Struktur

Artikel-Formen: Multiple-Choice-Tests

Fast nichts macht mehr Laune, als einen Test über sich selbst auszufüllen. Immerhin freuen wir uns alle, wenn es um uns geht. Außerdem ist es immer schön, etwas über sich zu erfahren.

Multiple-Choice-Tests sind eine vielseitig einsetzbare Artikel-Form, die dir erlaubt, deine LeserInnen spielerisch zu Aha-Effekten zu bringen. Die denken lockerflockig über sich nach, sogar wenn es um ein schwieriges Thema geht.

Ein Multiple-Choice-Test hat immer Unterhaltungsfaktor, auch wenn du den Test selbst rein informativ ohne pfiffige Szenarien zusammenstellst. Aber sind solche Tests nicht unseriös und oberflächlicher Käse?

Das habe ich früher gedacht, und als der GU Verlag für eine Buchklappe „sowas“ wollte, erst wild mit den Augen gerollt. Doch dann habe ich es sportlich gesehen und mir meinen ersten Multiple-Choice-Test zusammengestellt. Dabei habe ich erst gemerkt, dass ich – wie viele – nicht verstanden habe, worum es bei einem gut gemachten Selbst-Test dieser Art geht.

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Worum es nicht geht:

Es geht nicht schwerpunktmäßig um die Auswertung!

Schau mal. Das sind zwei Fragen aus einem Multiple-Choice-Test über Selbstdisziplin.

Sie haben Schmerzen. In der Krankengymnastik zeigt man Ihnen einige Übungen. Wenn Sie diese täglich machen, verschwinden die Schmerzen:
c) Wenn mir die Kasse die Krankengymnastik zahlen würde, könnte ich es machen. Alleine geht das ja eh nicht.
b) Ich mache die Übungen. Wie ich mich kenne aber nur, bis ich schmerzfrei bin.
a) Ich ziehe das auf alle Fälle durch, wenn’s mir hilft!

Was denken Sie über Menschen, die etwas anfangen, aber nicht durchhalten?
a) Meine Eltern haben mich schon gelehrt: „Was man anfängt, muss man zu Ende bringen“.
b) Das kommt drauf an: Wenn jemand nie etwas durchzieht oder auch etwas nicht macht, was wirklich notwendig wäre, dann verstehe ich das nicht.
c) Ganz normal, wir sind ja keine Roboter. Mir geht’s selbst oft so.

Auf den ersten Blick denkt man: Mei, ist doch total durchschaubar, um welche drei Typen es da geht!

Doch genau das ist unerheblich, denn jeder von uns kennt sich „vom Prinzip“ her. Niemand braucht einen Selbst-Test, um rauszufinden, dass er Dinge super durchziehen kann. Und auch diejenigen, die bisher eher keine Selbstdisziplin haben, wissen das schon bevor sie zum Stift greifen.

Interessant wird ein Multiple-Choice-Test durch die Art der Fragestellung und die einzelnen Szenarien. Sind die zielgerichtet von uns ausgewählt, nehmen wir unsere Leser fest dabei an der Hand, über sich nachzudenken. Es geht dabei nicht nur darum, dass er „seins ankreuzt“, was er ja schon weiß, sondern dass er differenzierter über das Thema nachdenkt.

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Sind Multiple Choice-Tests gut gemacht, …

… bringen 10-12 gezielte Fragen die Kernbandbreite deines Themas auf den Punkt.

… denkt der Leser über verschiedene Facetten bei sich nach.

… erkennt er, dass es andere Ausprägungen und Alternativen zu seiner Einstellung/seinem Verhalten gibt.

… bekommt er automatisch einen Perspektivenwechsel mit, der im Alltag zu mehr Verstehen führen kann (selbst, wenn er es gar nicht bewusst merkt).

… kannst du sogar unpopuläre und schwierige Themen so verpacken, dass der Leser sich ehrlich damit auseinandersetzen möchte. Und das, ohne dass er die Krise kriegt.

Gerade bei Persönlichkeits- und Lebensthemen tritt man seinen Lesern oft sehr nahe und löst, wenn man nicht aufpasst, Druck oder Selbstzweifel aus.

Anspruchsvoller, als es aussieht!

Wie so oft beim Schreiben schaut alles so wahnsinnig einfach aus, wenn man einen Text vor sich hat. Doch so ein Multiple-Choice-Test fordert ganz schön, u. a.:

  • Die Auswahl der Szenarien muss verschiedene Aspekte des Themas beleuchten. Ein häufiger Fehler ist, dass das gleiche Antwortprinzip in verschiedene Szenarien gestellt wird, so dass der Leser praktisch ständig „dasselbe in Grün“ beantwortet, nur eben in unterschiedlich ausgemalten Situationen.
  • Die Ausprägungen, auf die die Szenarien hinauslaufen – also Typen, Einstellung oder Verhaltensweisen – müssen so grundlegend sein, dass jeder Leser sich eindeutig drin wiederfindet + es dennoch sinnvolle Mischtypen gibt. Kaum jemand ist ein „reinrassiger“ Typ, wenn du dein Thema vielseitig beleuchtest.
  • Die ausgedachten Szenarien müssen für die meisten Leser möglichst nah an der eigenen Realität sein. Das alleine ist für die meisten Schreiberlinge schwer, denn wir haben es als Autoren mit einer Masse uns unbekannter Persönlichkeiten zu tun.
  • Die Antwortmöglichkeiten müssen so treffend und relevant ausgewählt werden, dass jeder Leser eine zu ihm passende Antwort findet, die mit der entsprechenden Auswertung korrespondiert.
  • Die Auswertung wird bei so einem Multiple-Choice-Test immer kurz ausfallen, trotzdem muss Aussagekraft rein – und zwar gleichermaßen gehaltvoll bei allen Typen. Hier verfallen viele in den Horoskop-Stil:

 

 

Ich hoffe, ich habe diese vielseitige Artikel-Form etwas rehabilitiert. Sinnvoll eingesetzt sind Multiple Choice-Tests bereichernd für jedes Blog, Buch und für Trainingsunterlagen. Nicht nur für die Leser, sondern für uns selbst, weil wir fachlich + schreiberisch auf vielen Ebenen ganz neu gefordert sind. Es macht übrigens jede Menge Spaß, so einen Test auszuarbeiten.