Struktur

Texte vorausdenken: Der Knoten im Kopf

Das Konzipieren, das ich euch immer so ans Herz lege [und wo ich meine Workshopschäfchen intensiv piesacke, weil es das Schreiben sowas von schneller und besser macht], bereitet den meisten anfangs Kopfzerbrechen.

Völlig normal! *wiederhol* Alles, was man noch nicht gewöhnt ist, ist am Anfang beschwerlich. Egal, ob du gerade Kochen lernst, das erste Mal seit Langem mal wieder in eine Sportstunde gehst oder ein Seminar planst.

Du forderst dich neu. Beim Konzipieren tust du das auf mehreren Ebenen:

  • Du stellst deinen gewohnten Schreibprozess um. Die meisten fangen nämlich direkt mit dem Schreiben an und lassen sich währenddessen von einem Gedanken zum anderen tragen. „Der Text entwickelt sich beim Schreiben!“ Tatsächlich geht das selten gut und produziert meistens einen Okay-Text.

Ein Okay-Text ist ein Artikel, der sich ganz nett liest, aber nicht wirklich was bringt. Der also viel Potenzial verschenkt, weil er zu oberflächlich ausfällt, was man selbst nicht merkt, weil man sich Mühe damit gemacht und Energie reingesteckt hat. Wenn das dann noch gut klingt und hübsch formatiert ist, beeindruckt man sich selbst. Dazu kommt, dass im eigenen Expertenkopf viel mehr abläuft. Doch das, was du in deinem Kopf so weißt, nützt deinen Lesern nichts. Die können sich nur dran halten, was dasteht – und wie es dasteht.

  • Du legst die Richtung und differenzierten, handfesten Nutzen fest, was dein Text für deinen einzelnen Leser erreichen soll. Damit legst du dir als AutorIn eine fachliche Latte, die so realistisch sein muss, dass du sie im Text abliefern kannst.
  • Du musst aus deinem riesigen Wissens-, Erfahrungs- und Meinungsschatz eine gezielte Auswahl treffen, was du da jetzt für diesen speziellen Text brauchst, um den vorher konkret festgelegten Lesernutzen zu erreichen – und die Textstruktur bestimmen, so dass das Ganze folgerichtig „an den Leser“ kommt.

Auf Anhieb ist das gar nicht leicht.

kompliziert

 

Gut so! Du weißt ja: Wenn du dich selbst forderst, werden deine Texte besser. Und einzigartiger. Du merkst, wie schlau du bist und wirst durchs Schreiben immer noch versierter in deinem Fach.

Das Problem ist hier nicht das mangelnde Können, obwohl das Ungewohnte natürlich wieder mal Geduld und regelmäßiges Training verlangt. Der größte Stolperstein ist, dass viele sich hier das Leben unnötig kompliziert machen.

Mach keine Wissenschaft draus

Ich sehe immer wieder, dass dieses Neuland die Leute total irritiert und sie deshalb glauben: Das ist so schwer. Das kann ich nicht. Darum muss ich mich mehr anstrengen.

Das Gegenteil ist der Fall!

Wenn du dir ein Plankton-Thema ausgesucht hast, in dem du sattelfest bist, dann kannst du sicher sein, dass du genug weißt.

Du hast genug Know-how, Standpunkte und Erfahrungen im Kopf, aus denen du relevante Informationen und Tipps ziehen kannst. Das ist eine Gegebenheit.

Wäre das nicht der Fall, wärst du nicht qualifiziert genug für das Thema oder schlecht in deinem Job. Sind wir uns einig, dass du dann ein ganz anderes Problem hättest? 😉

Ich habe noch nie erlebt, dass Selbstständige, die schreiben, gar keine Ahnung hatten. Außer sich mal mit einem unausgegorenen Thema an den Start begeben oder mit unrealistischem Nutzen übernommen haben. Aber solche Fehlentscheidungen merkt man beim Konzipieren. Dazu ist diese Vorausdenk-Phase vor dem Schreiben unter anderem da!

Also entspann dich und geh die Konzeptionspunkte einfach folgerichtig nacheinander durch.

Achtung: Der folgende Abschnitt ist jetzt für alle, die schon in einem meiner Workshop waren oder die fleißig hier im Blog mitlesen. Wenn das für dich neu ist, dann klick auf die weiterführenden links oder workshoppe mit mir.

Konzeptionsbaustein 1: Der Plankton-Arbeitstitel

Die Überschrift ist immer erst für DICH da. Darum ist es ein Arbeitstitel, bei dem es um Aussagekraft geht. Diese vorläufige Überschrift muss dir ganz genau sagen, worauf der Text hinausläuft.

Vergleich mal jeweils die Aussagekraft dieser drei „Arbeitstitel“:

  • Konflikte lösen
  • Wie du jeden Konflikt souverän beilegst:!:
  • ❗ Eine hilfreiche Methode, mit der du aufgeheizte Gemüter beruhigst und freundliche Sachlichkeit in jeden Streit bringst
  • Kuchen backen
  • Damit der Sonntagskuchen gelingt
  • ❗ 5 Basis-Zutaten, mit denen Sie jederzeit spontan fünf völlig verschiedene Rührkuchen zaubern können
  • Souveräner reagieren
  • Nie mehr ungeduldig mit anderen!
  • ❗ Werden Sie verrückt, wenn andere viel langsamer arbeiten als Sie? So bleiben Sie souverän, ohne sich mit „Schlaftabletten“ abzufinden

Du siehst sofort, was für eine großartige Hilfe der vorläufige Plankton-Arbeitstitel sein kann, wenn du ihn wirklich aussagekräftig formulierst. Vergleich mal die einzelnen Varianten: Je schwammiger du startest, desto schwieriger wird es, gezielt was aus dem Kopf zu holen. Aber wenn du dir die letzte Variante anschaust, merkst sofort: Aaaaah! JETZT kann ich gezielt nachdenken, was ich dazu sagen will (und kann).

Beachtet bitte, dass Plankton deshalb Plankton heißt, weil es wirklich eine klitzekleine Themenfacette ist, auf die ihr euch fokussiert. Darum spielt der geplante Umfang eine so große Rolle.

In den Schreib-Basics sind zig erklärende Texte und Videos zum Plankton verlinkt.

Konzeptionsbaustein 2: Die drei weichenstellenden Fragen

Das Tolle am Schreiben ist, dass es zig verschiedene Möglichkeiten gibt, ein Thema anzugehen – nicht nur vom Aufhänger her, den du im Plankton-Arbeitstitel festlegst, sondern auch in puncto Artikelform, welche Bausteine dein Artikel bekommt und wie du die Inhalte aufgreifst.

Darum ist es wichtig, dir vorher drei Fragen zu beantworten, mit denen du dir praktisch einen Gartenzaun um dein Thema ziehst. Du legst damit einige grundlegende Parameter fest, durch die du überhaupt erst in der Lage bist, die Inhalte auszuwählen:

  • Was ist die Zielgruppe für diesen speziellen Text?
  • Was ist dein Ziel/deine Motivation, diesen Text zu schreiben? Damit ist dein Gefühl, dein Engagement gemeint – ganz persönlich! Denn es ist ein totaler Unterschied, ob du über eine Sache total die Augen rollst oder dir das Herz blutet; ob du die Situation aus eigener Erfahrung kennst, eine Krise mitgemacht hast oder dich ein Verhalten total frustriert, über das du schreibst … Das gibt dir wesentliche Anhaltspunkte, was genau du sagen willst und wie du zum Thema stehst. Was sich wiederum auf deine Schreibe auswirkt.
  • Was soll der Leser wissen, können oder tun? Das ist der Lesernutzen, und hier lege ich dir dringend ans Herz, dir diese Frage explizit SO zu stellen: Was soll der Leser wissen, können oder tun? Nicht immer gibt es ein WISSEN, ein KÖNNEN und ein TUN. Doch es sollten 2-3 ganz differenzierte, erfüllbare Nutzen formuliert sein. „Erfüllbar“ heißt: Du musst das bewirken. Dein Text muss so gut sein, dass das passieren kann, nicht was sich hübsch anhört oder was du schön finden würdest.

Schau dir mal die Beispiele zu diesen drei entscheidenden Fragen an.

Erst, wenn du den Plankton-Arbeitstitel anschaust UND dir konkret die drei weichenstellenden Fragen beantwortet hast, kannst du zielgerichtet die Inhalte überlegen. Das geht jetzt auch viel leichter!

Konzeptionsbaustein 3: Struktur und Inhalte auswählen

Jetzt geht es darum, aus deinem Expertenkopf eine Auswahl zu treffen, was relevant ist, um diese Ziele oben zu erreichen:

  • Wie baue ich den Text am besten auf?
  • Welche Text-Abschnitte brauche ich (mit aussagekräftigen Zwischenüberschriften das Skelett festlegen)?
  • Und anschließend: Welche Kerninformationen/“nackten Fakten“ brauche ich pro Abschnitt.

Dieses Auswählen ist total folgerichtig. Wenn du das einem Kunden oder Journalisten erklärst, kannst du es doch auch.

Manchmal sagen mir Workshopteilnehmer: „Wenn mir Kunden Fragen stellen, kann ich es. Aber so aus mir heraus geht das nicht!“

Ja, dann stell dir halt selbst relevante Fragen! Du kennst doch dein Plankton-Thema und du weißt aus deiner Praxis, worauf es dabei ankommt, was Knackpunkte und Hürden sind.

Der Plankton-Arbeitstitel ist deine Leitplanke: Denn was da drin steht, ist das Herzstück deines Textes. Herzstück heißt: mindestens 50 % des Textes befassen sich GANZ GENAU DAMIT, was du im Arbeitstitel in den Mittelpunkt gestellt hast.

Das Konzipieren ist der Teil, der komplexer ist, und wo man nicht mal kurz eine Anleitung geben kann. Jeder Text ist hier anders und je nach Parameter in den ersten beiden Konzeptionsschritten fallen Struktur, Inhalte und Ansprache anders aus. Darum ist das Konzipieren einfach Übungssache und niemand kann es mal eben, nur weil er das Prinzip verstanden hat.

In den Schreib-Basics + in den Konzipieren-Kategorien findest du jede Menge Tipps.

Wichtig ist mir heute, dass du verstehst, dass dieses Vorausdenken keine Wissenschaft ist, sondern einfach ein folgerichtiges Hangeln von einer Information zur anderen. Und die sind alle in deinem Kopf drin! Sie wollen nur raus.

Ganz wichtig: Es soll nicht alles raus, was du zu deinem Thema ALLES so im Kopf hast. Schreiben ist immer eine Auswahl. Es ist unsere Aufgabe als Experten, für unsere LeserInnen nur das rauszuholen, was auf unser Plankton-Thema bezogen relevant ist.