Themenwahl

So erschließen Sie sich ein fremdes Thema

Es ist nicht immer nur das Thema allgemein, das einem fremd ist.

Es kann auch sein, dass einem ein spezifischer Blickwinkel fremd ist, vielleicht weil ein starker eigener Standpunkt dem Thema gegenübersteht. Vielleicht lieben Sie Yoga, können aber diesen Yoga-Sport-Stunden, die den spirituellen Aspekt außen vorlassen, so gar nichts abgewinnen. Oder Sie essen zwar gerne, aber dass das Kochen auch ein Vergnügen sein könnte, können Sie sich nicht vorstellen.

Fremd kann aber auch die Artikelform oder ein anderer Stil sein. Das erlebe ich in Workshops oft. Wenn Leute sich mal versuchen, in einer für sie ungewohnten Art zu schreiben, dann fühlt sich das oft sehr beschwerlich an und geht meistens beim ersten Mal schief. Weil auch hier einfach noch die Erfahrungen fehlen können.

Letzteres ist reine Übungssache: Wenn Sie sich eine bestimmte Schreibe oder Struktur angewöhnen möchten, dann können Sie sich die erarbeiten und dann generell für sich nutzen. Doch was ist denn nun mit den themenbezogenen Defiziten?

Wenn Sie keine eigenen Erfahrungen machen können, wollen oder wenn Sie wissen, dass Ihre eigene Sicht der Dinge einfach subjektiv – und vielleicht zu eng für Ihren Text – ist, dann ist die Frage immer:

„Wie kann ich mich dem Thema beziehungsweise der anderen Sichtweise dazu möglichst flott annähern?“

Durch Recherche?

Der klassische Weg ist das Recherchieren. Genau darin liegen jede Menge Tücken, denn unter „Recherche“ verstehen viele das Zusammensuchen von Theorie. Besonders betroffen von dieser Erstreaktion sind alle, die das akademische Arbeiten gewöhnt sind.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich rede hier nicht von Studienarbeiten, wissenschaftlichen Fachartikeln oder irgendwelchem Lern-Know-how. Sondern bei uns hier geht es um die ganz normalen Texte, also einen Blog- oder Newsletterartikel, einen Selbstdarstellungstext für einen Kunden, einen Meinungsartikel für ein Magazin … also nichts, wo man eine Doktorarbeit draus machen müsste, geschweige denn sollte 😉.

Noch mal zur Erinnerung aus Teil 1 – Heike Tharun schrieb:

Mein engster Engpass beim Schreiben entsteht, wenn ich mit dem Thema nur mittelbar zu tun habe; also theoretisch. Wenn ich über etwas schreibe(n) (soll), bei dem mir der direkte (Erfahrungs)-Bezug fehlt. Schreibe ich über selbst Erlebtes flutscht es.

Damit spricht Heike die beiden wichtigsten Punkte an, dass es flutschen kann:

➡ weg von grauer Theorie
➡ hin zur Erlebniswelt

Das Annähern an ein momentan noch fremdes Thema darf also nicht nur über nüchterne Informationsrecherche gehen.

Wenn ich einen Artikel schreiben soll über vegane Ernährung, dann bringt es mich nicht sonderlich ins Flutschen, wenn ich nur die Fakten zusammensuche, was ein Veganer überhaupt isst oder nicht, wie sich diese Ernährungsform zu anderen abgrenzt etc. – das mögen trotzdem Informationen sein, die Sie später noch mal genauer (+ gezielt!) nachschauen wollen, doch in puncto „ins Flutschen kommen“ bringt es Sie auch meiner Erfahrung nach schneller ins Tun, wenn Sie von praktischen Erfahrungen profitieren.

Plan A: Eigene Erfahrung, Sachkenntnis, nützliche Standpunkte.

Plan B: Sich dem Fachthema von Anfang an durch Erster-Hand-Erfahrungen anderer nähern = besser als an diesem Punkt Theorie zu recherchieren.

Die Erlebniswelt anderer anzapfen

Ganz klar: Natürlich will hier gut überlegt werden, wen man sinnvollerweise anzapft.

Wenn ich darüber schreiben will, wie großartig das Wandern ist, aber selbst eher ein Stubenhocker bin, dann wird mein Aufruf zur Schönheit der Natur nicht besonders prickelnd ausfallen. Wenn ich eine Liste mache, was mir zum Thema „Berggehen“ einfällt, dann komme ich nicht weit, weil dann steht da gleich mal der Apfelkuchen auf der Berghütte drauf und die Frage, wie lange ich es bis zum nächsten Klo aushalten müsste, weil ich nicht in die Büsche gehen mag [ja, ich bin so eine!].

Derartige Details bieten sich manchmal für lustige etwas andere Artikelthemen an. Doch momentan will ich ja darüber schreiben, was das Wandern so alles Tolles bringt. Wenn ich hier eine Liste mache, was ich so weiß oder gehört oder gelesen habe, fallen mir ziemlich flache Allgemeinheiten ein.

Ich könnte meinen Stiefvater anrufen, der häufig in den Bergen ist. Aber den zieht es nicht ständig begeistert raus, um die Natur zu genießen, sondern er ist bei der Bergwacht und rettet Leute, die mit Flipflops auf die Alpspitze gehen.

Nur weil jemand ETWAS tut oder konsumiert, ist er nicht immer eine gute Erfahrungsquelle für das, was man braucht.

Also suche ich mir jemanden, der begeistert wandert und das Berggehen wirklich als erfüllend erlebt. Heike Tharun zum Beispiel. Oder, wenn ich sie nicht kenne, sondern nur im Netz gefunden habe, dann lese ich mich durch ihr Blog. Und schon kann ich von ihr – und vielen anderen auch – erfahren, was das Wandern alles vielschichtig mit sich bringen kann. Das fixt ganz anders an! Wir wollen ja, dass es schnell flutscht.

Der Clou dabei ist, dass man aus der eigenen Sicht rauskommt – der buchstäbliche Tellerrand. Das geht auch ohne ein Gegenüber zu haben.

Durch das Anzapfen einer Erlebniswelt kommt man selbst ganz anders ins Thema rein, auch wenn diese Erfahrungen sich nicht 1:1 decken, mit dem, was man gerade braucht oder selbst darüber denkt. Dadurch kommen wir unmittelbarer mit dem fremden Thema in Kontakt, es wird greifbarer, weil:

Das Gehirn macht eine Arschbombe in die Praxis.

Mit dem Perspektivenwechsel reinsteigern

Bei vielen Themen kann man auch selbst den Perspektivenwechsel schaffen. Ich bin zum Beispiel nicht gläubig und bete daher nicht. Aber ich kann natürlich trotzdem erfassen, was Glaube und das Beten für andere bedeuten kann. Und auch wenn ich nur furchtbare Erlebnisse von Kirchgängen früher hatte, so kann ich durchaus ermessen, dass und was ein Gottesdienst vielen Menschen bringt.

Meist geht es „nur“ darum, eine andere Brille aufzusetzen. Das klingt so einfach, aber ist es oft nicht.

Bei vielen Themen geht es gar nicht mal um fehlende Erfahrung, sondern es geht darum, dass der eigene Standpunkt manchmal zu laut ist.

… dass man etwa zu negativ über Glaube denkt. Oder dass man als überzeugter Vegetarier einfach nur in Gegenargumenten oder Rechtfertigung denkt, anstatt den anderen Blickwinkel überhaupt gelten zu lassen [das ist nur ein Beispiel, denn bestimmte Themen wie Ernährung, Politik, rauchen etc. sind so typische Extrem-Themen, wo oft der eigene Standpunkt als „richtig“ verankert ist und man deshalb noch schwerer die Perspektive wechseln kann … beziehungsweise es gar nicht will].

Wenn Sie sich einem fremden Thema annähern WOLLEN, sind Offenheit und Neu-Gier extrem wichtig.

Ich habe schon mal erzählt, dass ich vor Jahren mal übers Internet einen Laufpartner gefunden habe. Beim ersten Treffen stellt sich raus: Er ist begeisterter Amateur-Jäger. Sofort knirschte mein Rollladen: „Uääh, der erschießt Bambi in seiner Freizeit!“ Das ist natürlich Quatsch, aber es ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir alle so unsere Themen haben, wo wir mitunter nicht offen bleiben. – Ich hätte das Thema meiden können, aber habe mich zum Glück dafür entschieden, nachzufragen. So habe ich auf unseren Laufrunden jede Menge interessanter Einblicke und Zusammenhänge gewonnen.

Dabei ist das Beste, dass es überhaupt keine Rolle spielt, welcher Meinung Sie selbst sind. Sie müssen sich weder überzeugen, noch Ihre eigene Meinung in den Vordergrund spielen lassen: Darum geht’s grade nicht. Es geht gerade darum, die Antennen auf Empfang zu stellen.

Doch was ist mit Themen, wo das nicht geht?

Früher habe ich noch für Kunden komplett getextet. Mitunter kamen Leute aus Branchen, mit denen ich überhaupt keine Berührungspunkte hatte: mal ging es um komplizierte Logistik, mal um hydraulische Hebevorrichtungen oder andere sehr spezifische Fachthemen, die für mich als Laie recht trocken und theoretisch klangen. „Mei, eine Hebebühne halt …“

Wenn man Kunden um Informationen bittet, bekommt man oft irgendwelche trockenen Fakten oder Marketingsprüche zu hören. Die helfen schon mal meistens gar nichts, erst recht nicht, wenn man sich rasch in ein fremdes Thema einfinden will. – Ich brauchte aber auch keine detaillierte Nachhilfe, weil ich weder Interesse hatte, ins Logistikmanagement der Firma einzusteigen, noch mir eine Hebebühne zuzulegen, sondern nur mal eben eine hervorragende (verständliche und aussagekräftige) Website texten wollte.

Also musste ich mich in die Situation versetzen, dass ich genau VERSTANDEN habe, wofür die Sache genau gut ist, warum sie so bedeutend ist.

Hier reicht meiner Erfahrung nach oft eine Initialzündung, um die Perspektive wechseln zu können. Ich habe meine Kunden damals immer gefragt, wofür was genau ist/was die genaue Bedeutung ist:

  • „Warum ist gerade Ihre Hebebeühne denn so geil für einen Automechaniker?“
  • „Wenn ich jetzt ein Monteur vor Ort bin, wofür genau nutze ich jetzt diesen Schraubdrehschwenkkabler?“

In diesen Fällen muss man hartnäckig und intensiv nachhaken, denn sonst bleiben die Auftraggeber im Schlagwort-Fakten-Marketing-Modus hängen. So lange unerschrocken nachbohren, bis Sie die Antwort wirklich kapieren oder bis Sie richtig knallige Aussagen haben, die bei Ihnen das Thema zünden lassen!

Darauf basierend konnte ich mich in diese Welt hineinversetzen und aus Sicht der Anwender ermessen, warum das so essenziell ist und was das Tolle dabei ist.

Nun gelingt so ein Perspektivenwechsel nicht jedem gleich.

Wenn Sie also zu den Leuten gehören, die sagen „Boah, das klingt jetzt so einfach, aber ich finde da den Zugang nicht“, dann ist das nichts Schlimmes. Das geht ganz vielen anderen auch so: Wir haben alle bestimmte Fähigkeiten, die uns leichter fallen oder schon mehr herausgebildet sind – und andere Sachen, wo wir nicht oder noch nicht so versiert drin sind.

Gelingt es Ihnen also nicht so gut, sich in andere zu versetzen, dann können Sie Fragen stellen.

(Sich) Fragen stellen

Mit „Fragen stellen“ meine ich nicht einfach „jemanden interviewen“, denn das hatten wir ja schon. Sondern es geht wirklich darum, dass Sie sich selbst Fragen stellen. Auch, wenn man noch nicht die Antworten kennt, helfen einem die Fragen, die ganze Thematik abzustecken und besser zu verstehen. Ganz nebenbei definieren Sie dadurch bereits erste Wissenslücken, können also den nächsten Schritt, vielleicht eine Recherche, viel zielgerichteter machen, als das zuvor der Fall gewesen wäre.

Gerade wenn man noch keinen Zugang zu einem Thema hat, hat man viele Fragen. Die müssen weder schlau noch besonders superobjektiv sein! Wir wollen uns momentan ja nur möglichst schnell ins Thema reinfinden, also von der Theorie in die Praxis kommen. Eine gute Möglichkeit ist es, sich einfach mal aufzuschreiben, was man alles nicht checkt oder höchst verwunderlich finden.

Ich mach mal ein stark verkürztes Beispiel, weil der Artikel schon so lange ist. Sagen wir, Sie sollen über ein Online-Spiel schreibe und was das für eine Begeisterung auslöst, dass viele Erwachsene von früh bis spät am PC kleben und virtuelle Monster schlachten, um für die Punkte dann magische Tränke und Ersatzleben zu bekommen. :mrgreen:

[Sie brauchen nicht glauben, dass ich mich lustig mache, ich bin zwar aktuell nicht in virtuellen Welten unterwegs, habe aber die 90er Jahre dort verbracht.]

Ihr Thema ist also: Die Faszination von Online-Spielen. Aber in Wirklichkeit ist Ihnen das ein Mysterium und Sie stellen Sie sich vielleicht Fragen dieser Art:

  • Oh Mann! Wieso sollte man sowas wollen: die ganze schöne Freizeit vor dem Bildschirm zu kleben?
  • Ob es nicht eher schädlich ist, wenn man nur noch online Kontakte hat und keine echten mehr?
  • Was ist daran eigentlich so toll, Pixelmonster zu erschlagen?
  • Ob man durch sowas nicht abstumpft?
  • Was gibt es da eigentlich für Spiele? Sind das alles so Egoshootersachen, wie man in den Medien manchmal sieht oder gibt’s auch was anderes?
  • Obs da wohl bestimmte Fähigkeiten gibt, die man online rausbilden kann, die einem zu einem guten Spieler machen, aber auch im Leben helfen?

… also auch, wenn Ihre Fragen nicht nur neugierige Interessenfragen sind, sondern auch (oder sogar nur) gefärbt durch die eigene Sicht, sind sie ein gutes Sprungbrett.

Solange Sie im Kopf behalten, dass es nicht darum geht „wer recht hat“ und eine innere dominante Meinung glaubt, alle Antworten zu haben.

Mit diesen Fragen haben Sie schon viel erreicht:

➡ Sie sind schon ins Tun gekommen!

➡ Sie haben sich dem Thema deutlich angenähert, indem sie sich damit auseinandergesetzt und Fragen aufgeworfen haben. Nicht alles davon ist vielleicht relevant genug, um es nun weiterzuverfolgen. Aus vielen Aspekten ergeben sich jedoch ganz sicher weitere Ansatzpunkte.

Zum Beispiel können Sie den Perspektivenwechsel von oben versuchen und anstatt jemanden zu suchen, der Ihnen seine Erfahrung schenkt, erst mal überlegen: Was könnte denn da dran sein, Pixelmonster zu killen? – Was sind denn tatsächlich auch Vorteile, wenn man im Netz neue Leute findet? – Können das wirkliche Freundschaften werden? …

➡ Und damit können Sie sich dann Erfahrungen aus erster Hand holen, indem Sie Leuten, die begeistert online spielen, diese Fragen stellen und neugierig auf die Antworten sind. Damit sind wir beim wichtigen nächsten Punkt. Denn Ihre eigene Einstellung macht sich nicht nur im Text, sondern vorab schon bei einem Interviewpartner bemerkbar. Hat man da den Eindruck, Sie verstellen sich nur oder greifen mit Fragen an, dann versiegt die engagierte Erlebnisquelle schneller als ich einem Pixelmonster den Kopf abschlagen kann.

Neue Themen als Horizont-Training nutzen

Schließlich können Sie bei fremden Themen, besonders wenn Sie bisher persönlich so gar keinen Zugang dazu hatten, eine ganz wertvolle Autoreneigenschaft trainieren, die auch im Leben hilft: den offenen Blick über den Tellerrand.

Damit meine ich nicht „leben und leben lassen“, obwohl Toleranz natürlich ein automatischer Bestandteil davon ist. Sondern mir fällt dazu ein treffender Spruch ein, den mir vor zwanzig Jahren mal eine tolle Psychologin gesagt hat:

Schau dir das an! – Mit Augen, wie durch große Fenster.

Das hat sich bei mir total verhakt, weil es so ein eingängiges Bild ist. Stellen Sie sich mal vor, Sie stehen vor einem riesigen Panoramafenster und jetzt zwicken Sie nicht die Augen zu und starren auf einen kleinen Ausschnitt, sondern Sie machen schön entspannt die Augen auf und schauen neugierig, was es da alles zu sehen gibt.

Es gibt Menschen, die sind von Natur aus so. Die sind derart neugierig auf andere Menschen, Gedanken, was die so tun, wie sie leben. Solche Menschen sind auf Fragenstellen gepolt, sie sind gute Zuhörer, sie sagen sich „Ich weiß ja schon, was ich sagen will, also nehme ich lieber wie ein Schwamm das auf, was meine Umwelt so macht, tut, denkt …“

Ich bin manchmal so. Und je nach Thema, Gegenüber oder Laune bin ich überhaupt nicht so. Gerade darum tut es generell gut, wenn man sich erinnert, dass es beim Kennenlernen fremder Themen eben immer auch darum geht, dass man seine Antennen herausbildet (manchmal überhaupt erst lernt, sie gezielt auszufahren) – sie lange genug draußen zu halten – und mit jedem neuen Detail den eigenen Erfahrungsschatz ausweitet.

Aus den Laufrunden mit dem Jäger-Know-how habe ich total viel mitgenommen. Abgesehen vom aktiven Hochziehen meines Rolladens und meinen neugierigen Fragen habe ich ein schönes generelles Beispiel genutzt, das ich etwa hier wieder gut einsetzen konnte. Ich habe aber auch Körnchen von Informationen, die in anderem Kontext relevant werden.

Zum Beispiel, dass/wie ein Jagdhund sich zu verhalten hat.
Was für Geduld und viel, viel Zeit man auf dem Jägerstand verbringen muss.
Dass es im Englischen Garten Biber gibt.

und und und: Viele kleine Details, die in anderem Kontext an anderer Stelle aufleuchten, wenn ich mit einem neuen Thema konfrontiert bin.

Denken Sie also dran: … mit Augen, wie durch große Fenster!