird oft gemacht, ohne dass ein Text wirklich selbst gelesen wurde.

Was für uns Autoren nicht immer heißt, dass ein Text geteilt wird, weil der Teilende ihn super fand, sondern weil er entweder Sie als Quelle gut findet oder nach grobem Blick gedacht hat „Ach, ich müsste mal wieder was Sinnvolles teilen, das scheint okay zu sein“.

Was tue ich wirklich damit?

Na, haben Sie also den Artikel geteilt oder die Visitenkarte, die dem Werbebrief beilag, an die Pinnwand geheftet? – Dann beobachten Sie jetzt aber, was Sie wirklich damit tun.

In der Regel kann man auf Erfahrungswerte zurückgreifen:

  • Haben Sie das heruntergeladene Formular oder die ausgedruckte Übung jemals gemacht?
  • Haben Sie die gebookmarkten und archivierten Texte jemals tatsächlich gelesen oder irgendwie genutzt?
  • Wie viele von den auf Social Media als supertoll empfohlenen Tipps haben sie selbst aktiv verwertet?

Das bewusste Beobachten unseres eigenen Leseverhaltens wird in vielen Punkten recht ernüchternd. Sie werden sich klar darüber, wie viele selbst abonnierte Newsletter Sie doch sehr oft ungelesen in einen anderen Ordner verschieben (oft sogar der Papierkorb). Sie merken, wie viele Texte Sie gar nicht/nur teilweise lesen und wie wenig Sie damit tatsächlich tun – sogar bei Texten, die Sie wirklich genial finden.

Sie bekommen viele Ideen und Anregungen, die Sie ausprobieren möchten. Denn natürlich gelten die eigenen Erfahrungen nie für alle Menschen, aber wir haben als Autoren ja Gestaltungsfreiheit etwas so zu schreiben und zu präsentieren, wie wir es selbst auch gerne lesen möchten.

Vor allem aber werden Sie, wie gesagt, realistisch.

Wir müssen uns immer darum bemühen, die Aufmerksamkeit unserer Leser zu gewinnen, sie zu überzeugen und ihnen echten Mehrwert bringen. Damit steigern wir die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufmerksam lesen und etwas TUN. Aber wir können niemals immer jeden erreichen. Genauso wie uns vieles im Alltag einfach nicht erreicht.

 

5 Kommentare

  1. Als Bloggerin und Newsletter-Schreiberin sage ich ein großes Dankeschön für diesen befreienden und nüchternen Artikel. Ja, so ist es. Und jede von uns denkt, etwas falsch gemacht zu haben, wenn man merkt, dass wichtige Mitteilungen auch mal von den allergrößten „Fans“ nicht registiert wurden. Und ist genauso fassungslos ist man, wenn vermeintliche Kleinigkeiten am Rande großes Aufsehen erregen und Diskussionen auslösen. An alle Leser: Wir Schreiberlinge freuen uns immer wieder, euch besser kennenzulernen. Rückmeldungen sind Gold wert.
    Danke an Gitte Härter, die uns immer wieder neu inspiriert!

  2. Ja doch, seh gutert Vorschlag sich mal selbst zu beobachten beim lesen.
    Gerade wenn man sich mit dem Gedanken schlägt, selbst eine Blog zu schreiben.

    Danke, Ihre Sichtweise und Ratschläge, sind sehr hilfreich.

    Jürgen

  3. Pingback: Medien-Woche 37/2013: Eigen-PR & Wahlkampf | kommunikationsABC.de

  4. Guten Morgen, Gitte, danke für deinen realistischen Blick … yes, ich mache mir nix vor! Ich hab jetzt quer-gelesen ;-).

    Alles, was Du schreibst in Deinen Blogs und Newsletter ist interessant und ich nehme mir nicht die Zeit, jedes Mal alles zu lesen.

    Schönen Tag. Lieben Gruß. Petra

  5. Gitte Härter sagt

    Hallo zusammen,

    – Verzeihung, dass ich mich so spät erst melde: herzlichen Dank für das schöne Feedback. Ich freue mich, dass der Text anregend ist!

    Ja, das veröffentlichen bringt jede Menge zusätzlicher Aspekte mit … geht ja nie nur ums Schreiben. Aber das machts ja gerade auch spannend. 🙂

    Herzliche Grüße
    Gitte

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