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Den Text vorausdenken

Nachher treffe ich mich mit einer Freundin. Vorher habe ich ein paar Besorgungen zu erledigen. Dafür könnte ich aus dem Haus gehen, ohne zu überlegen. Ich gehe einfach mal nach rechts, grobe Richtung zur U-Bahn. Da kommt dann irgendwann ein Bäcker und dann werde ich schon sehen, was ich als Nächstes besorge.

einkaufen

Auf diese Weise komme ich irgendwie ans Ziel. Es wird auf jeden Fall länger dauern und wenn ich ungeschickt bin, schleppe ich mich total ab, zum Beispiel weil ich den schweren Packen Papier zuerst besorge und dann in die nächsten Läden wuchten muss. Oder weil ich die zehn Rollen Klopapier unterm Arm geklemmt halte, während ich Obst aussuche.

Aber ich werde natürlich mit allem irgendwie fertig. Eine weitere Möglichkeit ist es, schon mal grob vorzusortieren:

  • Kokosöl, Mandelmus, Obst
  • Papier und Kalender
  • Klopapier und Taschentücher
  • Espressotasse und Sieb
  • Brot
  • Post

Damit habe ich sechs Stationen. Aber halt! – Papier gibt es meistens bei der Post auch und eventuell sogar den Kalender. Wenn ich die Station „Post“ vorziehe, erspare ich mir möglicherweise einen Laden. Und wenn ich in einen anderen Biosupermarkt gehe als den, der unmittelbar auf dem Weg liegt, bekomme ich hier auch das Brot.

Jetzt verändert sich meine gesamte Einkaufsroute.

Plötzlich gehe ich nicht mehr einfach so aus dem Haus. Ich gehe auch nicht nach rechts zum nächsten Bäcker, sondern ich gehe nach links und steuere zunächst den Bioladen an. Wenn ich statt der U-Bahn erst zu Fuß gehe und dann die Tram nehme, kann ich auf einer völlig anderen Route alles nacheinander abklappern. So habe ich nicht nur die schweren und sperrigen Sachen ganz am Schluss geplant, sondern die Läden so hintereinandergeschaltet, dass ich eine alternative Einkaufs-Chance habe, falls zum Beispiel der Bioladen nicht „mein“ Brot hat oder es in der Post doch nicht den richtigen Kalender gibt.

Ich habe nicht nur notiert, was ich ungefähr will und dann direkt angefangen, meinen Zettel abzuarbeiten, sondern ich habe in wenigen Minuten meine Einkäufe „konzipiert“, indem ich mein Wissen und meine Erfahrung nutze, um die passendsten Läden auszuwählen sowie die effizienteste Reihenfolge zu überlegen.

Nächste Woche sieht meine Planung anders aus, weil sich mein Ziel ein wenig verändert oder mein Termin woanders ist.

Keine große Sache

Ich weiß: Mein Einkaufszettel ist nicht besonders spannend und die Vorgehensweise ist alles andere als spektakulär. Die meisten von Ihnen machen das so, ohne großartig zu überlegen.

Alltagseffizienz. 🙂

Beim Schreiben sieht die Sache ganz anders aus:

Niemand würde sich einen Einkaufszettel schreiben, wo draufsteht „Büroartikel, Lebensmittel und Haushaltswaren“, sich dann die Jacke anziehen und ziellos aus dem Haus gehen.

Beim Schreiben hingegen ist das eine weit verbreitete Vorgehensweise …

Vorausdenken = konzipieren

Ja, da ist wieder das K-Wort, das viele von Ihnen scheuen (nicht ganz so sehr wie das Ü-Wort*).

Konzipieren ist nichts anderes als das Vorausdenken Ihres Textes. Wenn Sie sattelfest in Ihrem Thema sind – was Sie eh sein sollten! -, dann geht das mit etwas Übung genauso schnell wie das Vorausdenken Ihrer Einkäufe.

Teil 1 davon ist die Themenwahl. Die ist außerdem schon drei Viertel der Miete. Beim Einkaufen schreiben Sie, wie gesagt auch nicht, „Lebensmittel“ hin, sonst bräuchten Sie Ihren Zettel gar nicht. Sie schreiben hin, was genau Sie besorgen möchten. Da steht auch nicht nur „Drogerie, Supermarkt“, sondern ganz spezifisch „Kokosöl, Kalender, Klopa“, das ist das Plankton meines Einkaufszettels.

Bei Ihrem Text brauchen Sie also ein klar bestimmtes Thema,  das Sie näher konkretisieren und gezielt aufhängen.

Teil 2 ist dann nur noch, sich darüber klar zu werden, was Sie mit dem Text erreichen möchten. Das gute alte „Was soll der Leser wissen, können oder tun?“ Denn je nachdem, welche Ziele Sie hier haben, verändern sich Inhalt und Form.

Bei meinen Einkäufen wird die genaue Route und Auswahl der Geschäfte durch meine Ziele bestimmt, …

… dass ich alles auf direktem Weg zu meinem Treffen erledigen kann.
… dass ich sicher alles bekomme, was ich will, auch wenn eines der Geschäfte es nicht hat.
… und dass ich nicht unnötig schleppen will.

Manchmal ist mein Ziel beim Einkaufen, dass ich einen Schlenker über die Hauptstelle der Bank mache, um mein Kleingeld im Münzautomat loszuwerden. Da das mit viel Fußweg verbunden ist, setze ich einen Zusatznutzen mit einem Spaziergang.

Darum nochmal: Je nachdem, was Sie genau erreichen möchten, verändern sich Struktur und Inhalte.

Warum das langfristig für uns Schreiberlinge wichtig ist

Ich habe ja das große Glück, viele supertolle Stammkundinnen und –kunden zu haben. Das Geniale daran ist, dass ich ihre Schreibkarriere sozusagen von klein auf mitbekomme. Der Regelfall ist, dass die meisten immer relativ planlos losgeschrieben haben. Im günstigsten Fall funktioniert das, nämlich bei allen, die von Haus aus schon sehr strukturiert sind – was übrigens die wenigsten aus dem Stand heraus sind, sondern durch dieses Vorausdenken erst werden.

Die meisten kommen beim Schreiben ins Schleudern, weil sie zu viel wissen, können und wollen.

Das klingt total paradox, aber unser Expertenkopf überflutet uns mit viel zu vielen Informationen, Ideen und Erfahrungen. Alles ist wichtig. Alles hängt zusammen. Da fällt mir auch noch ein …

Wenn diese Welle über uns zusammenschlägt, denken wir „Uäh, ich fang einfach mal an!“ Man hofft, wenn man irgendwie loslegt, dass man sich dann schon durchhangelt.

Das führt meistens zu Okay-Texten. Okay-Texte sind die Texte, die sich ganz gut lesen, die aber irgendwie das Übliche sind, zumindest aber viel viel nützlicher hätten sein könnten.

Das Vorausdenken eines Textes ist das Gegenteil von „Ich fang einfach mal irgendwo an“. Es ist anfangs sehr ungewohnt, bringt jedoch eine Fülle von Schreibfähigkeiten mit sich. Denn mit dem konkreten Bestimmen von Thema + Zielen ist die Vorgehensweise total anders. Man überlegt nicht mehr ein Thema und fängt dann oben mit dem ersten Satz an. Sondern man beginnt bei jedem Text mit dem „Knochengerüst“, also der Struktur.

Bei meinen Kunden, die ich länger begleiten darf, sehe ich, wie viel schneller sie auf Anhieb wirklich gute Texte schreiben, weil sich dieses Vorausdenken immer mehr einprägt.

 

*überarbeiten