Schreibfluss

Die Schreibphasen näher erklärt: 3. Der Entwurf

Wir sind mit einem aussagekräftigen Plankton-Thema gestartet, das noch immer unverändert in Arbeitstitelqualität stehenbleibt. Erst in der allerletzten Feintuning-Phase kümmern wir uns um die Überschrift, mit der veröffentlicht wird.

Dann haben wir den Text vorausgedacht und können uns nun auf ein übersichtliches Konzept stützen: Ziele, Inhalte + Mehrwert liegen vor uns.

Jetzt heißt es nur noch: Ans Konzept halten! Dann ist der Entwurf schnell runtergehackt. Womit wir schon mittendrin sind …

Ein Entwurf ist ein Entwurf ist ein Entwurf

quick [schnell]: die Zeit begrenzen + den Text flott runterschreiben
dirty [schmutzig]: unperfekt – du darfst holpern, umgangsspracheln, missverständlich sein

Das Ziel des ersten Entwurfs ist, dass du den Text auf Basis deines Konzeptes jetzt flüssig komplett aus dir rauslässt. Du verbesserst nichts, du stellst nicht permanent was um, weil es vielleicht anders doch besser ist. Du verzettelst dich also nicht in deinem Text, sondern vertraust gefälligst auf deinen schlauen Gedanken, die schon vor dir stehen.

Wichtig: „Unperfekt“ heißt nicht unvollständig. Also keine Platzhalter lassen oder absichtlich unvollständige Gedanken notieren. Wir schreiben hier den kompletten Entwurf deines Textes, so dass du idealerweise in der letzten Phase nur noch ein bisschen polieren brauchst.

Denk dran: Schreiben ist Auswahl!

Klar könntest du alles noch mal umwerfen. Und klar kannst du jedes noch so kleine Plankton-Thema auf zig Arten umsetzen. Doch weder im Leben, noch beim Schreiben kommt man zu was, wenn man ständig „doch nicht“ sagt und alles wieder ausradiert.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich es immer wieder erlebe, dass das „lieber so“ meistens ein Verschlimmbessern wird.

zeitbegrenzen

Für einen normalen kurzen Blogartikel von 1-2 Seiten empfehle ich immer, die Eieruhr auf maximal 30 Minuten zu stellen. Das erscheint jetzt vielen sicher viel zu kurz, erst recht, wenn sie bisher deutlich länger brauchen.

Doch wenn du meinen Schreibphasen folgst, hast du eine ganz andere Ausgangsbasis:

  • Du hast ein extrem scharf fokussiertes Plankton-Thema.
  • Du hast deinen Text komplett vorausgedacht, die Inhalte liegen vor dir!
  • Du hast dir bereits Gedanken über die Struktur gemacht bzw. tust es jetzt gleich, als ersten Schritt vor dem Loshacken.
  • Du darfst nicht nur, sondern sollst, so reden, wie dir der Schnabel gewachsen ist.
  • Du feilst und verbesserst nicht während des Schreibens ewig rum.

Da ist eine halbe Stunde für einen kurzen Text reichlich!

Wenn du anfangs ein bisschen überziehst, stört das niemanden. Das kommt mit der Übung. Dieses flotte Aus-dir-rauslassen hat einen weiteren riesigen Vorteil: den Plauderton.

Der Plauderton

Einer meiner Hauptjobs als Schreibcoach ist es, die Persönlichkeit „meiner Leute“ rauszuholen. Ich nenn es den Plauderton, denn wir wollen nicht neutral an unsere Leser hinschreiben, sondern mit ihnen reden.

Stell dir vor, wir suchen uns 100 BloggerInnen mit dem gleichen Fachthema aus. Denen geben wir die identische Konzeption. Sie haben also nicht nur das gleiche fix formulierte Plankton-Thema, den gleichen Umfang, sondern sie haben alle Inhalte – und wir geben ihnen sogar eine feste Struktur für den Text vor.

Idealerweise kommen jetzt hundert verschiedene Texte raus! Und noch idealererweise hat jeder dieser hundert Texte einen unverkennbaren eigenen Schreibstil. Denn die Menschen hinter den Texten sind alle unterschiedlich. – Beim Schreiben neigen wir jedoch dazu, uns gleichzumachen. Wir schreiben gestelzter, stützen uns auf Fremd-Content und Texte klingen meistens nicht oder nur ganz wenig nach uns.

Du erinnerst dich an den Selbstgepräch-Modus im Konzept? Wo ich gesagt habe „das sind DEINE Gedanken, also red mal ganz normal laut mit dir“? Das ist Absicht. Erstens konzentrierst du dich auf das, was du sagen willst und bist nicht mit Rumformulieren beschäftigt. Vor allem aber fördert es bereits den Plauderton, weil es dich auf deiner eigenen, normalen Sprache hält.

Das Dilemma: Ganz oft lese ich spritzige, spannende Konzeptionen – die dann im Entwurf auf einmal glattgebügelt und neutralisiert werden. Dabei lautet die Devise:

Schreib so, wie du sprichst. Das fühlt sich besser an. Es liest sich flüssiger und ist leichter verständlich. Es schafft ein Band zu deinen LeserInnen. Es geht schneller. Vor allen Dingen werden deine Texte damit einzigartiger. Denn es sind deine!

Leute, die dich kennen, sollen sagen: „Ja, das bist ganz du! Ich kann dich beim Lesen richtig raushören.“

An den Plauderton rankommen
Die Macht des Plaudertons

Also auf in den ersten Entwurf

Das ist mein Konzept von gestern:


X Dinge, die ich über mich gelernt habe, wenns um Kooperationen mit anderen Selbstständigen geht.

Ich schreibe einen 1-2seitigen Blogartikel für EinzelunternehmerInnen, besonders für alle, die noch relativ am Anfang stehen. Denn da wird gern der Effekt von Kooperation unterschätzt + zu wenig hinterfragt.

Was ist mein Ziel/meine Motivation? Ich habe viel über mich selbst gelernt, wenn es um Zusammenarbeit geht und will meine Leser anregen, wählerischer abzuklopfen, ob und mit wem sie kooperieren.

Was soll der Leser wissen, können oder tun?

  • Der Leser soll viel öfter mehr nachfragen. Es werden oft zu schwammige, unhaltbare Versprechungen + Karotten vor die Nase gehängt, gerade bei Kooperationen, bei denen der Vorteil auf der anderen Seite liegt.
  • Er überprüft, welche Art der Kooperationen für ihn angenehm sind. Das heißt, dass manchmal Kooperationen besser sind, wenn es Einmal-Aktionen oder „lose“ Kooperationen sind, als großartige enge Absprachen oder längerfristige Hochzeiten.
  • Er macht sich über Unkompliziertheit Gedanken. Denn viele Kooperationen bedeuten Mehraufwand, unnötige Arbeit, Generve, was das berühmte Bauchgefühl oft schon meldet.

 

Ich empfehle, einen Entwurf mit der Struktur zu beginnen, also tatsächlich erst das Textgerüst festzulegen. Bei mir hat sich bewährt, die Zwischenüberschriften zu setzen. Es kann auch helfen, einige Passagen aus dem Konzept an die betreffende Stelle zu kopieren. Ich markiere mir das dann immer farbig, damit ich klar unterscheiden kann, was mein aktueller Text ist und wo noch was hinmuss.

Meine Ausgangslage sieht entweder so aus:

geruest2

oder so:

geruest1

Genauso gehe ich übrigens bei Büchern oder Workshopunterlagen vor. Das befähigt mich auch, durcheinander zu schreiben. Denn ich weiß genau, was wo hinkommt.

Bitte drandenken: Nicht immer ist die Aufteilung identisch wie im Konzept. Oft muss man für die Inhalte und Ziele, die man festgelegt hat, vor dem Schreiben erst einmal eine Struktur mit sinnvollen Zwischenüberschriften finden. Das ist auch der Grund, warum es hilfreich ist, sich von Haus aus eine Struktur zu geben – etwa mit dem XX-Artikel-Format.

Los gehts:

 


X Dinge, die ich über mich gelernt habe, wenns um Kooperationen mit anderen Selbstständigen geht.

Als ich mich selbstständig gemacht habe, bin ich davon ausgegangen, dass man sich mit anderen zusammentun muss. Nicht, weil ich mich irgendwie einsam gefühlt hätte, sondern weil ich dachte, das muss sein, damit ich bekannter werde.

Gelegenheiten gabs genug, besonders als die ersten Bücher erschienen waren. „Wir sollten unbedingt mal was zusammen machen!“ – „Ich hab da eine tolle Idee für ein gemeinsames Projekt!“ … Das stellte sich oft auf Anhieb als Luftgeschichte raus, doch so manches Mal klang es wirklich vielversprechend, so dass man vielleicht wirklich was Win-Win-Mäßiges auf die Beine stellen könnte.

Die Realität sah anders aus. Von Jahr zu Jahr habe ich die Kooperationen immer weiter runtergefahren, weil die Bilanz rückblickend einfach nicht gut ausfällt. Zeit für eine Manöverkritik:

Ich hätte viel öfter mehr nachfragen sollen.

Es gibt die eindeutigen Zecken-Anfragen, bei denen „Kooperation“ bedeutet, dass ich mein Wissen, meine Arbeit oder meinen Bekanntheitsgrad verschenken soll. Manchmal ist das vielleicht gar nicht so gemeint, wirkt aber so.

Und es gibt die Ideen, die ganz gut klingen. Meine Schwäche ist, dass ich sehr begeisterungsfähig bin. Wenn dann noch jemand nett ist, höre ich mich ganz schnell „ja“ sagen.

Tatsächlich war ich selbst schuld, dass ich vor lauter Begeisterung für gut klingende Projekte, zu wenig nachgehakt habe: Da wurden oft schwammige Versprechungen zu Reichweite gemacht oder Karotten vor meine Nase gehängt, was das dann alles später bringt. Dann ist es ja oft auch so, dass Projekte durchaus Spaß machen und man was dabei lernt, und das vernebelt einem dann auch gerne die Sicht.

Gelernt habe ich: Frag mehr nach. Check ab, ob der Aufwand wirklich im Verhältnis steht. Und leg mehr fest, was beide Seiten tatsächlich einbringen.

Ich arbeite lieber alleine.

Klar weiß ich, dass ich lieber alle Zügel selbst in der Hand habe. Ich habe klare Vorstellungen, bin recht schnell und hasse es, fingertrommelnd auf jemanden zu warten.

Das bedeutet, dass ich mit einer bestimmte Sorte Mensch exzellent zusammenarbeite. Da knallts dann richtig und wir bewegen was. Doch mit anderen Typen krieg ich die Krise. Außerdem bedeutet ein gemeinsames Projekt immer auch, dass man von Wirkung, Selbstdarstellung und Sprache einen Kompromiss eingeht – wenn unterschiedliche Typen dahinterstecken.

Weil ich das weiß, hätte ich mir einige Kooperationen sparen sollen. Ich habe gelernt, dass es für mich einfach besser ist, wenn es um Einmal-Aktionen geht. Oder solche, wo es eine klare Aufgabenverteilung gibt, bei der jeder seinen Part übernehmen kann.

Längerfristige Projekte sind nichts für mich, zumal sich auch die Gegebenheiten verändern können. Einmal stand eine großartige Idee im Raum, bei der klar war, dass man viele Jahre in einer zusammengewürfelten Gruppe miteinander arbeitet. Ich habe zugesagt, weil der Projektleiter jemand war, mit dem ich von Einstellung und Arbeit her total harmoniert habe. Doch einige Monate nach Start, hat er sich aus dem Projekt zurückgezogen und es kam eine schreckliche, inkompetente Nachfolgerin. Fast hätte ich aus Pflichtbewusstsein weitergemacht, doch das wäre eine elendige Qual geworden. Also habe ich einen Ersatz genannt und habe einen Schlussstrich gezogen.

Mit der Gewissheit: Keine Heirat bei Kooperationen!

Mir geht Unkompliziertheit über alles.

Unnötiges nervt mich: ständiges Reden; unvollständige E-Mails; ein Wust voll Datei-Anhängen; lange Telefongespräche für Dinge, die man in zwei Minuten hätte sagen können; persönliche Treffen, die gar nicht nötig sind; wenn immer wieder was umgeworfen wird; wenn jemand seine Termine nicht einhält … ARGH!

Nun gibt es großartige Leute, denen man sich die Bälle zuwirft. Jeder hat Ideen, denkt mit, bringt richtig Schwung – und Ergebnisse. Läuft irgendwas nicht nach Plan, schaut man, was tun. So ist Zusammenarbeit eine wahre Freude. Doch nicht immer ist das auch so:

Das Zusammenarbeitsbarometer [Download]

Ich habe gelernt, aufmerksamer zu sein. Nicht nur, was die Chemie angeht, sondern wenn erste Anzeichen von Umstandskrämerei durchkommen: Nein danke!


 

Damit steht der Entwurf. Quick und dirty, im Plauderton.

Einfach so runtergehackt, egal ob Fehler oder doppelte Wörter oder manchmal noch zu langatmig. In meinem Fall habe ich ihn „schmutziger“ gemacht als er eigentlich ausgefallen wäre, damit ich in der Feintuningphase mehr zeigen kann. 😀

Den lassen wir jetzt erst mal liegen. Morgen geht es ums Abstand gewinnen zwischen Entwurf und dem Letzte-Hand-anlegen.

Alle Teile dieser Artikelreihe:

Schreibphase 1: Plankton
Schreibphase 2: Konzipieren + Ziegen fordern mehr Mehrwert!
Schreibphase 3: Entwurf quick & dirty
Schreibphase 4: Abstand
Schreibphase 5: Feintuning