Ratgeber schreiben

Selbst ein Problem haben, macht noch keinen Ratgeber

… und sogar selbst ein Problem überwunden zu haben, macht noch keinen Ratgeber.

Seit ich Buchcoachings und –workshops mache, erlebe ich es, dass viele Betroffene gerne anderen Rat geben möchten. Sie denken daran, ihre Erfahrungen aufzuschreiben, um Mut zu machen und zu zeigen, wie sie selbst mit einer schwierigen Situation umgegangen sind.

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Nun ist es bei Ratgebern manchmal ein bisschen so wie bei Therapeuten. Manche schlagen diesen Weg ein, obwohl sie selbst noch nicht am Ziel angelangt sind.

Das schmälert die gute Absicht nicht.

Und ja, man kann argumentieren, dass jemand, der das gleiche Problem durchgemacht hat, automatisch zum Experten auf diesem Gebiet wird. Doch das stimmt nicht so ganz. Klar ist es immer gut, aus der Praxis zu schreiben. Gerade, wenn Probleme eng mit der Persönlichkeit und dem Leben verbunden sind.

Doch nur, weil man selbst mit einer Sache kämpft oder sie für sich gelöst hat, ist man nicht automatisch bereit, einen Ratgeber zu schreiben.

Es gibt drei Dinge zu bedenken, wenn man per Buch die Probleme anderer lösen will:

Die Einsicht macht noch keine Lösung

Jeder von uns kennt Heureka-Momente. Diese Klarheit, die alles für einen ändert. Wo man etwas wirklich verstanden hat. Oft ist man durch eine Einsicht so beflügelt, dass man sofort andere daran teilhaben lassen möchte. Ihnen zu derselben Einsicht verhelfen, die für einen selbst so bedeutend ist.

Doch Achtung: Dieses geniale Gefühl, etwas zu kapieren, das uns motiviert, einen anderen Weg einzuschlagen, ist noch nicht gleichbedeutend mit einer Lösung.

Wer verstanden hat, wie die für ihn passende Ernährung zum Abnehmen auszusehen hat, aber noch kein Kilo abgenommen hat, ist begeistert, aber hat die Lösung noch nicht demonstriert.

Wer jahrzehntelang in einer unglücklichen Ehe versauert und verstanden hat, dass er sein Leben nun endlich selbst in die Hand nehmen will, aber noch keinen Schritt dahin getan hat, sitzt immer noch zu Hause beim Ehepartner … zwar mit dem festen Willen, jetzt endlich was zu ändern, aber das ist noch nicht passiert.

Wer Ängste hat und vor drei Wochen begonnen hat, sich aus der Angst langsam zu befreien, ist erleichtert und froh über erste Fortschritte, doch die Ängste sind noch nicht mal eben besiegt.

Klar: Man kann sich vornehmen, für sich den Weg mit allen Höhen, Tiefen und Tipps zu dokumentieren, um rückblickend einen Ratgeber zu schreiben, wie man zur Lösung gekommen ist. Doch das ist was anderes, als direkt nach der Einsicht zu denken, die Lösung sei schon im Sack. Auch wenn man sich ermutigt auf den Weg dorthin begibt und sich gerade wahnsinnig gut dabei fühlt.

Projizieren wie verrückt.

Wir kennen uns, unser Leben und die Personen, die darin sind. Wir fühlen auf unsere Weise, haben unsere Meinungen und unsere Art, mit allem umzugehen. Dazu kommt, dass besonders bei Ratgeber-Themen automatisch die Persönlichkeit mitschwingt – besonders die unserer Leser!

Egal, ob es um Lebensführung geht, ob um Kommunikation, Motivation, Selbstdisziplin oder das Lernen von Sprache, Sport, Musikinstrumenten:

Wenn wir für uns selbst eine Lösung gefunden haben und uns für eine Vorgehensweise begeistern, dann ist diese nicht automatisch auf jeden übertragbar. Je persönlicher die Themen sind, desto weniger sind sie 1:1 von uns auf andere umlegbar.

Hier haken sich zwei Denkfehler fest, wenn es ums Buchschreiben geht.

Man will „seine eigene Geschichte“ aufschreiben und andere daran teilhaben lassen.
… womit wir bei autobiografischen Anteilen sind. Es ist ein Unterschied, ob Sie über IHR Leben schreiben oder ob Sie einen Ratgeber veröffentlichen. Wenn Sie nicht ein wahnsinnig besonderes Schicksal haben, für das es – ja, das klingt krass – eine große Leserschaft geben wird, dann ist eine Autobiografie meistens weit weniger interessant, als man so denkt.

Damit wir uns richtig verstehen: Für uns ist alles, was in unserem Leben passiert und was wir uns so denken und tun, wahnsinnig wichtig. Für Menschen, die uns nahestehen, ebenfalls. Genau das ist auch das Problem, wenn unsere Lieben uns ermutigen: „Da solltest du ein Buch draus machen!“

Für Leute, die uns nicht kennen, ist unser Leben verhältnismäßig unspektakulär. Wir sind anderen erst einmal wurscht. Dazu kommt, dass man gleich ganz am Anfang unterscheiden muss, ob man den Weg der Autobiografie einschlagen möchte oder einen Ratgeber plant, der eventuell teilweise mit biografischen Anteilen gespickt ist. Das sind in der Regel auch unterschiedliche Verlage. Abgesehen davon: Auch für eine Autobiografie gilt Nr. 3!

Man vergisst, dass man Erfahrungen, Methoden, Tipps übertragbar machen muss.
Entscheiden Sie sich für einen Ratgeber, müssen Sie in der Lage sein, die vielen, vielen unterschiedlichen LeserInnen zu erreichen mit den ganzen unbekannten Variablen, die diese mit sich bringen.

Jetzt heißt es Weitblick zu beweisen, denn nun geht es nicht mehr nur um Sie. Als AutorIn sind Sie gefordert, Ihre Ansichten, Methoden und Erfahrungen übertragbar zu machen.

Das ist sogar für die vielen Coaches und Trainer, die sowas täglich machen, die größte Herausforderung beim Schreiben. Denn auch die sind es gewohnt, ein Gegenüber aus Fleisch und Blut vor sich zu haben, das sie kennen, fragen und beobachten können.

Und dann war da noch das Schreiben. Eines Buches.

Einen Ratgeber zu schreiben bedeutet, dass man auf ca. 150 – 200 Seiten total strukturiert, logisch aufeinander aufgebaut, klar verständlich und flüssig seine Leser zu individuellen Aha-Ergebnissen führt, idealerweise direkt zum Tun, damit sie ihr eigenes Problem mit dem Buch zumindest teilweise lösen können.

Erfahrung mit solch umfassenden Schreibprojekten haben die wenigsten. Und ich rede nicht von Ihrer Magisterarbeit oder Trainingsunterlagen!

Die meisten ErstautorInnen haben keine Schreiberfahrung oder sind lediglich bei Kurztexten geübt, weil sie zum Beispiel bloggen oder hin und wieder Fachartikel liefern. Vielleicht haben sie auch Schreiberfahrungen anderer Art, weil sie Tagebuch oder Kurzgeschichten schreiben.

Veröffentlichen Sie über einen Verlag, dann unterschreiben Sie einen Vertrag und haben eine fixe Deadline, zu der Sie liefern müssen. Als ErstautorIn können Sie in der Regel nicht so gut einschätzen, wie es läuft. Ich erlebe in meinen Buchcoachings häufig zwei Extreme: Die einen, die sozusagen Naturtalente sind, bei denen es nur so flutscht, die hervorragend struktruriert sind und flott fast perfekt den ersten Entwurf schreiben. Und die anderen, die sich derart verheddern, dass das Schreiben zur Qual wird und ich manchmal kurz vor knapp sozusagen als Ghostwriter einen Abgabetermin retten muss.

Natürlich: Es gibt ein breites Mittelfeld. Diese Erstautoren zeichnet aus, dass sie gut planen, damit sie nicht unter Zeitdruck geraten. Sie holen sich – gerade, wenn sie im Selbstverlag veröffentlichen – ein gutes Lektorat, das nicht nur Korrektur liest, sondern auch bei Struktur und Leser-Ansprache, Verständlichkeit und Lesefreundlichkeit schrittweise begleitet.

Wichtig:

Wichtig ist mir, dass Sie Ihre Idee, als Betroffene/r einen Ratgeber zu schreiben, gründlich abklopfen und das Projekt Buch nicht unterschätzen. Manchmal ist es gut, realistisch zu sein und sich etwas mehr Zeit zu geben, um Fähigkeiten zu entwickeln und Ideen reifen zu lassen, bevor man loslegt.