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Die Schreibphasen näher erklärt: 5. Feintuning

Ein paar von euch haben diese Woche ja gleich mal mitgemacht und ausprobiert, wie das mit den verschiedenen Schreibphasen so ist. Doch auch, wenn du nur mitgelesen hast, hast du gemerkt, dass jede Phase eine wichtige Funktion hat:

  • Die Plankton-Themenwahl sorgt dafür, dass du richtig konkret wirst und anhand der aussagekräftigen Arbeitstitel-Überschrift GANZ GENAU weißt, worauf dein Text rauslaufen wird.
  • Dann kommt die Konzeptionsphase, wo du den Text im Selbstgesprächmodus vorausdenkst, also die Inhalte auswählst. Sie hält dich auf Kurs und du siehst auf einen Blick, was du an Informationen, Tipps etc. brauchst, damit dein Text wirklich nützlich ist. Außerdem ist die Konzeptionsphase dein Sicherheitsnetz: Falls du zu schwammig wirst oder viel zu viel reinpackst, merkst du es vor dem Schreiben.

In der allerletzten Phase geht es ums Feintuning. Ich nenne es absichtlich nicht „überarbeiten“, denn wenn du die Phasen davor alle nutzt, dann gibt es keine großartige Arbeit mehr, sondern es geht um Straffen und Polieren. Hin und wieder gibt’s ein paar Reparaturarbeiten (wie ich heute an meinem Beispiel zeige).

Achtung: Ich habe natürlich total Übung, weil ich seit Jahrzehnten schreibe und repariere und poliere. Darum habe ich mich bei meinem Entwurf extra angestrengt, ihn etwas kantiger und noch unperfekter zu machen, damit ich heute etwas mehr zeigen kann. – Das erwähne ich, weil diese fünf Phasen natürlich eine Übungssache sind. Wenn du dich wirklich dahinterklemmst und aufmerksam Manöverkritik machst [Du wirst nicht auf Anhieb alles perfekt machen!], dann verändert sich deine Denke: Du bekommst ein richtig gutes Gefühl für Themengrößen und wie viel Platz du brauchst; du denkst strukturierter; deine ersten Entwürfe werden immer perfekter, so dass „quick & dirty“ sich manchmal nur noch auf ein paar Gedankenschleifen, Formulierungen und Tippfehler bezieht.

Heute zeige ich dir, wie ich vorgehe, wenn ich einen Artikel in einem Workshop einschätze. Sogar, wenn du deinen Text gerade erst geschrieben hast, empfehle ich dir diese Vorgehensweise. Selbst, wenn du denkst „hä, weiß ich schon noch“, geht’s uns ja gerade nicht nur darum, einen einzigen Text fertigzumachen, sondern du willst ja deine Schreibfähigkeiten schulen. Und dazu gehört das differenzierte Hinschauen.

So bringst du dein Hirn auf die richtigen Spuren und fütterst es mit wertvollen Erkenntnissen für künftige Texte.

Schritt 1: Schau dir erst deine Konzeption noch mal an

Gerade am Anfang, wenn du noch nicht so sicher-routiniert auf Kurs bleibst, passiert es schnell, dass beim Schreiben die Konzeption ganz oder teilweise links liegengelassen wird. In meinen Workshops sehe ich das immer wieder: Da besprechen wir gemeinsam das Plankton-Thema. Ich achte genau drauf, dass es realistisch für den Umfang ist. Dann geht’s an die Konzeption, und auch da habe ich mein Auge drauf und gebe erst das Okay für den Entwurf, wenn die Konzeption perfekt ist.

Und dann?

Dann hält sich bestimmt die Hälfte der SchreiberInnen nicht dran! 👿 Das geht damit los, dass sie den Entwurf völlig ohne Überschrift geschrieben haben oder die Plankton-Überschrift, die wir extra ganz konkret aussagekräftig formuliert haben, einfach verändern oder „anders interpretieren“. Oder sie fangen gut an, und lassen die Hälfte aus der Konzeption weg, weil sie vorher zu ausladend geschrieben haben und dann aus „Platznot“ den Lesernutzen kürzen …

Das machen sie nicht, weil sie keine Lust haben, sondern weil sie es in dem Moment nicht merken. Dazu kommt, dass wir es gewöhnt sind, dass Schreiben bedeutet „ich schreib halt mal“. Dann konzentriert sich das Gehirn auf WIE schreib ich das denn jetzt – und schon passierts, dass der Entwurf der Konzeption nicht mehr gerecht wird. Genau darum müssen wir in der Feintuning-Phase den Fokus auf dem konzipierten Inhalt haben!

Manche fangen jetzt, in der letzten Phase, an, alles komplett umzuwerfen, und dann geht alles von vorne los. Kein Wunder, dass das Schreiben oft so lange dauert.

Selbst-Check: Wo verliere ich am meisten Zeit?

Du liest dir also erst mal das Konzept durch, damit du dein Plankton-Thema und alle Inhalte, die du vorher festgelegt hast, total präsent hast:


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Schritt 2: Jetzt liest du dir deinen Entwurf laut durch

… und zwar ohne irgendwas dran zu verbessern! Du weißt ja: Wenn du es auf die Ohren kriegst, hörst du mehr:

  • Dir fällt auf, wenn was irgendwie unverständlich ist,
  • wenn du zu abrupt mit einem neuen Inhalt kommst,
  • vor allen Dingen bist du beim lauten Lesen viel aufmerksamer dafür, ob du normal MIT deinen Lesern redest oder irgendwie gestelzt oder zu neutral an sie hinschreibst. Da wir es gewohnt sind, dass Texte oft umständlicher geschrieben sind, fällt uns das beim leisen Drüberlesen nicht auf.

Kommst du flüssig von oben bis unten durch? Liest du es gerne, bist neugierig, wie es weitergeht – oder, wenn es etwas gibt, das die LeserInnen tun sollen: Ist es wirklich animierend genug?

Ich empfehle dir, den Text auszudrucken und beim lauten Durchlesen nur da, wo dir was spontan auffällt, kurz anzustreichen. Wirklich erst mal einmal komplett durchlesen, von oben bis unten, und im Vorbeigehen was Auffälliges anringeln.


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Es geht um deinen ersten Eindruck als LeserIn. Du kannst dich so viel mehr auf den Text und wie er rüberkommt einlassen, als wenn du bereits die Autoren-Korrekturbrille aufhast.

Schritt 3: Jetzt erst Inhaltliches abklopfen!

Im Idealfall hast du dich an dein Plankton + die Konzeption gehalten, so dass du zufrieden nickst, weil alles da ist. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass die Gewichtung nicht stimmt. Idealerweise hast du das in Konzeption + Entwurf schon berücksichtigt, doch das ist anfangs ein klassischer Fehler, dass man zum Beispiel viel zu lange Einleitungen schreibt. Völlig okay! Der erste Entwurf soll unperfekt sein und das Straffen ist wichtig für jeden Text – es ist auch schnell repariert.

Natürlich: Zum Inhalt gehört, dass er leicht zugänglich und klar verständlich ist. Du kümmerst dich in diesem Durchgang ERST um die Inhalte und darum, wie eindeutig und flüssig sie sind. Es zählt nur, was DASTEHT – nicht, was du im Kopf hast, denn da können deine Leser nicht reinschauen. Ein weiterer Grund fürs laute Lesen!

Und bitte: Bist du noch nicht so schreibversiert, dann sei geduldig mit dir, denn dann gibt es da anfangs einfach noch etwas mehr zu Reparieren.

Ist doch nicht so tragisch, wenn du jetzt in der Einleitung deutlich straffst, um unten den Lesernutzen noch mehr zu verdeutlichen. Oder wenn es noch nicht so lockerflockig klingt. Dafür hast du jetzt die Feintuningphase, die bei dir vielleicht bedeutet, dass du zwei Dutzend Hauptwörter in Verben umwandelst. Wenn du das tust, wirst du von Text zu Text von vornherein punktgenauer und flüssiger schreiben. Du weißt ja: Schreiben lernt man durchs Schreiben. 🙂

Und jetzt: Der letzte Touch!

Erst ganz am Schluss kümmerst du dich um die Überschrift.
Oft ist der Arbeitstitel, der ja beim Schreiben erst mal für uns da ist, zu lange oder kantig oder holprig. Du kannst dir jetzt überlegen, ob du die Überschrift lässt, kürzen musst oder auswechselst. Denk dran, dass Überschriften nicht zu lange sein dürfen, weil sie sonst schlechter verstehbar sind. Auch zum Teilen ist es praktischer.

Denk bitte auch dran, dass die Überschrift aussagekräftig sein sollte [da darfst du dir kein Beispiel an mir nehmen, denn ich spiel mich da zu meinem eigenen Amüsement öfter].

Schließlich: Auf Fehler durchlesen oder, wenn du dazu keine Lust hast beziehungsweise in Rechtschreibung nicht ganz sicher bist, jemandem zum Korrekturlesen geben. Außer dich störts nicht, wenn immer mal ein Fehler drin ist. Ich bin da in meinen Blogs aus Zeitgründen toleranter: this is how I work

Hier noch die überarbeitete Version meines Entwurfs:

  • Ich habe mich entschieden, die Intro weiter zusammenzuzurren und lieber bei den Erkenntnissen, also dem Lesernutzen, mehr einzubringen.
  • Außerdem ist es bei einem „Das ist meine Erfahrung“-Text zwar in Ordnung, viel in der Ich-Form zu schreiben und ich hätte den Text vom Prinzip her so lassen können, doch es war mir zu viel Ich dabei. In meiner Konzeption steht explizit, dass ich die Leser anregen will, zu überlegen, wie das bei ihnen ist. Das kann ich verstärken, wenn ich die einzelnen Punkte nicht zu deutlich auf mich münze.
  • Da ich die drei Erkenntnisse als gleich wichtig betrachte, möchte ich sie auch von der Textmenge besser angleichen.
  • Und natürlich: Formulierungen optimieren und polieren.

Kooperationen eingehen:
3 Dinge, die ich über mich gelernt habe

Als ich mich selbstständig gemacht habe, bin ich davon ausgegangen, dass es wichtig ist, sich mit anderen zusammenzutun: Damit mache ich mich bekannt und vernetze mich mit Multiplikatoren. Gelegenheiten für Kooperationen gabs genug. Besonders als meine ersten Bücher auf dem Markt waren, trudelten Angebote rein: „Wir sollten unbedingt mal was zusammen machen!“ – „Ich hab da eine tolle Idee für ein gemeinsames Projekt!“

Rückblickend fällt meine Kooperationsbilanz leider nicht gut aus. Das meiste hat sich nicht gelohnt. Zeit für eine Manöverkritik:

Erkenntnis Nr. 1: Ich hätte viel öfter mehr nachfragen sollen.
Meine Schwäche ist, dass ich sehr begeisterungsfähig bin. Wenn dann noch jemand nett ist, höre ich mich ganz schnell „ja“ sagen. Der wichtigste Aha-Effekt für mich war, dass ich bei den zahlreichen unrentablen Kooperationen selbst schuld war, denn ich habe nicht richtig nachgefragt, worin das Win-Win tatsächlich besteht.

Bei vielen Kooperationen läuft es darauf hinaus, dass Sie als Fachkraft Ihr Wissen, Ihre Arbeit oder den Bekanntheitsgrad einbringen – und der andere dafür Reichweite, künftige Aufträge etc. Andere Wir-sollten-mal-was-zusammen-machen-Angebote kommen von Leuten, die sich an Ihren Erfolg andocken wollen. Da werden gerne äußerst schwammige Versprechungen in den Raum gestellt oder Karotten vor die Nase gehängt, was das später dann alles bringt. Leider ist das meistens nur Gerede, auch wenn es der andere sich wirklich so schön ausgemalt hat.

Nach einigen Jahren unnötiger Mehrarbeit, habe ich gelernt: Frag mehr nach! Check ab, ob der Aufwand wirklich im Verhältnis steht. Und leg mehr fest, was beide Seiten tatsächlich einbringen. Ab da war ich viel restriktiver mit Zusagen. Die Kooperationen wurden deutlich weniger, dafür haben sich Leute rauskristallisiert, mit denen das Zusammenarbeiten wirklich was bringt.

Erkenntnis Nr. 2: Ich arbeite lieber alleine.
Klar wusste ich schon, dass ich lieber alle Zügel selbst in der Hand habe. Ich habe klare Vorstellungen, bin schnell und möchte zackizacki umsetzen. Nun sind Menschen unterschiedlich und ein gemeinsames Projekt bedeutet, dass sich beide Seiten einbringen – was Vorgehensweise, die Vorstellung vom Endergebnis und die Selbstdarstellung angeht.

Ich habe besonders bei Kooperationen gemerkt, dass weder Sympathie noch eine gute Idee ausreichen, sondern dass eine fruchtbare Zusammenarbeit deutlich von den Persönlichkeiten abhängt. Unter diesem Gesichtspunkt hätte ich mir so manche Kooperation sparen sollen, besonders längerfristige Projekte.

Für mich sind Einmal-Aktionen besser. Oder solche, wo es eine klare Aufgabenverteilung gibt, bei der jeder unabhängig voneinander seinen Part übernimmt. Wenn das nicht so gut harmoniert, ist man nicht gleich miteinander verheiratet. Klappt es super, ist die Türe offen für weitere gemeinsame Ideen.

Erkenntnis Nr. 3: Mir geht Unkompliziertheit über alles.
Unnötige Mehrarbeit nervt mich: ständiges Reden; unvollständige E-Mails; ein Wust voll Datei-Anhängen; lange Telefongespräche für Dinge, die man in zwei Minuten hätte sagen können; persönliche Treffen, die gar nicht nötig sind; wenn immer wieder was umgeworfen wird; wenn jemand seine Termine nicht einhält … ARGH!

Nun gibt es großartige Leute, mit denen man sich nur so die Bälle zuwirft. Jeder hat Ideen, denkt mit, bringt richtig Schwung rein – und Ergebnisse. Läuft irgendwas nicht nach Plan, schaut man, was tun. So ist Zusammenarbeit eine wahre Freude!

Ich habe gelernt, aufmerksamer zu sein. Nicht nur, was die Chemie angeht, sondern wenn erste Anzeichen von Umstandskrämerei durchkommen, lieber gleich die Notbremse zu ziehen: Nein danke!

Nun sind das meine Kriterien. Ihre sehen anders aus. So oder so: Es lohnt sich, näher abzuklopfen, wie es mit den Kooperationspartnern so läuft:
Das Zusammenarbeitsbarometer [Download]


Vom Vorher-Nachher-Effekt lernen

Ich habe ja absichtlich den Entwurf etwas nachlässiger geschrieben, damit ich eine weitere wichtige Sache zeigen kann: Oft ist inhaltlich alles da, was da sein soll, nur wie es dasteht, ist noch suboptimal. Wenn du jetzt meinen Entwurf mit der Endversion vergleichst, dann siehst du, dass ich inhaltlich alles gelassen habe, auch wenn einige Passagen teilweise deutlich umgeschrieben sind. Das war ganz schnell passiert. Denn die INHALTE WAREN ALLE SCHON DA – genau, wie in der Konzeption vorausgedacht!

Das ist das Tolle an den einzelnen Schreibphasen. Selbst, wenn du mit deinem Entwurf nicht völlig zufrieden bist, sorgen Plankton-Thema und Konzeption dafür, dass inhaltlich fast alles stimmt. Es kann also nicht passieren, dass am Ende der Text überhaupt nicht funktioniert beziehungsweise nichts bringt. Das übersehen viele, wenn sie mit einem Entwurf nicht zufrieden sind. Sie werfen dann alles wieder um, anstatt zu prüfen: Ist inhaltlich da, was ich einbringen will?

Hier sind meine Kunden oft überrascht, wenn ich dazu sage: „Achtung, nicht alles umschreiben jetzt! Inhaltlich ist alles schon da. Selbst wenn es jetzt vom Schreiberischen einiges zu verändern gilt, ist das eine Sache von einer Viertelstunde, das zu reparieren.“ – Denn wenn ich das nicht dazusage, fangen sie oft an, alles von vorne zu schreiben oder gar die ganze Konzeption in den Wind zu schießen. Da sind wir dann schnell beim Verschlimmbessern.

 

Alle Teile dieser Artikelreihe:

Schreibphase 1: Plankton
Schreibphase 2: Konzipieren + Ziegen fordern mehr Mehrwert!
Schreibphase 3: Entwurf quick & dirty
Schreibphase 4: Abstand
Schreibphase 5: Feintuning