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Warum ich so streng bin

Im Nachhinein bedanken sich die meisten: Gut, dass du so streng warst. Doch im ersten Moment ist es manchmal ganz schön frustrierend, wenn man erneut ran soll oder es noch nicht gut genug ist.

Das wirkt sich ganz unterschiedlich aus. Weil ich häufiger Coaches und Trainer mit dabei habe, höre ich gerne: „Holla, jetzt merke ich mal wieder, wie sich das für meine Kunden so anfühlt, wenn man schwimmt oder frustig ist.“

Video: Was mir bei Workshopteilnehmern auffällt

Glaubt mir, ich kenn das auch! Ich werde genauso kirre, wenn ich was nicht hinkriege – vor allem, wenns so mühelos ausschaut. Was beim Schreiben gerne mal der Fall ist, wenn der fertige Text steht.

Bei meinen Kunden bin ich streng und lasse nichts durchgehen, was nur „okay“ ist und ich lasse vor allen Dingen keine Schludereien bei den Basics einreißen. Alle, die sich durch schon mal aufkommenden Hirnnebel, gelegentliches Haareraufen und Gitte-verfluchen [ist ausdrücklich gestattet, das halte ich aus] durchgebissen haben, wissen, dass sich das lohnt. Wenn du neu zu mir kommst, kannst du dich schon mal drauf einstellen: 🙂

Keine Sorge, es geht locker und lustig zu. Und fleißig und streng. Und fordernd. Dafür lernst du richtig viel. Außerdem bin ich bei dir, es kann nichts schiefgehen!

„Mach die Bascis wirklich gscheit!“

Einmal habe ich eine Vorübung für den Handstand ausprobiert. Ich wollte schauen, ob ich stark genug bin, ob die Körperspannung passt und wie kopfüber so ist. Also ordentlich platziert, mit den Füßen die Wand hochgelaufen, bis ich so war:

handstand1

Ging super! Ich war ganz hyper: Das fühlte sich richtig gut an, ich konnte es hervorragend halten und stand wie ein Einser.

Nach zwei Wochen oder so bin ich auf die Idee gekommen, mich mal mit der Videokamera aufzunehmen. Zu meinem Entsetzen stand ich so:

handstand2

In meinem Kopf und vom gesamten Körpergefühl wars EINDEUTIG so:

handstand1

Womit wir bei den Schreib-Basics sind:

  • Du denkst vielleicht schon ans Plankton, aber wählst dann doch einen zu großen Brocken aus.
  • Du gibst dir Mühe mit dem Arbeitstitel und merkst selbst nicht, dass du total schwammig bist.
  • Du nimmst dir Zeit zum Konzipieren, aber gehst viel zu huschhusch drüber oder schreibst einen halben Roman.
  • Du denkst „ja, Entwurf quick & dirty runterhacken“, aber in Wirklichkeit formulierst du doch schon wie ein Weltmeister und von schnell keine Spur.
  • Statt Feintuning gibt es gerne mal größere Umwerfereien.

In jeder dieser Phasen gibt es zig Stolperfallen.

Sogar, wenn man das Prinzip verstanden hat, hat man anfangs schlichtweg nicht die Fähigkeit, das aus dem Stand heraus perfekt umzusetzen. Und doch fühlt es sich für einen selbst richtig an.

Genau wie bei mir mit der Handstandübung. – Ich war sowas von sicher, dass ich alles richtig gemacht habe! Und wenn ich einfach so weitergeübt hätte, hätte ich mir ein riesiges Ei gelegt: Ich hätte meine Gelenke falsch belastet und mich schlimmstenfalls sogar langwieriger verletzt. Ich hätte Kraft und Spannung eingesetzt, aber nicht die Partien und das Zusammenspiel, das für vertikal wirklich gebraucht wird. Mein Hirn und Gleichgewichtssinn hätte sich völlig falsch auf „wie fühlt sich vertikal über Kopf an“ eingerichtet, was dazu geführt hätte, dass ich „bestenfalls“ länger üben oder schlimmstenfalls die dumme Angewohnheit wieder wegtrainieren muss.

Ist jetzt alles kein Beinbruch und beim Schreiben hat man ja keinen richtigen worst case wie eine Verletzung, könnte man meinen. Ist es aber schon: Denn die Schreibphasen haben alle ihren Job, der deine Schreibfähigkeiten auf vielen Ebenen verfeinert und dein Schreiben zielgerichteter + richtig schnell macht. Nur eben nicht von heute auf morgen.

Wenn du aber die Basics wirklich verstanden hast und dich auf mein Piesacken einlässt, anstatt mit „Reicht-schon-so-Ergebnis“ weiterzumachen, dann können dir die Basics auch helfen, mit etwas Übung in Eigenregie zu trainieren.

So lernt man Schreiben. Man trainiert und wird besser. Nicht: Ich hab was verstanden, jetzt kann ich das. Ich hab auch verstanden wie ein Handstand geht und kann ihn noch lange nicht. Obwohl er bei Leuten, die ihn können, voll leicht ausschaut! Also seid geduldig und lernt die Basics. Wer Plankton-Arbeitstitel und Konzeption beherrscht, schreibt nicht umsonst im Workshop auf Anhieb meistens in einem Affenzahn den fast perfekten Entwurf, wo es nur ein wenig feinzutunen gibt.

„Geh mal bitte zurück auf Los.“

Wer etwas neu lernt, muss akzeptieren, dass es unperfekt ist. Und erst recht, dass er sich hin und wieder verrennt.

Manchmal ist es ein kleiner Denkfehler oder eine Schusselei – gerne gepaart mit Vorpreschen -, das einen Text auf falsche Weichen stellt. Dann schaue ich immer: Lässt sich das jetzt korrigieren oder ist es sinnvoller, es zu zerknüllen und neu zu machen?

Noch mal neu ist nicht nur nötig, wenn das Ergebnis nichts ist. Es ist auch nötig, wenn das Ergebnis nur „okay“ ist (dazu komme ich gleich). Vor allen Dingen ist es so, dass sich gerade bisher nicht so versierte SchreiberInnen in den eigenen Gedanken verirren, wenn was massiv umgebaut werden soll. Darum sage ich dann oft dazu „vergiss mal alles, was du bisher geschrieben hast“.

Ganz schön ätzend! Vor allem, wenn sich jemand nicht an meine Zeit-Empfehlung gehalten hat, die immer einhergeht mit einem „Danach zeig mir gleich, was du hast, auch wenn du noch nicht fertig bist“. Wenn man dann schon ein oder zwei Stunden rumgehirnt hat und dann soll man alles zerknüllen und neu anfangen, dann ist das nicht schön.

Oder doch?

Ja!! DOCH! Denn gerade da lernt man am meisten. Man hats einmal voller Elan gemacht … aber so, dass es nicht viel bringt. Geht man es jetzt wieder an, gibt es dreifachen Gewinn:

  • Das suboptimale oder falsche Vorgehen wird durch das richtige ersetzt. Aha-Effekt!
  • Du siehst ein Vorher-Nachher-Ergebnis anhand deiner eigenen Bemühungen: Ah, so war [der Arbeitstitel, die Konzeption, der Entwurf] vorher und so ist er jetzt.
  • Du gestehst dir zu, dass du gerade was Neues lernst. Durch Fehler lernt man mehr. Und durchs noch mal Anpacken beweist du dir Lernfähigkeit und Durchhaltevermögen. Beides brauchst du, wenn du deine Schreibfähigkeiten verbessern willst.

„Das könnte man so machen, aber …“

Das Aber macht schon klar, was jetzt kommt: Machs lieber anders! Immer, wenn ich sage „könnte man“, dann wäre das ein Weg, den man gehen kann.

➡ Ein Thema, das ginge.
➡ Ein Konzept, das ganz nützlich wäre.
➡ Ein Entwurf für einen Okay-Text.

Das könnte also durchgehen, hat aber lange nicht das Potenzial, das drin wäre. Darum lautet bei mir immer die Devise „Wir geben uns nicht mit Okay-Texten zufrieden“ … meistens gekoppelt mit „Nimmst du die Herausforderung an?“

Denn hier sind wir bei der höheren Latte, die ich öfter mal erwähne. Okay-Texte entstehen aus der bisherigen Gewohnheit heraus: Du schreibst so, wie du immer schreibst. Die meisten Blogtexte, die ich so sehe, gehören übrigens zu den Okay-Texten. Sie lesen sich gut, sind durchaus nützlich, aber ich merke immer, was die Autoren aus dem Text hätten machen können. Vor allem inhaltlich stimmt die Gewichtung nicht immer oder mit dem Nutzen wird hinterm Berg gehalten. Meistens völlig unabsichtlich!

Wenn ich im Entstehungsprozess dabei bin, kann ich sagen: „Guck, hier und hier und da könntest du und wenn du es so aufhängst, dann …“, dann kommt ein „Stimmt!“ Manchmal begleitet von einem „Wollte ich erst, aber …“ oder „Gute Idee, aber ich hab echt keine Ahnung, wie ich das machen soll.“

Dieses Aber kann ein Abdrehen oder eine höherhängende Latte sein. Das Coole ist, dass du in deinem Thema sattelfest bist. Du brauchst dich also gar nicht fragen, OB du einem Text inhaltlich gerecht werden kannst, sondern die höhere Latte ist das WIE. Dass das ungewohnt ist, ist ganz normal:

Als Selbstständige/r kannst du nicht 1:1 übertragen, was du im Alltag machst

Nimm doch einfach die Herausforderung an!