Perspektivenwechsel
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Überfordere deine Zielgruppe nicht unnötig!

Immer, wenn wir Selbstständige mit besonders viel Herzblut unterwegs sind, besteht die Gefahr, dass es unseren Lesern und potenziellen Kunden zu viel wird.

Ja: Zu viel Engagement, kann negativ sein!

Immer mal denke ich an was zurück, das mir ein Tontechniker vom Bayerischen Rundfunk gesagt hat. Ich habe früher hin und wieder Radio-Interviews gegeben – zu Themen, die mir sehr wichtig waren. Nun bin ich außerdem ein lebendiger Typ, der engagiert mit Händen und Füßen redet. Einmal war ich eine ganze Stunde in einer Live-Schaltung, bei der Hörer anrufen konnten. In einer Musikpause sagte der Tontechniker: „Es ist total anstrengend, wenn Sie nonstop mit so viel Nachdruck reden. Da hört man gar nicht gerne zu.“

Das war voll der Schock für mich! Doch dann hab ich mal aufgepasst. Er hatte recht: Meine nonstop-engagierte Stimme war tierisch anstrengend anzuhören.

Auf das Schreiben bezogen gilt das genauso. Bei allen Themen, wo wir so richtig engagiert sind, heißt es aufpassen. Denn dann drehen wir schnell unbemerkt zu viel auf. Es lohnt sich, auf folgende Gefahren zu achten:

Missioniere ich?

Das haben wir alle schon mit anderen mitgemacht: Wenn jemand superoberbegeistert von einer neuen Sportart ist oder zum Jünger eines Ernährungsstils geworden ist oder auf eine Methode (Gesundheit, Organisation, Lebensweise) schwört – und einem das dann ständig reindrückt. Entweder weil es kein anderes Thema gibt und das andauernd richtig hochgejubelt wird. Oder mit diesem durchaus wohlwollenden „Du willst es doch auch“ oder „solltest es tun“ oder „musst nur mal anfangen, dann“ … gerne flankiert von Kommentaren zu dem, was man selbst bisher tut und unterlässt bis hin zum Schlechtmachen von Alternativen.

Das klingt jetzt so gemein, doch dahinter steckt meistens einfach große Begeisterung und tiefe Überzeugung. In Letzterem steckt bereits der Schlüssel: Überzeugen passiert in Teilschritten und indem man etwas selbst erlebt, nicht aufgeschwatzt bekommt. Bring deine Empfehlungen und Meinungen also in kleinen Häppchen, überleg dir, wie du deine Leser etwas erleben lassen kannst anstatt sie zu überreden.

Habe ich hehre Ziele, die andere nicht teilen müssen?

Es gibt immer wieder Themen, bei denen wir selbst einen idealistischeren Ansatz haben. Vielleicht bist du im Naturbereich tätig und dein Ziel ist es, die Umwelt zu schützen und für spätere Generationen zu erhalten. Vielleicht machst du Managementtrainings und willst die Businesswelt zu einem menschlicheren Platz machen. Oder du engagierst dich für Frauen im Beruf und findest, dass jede Frau die Verantwortung hat, etwas dafür zu tun.

Jetzt ist immer die Frage: Muss dein Riesenziel, deine Motivation und dein Plan, wirklich der deiner Leser und potenziellen Kunden sein? – Im Regelfall nicht!

In der Regel ist es nämlich so: Die, die eh deine Ziele teilen, brauchst du nicht groß überzeugen. Und allen anderen braucht man nicht das Oberziel überzustülpen. Da erreichst du viel mehr, wenn du einen Gang runterschaltest.

Es lohnt sich also, bei einem Artikel zu überprüfen: Muss das ein Weltrettungsartikel werden? Ist es wirklich relevant, dass jemand die ganze Natur, Arbeitswelt, den Status aller Frauen als Ziel übernimmt oder geht es dir darum, deine Botschaft einfach richtig gut an deine LeserInnen zu bringen, so dass sie selbst etwas davon haben und für sich nutzen – was dann wiederum deinem Hauptziel zuträglich ist. Denn mit Schreiben verändert man die Welt … von Einzelnen für Einzelne, die das dann in ihrem Umfeld weitertragen.

Überflute ich?

Die Zielgruppe wird auch schnell überfordert, wenn du zu viel in einen Artikel packst. Hier warne ich immer: „In die Tiefe, nicht in die Breite!“

Es ist viel besser, eine klitzekleine, klare Themenfacette aufzugreifen, die du verständlich und nützlich rüberbringst, als ein großes Fass aufzumachen. Gerade bei Texten gilt niemals „viel hilft viel“. Darum empfehle ich generell, den Text vorauszudenken und dir genau zu überlegen, was deine eigenen Ziele sind und was der Leser wissen, können oder tun soll: Text vorausdenken – drei alles entscheidende Fragen

Mache ich meinen Lesern ein schlechtes Gewissen?

… das ist jetzt tricky:

Es gibt das offensichtliche – meist absichtliche – Schlechte-Gefühle-machen: Sagen wir, ich bin Vegetarier und drück meinen Lesern rein, wie tierquälerisch es ist, Schnitzel zu essen.

Es gibt das schlechte Gewissen als Taktik, das mitunter unbemerkt passiert: Wenn man etwas hochlobt oder erzählt, was man selbst tut, womöglich noch mit Vergleichen zu einer anderen Denk- und Verhaltensweise. Oder du erzählst von dir und redest abfällig davon, wie „ignorant“ o. Ä. du früher warst … ohne zu bemerken, dass du gleichzeitig den Lesern, die sich wie geschildert verhalten, auf die Füße steigst.

Gerade bei Ratgeber-Texten reicht es übrigens schon aus, wenn du deinen Leser mit ständigen Optimier-dich-und-dein-Leben-Texten kommst. Selbst, wenn das noch so gut gemeint ist oder sogar aus ganz vielen „einfachen Tipps“ besteht – der ständige Druck, etwas an sich und seinem (Berufs)leben zu verbessern, macht schnell ein schlechtes Gewissen. Erst recht, wenn alles sooooo einfach geschildert wird. Vielen meiner Kunden gebe ich Texte zurück und sage: „Das wäre schön, wenns so simpel wäre, was? – Du hast das viel zu sehr trivialisiert! Versetz dich mal in deine Leser …“

Wir schauen natürlicherweise mit unserem Expertenkopf auf unsere Texte. Zum anderen neigen viele dazu, ihre Themen zu oberflächlich aufzugreifen. Dann landest du auf dem gefürchteten Frauenzeitschriften-Niveau, wo dann steht „Du willst mehr verdienen? Dann mach einen Termin bei deinem Chef und fordere mehr Geld!“ oder „3 Tipps, wie deine Beziehung garantiert glücklich bleibt“. Sei realistisch! Nimm deine Leser an die Hand, erkläre, warum was vorteilhaft ist, was es ihnen bringt und was das für sie selbst bedeutet. Das „Wie geht das?“ ist viel relevanter als das „Du solltest/müsstet aber mal wirklich!“, das manchmal im Gewand von „Nimm dein Leben/Glück/Bla in die Hand!“ daherkommt.

Weniger ist mehr!

… und damit meine ich nicht, dass wir unser Engagement, unsere Überzeugung oder unsere Begeisterung dämpfen sollen. Es geht um die Wirkung und um verdauliche Häppchen, die für unsere Leser relevant sind.

Meist sind es einzelne Texte, wo es einfach „too much“ ist. Es kann aber auch sein, dass dein Engagement so groß ist, dass dein Blog insgesamt zu anstrengend wirkt.

Du weißt – wie ich es sofort bei meinem Radio-Interview gewusst habe -, wenn du zu sehr aufdrehst. Dann machs eine Nummer kleiner! Das bedeutet nicht, weniger mit Herzblut bei der Sache zu sein. Es geht einfach darum, dass du deine Leser verschnaufen lässt, sie mehr an der Hand nimmst statt zu konfrontieren oder dauernd zu pushen. Deine Botschaft wirkt durch Akzente viel mehr.

Fordern ist gut. Herausfordern ist gut. Überfordern nicht.

 

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