Stil + Stilmittel

Stilmittel: Ich-Form

Wenn Sie Tipp-Texte schreiben – für Ihr Blog, einen Newsletter, Bücher oder Trainingsunterlagen – dann bietet sich manchmal die Ich-Form an:

  • Man möchte ein Thema praxisnaher machen.
  • Man konstruiert ein Beispiel aus der Eigenperspektive.
  • Man will den Leser an seine Gedanken, Erfahrungen oder Verhaltensweisen hinführen.

Es stimmt, dass die Ich-Form das wunderbar unterstützen kann. Sie kann aber genau das Gegenteil bewirken.

Problem 1: Das zu dominante Autoren-Ich

Es ist total schön, wenn man den Menschen hinter dem Text greifen kann. Gerade, wenn Sie Ihre Leser inspirieren möchten, sich mit einer Sache oder/und sich selbst auseinanderzusetzen, hilft es, wenn man einen Text in der Praxis verankert.

Das kann ein Aufhänger sein: Etwas, das Ihnen selbst passiert ist.
Oder Sie greifen eine Verhaltensweise oder Denkschiene auf.

Jetzt kommt es drauf an, wie Sie das Ich dosieren. Nimmt es überhand, verlieren Leser schnell das Interesse. Oder sie denken „Was hat das denn jetzt mit mir zu tun?“, zumal sich nicht jeder leicht damit tut, etwas auf sich selbst zu abstrahieren.

Dazu habe ich bereits einen ausführlicheren Artikel geschrieben:
Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich

Problem 2: Den Lesern etwas unterstellen

Eine ganz klassische Verwendung der Ich-Form ist ein angenommenes Szenario. Zum Beispiel:

  • Stellen Sie sich vor, Sie sind Inhaberin einer kleinen Firma …
  • Wenn Sie Vater zweier Kinder wären …

Zunächst ist es wichtig zu überprüfen, ob Sie so ein Beispiel überhaupt brauchen, um Ihren Punkt zu machen. Das liegt immer am Text. Manchmal verrennt man sich in einem Beispiel, weil es einem gerade eingefallen ist oder weil es hübsch klingt, aber es bringt keinen echten Mehrwert in den Text – macht ihn vielleicht sogar langatmig.

Wenn Sie so ein Gedankenszenario brauchen, passt soweit alles. Der Leser geht also mit Ihnen mit, auch wenn er nicht selbstständig oder Papa ist. Jetzt kommt es drauf an, wie Sie das Beispiel weiterführen. Denn oft schwenken Autoren jetzt in die Ich-Form über:

  • Stellen Sie sich vor, Sie sind Inhaberin einer kleinen Firma. Sie haben frisch gegründet. Sicher denken Sie sich „Oh nein! Ich krieg die Krise, weil ich voll Schiss vor der Akquise habe. Schon, beim Gedanken, fremde Leute anzurufen wird mir Angst und Bange.“
  • Wenn Sie Vater zweier Kinder wären, würden Sie von früh bis spät in der Arbeit sitzen, vor lauter Überstunden Ihre Familie nicht mehr sehen und abends hätten Sie keine Geduld. Dann gäbe es ständig Streit.

Hier kommen wir ins Reich der Unterstellungen. Das ist immer schwierig, denn bei allen Lesern, wo das nicht zutrifft, gibt es keinen Identifikationseffekt. Noch schlimmer: Es kann sich Widerstand regen. Das ist etwas, das wir gar nicht immer bewusst beeinflussen. So ein „Nein, denke ich nicht!“ oder „Das würde ich so nie machen!“ kommt oft ganz reflexartig.

Sie kennen das selbst, wenn Sie ein Klischee lesen, das Ihnen nicht gefällt. Wenn behauptet wird „Wir Männer haben eben keinen Zugang zu unseren Gefühlen“ oder „Alle Frauen sind schuhverrückt und geben zu viel Geld aus“. Da wird man als Leser reingewurschtet. Trifft es zu, dann ist die Identifikation da, man fühlt sich erkannt oder sogar unterhalten. Trifft es aber nicht zu oder findet man generell so Pauschalaussagen furchtbar, dann regt sich Widerstand oder man hört abrupt mit dem Lesen auf – vielleicht sogar genervt.

Nun gibt es hier zwei ganz einfache Kniffe, das zu lösen:

Klopfen Sie solche Ich-Konstruktionen darauf ab, ob sie für die Mehrheit der Leser relevant sind. Es gibt „Unterstellungen“, die für die meisten Leute zutreffen, wenn man sie nicht zu spezifisch macht [siehe Problem 3]. Zum Beispiel kann man sagen:

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einer Aufgabe im Rückstand. Jetzt denken Sie sich: „Oh nein, wieso schieb ich manche Sachen denn immer vor mir her?“

Ist jetzt kein superoriginelles Beispiel, aber Sie sehen, worauf ich hinaus will: Viele Aussagen treffen im Kern auf viele Leute zu. Da kann man nicken + die Ich-Perspektive nützt der Identifikation. Das hängt natürlich auch davon ab, für wen Sie schreiben. Wenn ich ein „Blog für selbstbewusste Akquise“ schreibe, kann ich das Szenario mit dem Angsthasen-Selbstständigen lassen, weil ich weiß, dass meine Leser eher unsicher sind.

Formulieren Sie einfach ein wenig um! Sagen wir, das Beispiel mit dem Vater erscheint in einem Business-Newsletter. Es soll verdeutlichen, wie der Beruf sich in unser Privatleben rüberziehen kann. In diesem Fall braucht es die Ich-Form gar nicht! Sie können einfach schreiben „Ein Vater von zwei Kindern …“ und wenn Sie das Szenario weiterverfolgen, sprechen Sie von „unserem Beispielvater“.

Sie sehen: Manchmal ist die Ich-Form gar nicht nötig und man kann einem Beispiel noch besser folgen, wenn es einfach ein Beispiel bleibt.

Problem 3: Zu spezifische Beispiele

Ganz oft sehe ich es, dass Beispielszenarios viel zu detailreich gemacht werden. Das ist ebenfalls schwierig, denn wenn Sie die Leserperspektive mit der Ich-Form einfangen möchten, muss das, was Sie unterstellen, realistisch und glaubwürdig sein.

Denken Sie bitte immer dran: Sie haben eine Masse an unbekannten LeserInnen. Der Text muss für den EINZELNEN LESER relevant und nützlich sein. Was immer Sie also einem einzelnen Leser in der Ich-Perspektive unterstellen, sollte für diese eine Person abnickbar sein. Das gelingt natürlich nie zu 100 %, doch beim Formulieren können Sie immer im Blick halten, dass die Mehrheit der Leute sich darin wiederfindet.

Zu spezifisch wäre:

Jemand schreibt einen Newsletter für Eltern und dann steht da sowas wie „Als Mutter von zwei Teenager-Söhnen denken Sie sich oft: Mein Gott, die fressen mir ja die Haare vom Kopf! Ich komme mit meinem Haushaltsgeld nicht mehr aus.

Schwierig. Denn wie viele der Abonnenten haben genaue diese Konstellation? Hier entweder weg von der Ich-Form oder Details rausnehmen, z. B.

Besonders Mütter von Teenager-Söhnen kennen es, dass man den Kühlschrank gar nicht so schnell auffüllen kann, wie er geplündert wird. Das reißt schnell ein Loch ins Haushaltsgeld.

Abschließend will ich noch erklären, was ich mit „Glaubwürdigkeit“ meine. Manche Autoren verpacken einen Tipp in ein Ich-Statement. Ein Beispiel:

Mist! Wieder sind Sie aus der Haut gefahren. Das soll Ihnen nicht mehr passieren. Sie nehmen sich in Gedanken fest vor: „Das nächste Mal atme ich tief durch, zähle bis zehn und bedanke mich bei meinem Gegenüber – auch wenn es mir gerade an den Karren gefahren ist!“

Gehen wir davon aus, dass der Tipp selbst gut und im Text näher erklärt ist. Sobald die Ich-Form, also die Unterstellung, ins Spiel kommt, verändert sich die Wirkung auf die Leser. Einen Teil haben Sie vielleicht überzeugt. Die lesen das und sagen sich: „Ja, das will ich nächstes Mal mal so machen!“ Aber für andere geht es zu weit, sozusagen die Gedanken zu diktieren. Außerdem wirkt es von der Formulierung sehr angestrengt und konstruiert.

Lügen Sie Ihre Leser nicht an!

Die Ich-Form ist sehr gut, wenn …

… Sie über sich selbst schreiben, und das dosiert.
… Sie bei Ihren Szenarien drauf achten, dass die Mehrheit ihrer Leser sich drin wiederfindet.
… Sie immer im Blick halten, was Sie da genau unterstellen.

Vor allem aber, wenn Sie – wie bei jedem Stilmittel – immer noch mal prüfen: Brauche ich das an dieser Stelle gerade wirklich? Stützt es den Punkt, den ich machen möchte, und die Identifikation meiner Leser tatsächlich? Wenn nicht, dann weglassen oder durch ein anderes Stilmittel ersetzen, das an dieser Stelle besser funktioniert.