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Beachtenswertes bei Beispielen (2)

Im ersten Teil habe ich angekündigt, dass es ganz leicht passiert, dass du mit Beispielen das Gegenteil erreichst. Anstatt das Verstehen zu stärken, können sich Beispiele sogar negativ auswirken:

  • Sie können die Identifikation stören.
  • Wenn es ganz blöd läuft, verärgerst du LeserInnen sogar.


Zu Beispielen gibts jede Menge zu sagen. Ich könnte ein Buch dazu schreiben, weil so viele Anwendungsgebiete, Stil-Entscheidungen und Zusatznutzen drinstecken. Damit einher gehen alle möglichen Fallstricke, mit denen du deinem Text keinen Gefallen tust.

Beim Schreiben läuft ganz viel unter „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Nur, wenn du merkst, dass was stört oder so gar nicht funktioniert, kannst du was dran ändern. Darum ist es mir – hier im Blog und mit meinen Kunden – so wichtig, am Fundament zu arbeiten.

Was die Beispiele betrifft, sehen wir uns heute einige zentrale Punkte an. Das hilft dir, deine eigenen Texte aufmerksam zu betrachten.

Verstehen und identifizieren

Ein Beispiel hat eine klare Funktion in einem Text. Du nutzt es, damit die Leser das Geschriebene besser verstehen und auf sich anwenden können. Um einen Text praxisnaher zu machen. Um damit zu sorgen, dass die Inhalte greifbarer, menschlicher oder brisanter werden.

Wenn das Beispiel den Text nicht nützlicher macht, hat es keine Existenzberechtigung.

Nun hängt das Verstehen und Identifizieren unter anderem davon ab, wie du ein Beispiel schreibst. Zwei Aspekte dabei sind:

Namen

In den meisten Fällen kannst du auf Namen völlig verzichten. Wenn du Namen verwendest, empfehle ich dir die simpelste Variante: Frau Schmidt, Herr Maier oder einfach einen möglichst gängigen Vornamen. Du willst immer die Aufmerksamkeit am Inhalt halten, und wenn da Frau Koriander-Mühlbacher steht oder ein total exotischer Vorname, dann bleibt das Hirn sofort an so einem unnötigen Detail hängen. Unser Hauptziel ist, dass die Leser flüssig von oben bis unten durchkommen. Wer flüssig liest, versteht besser.

Was du nie brauchst, ist sowas wie „Marion S.“, „Peter K.“ oder die Variante mit ausgeschriebenem Vor- und Zunamen plus Fußnote „Name geändert“. Das wird in den Medien genutzt, um Aktualität vorzugaukeln oder um tatsächliche Personen unkenntlich zu machen. Es gibt keinen Grund, das in einem Blog- oder Newsletterartikel zu machen.

Wie immer gilt: Keep it simple. Das heißt in den meisten Fällen, dass es gar keinen Namen braucht. Alternativen sind Umschreibungen à la

Eine Grafikdesignerin …
Ein alleinerziehender Vater …

Ebenfalls gut:

  • Ein Denkszenario, das den Leser in die Sie-Ansprache mitnimmt: „Angenommen, ein aufgebrachter Kunde ist am Telefon und …“
  • Die Ich-Form. Das geht sowohl gut bei Beispielen, die du selbst erlebt hast, als auch bei Angenommen-Szenarieren: „Wenn ich beispielsweise bla vorhabe, dann …“

Alle unnötigen Details überfrachten!

Die besten Beispiele kommen kurz und knackig auf den Punkt. Denn das ist ihr Job: Sie sollen den Fließtext unterstützen, der davor oder danach kommt – also bitte nie Beispiele auswalzen.

Dazu neigt man, wenn es um tatsächliche Ereignisse geht. Du schreibst aber keine Dokumentation! Es ist nicht nötig, genau zu schildern, wer wie was in Realität warum wie reagiert hat, wenn du nur kurz was illustrieren willst.

Das Gute: Unnötig langatmige Beispiele sind leicht erkennbar. Zum einen durch den Platz, den sie einnehmen. Je länger ein Beispiel, desto Alarm. Zum anderen nimm dir einen Textmarker und markiere nur die Aussagen, die wirklich die Substanz des Beispiels ausmachen. Dann siehst du sofort, ob du unnötig drumrum geschrieben hast.

Trau dich, ein Beispiel wegzulassen. Besonders, wenn es der Anlass für einen Text war. Manchmal ist man durch ein Vorkommnis inspiriert, doch das heißt nicht, dass es im Text vorkommen muss.

Du siehst: Wie immer steckt der Teufel im Detail!

Abbringen + wegfiltern

Jetzt kommen wir zu den schädlicheren Nachteilen, die ein ungünstig konstruiertes Beispiel haben kann:

  • zu speziell und damit nicht relevant genug
  • die Leser verärgern: zum Beispiel durch Trivialisieren, unrealitisches Beispielschmieden, Unterstellungen und Klischees

Zu speziell und damit nicht relevant genug

Ich wiederhole: Unser Ziel ist, dass die Leser von oben bis unten flüssig durchkommen. Sie sollen sich auf die Inhalte konzentrieren können.

Verwendest du Beispiele, dürfen die also kein Hindernis sein, das deine Inhalte verwässert oder unnötig doppelt. Nun geht es schnell, dass ein Beispiel an der Zielgruppe vorbeischießt und dafür sorgt, dass manche Leute aussteigen.

Schreibt ein Steuerberater einen Text über Betriebsausgaben und bringt Beispiele über Firmenflotten, dann sollte er sicher sein, dass die meisten seiner Leser eine Firmenflotte haben!

Oder: Jemand gibt Erziehungstipps, wie man mit bockigen Teenagern umgeht. In den Beispielen kommen Extrembeispiele von beleidigenden Teenies und hilflosen Müttern. Das ist dann in Ordnung, wenn sich der Text explizit um solche Grenzüberschreitungen dreht und sich an unsichere Mütter wendet. Geht es im Text allerdings um normale Bockigkeit und ist er für alle Eltern gedacht, dann sind diese Beispiele zu speziell und drücken den Text in andere Ecken. Die Folge: Der Artikel enthält vielleicht gute, generell anwendbare Tipps – die kommen aber als solche nicht mehr bei allen an, weil die Beispiele sie unnötig zugespitzt haben.

Als Fachleute springt uns schnell mal ein Beispiel aus der Praxis an. Oder wir sind durch unseren Alltag beeinflusst, indem uns das letzte Kundenanliegen noch im Ohr klingt beziehungsweise eine Frage, die jemand in einem Seminar gestellt hat.

Frag dich: Ist dieses Beispiel für diesen aktuellen Text das richtige? Oder ist es zu speziell und damit Futter für einen weiteren Text?

+ Denk bitte an das „du schreibst keine Dokumentation“: Du kannst jederzeit ein echtes Beispiel entschlacken, verändern oder eins konstruieren.

Eine Variante von „zu speziell“ ist, einen Teil deiner Leserschaft zu überfordern. Hier steht unser Expertenkopf im Weg: Für uns Fachleute sind die Dinge glasklar. Wir kennen die Details, haben Erfahrung und wissen um Zusammenhänge. Für uns ist alles einfacher.

Schreibst du für Leser, die nicht schon fortgeschritten sind – und selbst dann –, läufst du Gefahr, zu viel zu verlangen. Wenn du darüber schreibst, wie einfach es ist, in einer Stadtwohnung Gemüse zu ziehen, aber deine Beispiele zu überdimensioniert sind oder die verwendeten Fachbegriffe zu kompliziert, dann steigen Leser aus. Das Gemeine: Das merkt man oft selbst nicht. Wegen des Expertenkopfes! Gerade, wenn du es noch nicht so gewohnt bist, über dein Fachgebiet zu schreiben, ist es sehr heilsam, Feedback von außen zu bekommen. Meine Workshop-Kunden kriegen meistens erstmal die Krise. Nicht, weil ich so gemein bin, sondern weil sie zum ersten Mal aufgezeigt bekommen, wo sie ihre Leser total überfordern. Nicht nur bei Beispielen.

Die Leser verärgern

Beispiele können unbeabsichtigt Sprengstoff reinbringen. Hier könnte ich wieder eine riesige Aufzählung machen. Darum begrenze ich mich auf:

Das Polarisieren. Das mit dem Polarisieren geht ganz schnell! Und es hat seinen Reiz. Doch wenn du eigentlich nur ein Beispiel brauchst, um einen Punkt zu machen, dann kann das polarisierende Beispiele die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Deine Leser kommen auf ein Nebengleis – und gerade auf Social Media hast du eventuell eine Diskussion an der Backe, die du weder willst, noch beabsichtigt hast. Es lohnt sich, feine Antennen zu haben, sobald sich polarisierendes Gelände zeigt:

1. Achte auf haarige Themen deines Fachgebiets, bei denen du weißt, dass es starke Meinungen gibt. Wer über Ernährung schreibt, weiß, dass einzelne Ernährungsformen zu Glaubenskriegen führen. Gleiches gilt für Politik, Gendering, Rauchen, Burnout etc. Sobald du auf solche Tretminen-Themen kommst, überleg dir zweimal, ob das hier und jetzt nötig ist + wie du es formulierst.

2. Nutz innerhalb eines Beispiels starke Aussagen und Verhaltensweisen nur dann, wenn sie für das Beispiel wichtig sind. Sagen wir, ein Psychologe schreibt, wie man in der Partnerschaft anspricht, wenn man eifersüchtig ist. In einem einleitenden Beispiel schildert er einen Kunden, der eine Ortungsapp auf dem Smartphone seiner Freundin installiert – und sie so der Lüge überführt hat. Das Beispiel ist für den Kern des Textes gar nicht relevant, birgt aber den Aufmerksamkeitskidnapper, dass sich Leser darauf einschießen, ob man das darf oder nicht, wie grenzüberschreitend sie sowas empfinden würden … plus: Das Gehirn ist nun zu Beginn des Textes auf „nachspionieren“ gepolt. Es geht aber doch darum, wie man in der Partnerschaft anspricht, dass man eifersüchtig ist!

Das Trivialisieren. Leser rollen mit den Augen, sobald ein Beispiel ganz offensichtlich praktisch hinkonstruiert wurde. Das kommt besonders häufig bei vermeintlichen O-Tönen vor: Da schildert man erst einen Tipp, zum Beispiel wie man sich bei einem Konfliktgespräch verhält. Dann zeigt man anhand eines Beispiels, wie das Gespräch in der Praxis verläuft. Läuft jetzt das Gespräch viel zu glatt und mustergetreu (unrealistisch), fühlen sich Leser verarscht.

Sagen wir, ich schreibe über Gehaltserhöhungen und gebe den Tipp, dass der Leser sich nicht durch ein „Das ist nicht im Budget!“ abwimmeln lassen soll. Dass es wichtig ist, beharrlich zu sein und mit einer Frage zurück aufs eigene Anliegen zu kommen.

Und dann zeige ich das anhand eines Beispiels:

– „Herr Meier, ich möchte eine Gehaltserhöhung von 300 Euro netto.“
– „Sie wissen doch, Frau Schmidt, dass wir gerade einen Gehaltsstopp haben.“
– „Sind Sie etwa mit meiner Leistung nicht zufrieden?“
– „Doch, aber …“
– „Sehen Sie! Dann ist es wichtig, dass wir darüber reden, dass das honoriert wird.“
– „Sie haben recht, Frau Schmidt. Sie möchten also gerne 300 Euro mehr?“

Klingt absurd, gell? – Ist es auch! O-Töne sind ungewohnt für viele Autoren, darum fallen sie gerne mal unrealistisch aus.

Fordere dich bei Beispielen, zu demonstrieren, wie der Tipp genau angwendet wird. Natürlich bist du in der Lage, einen Tipp auf die Praxis umzulegen, aber bitte realistisch! Wenn es dir nicht gelingt, dann ist es ein guter Hinweis darauf, dass du vielleicht deine Tipps zu wenig konkret aufdröselst und darum selbst ins Schwimmen gerätst.

Unterstellungen und Klischees. Alles, was du überstülpst, führt zu Distanz. Hüte dich also davor, LeserInnen in einen Topf zu werfen. Darüber habe ich schon geschrieben beim Krankenschwester-Wir und bei Gehst du zu sehr von dir aus?

Schreiben ist anspruchsvoll

In diesem Text habe ich nur ein paar wenige Fallstricke von Beispielen angesprochen. Du kannst dir vorstellen, wie komplex das Thema ist. Dabei sind wir noch gar nicht dabei, ein konkretes Beispiel für einen aktuellen Text passgenau zu machen.

Schreiben ist anspruchsvoll. Und anspruchsvoll bringt mit sich, dass es eben nicht auf Anhieb so einfach ist. Das ist nicht schlimm. Denn gleichzeitig gilt immer „keep it simple“.

Frag dich:

  • Brauch ich das Beispiel oder erklärt der Fließtext eh schon alles?
  • Wenn du ein Beispiel verwendest, frag dich: Ist das hier das beste Beispiel, um mein Thema/die Passage, um die es mir geht, nützlicher + greifbarer zu machen?
  • Ist das Beispiel richtig und gut: Wie geht es simpler, also geradliniger, straffer, klarer?

Zusatztipp: Stilmittel Zeit

Wenn du eine aktuelle Anekdote schilderst oder dich an etwas erinnerst, was die Leser richtig miterleben sollen, dann probier aus, ob dein Beispiel in der Gegenwart nicht viel besser wirkt als in der Vergangenheitsform. Das nimmt die Leser direkt mit in die Situation, wie ich hier anhand der wörtlichen Rede schon empfohlen habe.

 

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