Schreibfluss

„Es flutscht nicht, weil ich keine Erfahrung damit habe.“

Heike Tharun, die mit ihren Kunden wandert, hat mir geschrieben:

Mein engster Engpass beim Schreiben entsteht, wenn ich mit dem Thema nur mittelbar zu tun habe; also theoretisch. Wenn ich über etwas schreibe(n) (soll), bei dem mir der direkte (Erfahrungs)-Bezug fehlt. Schreibe ich über selbst Erlebtes fluscht es.

Sofort hab ich gefragt, ob ich dieses Beispiel in einem Blogbeitrag aufgreifen darf. Denn es zeigt sehr schön, warum es hilfreich ist, das Prinzip dahinter zu benennen, warum etwas nicht flutscht. Hier werden  nämlich genau die 9 Gründe zum wertvollen Werkzeug.

keineerfahrung

Schauen wir uns mal Heikes Dilemma an.

Das kennen sicher die meisten von Ihnen, dass man sich schwerer tut, wenn man keine unmittelbaren Erfahrungen hat. Ist ja auch logisch: Hat man einen  Erfahrungsschatz, kann sozusagen einfach mal eben aus dem eigenen Erlebnisnähkästchen plaudern, ist alles viel leichter. Wir müssen dann praktisch nur noch was Vorhandenes aus dem Kopf holen. Dazu kommt, dass wir bei selbst Erlebtem meist auch gleich mit passenden Gefühlen dabei sind. Auch das steigert den Mitteilungsdrang: Wenn wir etwas supertoll finden, müssen wir es erzählen. Wenn wir etwas Übles erlebt haben, platzt uns bei der Erinnerung daran schon wieder die Hutschnur. So ein gefühlsmäßiges Engagement schiebt die Sache noch mehr an.

Meist geht das Schreiben dann blitzschnell und manchmal ist man beim nochmaligen Lesen ganz beeindruckt, weil man auch so flüssig formuliert hat.

Die Kehrseite ist das hier – und zwar nicht die mangelnde Erfahrung, von der Heike spricht, sondern wenn man diese Aussage hier als gegeben hinnimmt. Ich formuliere es mal um:

Wenn ich über etwas schreibe(n) (soll), bei dem mir der direkte (Erfahrungs)-Bezug fehlt, tue ich mich schwer/flutscht es nicht.

Nehmen wir das einfach als ergänzenden „weiteren Grund, warum es beim Schreiben hakt“, landen wir schnell in einer Sackgasse. Denn sofern Heike sich nicht entscheidet, wirklich nur noch über Themen zu schreiben, zu denen sie eigene Erfahrungswerte hat, wäre diese Blockade in Stein gemeißelt. Das ist halt so.

[Übrigens unterstelle ich Heike nicht, dass sie das genau so sieht, sondern ich nehme ihr Feedback mal nur als Sprungbrett für diesen Artikel.]

  • Entweder Heike macht, bevor es beim Schreiben fließen kann, immer erst eigene Erfahrungen. Wenn sie über Paragliding schreiben soll, aber das selbst noch nie gemacht hat, kann sie einen Flug buchen und es erst mal tun. Hoffentlich hat sie keine zu enge Deadline und keine Angst vorm Fliegen. Und hoffentlich kann sie ihr Erlebnis dann auch wirklich für den Text nutzen, denn je nachdem, worum es dabei gehen soll, stimmen ihre gemachten Erfahrungen vielleicht nicht überein. – Was aber ist, wenn sie über die Machart von Wanderschuhen schreiben soll? Steht dann ein Schusterkurs für Anfänger oder eine Probearbeit in einer Fabrik an …?
  • Oder Heike ist verratzt, weil sie eben keine Erfahrungen hat, aber trotzdem immer mal über solche Themen schreibt. Wenn es nur flutscht, wenn ich eigene Erfahrungen habe, dann kann es niemals flutschen + werde ich mich immer schwer tun, wenn ich über Themen schreibe, in denen ich keine eigenen Erlebnisse bisher hatte.

Bled glaffa [dumm gelaufen] sozusagen! :mrgreen:

Schauen wir aber mal näher hin

Heike hat es hier also wirklich mit einem Dilemma zu tun, wenn wir es bei dieser Betrachtungsweise belassen. Das machen wir aber natürlich nicht. Hier noch mal die 9 Gründe, die im ausführlicheren Artikel näher erklärt sind.

(1) In der Schublade
(2) Will ich nicht!
(3) Weiß nicht wie
(4) Zeit
(5) Andere Köche
(6) Fühlt sich falsch an
(7) Mag das Ergebnis nicht
(8) festbeißen
(9) nicht ökonomisch

Je nachdem, um welches Thema es geht, gibt es unterschiedliche Gründe. Grundsätzlich treffen für diesen spezielle Fall „keine eigenen Erfahrungen“ folgende mögliche Auslöser zu:

(1) In der Schublade
(2) Will ich nicht!
(3) Weiß nicht wie
(6) Fühlt sich falsch an

Pirscht man sich näher an die Wurzel ran, kann man Lösungen finden: Was ist „Plan B“, wenn ich nun mal keine eigenen Erfahrungen habe und sie nicht extra machen will?

[Weil ich Heike jetzt nicht weiter was in den Mund legen will und auch nicht weiß, was sie im einzelnen zu bestimmten Beispielen denkt, konstruiere ich mal was eigenes.]

Beispiel 1: Gitte soll für einen Kunden darüber schreiben, wie toll und entspannend kochen ist

Die StammleserInnen wissen es schon: Ich kann nicht nur nicht kochen, ich will auch nicht kochen und wenn ich koche, ist es meistens so schlecht, dass es bestätigt, dass ich nicht kochen sollte. Außerdem finde ich kochen alles andere als entspannend. Für mich ist es mühsam, aufwändig und es dauert mir alles zu lange.

Jetzt habe ich also keine eigenen Erlebnisse über entspanntes Kochen, geschweige denn kann ich überhaupt kochen. Aber natürlich kann ich trotzdem einen Super-Text darüber schreiben. Nun will ich aber gleichzeitig natürlich meinen Aufwand in Grenzen halten. Darum schaue ich: Was genau ist mein Auslöser, warum ich dieses Thema als mühsam empfinde, und zwar über das „keine eigenen Erlebnisse“ hinaus.

In meinem Fall ist das:

(1) In der Schublade: „Ich kann nicht kochen und entspannend ist das schon gleich gar nicht für mich, also ist es fast schon ironisch, dass ausgerechnet ich darüber schreibe.“

(3) Weiß nicht wie: „Ich kann mir zwar vorstellen, dass und wie andere das entspannend finden, aber ich weiß, dass ich es zu oberflächlich und neutral anpacken würde, weil mir diese eigene Erlebniswelt wirklich komplett fehlt. Ich könnte es also „faken“, aber das merkt man Texten an. Auch wenn es ganz gute Texte werden, fehlt das echte Engagement in so einem Fall.“

Ich habe also gesehen: Es liegt nicht etwa daran, dass ich nicht will oder nicht weiß, wie es geht oder dass es sich komplett falsch für mich anfühlen würde. Sondern ich habe für dieses spezielle Thema eingegrenzt: Haha, da bin ich ja voll die falsche Autorin (was ich belustigt zur Kenntnis nehme, mich also hier nicht weiter beeinträchtigt).

Aber ich merke: Mir fehlt tatsächlich der Zugang, um das Thema wirklich glaubwürdig und in der Tiefe anzupacken.

Aha! Also ist die Frage: „Wie bekomme ich diesen Zugang? Wie kann ich die Erfahrungswelt von jemand anderem für mich anzapfen?“ [Dazu mehr in Teil 2.]

Aber Achtung: Diese Analyse hier ist nur ein spezifisches Beispiel, das bei dieser Konstellation „Ich + dieses Thema“ zutrifft. Bei einem anderen Thema kann das völlig anders aussehen, wie die nächsten Beispiele zeigen.

Beispiel 2: Gitte soll begeistert eine Stichsäge anpreisen

Wieder etwas, wo ich überhaupt keine eigenen Erfahrungen vorweisen kann. Hier treffen für mich zu:

(1) In der Schublade: – „Ich kann ja nicht mal eine simple Gebrauchsanweisung lesen, da hilft mir ja nicht mal Recherche weiter!“

(3) Weiß nicht wie – „Ich hab keinen Plan, wie ich das überhaupt noch anpreisen sollte. Nicht nur weiß ich nicht, was damit überhaupt anfangen, geschweige denn was daran wirklich toll sein soll.“

(6) Fühlt sich falsch an – „Ich glaube, das Thema passt nicht zu mir.“

Jetzt muss ich vorher eine Entscheidung treffen: Wenn ich glaube, es passt nicht und keinen Bock habe und es mir nicht zutraue, dann sollte ich vorher überlegen, ob ich so einen Schreibauftrag überhaupt annehme.

Man kann natürlich immer einen oberflächlichen Werbetext produzieren, aber dann sind wir wieder beim blutleeren Text.

Je nachdem, für welche Publikation und mit welchem Ziel es ist, kann ich vielleicht das Thema umbiegen und mein eigene Technikunfähigkeit als Aufhänger nehmen, die Stichsäge mal auszuprobieren und es zu dokumentieren oder oder oder. Oft lässt sich die Zielrichtung des Textes verändern.

Wenn ich aber weiß: „Hey, mich stört das nicht. Ich weiß um diese Gegebenheiten, aber sehe die nicht als hinderlich an. Ich hab auch nichts gegen Stichsägen, sondern finde es sogar bewundernswert, was Leute immer alles heimwerken können“, dann hält mich das nicht weiter auf, sondern ich beginne direkt, mich dem Thema anzunähern [Tipps dazu, wie versprochen, in Teil 2].

Beispiel 3: Gitte soll über Achtsamkeit in der Natur schreiben

Sind das Kochen und die Stichsägen schon sportlich für mich, komme ich jetzt wirklich an meine Grenzen. Ich bin die allerletzte Person auf der ganzen Welt, die über Natur und Achtsamkeit schreiben sollte.

Nicht, weil ich es nicht – wie bei den Beispielen davor – hinkriegen würde, sondern weil ich in diesem Fall auch nicht mag. Das sind Themen, die finde ich gut und richtig und toll, aber habe so dermaßen keinen Zugang, dass ich definitiv hier eine Fehlbesetzung wäre:

(2) Will ich nicht! – „Ich bin niemand, der Blüten am Wegesrand wahrnimmt und auf einer Bank die beeindruckende Natur in sich aufnimmt.“

(7) Fühlt sich falsch an – „Das ganze Thema und die Botschaft passen nicht zu mir, ich hätte das Gefühl, die Leser anzulügen.“

(9) festbeißen – „Ich würde mich in typische Vorstellungen festbeißen, was man gemeinhin damit verbindet und so eher meine innere Sperre schüren.“

Wenn ich mir das so anschaue, dann sehe ich aus meiner Mühsamkeits-Bilanz an diesem Beispiel, dass ich das definitiv nicht tun sollte. Hier sieht man auch sehr schön erneut die Unterschiede, womit man es zu tun hat und ob/was man als nächsten Schritt macht.

Hier würde ich persönlich also zu meinem Auftraggeber – oder zu mir selbst, wenn ich das Thema prinzipiell schön fürs Blog fände – sagen: „Das geht nicht auf die klassische Art, ich müsste hier das Thema oder den Aufhänger oder den Blickwinkel so verschieben, dass ich Zugang bekomme, ohne dass ich die Leser anlüge.“

Denn klar könnte ich das Faken, aber ich bin, wie Sie wissen immer ein Fan von Aufrichtigkeit: Lügen Sie Ihr Leser nicht an.

➡ Wenn ich das Thema nicht umbiegen kann, dann würde ich es nicht schreiben.

➡ Wenn ich aber sagen würde Es fühlt sich zwar falsch an, ich weiß, dass ich mich nicht festbeißen muss – aber ich WILL (dass ich es könnte, steht außer Frage), dann heißt es wieder, mich dem Thema anzunähern.

Sie sehen, dass das „Es flutscht nur, wenn ich eigene Erfahrungen habe“ in eine Sackgasse führt, während das Hinsehen, was im aktuellen Fall genau dahintersteckt, weiterführt.

In Teil 2 gehe ich darauf ein, wie man sich dem Thema annähern kann, auch wenn es einem total fremd ist.