Selbstdarstellung

Schein und Wirklichkeit

Heute früh, kurz nach neun. Eben habe ich die Startmail für den Spaßtypologien-Workshop rausgeschickt, und ich weiß: Mittwoch ist Newslettertag. Ich muss die Zeit jetzt nutzen, bevor meine fleißigen Teilnehmerinnen aktiv werden. Was schreibe ich denn heute … hm … einfach mal bei Twitter fragen:



Dankeschön, Martina Bloch! Den Ball fange ich gerne auf.

Die Kluft bei der Selbstdarstellung

Schaffen wir gleich eins aus dem Weg:

Es gibt sie, die reinrassigen Blender. Große Klappe, nix dahinter.

Doch die stehen heute nicht im Mittelpunkt. Mir geht’s um schreiberisch ungünstige Entscheidungen, Unbewusstheiten und Knieschüsse. Denn du liest bei mir ja, weil du besser schreiben willst. Also schauen wir uns an, was gerne mal schiefgeht …

sagentun

Fangen wir mit den Lippenbekenntnissen an. Gerade bei der Selbstdarstellung rutschen viele ins Werbesprech ab. Klar: Wir kennen das von den großen Unternehmen. Da wird – gähn – propagiert, dass der Kunde ja sowas von der Mittelpunkt ist. Steht man dann im Laden oder hängt in der Hotline, wird man behandelt wie ein Depp. Oder „Ihre Meinung ist uns wichtig!“, aber wenn man was sagt, wird man abgebügelt. Gerne mit einem süffisanten Serienbrief, der nicht mal passt, und umso deutlicher zeigt, dass ihnen die Meinung am Arsch vorbeigeht.

Bei „uns Kleinen“ gibt es diese Lippenbekenntnisse auch:

  • Da wimmelt die Selbstdarstellung von typischen Floskeln, die man weder für sich hinterfragt, noch wirklich meint. Zum Glück sind die unsäglichen Mission Statements mittlerweile so gut wie vom Erdboden verschwunden.
  • Da wird was auf die Website geschrieben, weil es andere auch machen oder „weils gut kommt“. Zum Beispiel lädt jemand ein, Vorschläge zu machen, hat aber überhaupt kein Interesse dran.
  • Da werden Kunden mit einer „Einladung“ gelockt, doch beim näheren Hinsehen entpuppt es sich als Kaufleistung oder Heizdeckenveranstaltung.

Beim Bloggen & Co. kommen wir dann schnell ins Wasser-und-Wein-Territorium.

  • Vielleicht gibst du Tipps, wie deine LeserInnen achtsam durchs Leben gehen sollen, tust es aber selbst nicht. Auch, wenn das niemand merkt, weißt du es. Das bedeutet, dass du deine Zielgruppe anlügst. Und dass du dir dieser Kluft bewusst bist, was dazu führen kann, dass du dich als unecht oder gar als HochstaplerIn empfindest.
  • Es gibt natürlich auch Diskrepanzen, die deutlich werden. Da stellt sich jemand als total souverän dar, flippt aber in den Kommentaren seines Blogs total aus. Oder Fachleute auf ihrem Gebiet geben auf Social Media sehr unsichere oder jammerige Statements ab.
  • Dann sind da noch die persönlichen Ernüchterungen. Gerade auf Social Media-Kanälen zeigt sich oft sehr ungefiltert, wie der Mensch hinter der Leistung ist. Da ist die Website tadellos oder sogar sehr sympathisch. Doch manche lassen derart grobe Messages raus oder ziehen bösartig über andere öffentlich her, dass ich manchmal tellergroße Augen bekomme und mich frage, ob derjenige jetzt vielleicht besoffen oder immer so fies ist. 😯

weiterlesen:
Zu privat!!!

wunschwirklich

Jetzt kommen wir zum „So tun als ob“:

  • Man gibt sich hochtrabende Berufsbezeichnungen oder macht sich nach einer Wochenendfortbildung zum Experten.
  • Man schreibt als EinzelunternehmerIn ständig „wir“ statt „ich“.
  • Man erfindet Referenzen oder Projekte, die es so nicht gab. Ich kannte mal einen Trainer, der hatte lauter Logos von riesigen Unternehmen auf „seiner Kundenliste“. Tatsächlich war es ein Existenzgründer, der erst eine Handvoll Kurse für Privatleute gegeben hatte. Kurzerhand hat er die Logos der Arbeitgeber bei sich eingebaut, obwohl die mit der Kursbuchung überhaupt nichts zu tun hatten.
  • Bilder gehören ebenfalls dazu: Wenn die Ferienwohnung, das Café oder der Laden so fotografiert wird, dass es riesengroß wirkt, obwohl man sich kaum drin umdrehen kann. Oder per Bildbearbeitung nicht nur aufgehübscht, sondern unattraktive Tatsachen verdreht werden. Oh, und persönliche Fotos, die vor 10 Jahren aufgenommen wurden und mit der Heute-Person nichts mehr zu tun haben, fallen ebenfalls in diesen Schein.

Nicht immer ist das Taktik, manchmal streut man sich selbst Sand in die Augen.

Da schreibt man was von jemandem ab, verändert ein Wort und behauptet, dass man „da selbst was entwickelt hat“.

Schließlich gibt’s die „Ich bin ja sooooo erfolgreich“-Fassade, und die kann ganz schön nach hinten losgehen. Wenn EinzelunternehmerInnen gerade Flaute haben, kompensieren sie das nach außen oft, indem sie sich besonders ausgebucht geben. Oder sie stöhnen ständig, dass sie keine Zeit haben. Entspricht das aber nun gerade nicht den Tatsachen, schießen sie sich damit erst recht ins Knie: Denn dann denkt ihr Umfeld „Oha, er/sie ist eh schon so überlastet! Da schicke ich lieber keinen Kunden.“ oder „… da suche ich mir diesmal lieber einen anderen für den aktuellen Auftrag“.

Natürlich zeigen wir uns schriftlich von unserer Schokoladenseite. Ist doch klar und völlig normal! Doch das bedeutet nicht, dass wir eine Fassade aufbauen oder gar richtiggehend lügen müssten.

wirkenmeinen

Schließlich kommen wir zum „Das hab ich doch nicht so gemeint!“ – Blöd gelaufen, wenn das ganz anders rüberkommt. Gerade schriftlich sehen uns die Leute ja nicht. Wie ich immer wieder betone: Leser können sich nur an das halten, was auch dasteht.

Da gibt’s einmal die Stolpersteine beim unbedachten Einsatz von Wörtern. Das ist schnell passiert, darum kann ich nur ein paar Beispiele bringen:

  • Weit verbreitet ist auf Websites zum Beispiel das „Rufen Sie mich an, wenn Sie Fragen haben“, gerne gekoppelt an spezifische Dinge. Zum Beispiel am Ende eines Blogbeitrags will man drauf aufmerksam machen, dass man auch coacht oder berät. Doch da steht kein link auf die Kaufleistung oder dass es um einen bezahlten Auftrag geht, sondern „Haben Sie noch Fragen zu Ihrem eigenen Webshop? Ich berate Sie gerne!“ In vielen Fällen ist das so formuliert, dass man sein Fachwissen und individuelle Leistungen mal eben verschenkt. Das führt entweder zu Frust auf deiner Seite oder zu Enttäuschung auf Seite derer, die das vermeintliche Angebot annehmen + plötzlich zur Kasse gebeten werden.
  • Dann ist da der Bauchladen: Wenn du vielseitig interessiert und sogar kompetent in allem bist, führt eine zerfaserte Darstellung zwangsläufig zu einem „Oha, was bietet er/sie noch alles an. Das kann ja nix sein!“
  • Ein weiteres Beispiel ist in der Korrespondenz das Leider, denn das wirkt gerade bei uns EinzelunternehmerInnen oft unehrlich.
  • Das Gegenteil davon ist eine total unsichere Wirkung. Da kannst du noch so gut und sicher in deinem Job sein – wenn du ständig abschwächst, kommst du unsicher rüber.

Und die Moral von der Geschicht?

Fassaden aufbauen oder beschönigen, um Klartext zu umgehen, geht immer in die Hose. Lügen ist sowieso keine gute Idee. Da kommste in die Hölle.

Was und wie wir über uns schreiben reflektiert auf uns und unser Business: Selbstoffenbarung

Letztlich geht es immer um Glaubwürdigkeit.