Stil + Stilmittel

An den Plauderton rankommen

Immer wieder geht es mir beim Schreiben darum, dass Sie MIT Ihren Lesern und potenziellen Kunden plaudern und nicht einfach an sie hinschreiben.

Doch das eine ist es, das zu wollen, das andere ist, es zu können.

Tatsache ist, dass wir es gewohnt sind, beim Schreiben unnatürlicher zu klingen. Meistens, weil wir es von Uni und Business nicht anders kennen.

In Workshops wird besonders deutlich, wie krass die Unterschiede oft sind: In der eigenen Vorstellung und im direkten Austausch mit mir, sind alle total locker. Aber sobald es daran geht, einen Text – zum Beispiel Blogartikel – zu schreiben, wird’s schnell mal hölzern und austauschbar.

Hier ein paar simple Tricks, wie ich den Plauderton raushole:

Lass den Leser was Alltägliches miterleben!

Manchmal in Workshops gibt’s die Aufgabe, was total Alltägliches ganz lebendig zu schildern. Zum Beispiel etwas, das man heute früh gemacht hat:

  • sich die Zähne geputzt
  • die Geschirrspülmaschine ausgeräumt
  • Kaffee gekocht
  • das Bett gemacht
  • einen Apfel geschält

Bei dieser Aufgabe geht es um eine kleine, unspektakuläre Alltagssache. Es darf nichts Spannendes passiert sein, also kein explodierender Kaffeefilter oder rausgefallener Zahn, sondern es geht nur darum, dass man diese Alltagsgeschichte so schreibt, dass der Leser sozusagen mit dabeisteht und es möglichst plastisch miterlebt.

❗ Auf diese Weise behilft man sich nicht durch spannende Inhalte oder Phantasie, sondern konzentriert sich mal nur auf ganz alltägliche, aber anschauliche Formulierungen. Denn das soll ja keine trockene Anleitung à la „Wie flicke ich ein Fahrrad werden“, sondern wir wollen den Leser praktisch mit am Küchentisch sitzen haben. Besonders hilfreich, wenn man einen Leser was richtig erleben lassen will: Die Gegenwartsform! Dann schreibt es sich automatisch schnittiger und man kommt mehr ins Drauflos-Erzählen.

Schreib einen Tipp über ein privates Interessengebiet

Wenn wir uns einem Tipp-Text nähern, dann betone ich immer, dass sich alles, was fürs Schreiben wichtig ist, auch wunderbar mit jedem anderen Thema üben lässt. Das muss kein Business-Text sein!

Darum empfehle ich gerade, wenn sich Leute schwer mit dem Plauderton tun, sich mal was außerhalb ihres Fachthemas vorzuknöpfen. Es ist unglaublich, wie „normal“ und oft richtig schön locker, bereits der erste Anlauf ist, wenn es plötzlich um Tipps rund ums Kuchenbacken, die Hunde-Erziehung oder das Einkaufen geht.

❗ Oft ist das Fachthema eine Denkschranke. Weil wir es gewohnt sind, bisher eher nüchtern über unser Business zu reden oder bisher hauptsächlich darüber sprechen und noch gar keine Schreiberfahrung damit haben. Bei vielen ist es aber auch so, dass sie besonders „offiziell“ und schlau schreiben wollen. Wieder andere verfallen in einen Automatismus und schreiben so, wie sie ihre Magisterarbeit geschrieben haben oder wie es in trockenen Lehrbüchern steht. Ein persönliches Hobby oder Interessengebiet, das uns total am Herzen liegt, ist viel näher an uns dran und ganz ohne Schlauheits-Schranken.

Mach Notizen normal und locker = Selbstgespräch-Modus

Ein totaler Feind beim Schreiben sind die Schlagwörter, das kann ich nicht oft genug sagen. Hier hab ich erzählt, warum:

Wenn Sie anfangen, einen Text zu schreiben – ob Blogtext, Selbstdarstellung oder Werbetext -, dann tun Sie sich den Gefallen und fangen damit an, schon in Ihren Notizen mit sich selbst ganz normal zu reden!

Hier sehen Sie anhand der Beispiele, was für einen riesigen Unterschied das macht:

Warum die Überschrift erst einmal für Sie da ist
Mini-Kurs: Text konzipieren

❗ Das Wertvolle daran ist, dass Sie von Anfang an ganz nah bei sich bleiben – von der Sprache her, aber damit auch automatisch viel näher an den Inhalten. Sie verkünsteln sich von vornherein erst gar nicht. Da flutscht es gleich viel flotter aus Ihnen raus und Sie haben Ihre aussagekräftigen Notizen schon VOR DEM SCHREIBEN vor sich liegen. Da ist der erste Entwurf schnell runtergehackt und braucht meist wirklich nur noch ein kurzes Feintuning.

„Erzähls mal mir (oder einem Freund).“

Auch wenn die obigen Tipps gut funktionieren, kann es sein, dass Sie bei einem Fachthema trotzdem erst mal zurückrutschen ins Sperrig-Distanzierte.

Dabei hilft, wenn Sie sich vorstellen, dass Sie es einer bestimmten Person erzählen. Ich sage dann immer zu meinen Kunden: Schreib mal keinen Tipp, sondern schreibs mal nur für mich. Erklär MIR worum es da geht, warum es mir was bringt, wie es geht … Oder, wenn du dich leichter tust, stell dir vor, du erzählst es einer Freundin oder einem Freund.

❗ In dem Moment, wo man etwas an eine Person schreibt, die man kennt, verkünstelt man sich gar nicht erst! Wenn Sie von sich wissen, dass Sie beim Schreiben gestelzter reden, brauchen Sie nur mal Ihre Mails an potenzielle Neukunden und die an gute Freunde vergleichen.

Sags dir beim Schreiben laut vor/lies den Entwurf laut

Obwohl ich Null Probleme mit dem Plauderton habe, rede ich ganz oft laut beim Schreiben. Ich diktiere mir praktisch in die Finger, was ich schreibe. Wenn Sie einigermaßen schnell tippen können, geht das wunderbar – und schützt vor merkwürdig-kantigen Formulierungskapriolen, eben weil wir meistens total super über eine Sache reden können.

Wenn Sie nicht so schnell tippen, können Sie zwei Dinge probieren:

Entweder sich selbst aufnehmen. Damit meine ich nicht gleich eine Spracherkennungssoftware, denn da muss man sich zuerst in die besondere Form des Diktierens einfinden, sonst klingt das genauso künstlich und bringt die Gedanken durcheinander, erst recht, wenn man gleich die Satzzeichen mitsprechen will. Ich meine ein Diktiergerät oder die Aufnahmefunktion im Smartphone. Ich hatte schon Kunden, die sich monatelang mit ihren Webtexten rumgequält haben [was man ihnen angelesen hat], und die dann beim Hundespaziergang mal eben einfach erzählt haben, was sie erzählen wollten. Daheim nur noch abgetippt und oft war nur noch ein bisschen Polieren nötig.

Oder/und immer den ersten Entwurf laut lesen. Da merkt man nämlich sofort, wenn man unnatürlich spricht. Sie stolpern beim lauten Lesen viel mehr über umständlichen Satzbau. Und es fällt Ihnen viel deutlicher auf, was gar nicht nach Ihnen klingt. Bei diesen Passagen brauchen Sie sich nur vorsagen, wie Sie es „in echt“ sagen würden und ausbessern.

❗ Dieser Tipp des lauten Lesens ist ein alter Hut. Gleichzeitig ist es der am meisten vernachlässigte simple Tipp. „Jaja, weiß ich schon, dass das gut wäre!“ … aber es auch zu machen … Das ist halt immer die Crux am Besserwerden: Einfache Werkzeuge gibt es, aber wenn man sie nicht anwendet, nutzen sie einem nichts.

Den Schalter umstellen

Meiner Erfahrung nach geht es relativ flott, den Schalter im Kopf umzustellen, so dass man gar nicht mehr erst in Schreibsprech denkt, sondern ganz normal lockerflockig aus sich raus“redet“ beim Schreiben.

Trotzdem muss man es anfangs ein wenig üben. Also nicht jetzt nicken und sagen „hab ich kapiert“ und dann hoffen, dass es automatisch geht. Einige Male üben, sich neu auf Plaudern eichen, das brauchts schon. Denn in der Regel trifft man nicht auf Anhieb durchgehend den Plauderton, sondern es geht die ersten Male etappenweise, bis sich das Gefühl einstellt, dass es rausgeflutscht und für einen selbst stimmig ist.

Sie werden es Ihren Texten sofort anlesen, wie viel mehr sie vom Plauderton profitieren + merken, wie viel schneller Sie in Schreibfluss kommen.