Selbstvertrauen/Sabotage

Gehirn – Fluch und Segen

Hin und wieder erwähne ich es: Jeder, der einigermaßen strukturiert etwas erzählen kann, kann auch schreiben lernen. Was nicht nur beim Konzipieren logisch und lesefreundlich aufgebauter Texte hilft, sondern auch sofort den Plauderton hervorbringt. Was die ganze Sache noch flotter macht. Ein positiver Teufelskreis sozusagen.

Jetzt ist natürlich das Schreiben für die meisten von uns ein ganz anderes Paar Stiefel. Abgesehen davon, dass wir dabei gerne die Sache komplizierter machen, als sie ist, stellt uns unser Expertenkopf schnell mal ein Bein:

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Die Herausforderung ist also, das eigene Wissen, unsere Standpunkte und Erfahrungen zu kanalisieren. Diesen Aspekt von Strukturiertheit kann man lernen. Er lässt sich vortrefflich üben, indem Sie Ihre Texte ganz einfach – aber aussagekräftig – vorausdenken, wie wir das letzte Woche schon hatten beim Mini-Kurs Text konzipieren.

Das ist anfangs ganz schön herausfordernd. Sogar die Strukturierten unter uns tun sich anfangs schwer, das auf Texte umzulegen. Aber da machts dann schneller „klick“. Wenn man auch sonst nicht so der aufgeräumte Typ ist, sondern gerne mal wild durch die Gegend denkt, macht und tut, ist es schwieriger, sein Wissen gezielter vorab aus dem Kopf zu holen. Aber wie das immer so ist: Gerade dann profitiert man davon am meisten.

Was aber ist mit Leuten, bei denen die Gedanken ständig springen … oder sogar aus dem Kopf fallen?

kopfstelltbein

Wenn die Info im Hirn nicht parat steht.

Ich hatte mal einen Kollegen, der konnte sich Dinge nicht gut merken. Das ist ganz schön weit verbreitet! Wenn Sie dazu gehören, dann fühlen Sie sich bitte nicht schlecht. Wir haben alle unterschiedliche Fähigkeiten – und alles hat Vor- und Nachteile. Nur, dass man immer mal gerne denkt, dass alle anderen das bessere Los gezogen haben.

Dieser Text handelt aber speziell vom Denken für das Schreiben, und da ist es natürlich hinderlich, wenn man sich irre schwer damit tut, das, was schon alles im Kopf gespeichert ist, zu erinnern und abzurufen.

Sie kennen den Spruch von wegen „… ist die halbe Miete“. Bei Ihnen ist die Konzeptionsphase die halbe Miete! Sie werden länger brauchen als die bei mir bei Kurztexten immer empfohlenen zehn Minuten. Aber das ist blendend investierte Zeit: Wenn Sie sich darüber klar geworden sind, über welches Plankton-Thema Sie mit welchem Ziel schreiben und festgelegt haben, was der Leser konkret wissen, können oder tun soll, dann ist es für Sie nicht mit aussagekräftigen Stichpunkten getan, sondern Sie sollten einen Schritt weitergehen und vor dem Schreiben den genauen Aufbau des Textes festlegen und die Inhalte schon zuordnen. In meinem oben verlinkten Mini-Kurs Texte konzipieren habe ich ein ausführliches Beispiel gemacht, das dem schon nahe kommt.

Total hilfreich ist es, mit XX-Artikeln zu üben. Drucken Sie sich doch gleich mal das Formular XX-Artikel-Mix & Match aus. Damit haben Sie unendliche Kombinationsmöglichkeiten mit einer klar ausgerichteten, leicht befüllbaren Struktur. Das Üben damit sorgt nicht nur für flotte Texte, sondern schult das schlüssige Zusammenführen Ihres Expertenwissens.

Denken Sie aber auch da ans Plankton! Je kleiner Sie das Thema wählen, desto fokussierter gehen Sie in die Tiefe. Also nicht immer das große Themenfass à la „7 Tipps für Vorträge“ aufmachen, sondern kleiner werden: „7 simple Tipps für eine feste Stimme“ oder „3 Notfalltipps, wenn Sie sich unmittelbar vor dem Vortrag in die Hose machen“. – Und werden Sie Ihrem Thema immer gerecht. Wenn man simple Tipps verspricht, müssen sie simpel sein. Und wenn es Notfalltipps für JETZT sind, müssen es auch schnelle Soforthilfetipps sein, die wirklich gleich was bringen.

Wenn Input erst mal verarbeitet werden muss.

Ich habe ja in meinem früheren Leben die Verkaufsabteilung einer Bildagentur geleitet. Eine Mitarbeiterin war total fleißig, aber sie war irgendwie „grundverwirrt“.

Das lag nicht daran, dass sie sich nicht an Dinge erinnern konnte, sondern dass es ihr Mühe bereitet hat, ad-hoc über Dinge nachzudenken und schnell Antworten zu geben. Auch davon kenne ich ganz viele Leute, die generell zur Denkerfraktion gehören. Das ist eine tolle Eigenschaft, denn diese Menschen sind meistens besonnen, denken über sich und die Welt nach. Aber: Sie tun sich total schwer damit, Dinge mal eben rauszuspucken, weil sie sich buchstäblich erst sammeln müssen, um etwas zu verarbeiten. Erst dann kommt Klarheit.

Wenn Sie dazu gehören, dann hassen Sie es vermutlich, wenn man Sie spontan nach einer Meinung fragt – „nur mal Daumen mal Pi, jetzt sofort“. Weil es nicht durchdacht wäre oder weil es Sie schlichtweg überfordert.

Die gute Nachricht: Schreiben ist für Sie ideal! Worauf Sie aufpassen müssen, ist die Zeit. Denn nur, weil man etwas intensiver bedenkt, heißt das nicht, dass das auch lange dauern muss. Im Gegenteil. Sie profitieren enorm von Fokus mit eigener Zeitbegrenzung:

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Wenn Sie merken, dass Sie zum Zerdenken neigen oder sich gerne mal im Überlegen verlaufen, dann ist es gut, sich selbst Fragen zu stellen und so gezielt zu steuern. Auch das können Sie wunderbar mit dem Texte konzipieren-Beispiel üben. Aber versuchen Sie nicht, sich direkt Antworten zu geben, sondern stellen Sie sich Teilfragen:

Haben Sie also die Frage „Was soll der Leser wissen, können oder tun?“ und sind damit überfordert, dann schreiben Sie einfach den Abschnitt etwas konkreter auf (für sich, also in normaler Sprache), mit welchem Ziel/warum Sie den Text überhaupt schreiben. Hier noch mal der link zum Mini-Kurs Texte konzipieren, dann sehen Sie, was genau damit gemeint ist.

Wenn Gedanken im Hirn wild aneinander abprallen.

Beim „Flipper im Kopf“ wird es schwierig. Denn hier besteht aus meiner persönlichen Erfahrung eine tatsächliche Grenze, wenn ein bestimmter Flipper-Grad erreicht ist.

Dass alle unsere Gedanken ein ständiges Eigenleben mit teils skurrilen Wendungen führen, ist völlig normal. Eben denke ich noch an meine frühere Arbeit und in der nächsten Sekunde überlege ich, wie der eine Schauspieler heißt, der in der Serie PRISON BREAK den Verrückten gespielt hat. Wie konnte das passieren? Ganz einfach – mein Hirn hat gute Arbeit geleistet, indem es ratzfatz eine Gedankenkette gebildet hat:

gedankenketteklIch habe an meine Zeit im Vertrieb gedacht.

Automatisch hab ich das mit den Schweizern verknüpft. Ich habe den deutschsprachigen Raum betreut und die Schweizer waren die höflichsten, konstruktivsten, angenehmsten Kunden für mich.

Der erste Schweizer, der mir in den Kopf sprang, war Herr Blatter.

Bei ihm denke ich an Zeitmanagement.

Woraufhin ich an eine Uhr dachte.

Da fiel mir GRIMM ein, eine TV-Serie, wo ein Uhrmacher dabei ist.

Diesen Schauspieler mag ich total gerne und kenne ihn aus PRISON BREAK.

Das Coole ist, dass diese Gedankenkette nicht nur in einem Affenzahn abgegangen ist, sondern mir gar nicht bewusst war. Denn wir können aktiv solche Assoziationsspiele machen, aber meistens springt unser Gehirn permanent von rechts nach links – und das so flott, dass wir gar nicht checken, wie wir jetzt DAZU kommen. Das kennen Sie auch, wenn Sie gerade mitten im Gespräch sind und plötzlich denken Sie was ganz anderes, das vermeintlich keinen Zusammenhang hat. Hat es aber doch. Es ist kein Zufall, dass Ihnen gerade jetzt was einfällt. Irgendwas hat es getriggert. Ein Wort, die Musik im Hintergrund, ein Déjà-vu … irgendwas hat Sie an was erinnert, was Sie an was erinnert hat …

Dieses Flippern im Kopf, dass ein Gedanke am anderen abprallt, ist normal – und super! Es fallen uns Informationen und Ideen ein, wir können gezielt brainstormen und und und

Beim Schreiben ist dieses vom Hölzchen aufs Stöckchen natürlich nachteilig. Darum kippen einem gerne mal Themen weg oder man glaubt, einen tollen Text vor sich zu haben, weil es im eigenen Kopf alles sinnvoll ist – in Wirklichkeit ist man einfach beim Schreiben den spontanen Gedanken nachgegangen. Wenn man schon eine fundierte Strukturbasis hat, ist das nicht schlimm, denn dann kanalisiert man automatisch.

Doch die meisten von Ihnen, die mein Blog lesen, haben das noch nicht. Sonst wären Sie nicht hier. Für das ganz normale Flippern, das wir alle automatisch ständig tun – in Kombination mit unserem wilden Expertenkopf – ist ebenfalls die simple Konzeption die Sofortlösung. Man wählt die Inhalte aus, klopft ab und erst dann schreibt man zielgerichtet über das, was man vorher konkret abgesteckt hat.

Es gibt aber bei den Flippergehirnen ein Extrem.

Dieses Extrem führt beim Schreibenlernen an echte Grenzen. Ich rede von den Leuten, denen es nicht gelingt, ihren Gedanken Zügel anzulegen. Ich habe in meinem Leben nur selten so jemanden getroffen. Aber die, die ich getroffen habe, wussten sehr genau, dass sie so ein extremes Flippergehirn haben, das ihnen im Alltag vieles erschwert. Wohlgemerkt: Ich meine nicht „kreative Chaoten“ oder etwas zerstreute Leute. Es geht mir um die Extremen, die ihrer Gedanken nicht Herr werden. Denen nicht hin und wieder drei Dinge gleichzeitig einfallen. Die nicht zwischendurch mal den roten Faden verlieren. Sondern bei denen es immer wild und unaufgeräumt zugeht im Kopf. Da ist nonstop was los!

Ich hatte mal ein interessantes Gespräch mit so einem Workshopteilnehmer. Er musste sich selbstständig machen, weil er in seiner Firma durch seine unstete Denke nicht klarkam. Er konnte in Meetings nicht bei der Sache bleiben, hat sich enorm schwer getan mit dem Zuhören, weil er längst woanders war. – Wohlgemerkt: Das ist ein toller Typ, der seinen Job total beherrscht. Ich rede nicht von Schlamperern oder Unaufmerksamen. Ich rede von allen, die sich enorm schwer damit tun, sich auf etwas zu konzentrieren, weil im Gehirn die Flipperkugel unentwegt mit einer irren Wucht abprallt, andotzt, anschiebt … kreuz und quer, in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit.

Um damit besser klarzukommen, musste er das Umfeld weitgehend ausschalten. Eben nicht immer noch zusätzlich Input bekommen durch Telefonanrufe, Spontanfragen, Geräusche und und und So konnte er für sich fokussiertere Zeitinseln schaffen und hat auch einige weitere Strategien für sich entwickelt. Auf diese Weise hat er gelernt, damit umzugehen, aber war, wie er selbst sagte, dauererschöpft, weil im Kopf immer was los ist und er viel Kraft brauchte, um das einigermaßen zu regulieren.

Für das Schreiben habe ich zwei Sorten dieser extremen Flippertypen kennengelernt. Die einen – wie dieser Workshopteilnehmer – können sich vorteilhafte Rahmenbedingungen schaffen und kommen mit klar umrissenen, kleineren Zeiteinheiten gut voran. Darum tun sie sich mit kürzeren Schreibformaten leichter. Sobald es umfassende Projekte sind, kommen sie ins Schwimmen – sowohl von Fokus, Strukturiertheit und Kraft/Lust.

Die andere Sorte sind die, die sich nicht sortieren können. Denen geht es wie meinem Workshopteilnehmer, nur haben sie entweder noch nicht die Rahmenbedingungen oder Werkzeuge, sich trotz des ständigen Flipperns im Kopf zu regulieren. Oder es ist so intensiv, dass es kaum möglich ist. Man erkennt dieses Extrem sehr leicht daran, dass jemand sich nie klar ausdrückt. Also man einem Gespräch oder einer Erklärung überhaupt nicht folgen kann. Wenn andere auch bei kurzen Statements mehrfach nachhaken müssen, um erst einmal zu ermitteln, worum es geht und die relevanten Informationen hervorzuholen.

Ich habe in dreißig Jahren nur zwei Menschen getroffen, die nicht lange bei einem einzigen klaren Gedanken bleiben konnten. Und genau das ist eine echte Hürde beim Schreiben. Wenn man akut im Alltag reagiert, immer in der jeweiligen Situation, kommt man klar. Will man aber sortiert zusammenhängende und aufeinander aufbauende Gedanken präsentieren – ob in einem Vortrag oder schriftlich -, dann reicht es nicht aus, immer mal nur kurz sich auf EINEN klaren Gedanken einzulassen. Dann muss man beim Thema bleiben können. Das ist die Grenze fürs Schreibenlernen, die echt eine Hürde darstellt. Denn bevor man hier ans Schreiben und alles, was dazu gehört, denken kann, muss man das Flippern steuern lernen.

 

Erkennen, wie man tickt …

Wenn Sie, wie die meisten hier, autodidaktisch am Schreiben arbeiten, lohnt sich, mal in sich zu gehen, wie es um Ihr Hirn bestellt ist. 😉 Sie sehen: Es gibt eine riesige Bandbreite und auch hier hilft immer die vorgeschaltete Konzeptionsphase. Für alle von Ihnen, die also gerne mal vorpreschen und losschreiben ist das hoffentlich ein weiterer Anreiz, das Konzipieren zu üben. Sie werden sehen, dass das bei kurzen Texten gar nicht so schwer ist. Bei umfassenderen Projekten braucht es natürlich etwas mehr Zeit und Übung.