formulieren

Das Unnatürliche Synonym-Syndrom

Es dürfte 1983 gewesen sein, als mein Radiowecker kaputtging. Das war ein Drama, denn es war ein tolles Teil, mit dem man Kassetten abspielen konnte. – Mein Bruder und ich hatten zu Weihnachten den gleichen bekommen und jetzt war meiner plötzlich im Eimer. Ich habe mich an unsere gigantische mechanische Schreibmaschine gesetzt und eine Reklamation getippt. Und was für eine! – Mein Bruder hat sich darüber total amüsiert und eine Parodie geschrieben, die ich leider nicht mehr finde. Das Prinzip ist mir noch im Kopf:

Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe einen Radiowecker von Ihnen, der bisher einwandfrei funktionierte. Doch plötzlich wurde der Apparat wahnsinnig laut und produzierte immer wieder Bandsalat. Daraufhin habe ich Ihnen den Wecker zurückgeschickt und Sie mir ein Gerät …

Ich litt am Unnatürlichen Synonym-Syndrom, das beim Schreiben extrem verbreitet ist.

synonymestift

Erst gestern las ich ein Kochrezept:

Pizza kann man leicht selbst machen … – Die italienische Nationalspeise ist … – Das Gebäck gelingt auch Laien gut … – Wenn Sie den Teigfladen lieber …

Auch viele Romane sind unlesbar, weil Autoren denken, man muss ständig variieren:

„Ich komm nicht mit!“, sagte Sabine.
„Das ist doch nicht dein Ernst“, erwiderte Thomas.
„Doch“, bekräftigte sie
„Das akzeptiere ich nicht“, widersprach er.
„Das wirst du wohl müssen“, entgegnete sie.
„Das werden wir schon sehen!“, konterte er.

Synonyme sind sehr hilfreich,

  • um Ideen für ein Thema, einen Text oder Aufhänger zu bekommen, etwa indem Sie sich durch eine Synonym-Datenbank wie Wortschatz Uni Leipzig inspirieren lassen, welche ähnlichen Begriffe es gibt.
  • um gerade bei abgeschmackten Wörtern neben dem Üblichen zu liegen und wieder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Doch innerhalb eines Textes das gleiche Wort immer wieder zu variieren stört die Aufmerksamkeit Ihrer Leser + wirkt oft unfreiwillig komisch.

Wenn Sie also beim Schreiben schon merken, dass Sie ständig nach Synonymen suchen oder sogar ein Wörterbuch bemühen müssen, sollte Ihre innere Alarmglocke schrillen. Spätestens, wenn Sie Ihren Entwurf LAUT lesen, stolpern Sie sofort über gezwungene Formulierungen. Sie klingen einfach unnatürlich.

Aufmerksame BlogleserInnen haben wiedererkannt, dass eine Häufung innerhalb eines Textes immer ungut ist: Unkraut rupfen – Checkliste für bessere Texte