Schreibfluss

Sich beim Schreiben einen abbrechen

Von mir hören Sie immer wieder den Appell, den ersten Entwurf quick & dirty runterzuschreiben. Übrigens völlig unabhängig davon, woran Sie gerade schreiben – ob Slogan-Ideen, Seminarausschreibungen oder einem Gedicht zur Goldenen Hochzeit.

Das hat vielfältige Gründe:

  • Sie lassen die Inhalte buchstäblich aus sich rausfließen, was auch Ihre Leser merken.
  • Es geht flott.
  • Das „frisch von der Leber weg“ bringt Sie automatisch näher an Ihren Plauderton.
  • Sie können ganz anders mit dem Text arbeiten, wenn Sie die Inhalte komplett vor Augen haben.

Erst wenn alles komplett dasteht, ist es Zeit, daran rumzumachen.

„Aber frisch von der Leber weg klappt nicht!“

Natürlich: Das klappt nur, wenn Sie vorausgedacht haben, was Sie überhaupt beabsichtigen und die Inhalte ausgewählt sind.

Zum Konzipieren bitte in den Schreib-Basics spicken, denn darum geht’s grad nicht.

Im Mittelpunkt steht heute die unnötige Umständlichkeit, die viele in die Schreiberei bringen:

  • Endloses Rumgehirne am Einstieg.
  • Sätze und sogar einzelne Wörter wieder und wieder während des Schreibens umformulieren.
  • Das ständige Raus- und Reinnehmen von Ideen, wie sie einem grad spontan zufliegen.
  • Bei einigen Pappenheimern kommt eine akute Schreib-Bürokratitis hinzu. Es gibt leider sogar Leute, die denken, ihre normale  Sprache sei zu gewöhnlich + gestelztes Professorentum solls richten.
  • Der vorhergehende Punkt macht dann gerne ein anderes Problem: Es klingt nicht nach einem selbst und man fühlt sich nicht so wohl damit.
  • Dann gibts die Immer-nochmal-Hand-AnlegerInnen, die „bestenfalls“ endlos brauchen, schlimmstenfalls wunderbare Texte verschlimmbessern.

Mach keine Wissenschaft draus!

Das Geniale bei uns Selbstständigen ist ja, dass wir buchstäblich für uns selbst sprechen.

Sie können also beim Schreiben einfach so den Mund aufmachen. :mrgreen:

Genau hier machen sich viele das Leben völlig unnötig schwer. Ich sehe das immer wieder, wenn mir Kunden lockerflockig erzählen, worüber sie schreiben wollen und die Kerninhalte mal eben runterrattern [was sie natürlich können, weil sie ja sattelfest in ihrem Thema sind]. Doch dann schreiben Sie – nur eben nicht „spucks raus, quick & dirty, so wie jetzt grad an mich“, sondern sie brechen sich mords einen ab.

Hier die Top 5 der Schreibfluss-Verhagler, die ich den meisten meiner Kunden austreiben muss. Das Gute: Das sind alles Dinge, die recht leicht abzustellen sind.

… was nicht heißt, dass man kurz einen Schalter umlegt. Fähigkeiten beherrscht man nicht, indem man sich was vornimmt. Sonst könnte ich schon längst 50 Klimmzüge machen und fließend Spanisch sprechen.

Fehler Nr. 1: open end

Der verblüffend einfache Tipp, um schneller zu schreiben ist: Beeil dich! Das heißt nicht, dass Sie hudeln, sondern es geht einfach darum, dass Sie sich ganz klar die Zeit begrenzen.

Hier in Blogs und bei Online-Workshops empfehle ich ja klare Schritte, zum Beispiel für einen kurzen Artikel ein aussagekräftiges Arbeitstitel-Planktonthema und dann 10-15 Minuten fürs konkrete Vorausdenken des Textes (Konzipieren). Fürs quick & dirty Runterhacken des ersten Entwurfes ca. 20 Minuten.

Jetzt klingt das für viele recht sportlich, erst recht, wenn sie bisher ganze Vormittage oder sogar mehrere Tage an einem kurzen Artikel rummachen.

Meine Kunden bestätigen mir immer wieder: Hui, das geht ja plötzlich in viel kürzerer Zeit! Völlig wurscht, wenn es anfangs ein wenig länger dauert. Vielleicht merken Sie, dass Sie bisher gut und gerne zwei bis drei Stunden nur mit dem Entwurf beschäftigt sind. Dann begrenzen Sie sich mal auf eine konzentrierte Stunde. Das ist für einen kurzen Artikel massig Zeit!

Bevor jetzt Proteste kommen: Wir reden hier vom ersten quick & dirty Entwurf. Das ist die Rohfassung, die allerdings soweit vorgekocht ist, dass es wirklich nur noch Feintuning braucht.

➡ Wer seine Entwürfe immer wieder umschreibt, denkt nicht genug voraus.

So oder so: Begrenzen Sie sich die Zeit beim Schreiben. Nicht, um sich unter Druck zu setzen, sondern weil Sie viel zielgerichteter dranbleiben.

Das ist wie, wenn ich meine Wohnung putze. Wenn ich mir sage „ach, dieses Wochenende putz ich mal“, dann dehnt sich das bei mir ewig aus. Weiß ich aber, dass es in einer Stunde klingelt, bin ich plötzlich total effizient bei der Sache und habs ruckzuck hinter mir.

Fehler Nr. 2: Überarbeiten beim Schreiben

entwurfformulieren

Ich werde nicht müde es zu sagen: Formulieren Sie nie nie nie nie nie rum, während Sie den ersten Entwurf schreiben.

Dafür ist es doch ein Entwurf!

Es heißt nicht umsonst quick & dirty. Das Ding soll nicht perfekt sein, es soll eine offene Bahn von Hirn zu Hand ermöglichen. Also werfen Sie doch Ihren Gedanken nicht ständig einen Stock zwischen die Speichen, indem sie unentwegt an Wörtern rumdoktern.

Fehler Nr. 3: zu schwammig

Kürzlich hab ich über die Gewichtung von Inhalten geschrieben und dabei das ganz typische „Herumphilosophieren“ angesprochen: Man wählt ein Thema, gerät dann schnell ins Philosophieren, weil es ja immer viele Aspekte gibt, alles irgendwie zusammenhängt … als Fachleute wissen wir einfach irre viel!

Jetzt ist das eine das gute alte Plankton-Thema, doch damit ist es nicht getan.

Ich sage ganz oft zu Kunden: „Was willste denn sagen?“ Wenn wir einen Text schreiben, dann haben wir immer ein bestimmtes Anliegen. Wenn nicht, liegt genau da der Hund begraben.

Was ist also Ihre Botschaft, wo wollen Sie mit dem Text hin?

Sagen wir, Sie schreiben darüber „Wie man in Meetings präsenter wird“. Was ist die Message?

  • Soll der Leser bestimmte Dinge sofort im nächsten Meeting TUN können?
  • Oder geht es Ihnen darum, aufzuzeigen, wie sich die Leute selbst unsichtbar machen?
  • Vielleicht dreht sich der Text speziell ums nonverbale Präsentsein, er besteht also nur aus Körpersprache-Tipps?

Sie sehen an diesen spontanen Beispielen: Das sind drei supergute Zielrichtungen desselben Themas, die alle einzeln wunderbaren Mehrwert bieten. Zusammengemischelt wird es unfokussiert und oberflächlich.

Je schwammiger Sie reingehen, desto mehr schwimmt der Text. Nicht nur, was den Schreibfluss angeht.

Fehler Nr. 4: unfokussiert

Eine weitere selbstgemachte Stockerei kommt dadurch, dass man nicht auf Kurs bleibt. Das Extrem kennen wir alle noch aus der Schule: die Themaverfehlung. Man wusste beim Starten, was man tut, doch während des Schreibens zweigt man ab oder das Thema kippt einem weg. Das passiert natürlich noch schneller, wenn die Ausgangslage schwammig ist.

In Workshops zeigen mir die TeilnehmerInnen ja etappenweise, was sie gerade tun. Ich erlebe den Entstehungsprozess also Schritt für Schritt mit.

Zu meinem großen Erstaunen grassiert eine merkwürdige Unsitte: Überdurchschnittlich viele AutorInnen beachten ihre eigene Überschrift + ihre Vorüberlegungen nicht mehr. Die Überschrift steht bei den meisten Entwürfen nicht mal drüber! 😯 Wohl, weil mans ja „eh im Kopf hat“.

Da kann ich nur sagen: Genau! Unser Fachwissen, unsere Erfahrungen und Tipps SIND in unserem Kopf. Die wollen beim Schreiben nur gezielt rausgezogen werden.

Das zentrale Wort: GEZIELT.
Gerade, weil wir als Fachleute viel mehr in unseren Köpfen haben, ist es so wichtig, beim Schreiben für klaren Fokus zu sorgen. Damit meine ich nicht nur das fokussierte Dranbleiben, das für den Schreibfluss natürlich enorm wichtig ist, denn ständig nebenbei was zu machen, unterbrochen zu werden, sich wieder selbst einzulesen etc., das bringt jeden ins Stocken.

Sondern ich meine, dass wir unseren Kopf klar bei diesem Text haben müssen. Dazu gehört natürlich ganz simpel, dass man sich die aussagekräftige Arbeitstitel-Plankton-Überschrift und die Konzeption vor die Nase legt.

Fehler Nr. 5: sich permanentes Umwerfen erlauben

Schließlich ist Schreiben nur möglich, indem man Inhalte festlegt.

Streng genommen ist das Schreiben nichts anderes als eine Auswahl: Als Autoren entscheiden wir, worüber wir schreiben und was wir unseren Lesern mitgeben möchten. Wir wählen aus, was wichtig ist.

Klar gibt es immer noch weitere Möglichkeiten: Es gibt andere Inhalte, die passen. Es gibt immer Alternativen, wie man einen Text oder eine Formulierung aufzieht. Man könnte hier statt eines Beispiels eine persönliche Erfahrung und da statt einer Übung vielleicht doch eher Denkfragen. Oder statt Fließtext eine Checkliste …

Wer sich ständig erlaubt „doch nicht“ zu sagen, kommt nie auf einen grünen Zweig. Zumal das zusätzlich heftigst für die eigene Verwirrung sorgt. Man schickt sich andauernd zurück auf Los, braucht ewig und so manche Lieber-so-Idee erfordert, dass man den Text umstrukturiert und praktisch von Null anfängt.

So geht nicht nur das Schreiben nicht, sondern das Leben würde so gar nicht funktionieren.

– Treffen wir uns heute?
– Ja.
– Nein.
– Vielleicht doch.
– Oder lieber nicht.
– Wo gehen wir hin?
– Zum Italiener.
– Nein. Zum Inder.
– Lieber zu Hause?
– Selbst kochen.
– Oder Pizza bestellen.
– Einfach Brotzeit mitbringen.
– Gut um sieben.
– Nee, lieber um acht.
– Oder wir könnten morgen um 16 Uhr zum Kaffeetrinken …

Aaaaaaah! – Und das ist die geschönte Kurzform im Verhältnis dazu, was manche Leute mit ihren Texten machen. 😉

Das Gute ist: Ein Text ist keine lebensverändernde Entscheidung. Machen Sie also keine Wissenschaft draus. – Im persönlichen Alltag mit Ihren Kunden tun Sie das doch auch nicht. Ich habe zumindest noch nie einen Vortrag oder eine Beratung besucht, wo jemand alle zwei Minuten seine Informationen umgeworfen hat. Oder ein Training, wo jemand nach drei Stunden beschlossen hat, er bringt jetzt den ganzen Stoff vom Vormittag noch mal in einem neuen Gewand.

Sehen Sie das Schreiben also nicht als Möglichkeit, an jeder Stelle noch mal alles umzuwerfen. Denken Sie richtig rum:

Schreiben entsteht erst aus der Auswahl, die Sie treffen.