Stil + Stilmittel

Lebendigere Texte: wörtlicher Rede

Gestern denk ich so bei mir „Schreibst morgen mal was zur wörtlichen Rede. Die macht Texte gleich viel lebendiger.“

Gutes Thema. Aber weils heute so heiß ist und ich rund um die wörtliche Rede alles Mögliche sagen könnte, wähl ich einfach spontan ein paar Punkte aus, die gerade durch mein flüssiges Hirn schwimmen.

1. Reden ist glaubwürdig, weil es unsauber ist.

Um den Plauderton geht’s hier ja alle Nase lang. Und trotzdem ist die Schriftsprache nicht totzukriegen. Will heißen: Die meisten Leute schreiben sehr kantig und unnatürlich. Ich nenn das immer den „Schreibfilter im Kopf“. Durch Schule, Uni und Beruf haben wir gelernt, besonders korrekt zu schreiben. Doch Überkorrektheit ist beim Schreiben ein Schuss ins Knie.

Denn was gerade wir Selbstständigen brauchen, ist Glaubwürdigkeit und ein Draht zu unseren Lesern. Um den zu bekommen, müssen wir ihnen das Lesen und Verstehen so einfach wie möglich machen. Nebenbei sind wir keine neutralen Redaktionen, sondern unser eigenes Business.

Wer zu Marketingzwecken schreibt, will also sich selbst und seine Leistungen präsentieren. Das geht nur mit Echtheit richtig gut!

Besonders einem „Originalton“ nimmst du jede Frische und Glaubwürdigkeit, wenn du dich verkünstelst. Darum kannst du Kundenreferenzen in der Pfeife rauchen, wenn sie wie selbst geschrieben klingen [gilt nicht nur, aber natürlich auch für Internetbewertungen].

Nimm dich mal auf, wenn du mit jemandem sprichst, das muss nicht mal im beruflichen Kontext sein. Ich habe in meinem ganzen Leben nur zwei Leute getroffen, die tatsächliche Schriftsprache reden und selbst da musste ich immer in mich reinlachen, weil es so ungewohnt klingt.

2. Wörtliche Rede bringt Leben in die Bude!

Sind Texte lebendiger, lesen sie sich leichter und lieber. Dann versteht man sie auch auf Anhieb viel besser. Darum:

Beschreib nicht, was gesprochen wurde, sondern lass reden.

Beispiel:

Das ist ja meine erste Projektleitung. Im letzten Meeting meinte der Chef, ich müsse mich jetzt mal wirklich darum kümmern, das Projekt weiterzubringen.

Wirklich? Was hat der Chef denn gesagt?

Im letzten Meeting meinte mein Chef: „Das ist jetzt dein Projekt und als Leiterin musst du den Leuten eben auch mal auf die Füße steigen.“

Mach keine Dokumentation draus.

Du musst nicht 1:1 ein Gespräch mit sämtlichen Details wiedergeben.

Wann immer Alltagsbeispiele einfließen, besteht die Gefahr, sie haargenau beim Schreiben abzubilden. Das brauchst du aber nicht! Ist ein Beispiel oder eben ein O-Ton relevant für deinen Text, dann frag dich immer: Welcher Teil davon ist wichtig? Und den stellst du in den Vordergrund.

Ist es wirklich relevant, ob der Schwager deines Bruders, der bei BMW arbeitet, das gesagt hat? Im Regelfall nicht. Ist es wichtig, mehrere Zeilen an wörtlicher Rede zu bringen, wenns auch ein einziger Wortwechsel tut?

Also begrenz dich auf das, was für deinen Text wirklich relevant ist.

Überfrachte deine Dialoge nicht mit unnötigem Drumherum.

Du schreibst keinen Roman, und selbst da würde es nerven, wenn du zu viel beschreibst. Bekomm also nicht das unnatürliche Synonym-Syndrom, indem du 380 Varianten von „sagte“ suchst. Und schreib vor allen Dingen nicht dauernd davor, wer was gesagt hat.

Keep it simple! Bau den Dialog schlau ein und konstruiere ihn so, dass alles verständlich ist, ohne großartig zu sagen, wer da gerade redet.

Ich also in die Bank:
– „Jetzt geht der Münzautomat schon wieder nicht!“
– „Ja, das tut mir leid. Momentan geht da gar nichts. Ich könnte es manuell annehmen, aber das kostet eine Gebühr.“

Wie man hier schon merkt, ist es oft noch besser, in die Gegenwart zu wechseln. Das holt deine Leser direkt mit IN die Situation.

Klar kommts auch auf kraftvolle Wörter an. Will ich also im O-Ton von oben betonen, dass der Chef sauer war, dann ist das „meinen“ zu wenig. Denn das kann ja auch freundlich-ermutigend sein. Vielleicht wars eher so:

Im letzten Meeting hat mir mein Chef ganz schön den Kopf gewaschen: „Hallo?!! Das ist dein Projekt! Als Leiterin musst du den Leuten eben auch mal auf die Füße steigen.“

3. … mal einen „wörtlichen Gedanken“ einstricken.

Ganz nett finde ich es auch, punktuell was dazuzudenken. Wie jedes Stilmittel aber bitte dosiert einsetzen.

Beispiel:

Das war einer dieser Tschakka-Vorträge, nur eben für Selbstständige. Man muss sich nur seine Wunschkunden vorstellen, dann zieht man sie wie von selbst an. Freilich. Ich fang schon mal an.

4. Zwischenüberschriften als O-Töne

Ein O-Ton ist immer auch ein wunderbares Struktur-Element. Das kennst du von FAQ: “Muss ich mich da ausziehen?

Es ist für jeden regulären Text ein sehr lebendiges Stilmittel, die Zwischenüberschriften in wörtlicher Rede zu formulieren. Schreibe ich zum Beispiel einen Artikel über typische Kundenbeschwerden, kann da stehen „Das dauert alles so lange!“ statt Reklamationen rund um Wartezeiten.

O-Töne, die wirklich echt formuliert sind, fördern außerdem deinen Plauderton.

Stell dir vor, ein Text rund um Unsicherheit im Bewerbungsgespräch hat diese Struktur.

– „Bin ich gut genug?“
– „Hab ich auf alles eine Antwort?“
– „Komm ich überzeugend rüber?“

… wird also von vornherein an den Unsicherheiten, die der Leser hat, aufgehängt. Damit bist du sofort viel näher an ihm dran. Und läufst viel weniger Gefahr, aus dem eigenen Expertenkopf heraus zu schreiben.

5. Lüg deine Leser nicht an!

Schließlich gilt immer: Lüg nicht. Es ist völlig okay, mal ein Beispiel stark zu verkürzen, weil wir, wie gesagt, keine Dokumentation schreiben.

Es ist auch völlig okay, mal etwas zu verfälschen, damit ein Kunde sich nicht erkennt. Als ich noch mein Selbstständigenblog hatte, habe ich oft praktische Beispiele gebracht. Da wurde dann halt aus einer Finanzfachfrau ein Webdesigner oder ich habe Details weggelassen.

Den Beruf muss man übrigens nicht hinschreiben, außer er ist relevant. Was du auch nicht brauchst, ist, irgendwelche Namen zu erwähnen und abzukürzen. Es ist vollkommen egal, ob das „Andreas M.“ war, der das gesagt hat. Lass Namen, wenns geht sowieso weg, die stören in der Regel nur und wirken konstruiert.

Besonders bei Dialogen sehe ich übrigens immer wieder einen Kardinalfehler: Wenn jemand ein Gespräch wiedergibt, aber in Wirklichkeit gar nicht dabei war. Wenn also beispielsweise ein Coach einen Dialog zwischen einer Kundin und ihrem Chef in wörtlicher Rede erzählt.

Was denn jetzt?

  • Gab es dieses Gespräch tatsächlich so, es wurde dir nur erzählt? Dann tu nicht so, als ob du dabei warst.
  • Oder ist das ein konstruiertes Beispiel? Wenn ja, ist das völlig okay: Sofern das Beispiel in wörtlicher Rede a) als solches erkennbar und b) überhaupt relevant ist.

Das gilt übrigens für alle Stilmittel: Es muss einen Grund geben, sie einzusetzen.

Wenn dein Text auch ohne O-Ton bestens auskommt und überhaupt kein Mehrwert dadurch entsteht, dann raus damit.