Lesefluss, Struktur

Logisch! – Schlüssiger schreiben

Das wichtigste Gut ist ja die Aufmerksamkeit unserer LeserInnen: Wir müssen dafür sorgen, dass sie ganz flüssig von oben bis unten lesen, ohne dass das Hirn stolpert. Wie schnell das passiert, habe ich hier gezeigt.

Heute geht es um Schlüssigkeit. Wenn ich gleich von „Logik“ rede, meine ich das ganz umgangssprachlich:

  • Kommt der Leser noch mit?
  • Kann er einzelne Informationen, Argumente und Schritte nachvollziehen?

Ist Ihr Text aus seiner Sicht also logisch?

„Logik“ geht verloren durch …

Die größte Hürde für uns Schreiberlinge ist, dass wir in der Regel mehr wissen als unsere Leser: Wenn Sie fachlichen Rat geben, stehen Sie oft tiefer im Thema als Ihre Zielgruppe. Das heißt nicht, dass Sie schlauer sind und alles besser können. Sondern es heißt, dass in Ihrem Hirnkasterl ein Mehr besteht, das ganz unterschiedlich aussehen kann:

  • Sie bieten irgendeinen fachlichen Mehrwert (neues Wissen, einen Kniff, eine bestimmte Anwendung, Erfahrungsschatz, eine Übung …)
  • Sie kennen Ihr Unternehmen, Ihr Produkt/Ihre Leistungen bis ins Kleinste.
  • Sie wissen, was was ist und wie was geht.

Genau hierin liegt die Stolperfalle: Sie wissen, was Sie meinen. In Ihrem Hirn ist alles klar. Auch wenn das nicht oder nicht folgerichtig dasteht.

Die Hauptgründe, warum Leser sich am Kopf kratzen [oder zu lesen aufhören]:

Einen falschen Wissensstand annehmen

In Workshops sage ich ganz oft „Hey, da haste deine Zielgruppe aus den Augen verloren! Denn diejenigen, die das eh schon tun, brauchen diese Tipps nicht. Aber die, die es noch nicht tun, brauchen viel mehr Infos und Anleitung.“

Nehmen wir als banales Beispiel ein Kochrezept. Wenn Sie gut kochen können, geben Sie viel grobere Anleitungen. Jetzt ist die Frage, wen Sie erreichen wollen: Gehen Sie davon aus, dass Ihre LeserInnen regelmäßig am Herd stehen, ist alles okay. Wenn Sie aber auch Kochlaien wie mich erreichen wollen, brauche ich eine viel kleinteiligere Anleitung.

Es gibt aber noch eine weitere Hürde: Die Angst davor, dass die Leser etwas als banal ansehen. Das trifft dann natürlich auch diejenigen, die für Fachkollegen schreiben. Abgesehen davon, dass man vermeintlich Banales entsprechend verpacken kann, besteht die Gefahr, dass Sie Grundlegendes weglassen, das dann im Text zu verwirrenden Sprüngen führt:

Schreib-Sprünge

Jeder unvermittelte Sprung führt beim Leser zu Fragezeichen, denn hier tut sich immer ein kleiner gedanklicher Abgrund auf: Der Leser kann das, was Sie eben gesagt haben, nicht nahtlos mit dem nächsten Punkt verbinden.

  • Entweder Sie haben eine wichtige Information weggelassen.
  • Oder Sie haben zwei Aussagen einfach schreiberisch nicht logisch verbunden [oft liegt das an fehlenden Überleitungen – ein neuer Punkt kommt einfach zu unvermittelt].
  • Es kann auch sein, dass Sie im Text hin- und hergesprungen sind, die Reihenfolge also einfach nicht stimmt: Gedankenschleifen killen

Verwässern

Jeder labert. Wenn Sie schon länger bei mir mitlesen und in Workshops mitgemacht haben, dann wissen Sie: Labern ist sogar erwünscht! Denn nach einer guten Konzeption, also dem konkreten Vorausdenken des Textes, soll der erste Entwurf „quick & dirty“ aus Ihnen rausrutschen. Erst danach wird feingetuned.

Nun ist es aber so, dass wir beim Drauflosschreiben nicht druckreif und straff auf den Punkt kommen. Selbst wenn Sie schon richtig gut sind, gibt es immer noch was einzudampfen. Auch das liegt an unserem Expertenkopf: Gerne öffnen wir nämlich weitere Türen zu einem Thema, weil uns noch was einfällt oder eine Nebenbemerkung irgendwie wichtig sein könnte.

Wann immer wir zu viel reinpacken – ob inhaltlich oder durch Formulierungen -, verwässern wir den Text. Damit bringen wir den Leser vom schlüssigen Weg ab, weil wir ihm immer noch was vor die Beine werfen. ➡ Formular: 9 Wege Ihren Text zu straffen

Natürlich passieren manchmal auch einfach Fehler.

Gerade beim mehrfachen Überarbeiten kann es sein, dass man etwas rauskürzt oder falsch einsetzt. Ich habe mal ganz verzweifelt einem Kochbuchautoren gemailt, weil ich mich an seine Schritte gehalten habe, aber plötzlich etwas ganz anderes vor mir lag, als im Rezept beschrieben war. – „Ups! Da haben wir was geändert und beim Korrekturlesen übersehen, dass das so nicht mehr stimmt.“

Das Gute ist, dass Sie solche Stolperstellen bereits in der Konzeption vermeiden können:
Minikurs konzipieren
und
So stellen Sie sicher, dass das Wichtigste auch in Ihrem Text landet

Ein zweites Sicherheitsnetz bietet die Überarbeitungsphase, die viele nicht leiden können und darum gerne mal weglassen. Sie wissen ja: Wenn Sie die Konzeption richtig gut machen, ist das Überarbeiten kein ARBEITEN mehr, sondern nur noch Feintuning.

So trainieren Sie logischen Aufbau

Wenn man das Wort „Logik“ benutzt, ist es oft wie bei „Mathe“: Manche verfallen gleich in Schockstarre. :mrgreen:

Keine Sorge, für einen logischen Aufbau brauchen Sie kein superstrukturierter Mensch zu sein. Reine Übungssache!

Wer zusammenhängend reden kann, ist auch in der Lage, nachvollziehbar zu schreiben. Ich habe in meinem ganzen Leben nur eine Handvoll Leute getroffen, die tatsächlich keine zusammenhängenden Gedanken äußern können, weil ihr Hirn unentwegt rumspringt.

Doch die meisten können „live“ ganz wunderbar über ihr Thema reden, tun sich nur oft beim Schreiben schwerer – aus genannten Gründen. Sie können Ihren Schlüssigkeitssinn täglich trainieren, und zwar ohne zu schreiben!

Zum Beispiel so:

Näher hinschauen Egal, wo Sie sind und was Sie gerade tun: Sperren Sie die Augen ab heute noch viel weiter auf! Wenn Sie im Coffee Shop sind, dann beobachten Sie beim Warten jeden einzelnen Handgriff, den der Angestellte macht, um Ihre Bestellung auszuführen. Wenn Sie im Reisebüro buchen, achten Sie genau darauf, welche Fragen man Ihnen wann stellt – anstatt einfach nur zu antworten. Wenn Sie an der Supermarktkasse stehen, nehmen Sie mal genauer wahr, wie sich die Kassiererin organisiert: Tippt sie erst die Tüte ein, damit Sie schon einpacken können? … Details wahrzunehmen, schult auch den Blick für Abläufe.

Kommentieren, was Sie tun Ganz besonders nützlich ist natürlich das Training „am eigenen Leib“. Wenn Sie alleine sind – ob zuhause, im Büro oder im Auto – dann tun Sie so, als seien Sie ein Radio-Reporter. Kommentieren Sie laut mit, was Sie tun, und zwar so, dass man Sie dabei nicht sehen muss, um zu checken, was gerade vor sich geht. Sie werden sehen, dass das ziemlich witzig – und anfangs gar nicht so leicht ist! Darum braucht es gar nichts Kompliziertes: Erklären Sie, wie Sie Ihr Klo putzen; eine Datei im Computer abspeichern oder berichten Sie schrittweise, wie Sie abwaschen. Relevant ist, dass Sie nicht einfach sagen, was Sie tun, sondern Detailschritte und auch das WIE einbeziehen.

„Was kommt davor?“ Eine weitere gute Übung ist es, sich zu fragen, welcher Schritt jeweils davor kommt. Wenn Sie also ein Paket geliefert bekommen, dann denken Sie rückwärts: Welche Schritte gab es, bis Sie das Paket in Händen halten? Oder Sie kaufen ein noch warmes Schokocroissant: Welche Handgriffe hat der Bäckereierkäufer vor Ort gemacht? – Es ist völlig egal, ob Sie hier große oder kleine Schritte erkennen können. Es geht einfach nur darum, dass Sie die vorhergehendenden Schritte bewusst wahrnehmen und Abläufe einordnen.

Warum ist das so? Eine weitere Facette von Schlüssigkeit ist es, begründen zu können, warum etwas so ist. Gerade das, was uns „eh klar“ ist, machen wir nämlich ganz automatisch. Sagen wir, Sie bringen eine Garderobenstange an. Ohne nachzudenken, greifen Sie zu einem Spreizdübel. – WARUM? Erklären Sie (laut oder in Gedanken), warum Sie sich für den Spreizdübel entscheiden, aber bitte konkret. Nicht nur „damits hält“. :mrgreen: Diese Übung ist auch besonders gut für Produktinfos und Werbetexte: Sie sprechen nämlich täglich mit Kunden, Lieferanten und Kollegen und stellen dabei Behauptungen auf. Gewöhnen Sie sich an, Substanz mitzuliefern! Das Produkt ist besonders widerstandsfähig/innovativ/oder oder oder? – Warum ist das so?

Hä? Das allerwichtigste Training ist es, zu handeln, wenn Ihnen selbst etwas unverständlich ist. In meinen Präsenzworkshops früher habe ich immer appelliert, sofort die Hand zu heben und „Hääää?“ zu sagen, wenn was unklar ist. Das ist nämlich so eine verbreitete Gschamigkeit unter Erwachsenen, dass oft niemand zu fragen traut, wenn er was nicht kennt. Hä???-Alarm kann es geben, weil Ihnen ein Wort nicht geläufig ist, Sie eine Begründung nicht verstehen oder eine Anleitung zu wirr ist. Nehmen Sie also wahr, wenn Ihr Hirn stolpert. Wenn Sie dann „Hä???“ sagen, begründen Sie, worin die Unklarheit besteht (auch das gehört schon zum Training) – und dann achten Sie auf die Antwort, die vielleicht noch eines oder zwei weitere Nachhak-Häs verursacht.

Sehen Sie: Das sind doch echt simple Alltagsübungen! Sie können sie wunderbar zwischendurch einbauen, das vertreibt auch Wartezeiten oder Rumsitzen in der U-Bahn – und es schult Ihre Wahrnehmung enorm, künftig noch schlüssiger zu schreiben.