formulieren

Das Krankenschwester-Wir

Grad hab ich wieder so einen Text mit exzessivem „Wir“ gelesen:

Dann klicken wir das Dokument auf. Dann formatieren wir … Dann machen wir einen Seitenumbruch … Dann speichern wir …

krankenschwester

Waaaah!

Bitte denkt an die gute alte Devise: Wann immer Ihr eine Häufung in Eurem Text findet, unbedingt in der Feintungphase kräftig Unkraut rupfen. Häufungen sind alles, was auffallend oft vorkommt, zum Beispiel:

  • zu viel „wir“
  • zu viele Anführungs- oder Bindestriche
  • zu viele Hauptwörter
  • zu viele Appelle (Tu dies! Mach jenes! Denk mal drüber nach!)
  • zu viele gleiche Wörter

Was sich häuft, ist ungut für deinen Text.

Zurück zum Krankenschwester-Wir.

Bei „uns“ und „wir“ ist der Zusammenhang wichtig. Verallgemeinere ich bewusst, weil ich weiß, dass es vielen Lesern so geht, ist das Wir absolut okay:

  • Wir Selbstständige müssen buchstäblich eine eierlegende Wollmilchsau sein …
  • Wir Menschen neigen ja gerne mal zum Schwarzsehen …

Aber Achtung, es gibt beim Krankenschwester-Touch drei echte Gefahren, die Lesern sauer aufstoßen:

1. Anbiedern

Das Abtörnende am „Wie geht’s uns denn heute“-Stil ist die erzwungene Verbrüderung, was je nach Kontext sogar so wirkt, als rede der andere auf uns runter. Ein „Wie geht’s uns denn heute?“ mag nett gemeint sein oder ist nur dahingesagt, doch da ist von Augenhöhe keine Spur.

Setzt also uns + wir dosiert ein. Wenn du also MAL ein Statement oder eine kurze Passage im Text hast, wo ein Wir sinnvoll ist, weil eine tatsächliche Gemeinsamkeit besteht oder du gezielt enger an deine Leser ranrückst.

2. Klischees

Ganz schlimm ist es, Lesern was überzustülpen:

  • Wir Frauen haben ja alle einen Schuh-Tick!
  • Uns Männern fällt es sowieso leicht, uns zu verkaufen.

Bei sowas filterst du dir Leser weg. Und forderst sogar Widerstand raus.
Wenn es um persönliche Themen geht, läufst du Gefahr, dass sich einige LeserInnen sehr schlecht fühlen. Zum Beispiel, weil sie noch mal Schwarz auf Weiß von dir bekommen, dass Männer sich super verkaufen können – sie selbst aber genau da Probleme haben. Jetzt sind sie erst recht die absolute Ausnahme, denn offenbar müssten sie es ja beherrschen.

Zu den Klischees zählen übrigens Unterstellungen aller Art, nicht nur die üblichen Schubladen:

  • Wenn wir Probleme haben, müssen wir uns Unterstützung suchen und mit anderen reden [Müssen wir gar nicht! Es gibt genug Leute, die genau das Gegenteil brauchen oder niemanden haben.]
  • Wir Selbstständigen tun uns alle schwer mit Preisverhandlungen. [Stimmt nicht! Es gibt genug Selbstständige, für die das überhaupt kein Thema ist oder die sogar ganz hervorragend für sich noch mehr raushandeln können.]
  • Uns Frauen ist es fast unmöglich, Männer anzusprechen. [Einigen ganz sicher. Und vielen Männern fällt es umgekehrt schwer. Doch ganz viele haben Null Probleme damit.

Gehst du zu sehr von dir aus?

Doppelt schlimm, wenn solche Statements gar nicht die Kernbotschaft des Textes sind. Denn dann verlierst du die Aufmerksamkeit. Ziel ist immer, die Leser möglichst flüssig von oben bis unten durch den Text zu bringen.

Wichtigstes Gut: Die Aufmerksamkeit Ihrer Leser

3. Manipulieren

Früher habe ich viele Bewerbungsgespräche geführt, und da war alle Nase lang ein Bewerber, der im ersten Gespräch plötzlich aufs Wir umgeschwenkt ist:

  • „Wer sind denn so unsere Kunden?“
  • „Was haben wir im letzten Jahr für einen Umsatz gemacht?“
  • „Wo sind denn unsere internationalen Niederlassungen?“

Wohl einen Ratgeber zu viel gelesen und geglaubt, dass psychologisch Anbiedern gut kommt.

Wenn sich deine Leser in eine bestimmte Richtung manipuliert fühlen, weil eine gemeinsame Meinung vorausgesetzt wird oder sie das Gefühl haben, sie sollen in eine bestimmte Ecke gedrängt werden, kommt Gegenwind.

Alles eine Frage der Formulierung!

Schau dir im Feintuning deine Häufungen – insbesondere das uns + wir, mit dem du deinen Lesern ja was überstülpst, genauer an. Und dann schau, ob du es komplett umformulieren willst oder ob du dich einfach sorgsamer ausdrückst:

  • Wir Selbstständigen tun uns mitunter schwer mit Preisverhandlungen.
  • Uns schüchternen Frauen ist es fast unmöglich, Männer anzusprechen.