typische Fehler

Formulierungsverrenkungen

Auf typische Schreibmacken gehe ich immer wieder ein:

Natürlich ist das immer nur eine Erinnerung. Denn das wissen Sie ja alles. Wie kann es dann aber sein, dass sich immer wieder die gleichen Formulierungsverrenkungen einschleichen? Sogar bei Stammkunden von mir, die auf den Plauderton sensibilisiert sind?

Es liegt daran, dass die meisten von uns einen inneren Schreibfilter haben. Sie legen sich sozusagen eine innere Krawatte an, sobald sie schreiben:

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Wo kommt dieser Schreibfilter überhaupt her?

Es gibt drei große Gründe dafür:

1. Wenn wir schreiben, legen wir uns mehr fest. Hören Sie sich und anderen mal im Alltag ganz genau zu. Die Mehrheit der Leute spricht mehr oder weniger schlampig. Sprich: Wenn Sie Gespräche aufnehmen und später abhören, dann merken Sie, wie unvollständig Aussagen oft sind, wie oft Gedanken mitten im Satz versacken und wie ungelenk wir uns manchmal ausdrücken. Das ist nicht schlimm, denn es ist trotzdem verständlich. Der andere spricht oft ganz genauso. Schreiben wir etwas nieder, sind wir uns dessen bewusst, dass das jetzt Schwarz auf Weiß festgelegt ist. Der andere merkt, wenn wir uns ungenauer ausdrücken, zeigt die Mail oder den Brief vielleicht weiter. Und wir wollen idealerweise natürlich Missverständnisse vermeiden. Das ist alles gut und richtig, führt aber leider – wenn wir nicht aufpassen – schnell zum überkorrekten unnatürlichen Schreibfilter.

2. Wir haben gelernt, wie schreiben auszusehen hat. Ich habe zum Beispiel beim Rechtsanwalt gelernt. Darum war als Teenager für mich Schreiben = Kanzleistil. Nach der Lehre war ich einige Jahre als Schreibkraft bei der Polizei. Als ich mit Anfang 20 in einer Medienagentur angefangen habe, hat mein Chef regelmäßig der Schlag getroffen: Ich habe total korrekte Mails und Briefe verschickt, die sehr distanziert und leider auch ziemlich unfreundlich-bedrohlich klangen – obwohl ich mit denselben Kunden am Telefon ganz locker geshakert habe.

Das Gemeine: Der überkorrekte, gestelzte Schreibstil ist im hippen, internationalen Konzern genauso verbreitet wie im bodenständigen Handwerksbetrieb. Auch alle, die akademisches Arbeiten gewöhnt sind, sind oft regelrecht in einer lehrbuchartigen Schreibe gefangen.

3. Beim Schreiben wollen wir schlau und seriös klingen. Darum strengen wir uns besonders an. Manche schlagen unbemerkt einen gestelzten Ton an, andere wollen damit beeindrucken oder glauben, damit ihre Kompetenz zu unterstreichen.

Zusatzproblem: (über)korrektes Deutsch

Wenn Sie schon länger bei mir mitlesen, wissen Sie, dass bei mir die Plaudersprache so weit geht, dass ich ihr das korrekte Deutsch schon mal unterordne. Das liegt daran, dass ich ein absoluter Freund bin von „schreib, wie dir der Schnabel gewachsen ist“. Denn nur so machen wir uns auch als Person hinter dem Text greifbar. Da ich auch in echt sehr locker rede, mache ich das auch in meinen Artikeln. Sogar in meinen letzten Büchern hat mir der Verlag vieles durchgehen lassen, das andere Lektoren geglättet hätten.

normalbleiben

Aber keine Sorge: Ich empfehle nicht, dass Sie schlechtes Deutsch reden … äh schreiben. Vielen ist es wichtig, korrekt zu schreiben. Gerade, wenn Sie vom Schreiben leben, befürchten Sie vielleicht, dass es Ihnen als Nichtwissen ausgelegt werden könnte.

Achten Sie einfach nur darauf, dass das Korrekte auch noch natürlich ist.

Ein schönes Beispiel ist das diese/welche.

Vorgestern habe ich auf der Website einer kleinen Bäckerei die Erklärung gelesen, warum sie jetzt auch Catering anbieten. Ich habe den Text verändert. Es klang ungefähr so:

Dass wir Catering machen, ergab sich so: Einer unserer Stammkunden berichtete, sie hätten früher immer ihre Brotzeiten bei einer Metzgerei bezogen, welche nun aber schließen würde. Daraufhin wurde diesem Kunden gesagt, dass man ihm auch mit kleinen warmen Gerichten aushelfen könne. Einige Wochen später traf die erste Bestellung ein, welche dann auch anderen Kunden angeboten wurde.

Das „diese“ und „welche“ (und in diesem Beispiel natürlich auch noch das Passiv) klingt total unnatürlich. Stellen Sie sich vor, Sie reden so mit Freunden, Kollegen oder Kunden. Die würden Ihnen gleich die flache Hand auf die Stirn legen, um zu prüfen, ob Sie sich heiß anfühlen.

Laut lesen

Genau darum ist das laute Lesen so hilfreich. Damit meine ich wirklich LAUT und nicht „jaja, ich lese es in Gedanken laut“. Denn still gehen solche Feinheiten an uns vorbei, weil unser Schreibfilter sie als okay durchgehen lässt. Bekommen Sie es aber über die Ohren, hört es sich irgendwie nicht richtig an.

Alle Da klingt was nicht richtig-Passagen sind Feintuning-Potenzial in Richtung „keep it simple“ + normal.

 Denn alles, worüber Ihre Leser stolpern, nimmt Ihnen die Aufmerksamkeit.