typische Fehler

„Das ist wie von Dr. Jekyll und Mr. Hyde geschrieben“

… habe ich kürzlich zu einer Workshopteilnehmerin gesagt. Tatsächlich sage ich das ziemlich oft. Denn es kommt total oft vor.

Ja, was ist denn da gemeint?

Es ist dieser Effekt, wenn man das Gefühl hat, ein Text ist von zwei verschiedenen Leuten geschrieben, die total extreme Stile haben:

  • Der eine ist ganz locker, normal im Plauderton unterwegs.
  • Der andere hölzert und umständlicht sich durch einen Bürokratenton.

Wie konnte das passieren?

Meistens passiert es, wenn man die Schwelle von einem zum anderen bewusst übertreten will:

Jemand hat bisher ziemlich theoretisch und steif geschrieben, gewöhnt sich gerade den Plauderton an. Das gelingt passagenweise schon supergut, aber die alten Gewohnheiten schlagen immer wieder mal noch durch.

Es kann aber auch unbewusst passieren:

Jemand schreibt normalerweise total locker, spricht richtig gut mit seinen Lesern, hat aber gerade ein ungewohntes Format oder ein schwierigeres Thema und verfällt daher bewusst in einen „offizielleren Ton“, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen.

Bei beiden ist erst mal wichtig, es überhaupt zu merken. Und ob Sie’s glauben oder nicht: Viele merken es nicht.

Warum? Weil sie entweder ihren Text gar nicht mehr durchlesen, bevor sie ihn veröffentlichen. Oder weil sie ihn leise durchlesen.

Nicht umsonst hören Sie ständig überall den Tipp, Ihren Entwurf laut zu lesen. Laut merkt man mehr! Wir sind Schriftsprache gewöhnt und unser Hirn ist schlau – darum lesen wir über hölzerne Passagen schnell mal drüber weg.

– „Pft, Gitte, aber das heißt ja, dass unsere Leser da auch drüber weglesen!“

– „Nänänä, so schnell kommste mir nicht davon. Denn Du als AutorIn weißt, was du MEINST. Du hast den Expertenkopf auf und darum liest du nicht nur über die umständlichen Passagen hinweg, sondern verstehst natürlich auch inhaltlich, was da steht – deine Leser kämpfen mit der Sprache und mit dem Verstehen.“

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Außerdem, vergessen wir mal das Wichtigste nicht:

Als Selbstständige wollen wir auch unsere Art rüberbringen. Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist da nicht nur nicht eindeutig, sondern äußerst verwirrend.

Und jetzt? – Einfach laut lesen, oder was?

Jein. – Bitte lesen Sie den nächsten Absatz mal laut:

Durch das laute Lesen eines von Ihnen verfassten Textes erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, es zu bemerken, sollten einige Passagen eines Entwurfes zu umständlich geraten sein. Dies ist wichtig, weil man ebendiese Stellen korrigieren kann.

Klingt konstruiert? Ja, ich musste mich grad ziemlich anstrengen, die paar Sätze so hinzukriegen, aber übertrieben ist das nicht. Für viele ist das der Stil, den sie lange Jahre im Wissenschaftsbetrieb oder Unternehmen gelernt haben. Das ist für sie normal. Doch sogar Leute, die total locker schreiben, verfallen, wie gesagt, gerne mal kurzzeitig in so Schachtelsätze mit Hauptwörterbefall. Manchmal, weil der Kopf gerade woanders ist oder man sich nicht so sattelfest fühlt.

Jetzt geht’s erst einmal darum, dass Sie merken, wenn das der Fall ist. Und ja, da hilft das laute Lesen enorm. Es geht hier nämlich nicht nur darum, ob Sie verstehen, was da steht [das tun Sie ja eh, weil Sie den Expertenkopf aufhaben], sondern es geht darum, dass Sie sich SAGEN hören, was Sie da verzapfen.

So merken Sie sofort die argen Stilbrüche vom Plauderton zu den Bürokratiepassagen. Vor allem aber werden Sie oft ziemlich lachen, wie umständlich Sie sich ausdrücken.

Dann einfach nur vorsagen, wie Sie es ganz normal SAGEN würden und mitschreiben. Schon ist das Ding normalisiert. Wenn Sie also wirklich mal einige Zeit Ihre Entwürfe laut lesen, eichen Sie Ihre Schreib-Antennen. Dadurch schreiben Sie von Haus aus viel weniger wie unser Bürokraten-Mr-Hyde.

Wie war das mit dem quick & dirty-Entwurf?

Natürlich ist es ideal, gleichzeitig vorne anzusetzen. Also nicht nur denken „Ich schreib mein Bürokratenzeug und am Schluss korrigiere ich es wieder raus“.

Hier kommt mein immer empfohlener Schreibprozess für schnelleres und zielgerichtetes Schreiben zum Einsatz:

Plankton-Thema wählen, in einer möglichst aussagekräftigen Arbeitstitel-Überschrift hinschreiben, so dass Sie schon jetzt genau wissen, worauf der Text rausläuft

Plankton – Was der Starnberger See mit Ihrem Thema zu tun hat
Video: Die fünf Feinde des Planktons
Warum die Überschrift erst einmal für Sie da ist

Eine ordentliche Konzeption machen, die Ihnen selbst was bringt, indem der Text schon fast vor Ihnen steht

Minikurs „Text konzipieren

Mal eben flott den Entwurf komplett runterhacken. Quick & dirty. NICHTS, aber auch überhaupt gar nichts an Formulierungen verbessern. Dafür ist später das Feintuning da. Dieses „sag mal in einem Rutsch jetzt frisch von der Leber weg, was du sagen willst“ geht natürlich nur dann, wenn Sie ordentlich konzipiert haben! Denn da bauen Sie alles Wichtige in den Text, haben für hohen Lesernutzen gesorgt und sind überhaupt erst in der Lage, mal kurz + flutschig den gesamten Entwurf hinzuhauen. Bei einem normalen Text von 1-2 Seiten Länge dauert das bei einer guten Konzeption maximal 20 Minuten.

Übertrieben?

Nö! – In Workshops, wo totale Schreibnovizen und Schreibversierte oft in Ohnmacht fallen, wenn Sie das von mir als Vorgabe bekommen, wird mir immer wieder bestätigt, dass es wunderbar geht. Allenfalls wird ein paar Minuten überzogen.

Entwürfe sind dazu da, dass sie unperfekt – aber vollständig sind! Und wenn Sie den Text konkret vorausdenken, ist der Entwurf zu 90 % stimmig. Das Feintuning kommt später.

Genau das ist dem Plauderton zuträglich. Wer nämlich gar nicht erst die Gelegenheit hat, sich zu verumständlichen, sondern echt einfach mal so, wie er es sagen würde, runterhackt (was vorher vorausgedacht und ganz konkret niedergeschrieben ist!), der ist ganz automatisch viel näher bei seiner eigenen Sprache.

Dann ist dem umstandskrämerischen Mr Hyde schnell der Garaus gemacht.