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Feintuning: 10 Dinge, die ich in Workshops am häufigsten poliere

Oft sind die Entwürfe, die im Workshop entstehen, inhaltlich top – und trotzdem klingt ein Text nicht richtig gut. Wenn ich dann hie und da ein wenig rumfuhrwerke, kommt das meinen TeilnehmerInnen oft wie ein ganz anderer Text vor. Doch wenn die Substanz stimmt, macht das gezielte Feintuning enorm was aus.

Ich habe mal zusammengefasst, was ich in fast jedem Text mache.

feintuningklassiker

Der erste Lesedurchgang = Check ichs?

Als allererstes lese ich den fertigen Entwurf komplett durch und lasse mich voll auf den Inhalt ein.

An dieser Stelle wie immer der Appell, laut zu lesen. Gerade bei einem eigenen Text kriegst du viel mehr mit, was unverständlich oder merkwürdig klingt, wenn du es dir auf die Ohren gibst.

Während ich lese, überlege ich nicht sofort, was alles zu optimieren ist und wie man was richtet. Ich lese einfach nur von oben bis unten durch, bekomme ein Gefühl für das, was der Text mir sagen will und wie das auf mich wirkt. Natürlich habe ich einen Stift in der Hand und streiche an, was mir spontan auffällt. Da mache ich dann flott mal einen Pfeil, wenn was an falscher Stelle steht oder ich unterringle eine unverständliche Passage.

Ich muss mir an der Stelle noch nicht alles anstreichen, was wichtig ist. Das kommt später. Zunächst lese ich in einem Rutsch alles durch und registriere, wo ich hängenbleibe.

Wichtig für jeden Text ist, dass der Leser flüssig von oben nach unten durchkommt, ohne dass sein Hirn stolpert.

Nach diesem ersten Durchgang fange ich von oben an und mache ich mich an die Arbeit.

1. Umstellen

Als Erstes repariere ich inhaltliche Macken: Mitunter gibt es was umzustellen,

weil sich Gedankenschleifen eingeschlichen haben.
weil die Logik nicht stimmt.
weil was unnötig auseinandergerissen wurde.

… oder weil die Reihenfolge nicht stimmt: Ob das nun sinnvolle nacheinander ablaufende Schritte sind, die nicht schlüssig sortiert sind, oder es eine inhaltliche Priorität gibt. Gerne schreiben wir ja spontan hin, was uns so einfällt. Wer konzipiert, sollte sich da bereits um eine sinnvolle Reihenfolge kümmern. Aber es ist auch okay, wenn die Anordnung im ersten Entwurf suboptimal ist. Das lässt sich im Feintuning richten. Ihr müsst nur ein Auge drauf haben.

2. Zwischenüberschriften einziehen

Bestimmt jeder Zweite macht Bleiwüste. Da finden sich dann allenfalls ein paar Absätze, aber ansonsten geht alles nahtlos ineinander über.

Das ist nicht gut für den Text:

  • Es sieht nach nichts aus. Man kann außerdem nicht auf einen Blick erkennen, was noch kommt.
  • Es ist anstrengender zu lesen, weil der Text keine klare Struktur hat und sich das Auge nicht an den Überschriften „festhalten“ kann.
  • Vor allem kann man inhaltlich schlechter folgen, weil ohne Vorwarnung plötzlich was Neues kommt.

Darum zieh immer sinnvolle Zwischenüberschriften ein.

3. Absätze rein

Kürzlich hab ich gesagt „Lass deine Inhalte atmen“. Manche Autoren schreiben fast ohne Punkt und Komma alles hintereinander. Andere packen zu viele verschiedene Informationen in einen längeren Absatz. – Das gilt auch für einzelne Passagen.

Ich schaue beim Polieren immer: Sind da Absätze zu lange? Wenn das schon bei meinem großen Bildschirm der Fall ist, dann wird das eine ziemlich lange Bleiwüste auf den kleineren Displays.

Zudem überprüfe ich: Kommen hier verschiedene wichtige Informationen, die der Leser separat wahrnehmen soll? Wenn ja, kommt entweder ein Absatz rein oder eine kleine Aufzählung.

Seltener treffe ich aufs andere Extrem: Dass Leute zu viele Absätze machen oder zu stichwortartige Aufzählungen reinpfeffern und der Text dadurch zerfasert. Das Gute: Das sieht man auf den ersten Blick. Wenn du dazu neigst, dann Absätze rausnehmen.

4. Nullinformationen raushauen

Ganz oft rupfe ich leeres Geplapper raus. Du weißt ja: Jeder plappert! Erst recht, wenn wir beherzigen, den Entwurf wirklich quick & dirty zu schreiben. Was nur geht, wenn du richtig gut konzipierst!

Weniger ist mehr, darum wirf gnadenlos raus: unnötige Satzteile; wenn dasselbe bisschen anders wiederholt ist; wenn noch weiter erklärt wird, obwohl schon alles klar genug gesagt wurde.

Besonders gerne wird am Textanfang und –ende gelabert. Da weiß man entweder nicht genau, was man sagen soll oder käut nur das wieder, was eh schon im Text steht. Halte beim Feintuning immer Ausschau nach Nullinformationen, die du ersatzlos streichen kannst oder durch etwas Gehaltvolles ersetzt.

5. „Keep it simple“ beim Satzbau:

Hier ist immer am meisten zu machen!

  • Sätze sind zu voll mit unnötigen Details.
  • Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Formulierungen, gerne mit jeder Menge Hauptwörtern gespickt.
  • Beispiele sind völlig unnötig oder zumindest zu lange.
  • Anleitungen werden verkompliziert.
  • Neue Türen zu weiteren Themen werden aufgemacht, um die es an dieser Stelle aber nicht geht.

Sags einfacher, was du sagen willst!

6. Persönlicher werden

Auch da ist bei so gut wie jedem Text noch Luft nach oben: MIT den Lesern reden, statt an sie hinreden. Wir brauchen einen Draht zu unseren Lesern!

In der Regel hakts am nicht genug vorhandenen Plauderton, also einfach persönlicher werden. Und es geht meist darum, die Leser noch mehr an die Hand zu nehmen:

Gerade bei Persönlichkeits- und Lebensthemen haben viele Autoren den Blick viel zu streng aufs Fachliche und vergessen darüber gerne, verständnisvoll zu sein oder Lesern den Rücken zu stärken.

7. Für mehr Klartext sorgen

Weitaus öfter als die Oberbefehlshaber, die einen Appell an den anderen reihen – was man ebenso entzerren muss –, begegnen mir die Übervorsichtigen: Da wird rumgeeiert oder in einem Atemzug gleich wieder abgeschwächt.

Meistens ist das ein Sicherheitsnetz: Drückt man sich nicht zu eindeutig aus, ist man nicht angreifbar, geschweige denn verantwortlich, wenn das Versprochene nicht eintritt. Das geht aber so nicht, denn unsere Leser fragen sich: Warum sollte ich das glauben, wenn der Autor selbst nicht sicher ist?

Noch schlimmer: Bei uns Selbstständigen tut das unserem Business weh!

Konkret werden üben:

8. Häufungen beseitigen

Der Klassiker! Bei mir auch. 🙂

Alles, was gehäuft auftritt, bitte bereinigen. Besonders gern genommen:

  • Das Und am Satzanfang.
  • Anführungszeichen
  • Gedankenstriche
  • zu viele Appelle: Mach dies! Mach das! Denk mal drüber nach!
  • inflationär genutzt Wörter. Ich hab zum Beispiel immer Saisonwörter, die ich einige Zeit viel zu intensiv nutze.

Die meisten Häufungen lassen sich übrigens ersatzlos streichen.

9. Überschrift aussagekräftiger und kürzer

Zum Schluss klopfe ich die Überschrift ab. Ihr wisst: Die Überschrift ist beim Schreiben immer erst für uns selbst da. Darum arbeiten meine Workshop-Teilnehmer immer mit vorläufigen Arbeitstitel-Überschriften.

Wenn die Entwürfe stehen, schauen wir: Wie kriegen wir das jetzt kürzer, damit die Überschrift aussagekräftig für die Leser ist, die wir erreichen wollen?

Zu lange Überschriften sind schlecht lesbar und werden auf den kleinen Displays schnell mehrzeilig. Zu kurze oder blumige Überschriften sind zu nichtssagend. Erst recht, wenn es sich um ein Thema handelt, zu dem du ständig bloggst.

10. Erinnern, dass auf Fehler checken

Bei mir im Workshop geht es um die Schreibfähigkeiten und Inhalte, nicht um Rechtschreibung. Darum braucht auch niemand Hemmungen haben! – Klar ist, dass Ihr Eure Texte vor Veröffentlichung auf Fehler durchforstet.

Bei mir im Blog findet Ihr übrigens immer wieder Fehler, und zwar darum: This is how I work.

Du siehst:

Häufig sind es einfach mehrere dieser Kleinigkeiten, die aus einem mittelmäßigen einen großartigen Text machen.

Das ist natürlich eine Gespür- und Erfahrungssache. Darum ist es so wichtig, dass Ihr lernt, Eure Texte zu beurteilen und selbst zu reparieren.