anfangen, Lesernutzen

Ziegen fordern mehr Mehrwert!

Nein, ich bin nicht besoffen. Diese Woche gehe ich ja die Schreibphasen intensiver durch, und Zamyat hat mir netterweise erlaubt: „Darfst mich gerne weiterhin auch als (Negativ-)Beispiel nehmen, da lerne ich ja nur von.“ 🙂

Das ist total nett von dir, Zamyat, und genau die richtige Einstellung.  Denn wer immer im eigenen Saft schwimmt + sich scheut, über Suboptimales zu reden, kommt nicht voran.

Das Wort „suboptimal“ ist ein extrem lustiges Wort. Beim Schreiben stimmt es noch dazu meistens. Denn da ist selten was total schlecht, sondern oft einfach noch nicht optimal. Sprich: Da geht noch was!

Zamyats Ziegen und ihre groben Ideen, wie sie eine Beobachtung zu einem Blogartikel machen könnte, zeigt eine Schwäche auf, die leider viele Texte haben: Sie hören gerade da auf, wo es für die Leser spannend wird.

Bestenfalls führt sowas zu Okay-Texten, also zu Texten, die sich ganz nett lesen, aber nicht wirklich viel bringen. Schlimmstenfalls bleiben LeserInnen enttäuscht zurück. – Das kennen Sie selbst: Ganz gespannt klickt man auf eine Überschrift oder ist von einem Einstieg gepackt … doch dann kommt nicht mehr viel.

Das liegt nicht daran, dass die Autoren nichts auf dem Kasten hätten. Sie übersehen nur meistens, es hinzuschreiben. [Nur wenige halten absichtlich mit handfestem Mehrwert hinterm Berg, weil sie Angst haben, dass Wettbewerber was abschauen könnten oder sie zu viel verraten und dann keine Aufträge mehr bekommen.]

Wir waren gestern beim Vorausdenken eines Textes.

Zamyat hat auf ihrem Spaziergang ein paar faule Ziegen getroffen und die Idee gehabt, einen Blogbeitrag draus zu machen: Faule Ziegen am Weg – was wir von Ihnen in puncto Kreativität lernen können.

Das klingt spannend: Ziegen sind also ein Vorbild für Kreativität? Das will ich lesen!

Nun hat sich Zamyat ein paar nähere Gedanken gemacht, worüber sie denn da schreiben könnte:

—schnipp—

Faule Ziegen am Weg – was wir von Ihnen in puncto Kreativität lernen können.

Mir geht es um das Thema, sich die „Erlaubnis“ zu geben, eine kreative Pause zu machen und zu zeigen, warum kreative Pausen nützlich sind. Und besonders, warum sie in der Natur und mit Bewegung verbunden gut sind.
Es könnte dazu das Bild von „Wiederkäuen“ passen (käuen Ziegen wieder???), so wie ich es auch bei der Siesta oft erlebe, dass sich im Kopf alles neu sortiert.
Ziel für Leser soll sein:
1. Erkennen, dass es nicht „faul“, sondern clever ist, mal eine Pause draußen zu machen
2. Dass es die Kreativität fördert
3. Sie lernen, sich die Erlaubnis zu geben und es ohne schlechtes Gewissen genießen.
4. Aber auch eine Methode, einen Trick lernen, wie sie diese neuen Ideen wahrnehmen, festhalten und verwerten. (Ist vielleicht schon wieder zu viel und ein eigenes Plankton-Thema)

—schnapp—

Das klingt auf den ersten Blick gut, oder?

Jetzt schauen wir aber näher hin:

Das war das Plankton-Thema, in einer Arbeitstitel-Überschrift konkret formuliert:

Faule Ziegen am Weg – was wir von Ihnen in puncto Kreativität lernen können.

… doch inhaltlich geht es gar nicht mehr um die Ziegen, und was wir von ihnen lernen können! Die Ziegen sind nur ein x-beliebiger Aufhänger dafür, zu sagen „Pausen sind nützlich“, „man sortiert sich“, „es kann der Kreativität nützen“.

Zamyat läuft einerseits die Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben – und den Lesern zu sagen, was sie eh schon wissen. Denn dass und wofür Pausen grundsätzlich gut sind, dürfte den meisten klar sein. Das hatten wir kürzlich bei der Gewichtung von Inhalten.

Andererseits bringt sie jede Menge großer Brocken rein:

  • zu zeigen, warum kreative Pausen nützlich sind
  • besonders, warum sie in der Natur und mit Bewegung verbunden gut sind
  • erkennen, dass es nicht „faul“, sondern clever ist, mal eine Pause draußen zu machen
  • Sie lernen, sich die Erlaubnis zu geben
  • und es ohne schlechtes Gewissen genießen
  • eine Methode, einen Trick lernen, wie sie diese neuen Ideen wahrnehmen, festhalten und verwerten

Das ist viel Holz, wenn man wirklich abliefern will. Denn diese Punkte kann man entweder einfach kurz erwähnen – oder aber es muss viel mehr im Artikel passieren, wenn der Text tatsächlich erreichen soll, dass die Leser was erkennen, LERNEN sich Erlaubnis geben, ohne schlechtes Gewissen GENIESSEN [das mit dem Weiterverwerten von Ideen lass ich weg, weil das tatsächlich eine Tür zu einem riesigen neuen Themenfass ist].

Beide Extreme sorgen dafür, dass der Text unter seinen Möglichkeiten bleibt, auch wenn ich keine Zweifel habe, dass Zamyat einen schönen Artikel dazu schreiben würde.

Genau darum sage ich immer: Such dir EIN klitzekleines Thema aus – das Planktonthema – und dann geh in die Tiefe. Denn in der Tiefe steckt der Lesernutzen.

  • Zamyat könnte also einen Text schreiben, in dem sie wirklich ZEIGT, also handfeste Gründe liefert, warum kreative Pausen nützlich sind (besonders, warum sie in der Natur und mit Bewegung verbunden gut sind).
  • oder sie könnte den Schwerpunkt „bewegte Pausen draußen“ wählen, muss dann aber besonders überzeugend sein, damit die Leute ihren Arsch hochbekommen. Denn die, die das eh schon machen, brauchen so einen Text nicht.
  • sie könnte einen Artikel schreiben, der schwerpunktmäßig darauf eingeht, dass es nicht „faul“, sondern clever ist, mal eine Pause draußen zu machen + müsste dann wirklich gute Argumente liefern, damit die Leute, die sich bisher die Erlaubnis nicht geben, es tun, weil sie überzeugt sind, dass es ihnen was bringt – was genau und wie genau?
  • und sie könnte einen Text schreiben, wie man es schafft, solche Pausen wirklich genießt, ohne schlechtes Gewissen, ohne zu hektiken oder doch dauernd an das zu denken, was gleich noch dran ist …

Das wären lauter einzelne Texte, wenn sie nicht an der Oberfläche bleiben sollen.

Der Unterschied zwischen schlechten und guten Texten ist …

Wenn Zamyat bei mir im Workshop wäre, würde ich sie in diesem Fall zurückführen auf ihr Plankton-Thema und sie „zwingen“, sich die Latte höher zu legen. Ich würde sagen:

Schau mal, das hier ist ein supercooles Thema „Faule Ziegen am Weg – was wir von Ihnen in puncto Kreativität lernen können.“ – jetzt liefer da auch ab!

Dann würde ich ihre ersten Überlegungen ausrichten + gewichten, damit sie die Ursprungsidee stützen:


Faule Ziegen am Weg – was wir von Ihnen in puncto Kreativität lernen können

[Mir geht es um das Thema, und zu zeigen, warum kreative Pausen nützlich sind. Und besonders, warum sie in der Natur und mit Bewegung verbunden gut sind. = Das ist eine kurze Intro]

Hier kommt das Herzstück des Textes. Herzstück heißt: Es nimmt immer den meisten Raum des Textes ein und es liefert das ab, was das Plankton-Thema verspricht.

Ich will jetzt also genau wissen, was ich von den ZIEGEN AM WEG IN BEZUG AUF MEINE KREATIVITÄT LERNEN KANN.

[Schluss: Es ist clever, öfter mal eine Pause draußen zu machen + gib dir die Erlaubnis dazu!]

Das ist die Latte, die es sich lohnt, höher zu legen.

Als AutorIn gehen wir so über die Oberfläche hinaus – und wir schaffen inhaltlich einen besonderen Text. Denn wenn Zamyat nur schreibt, dass kreative Pausen draußen gut sind und den Kopf sortieren, ist das zwar richtig und für manche eine willkommene Erinnerung. Aber sie sagt uns weder was Neues, noch ist es irgendwie einzigartig verpackt.

A bissl was geht immer! – Lesernutzen

Nun schreiben wir alle über unser Fachthema, das wir aus dem Effeff kennen und das uns meistens besonders am Herzen liegt. Bei Zamyat ist dieses Fachthema die Kreativität. Also ist sie natürlich in der Lage, da mehr zu bringen. 🙂

Genau wie alle meine WorkshopteilnehmerInnen selbstverständlich immer richtig handfest abliefern, wenn ich das Übliche und Naheliegende verbanne und sage: „Hier hast du doch viel mehr zu bieten. Vor allem: Viel mehr Eigenes.“ – Klar haben sie!

Jetzt will ich natürlich noch ein Beispiel bringen, wie das bei den Ziegen aussehen könnte. Darum channele ich jetzt mal Zamyat und denke mir was dazu aus. Bei so einer Parallele stützt man sich auf das, was man sieht und verknüpft es mit eigenen Aussagen/Informationen/Tipps zum Thema. Ich überlege mir also: Was kann man denn von den Ziegen lernen?

Klar muss ich mich da kurz ein wenig über Ziegen informieren, wenn ich noch nicht viel drüber weiß, denn wie Zamyat oben schreibt, hatte sie schon Ideen für einen Vergleich, wusste aber nicht, ob Ziegen wiederkäuen. Also mal kurz Google anwerfen. Nicht um eine Mordsrecherche zu machen, doch um ein paar zentrale Stichworte zu sammeln, was für den Text stimmig verwendbar ist. Dabei habe ich gemerkt, dass die Ziegen wirklich cool sind und ein geniales Beispiel für Kreativität, darum lasse ich das „faul“ weg, damit ich die Ziegen umfassender nutzen kann. – Was beim Schreiben dann natürlich schön auf die Leser-Realität zugeschneidert wird. Geht ja nicht um Zoologie, sondern um unsere Kreativität. Also nie in so einem Vergleich verlaufen.

Natürlich lässt sich so eine Ursprungsidee abwandeln. Vielleicht sehe ich auf dem Weg die Ziegen, aber daheim biege ich das Thema um auf „Hunde“, weil ich einen Hund habe und da gleich jede Menge Parallelen finde.


Ziegen am Weg – was wir von Ihnen in puncto Kreativität lernen können

… kurze Intro, dass ich auf meinem Spaziergang auf ein paar faule Ziegen gestoßen bin und das eine schöne Analogie dafür ist, dass die Ziegen alles richtig machen … und wir uns für unsere eigene Kreativität vieles abschauen können. Angefangen bei den Pausen und vermeintlichen Faulheit.

(1) Ruhig in der Wiese liegen und in der Gegend rumschauen. Den Herrgott einfach mal einen guten Mann sein lassen. – Zwischendurch einfach mal nichts tun, den Kopf Kopf sein lassen. Ein Reset durch die Weite draußen und den Wind, der das Hirn durchpustet.

(2) Ziegen sind gute Beobachter. Sie nimmt aufmerksam auf, was um sie passiert und nutzt es später – oft genug für Schabernack. Sie probiert aus, lernt und geht trickreich vor. Parallele ziehen, dass alles, was man so sieht, aufschnappt und an vorbeiziehenden Ideen hat, später nutzbar ist. Man muss nicht immer sofort was damit tun!

(3) Sich um sich kümmern. Ziegen zum Beispiel nehmen sich die Zeit, gezielt die besten Kräuter, Blüten und Rinden auszusuchen. Bogen spannen: Wer kreativ sein will, muss zufrieden und frei von Störfaktoren sein, um die Basis des freien Kopfes zu schaffen.

(4) Sie sind beweglich: sprinten, springen weit und hoch, spielen sich quirlig, wie sie grad lustig sind. Ich habe recherchiert, dass sie sich gerne erhöht hinlegen. – Parallele ziehen, dass Kreativität besser klappt, wenn eine große Portion Lockerheit, sich ausprobieren und Unbeschwertheit dazu kommt. Nicht nur im übertragenen Sinne. Darum spielt das Bewegen so eine große Rolle, wenn man noch kreativer sein möchte.

(5) Ziegen sind eigenwillig, manche sagen stur. Und hey: der eigene Kopf ist extrem wichtig für die Kreativität, weil …

[Schluss: Es ist clever, öfter mal eine Pause draußen zu machen + gib dir die Erlaubnis dazu!]

„Schreiben ist Freiheit“

… sag ich ja immer. Auch hier sieht man, wie viele verschiedene Ansätze es gibt, aus der Ziegen-Idee einen einzigartigen Kreativitätsartikel zu machen. Die berühmten vielen Wege!

Alle Ansätze, bereits die tollen Ideen, die Zamyat schon hatte, sind wunderbare Sprungbretter. Allerdings nur, wenn sie nicht nach dem ersten naheliegenden Impuls schon aufhören.

Geht richtig in die Tiefe, so dass die LeserInnen auch richtig viel davon haben.

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