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Gehst du zu sehr von dir aus?

Wenn mich irgendwas belastet, ziehe ich mich zurück. Ich will nicht darüber reden, brauche keine Meinungen und Ratschläge, sondern ich möchte mich einfach selbst sortieren.

Vielleicht nickst du jetzt, weil du auch so tickst. Vielleicht ist es aber bei dir ganz anders und du brauchst sofort andere Menschen, wenn dich was bedrückt. Weil du emotional überwältigt bist. Weil du dir einen fremden Blick wünschst. Weil du gerne erst mal gemeinsam schimpfen oder jammern willst, um den Kopf klar zu bekommen. Vielleicht würdest du gerne mit jemandem reden, aber kannst dich schlecht öffnen – besonders, wenn es persönlich ist. Oder du hast niemanden, der dir gerade näher steht …

Schon in diesen paar Beispielen wird eine Fülle menschlicher Unterschiede deutlich.

Dabei kratzt das nur an der Oberfläche. Da kommt noch jede Menge dazu, zum Beispiel wie man mit Belastungen generell umgeht, wie gut man reflektieren, sich stabilisieren und analysieren kann. Dann spielt die Lebensphase eine Rolle: Wie bin ich momentan drauf? Was funkt da gerade alles mit rein? Wer ist noch betroffen (was eine weitere emotionale Komponente mitbringt, die je nach Beziehung ganz schön komplex sein kann)? Und schließlich: Worum geht es da gerade? Was steht auf dem Spiel? Wie sehr traue ich mir den Schritt/eine Lösung o. Ä. zu? Habe ich alle Informationen, entsprechende Erfahrungen, Fähigkeiten? Und und und.

LeserInnen sind unbekannte, eigene Persönlichkeiten

Wenn du nicht gerade über unverrückbare Fakten bloggst à la „So sagt man ‚guten Morgen‘ auf Italienisch“ oder „Ich erkläre dir, wie du in Word2010 einen Textbaustein erstellst“, dann musst du die Unterschiedlichkeit deiner LeserInnen berücksichtigen.

Klingt voll selbstverständlich, was?

Doch gerade die Selbstverständlichkeiten werden gerne nicht genug beachtet. Das liegt zum einen an unserem Expertenkopf – Denn Sie wussen zu viel. Oft liegt es aber daran, dass wir zu sehr von uns selbst ausgehen. Das kann daher kommen, dass …

… du gar nicht auf die Idee kommst, dass andere etwas anders fühlen/sehen/tun könnten. Da müssen jetzt Coaches & Co. sehr stark sein. Es ist nicht automatisch so, dass man sich in eine Vielzahl anderer Persönlichkeiten reinversetzen kann. Ich glaube übrigens, dass man das nur bedingt lernen kann. Das ist übrigens gar nicht nötig: Es reicht, zu wissen, dass andere Menschen auf ganz, ganz vielfältige Art völlig anders denken, ticken, meinen, lernen. Und dass ihnen völlig unterschiedliche Dinge wichtig sind. Genau darum ist es so eine Herausforderung, ein Blog zu schreiben, bei dem man eben nicht nur irgendwelche faktenbezogene Anleitungen gibt, sondern die auf den Menschen und seine Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen abzielen.

… dass du überzeugt davon bist, dass deine Sicht- und Vorgehensweise die beste ist [da legt man sich und seinen Lesern oft mit der eigenen Begeisterung ein Ei]. Okay: Es gibt die Einen, die sind superoberneutral und um ständige Objektivität bemüht. Das ist einerseits löblich, weil es einen offeneren Blick ermöglicht. Doch beim Schreiben führt das gerne mal zu glatter Neutralität. – „Genau, Gitte, und du sagst doch eh immer, ich soll Standpunkt beziehen. Die LeserInnen sind an meiner Meinung, meinen Erfahrungen, meinen Tipps interessiert.“ Das stimmt! Doch jetzt gibt’s den Missionier-Ansatz. Der wiederum überrennt die Leute. Da regt sich dann dieses unangenehme Too-much-Gefühl. Es geht also um die Verknüpfung: Bring unbedingt das, von dem du überzeugt bist, raus in die Welt. Gerne insistent, überzeugend und enthusiastisch. Doch so, dass es nicht das einzig Wahre ist, damit du deine Leser nicht kopfscheu machst.

… dass du zwar weißt, dass andere anders ticken, es aber nicht glaubst, dass das wirklich so ist/dass es sich so gehört. Hier schwappen die anderen beiden natürlich mit rein. Meine älteste Freundin kennt mich fast mein ganzes Leben. Sie weiß, dass ich es nicht mag, wenn ein Bohei um meinen Geburtstag gemacht wird. Ich will da erst recht, was ich immer will: Meine Ruhe. Dieses Im-Mittelpunkt-stehen und dauernd gratuliert wer und Zeug … uääääääh! Trotzdem bietet sie mir jedes Jahr an, eine Party für mich zu organisieren. Nicht, um mich aufzuziehen. Sie meint es ernst. Ein Geburtstag ist Grund zum Feiern. Jeder mag eine Party. Und weil ich zwar sage, dass ich keine Party will, aber insgeheim bestimmt „eigentlich“ doch, kommt das nett gemeinte Angebot immer wieder.

Oder nehmen wir das Eingangsbeispiel: Manche Leute sind total überzeugt davon, dass man in einer belastenden Situation unbedingt die Unterstützung anderer braucht. Dass es zwar ohne geht, dass es aber viel besser, wichtiger, gesünder, tröstender, menschlicher, zielgerichteter oder oder oder ist. Und das stimmt eben nicht.

Noch mal zu „Fakten“-Themen

Ich erinnere ja immer mal daran, dass Persönlichkeits- und Lebensthemen an uns Schreiberlinge besondere Anforderungen stellen.

Es gelten einfach andere Regeln, wenn der Mensch ein wesentlicher Faktor für das ist, was du mit deinem Text erzielen willst.

Nun darf man aber nicht vergessen, dass viele Dinge, die vorrangig mit Fakten zu tun haben, auch mit dem Menschen verknüpft sind.

Sagen wir, du schreibst eine Entspannungsübung. Dann könntest du auf den ersten Blick sagen: Da brauch ich nur die Übung eindeutig beschreiben. – Pustekuchen! Denn was du erst mal erreichen musst, ist, dass der Leser die Übung überhaupt MACHT. Nicht umsonst ist es so schwer, die Leser ins Tun zu bringen. Meistens lesen die nämlich drüber weg und denken „Ja, das sollte ich wirklich mal machen“, doch passieren tut gar nichts.

Jetzt kommts wieder drauf an: Für wen schreibe ich denn eigentlich? Schreibe ich für die Entspannungsenthusiasten, die das sowieso tun und sich begierig auf eine neue Übung stürzen? Oder möchte ich gerne gerade die, die es bräuchten, aber noch nicht tun, animieren, es auszuprobieren?

Wenn Letzteres der Fall ist, spielt eine große Rolle, wie man das Ganze einleitet. Wer zu sehr von Haus aus davon überzeugt ist, dass das eh toll ist, geht da gerne mal zu schnell drüber weg oder benutzt Schlagwörter, die ihm selbst wichtig sind, anderen jedoch nicht. Nehmen wir „Meditation“. Das ist ein Wort, das viele abschreckt. Vielleicht heißt die Entspannungsübung „Die 3-Minuten-Meditation“ und ist wirklich toll und einfach und überhaupt. Sobald es auf Meditation gepolt ist, kann es dir Leute wegfiltern.

Nun heißt das nicht, dass du die Dinge nicht so nennen sollst, wie du willst. Es geht einfach um das Bewusstsein, dass du dir darüber klar sein musst, was und wen du erreichen möchtest. Und was gegebenenfalls Filter setzt. Denn dann merkst du vielleicht: Ich nenn das Teil einfach um und schon ist die Meditationssschublade weg (auch wenn die Übung selbst „eigentlich“ sogar eine Meditation ist).

Oder es geht um ein Kochrezept. Kürzlich hab ich ein Nudelrezept gelesen, da stand in der Intro: Hier ist ein voll simples Rezept mit Zeug, das jeder im Schrank hat. Dann kam ein total aufwändiges Rezept mit Zutaten wie frischer Thymian und Wodka. Entsprechend augenrollend waren die Kommentare, auf die die Autorin dann meinte: „Ich hab das immer daheim, ich find das einfach.“ Jahaaaa – und sicherlich ist das bei einigen Lesern tatsächlich so. Doch es ist eben nicht der Normalfall.

Apropos Kochrezepte: Hier können – wie in allen Bereichen – bereits einzelne Wörter abschrecken. Gerade Blogs, die für Kochlaien geschrieben sind, bemühen sich oft, recht klar und simpel zu sein. Doch wenn man selbst viel und souverän kocht, merkt man nicht immer, dass einzelne Begriffe total unbekannt klingen oder ein Handgriff wie „Paprika häuten“ bei Ungeübten ad-hoc zum Abwinken führen kann, weil sie denken: Aufwändig. Oder: Kann ich nicht. Da steigen Leser schnell aus.

Vielleicht gehts um Technik, eine Bau-Anleitung oder oder oder. Ich meine hier nicht die Verständlichkeit der Anleitung, die ist genauso wichtig. Sondern es geht wieder um den Aspekt, dass du möchtest, dass die Leute was tun. Erneut ist der erste Abklopfer: Für wen genau schreibe ich diesen Text? Das ist keineswegs automatisch allgemein „meine Blogleser“, denn es kommt immer auf den aktuellen Text und die Ziele dafür an. Das wird wahnsinnig häufig übergangen – schaut Euch mal noch mal diesen Text hier an: Zielgruppe wirklich im Blick?

Es ist ein Unterschied, ob ich eine Anleitung für eine Computermodifkation oder ein selbstgemachtes Regal schreibe, das sich an versierte Leute handelt, die einfach mal nur eben so eine Anleitung suchen. ODER ob das Ziel ist, gerade den Ungeübten zu zeigen, dass + wie sie das bestimmt selbst hinkriegen. Denn abgesehen davon, dass die Schritte anders beschrieben werden müssen, muss hier erst mal eine mögliche Hürde überwunden werden.

Der Leser muss sich zutrauen, dass er das kann. Da reicht es nicht zu sagen „das ist ganz einfach“.

Was heißt das jetzt für dich?

In erster Linie, dass du das mal stärker auf den Schirm kriegst. Und ich meine KONKRET auf den Schirm, nicht abtun mit „ja ja, eh klar“. Denn egal, wie gut du das tust: In der Regel geht es noch besser, deine Masse dir unbekannter LeserInnen stärker an die Hand zu nehmen.

Wenn ich mich jetzt auf drei typische Symptome festlegen müsste, wie sich das beim Schreiben vorrangig äußert, dann wäre das:

  • Begeisterung vor Überzeugung. Das ist voll toll, wirksam, zielführend, schön, wohltuend oder oder oder, doch es bleibt bei dem, was der Autor gut findet, hängen. Man kann nicht nachvollziehen, was konkrete Vorteile oder erwünschte Wirkungen sind. Es wird zu einseitig hochgejubelt, anstatt Unterschiede, Fragen oder Vorbehalte einzubeziehen.
  • Unbeabsichtigtes Trivialisieren. „Da brauchen Sie nur …“, „Das ist ganz einfach …“, „Fordern Sie bei Ihrem Chef …“, „Die Gedankenmühle bringt eh nichts, also lass es.“, … Das ist übrigens der Grund, warum ich immer so auf dem Plankton-Thema poche. Ihr wisst ja: In der Tiefe steckt der Lesernutzen. Je größer dein Thema, desto großflächiger fasst du die Dinge zusammen und das führt in der Regel zu einer trivialisierenden Wirkung, bei der sich Leser für dumm verkauft oder allein gelassen fühlen. Für dein Business kann das leider die unschöne Nebenwirkung haben, dass man dich nicht beauftragt, weil man denkt „er/sie geht ja viel zu undifferenziert + unsensibel vor“.
  • Vermeintliche Garantien. „Laufen schüttet Glückshormone aus, in wenigen Wochen läufst du leicht und happy wie eine Antilope!“, „Wenn du lernst, Grenzen zu ziehen, wirst du im Beruf von allen anerkannt und machst Karriere“, „Wenn du täglich diese Übung mit deinem Partner machst, blüht deine Beziehung auf.“, „Wenn du deine Bedürfnisse achtest, wirst du charismatisch.“ – Nä. Und zwar nicht, weil deine Anregungen und Tipps nicht super sind oder nichts nützen würden, sondern weil du dich viel zu weit aus dem Fenster legst. Back kleinere Brötchen! Das geht beim Lesernutzen los.

… womit wir wieder beim Konzipieren sind

All das weist übrigens darauf hin, dass nicht aussagekräftig konzipiert wurde: Anstatt also das Text-Vorhaben genau festzulegen, vorauszudenken und vor allem  schon den Nutzen wirklich konkret – und realistisch – reinzupacken, wird losgeschrieben. Oder es gibt eine Konzeption, die nichts nutzt:

Minikurs: Konzipieren
❗ Schreibphasen näher erklärt: 1. Das Plankton + 2. Das Konzipieren
Ziegen fordern mehr Mehrwert!