Korrespondenz/Marketing

Korrespondenz: Ändert sich dein Ton?

Fun Fact: Zu 98 % bekomme ich sehr lockere E-Mails – auch von Leuten, mit denen ich bislang noch nichts zu tun hatte, die mich also nicht persönlich kennen. Ob es um Feedback, eine Workshop-Anmeldung oder eine Frage à la „Ich bräuchte wen, machst du das?“ geht: Meistens lache ich schon beim Lesen, nicht selten sogar laut.

Dadurch bekomme ich sofort einen Draht.
Der unbekannte Absender ist mir instant-sympathisch.

Ihr lockeres Mit-mir-reden führt außerdem dazu, dass die SchreiberInnen mehr von sich preisgeben:

  • Entweder sie kommen direkt ins Plaudern, was mir mehr über sie und ihre Art verrät. Alleine durch das WIE sie etwas sagen.
  • Meistens führen sie, wenn sie ins Reden kommen, automatisch ihr Anliegen weiter aus. Dadurch kann ich ergiebiger einhaken. Oft antworte ich auf etwas, nach dem gar nicht explizit gefragt wird, einfach weil ich inhaltlich mehr erkennen kann.

Für uns Selbstständige ist das Gold wert.

Denn verkaufen tun wir über Sympathie, Glaubwürdig- und Vertrauenswürdigkeit. Fachwissen wird erst mal vorausgesetzt.

➡ Es geht immer um Glaubwürdigkeit

Über den Plauderton schreibe ich wieder und wieder. Welche Macht er hat, wie man rankommt, welche Missverständnisse es dazu gibt und und und.

Heute geht’s mir um eine Variante des Dr. Jekyll und Mr Hyde-Effekts, über den ich schon mal gebloggt habe.

Ist deine Korrespondenz wie von zwei Leuten geschrieben?

drjekyllmrhyde

Als Selbstständige gibt es die üblichen Briefe und E-Mails:

– Wir fragen etwas an.
– Wir antworten.
– Wir stellen uns vor.
– Wir bieten etwas an.
– Wir verknüpfen uns.
– Wir erinnern oder mahnen.
– Wir geben einen Korb.

Jede dieser Korrespondenz-Arten birgt eine Fülle von Variablen, bei denen wir uns sicherer oder unsicherer sind.

Ein kleiner Ausflug in persönliche Gespräche

Wir alle kennen Situationen, in denen wir uns bewusst verstellt haben oder unsere Gefühlswelt die Führung übernommen hat.

Zum Beispiel:

Eine Veranstaltung, bei der wir uns wie ein „fish out of water“ fühlen, also außerhalb unseres Elements sind: Ich hatte etwa schon oft mit Selbstständigen zu tun, die im sozialen und privaten Umfeld tätig waren, und weil sie gerne mehr verdienen möchten, auf Unternehmen zugehen wollen. – Oder jemand ist bisher auf einem bestimmten Level tätig, etwa inhabergeführte Unternehmen und will plötzlich auf Vorstandsebene. Vielleicht bist du zufällig in eine Gesprächsrunde geraten, die dir völlig fremd ist – weil alle kulturell beschlagen waren und du nicht. Oder du gehst mit Jeans und T-Shirt in ein Seminar und da hocken lauter Anzugträger.

Gespräche, wo für einen selbst gefühlt eine Menge auf dem Spiel steht: Die meisten wissen noch, wie es ist, sich wo zu bewerben. Auch in der Selbstständigkeit ist das immer wieder so, darum scheuen so viele die Akquise. Man will oder muss einen Auftrag ergattern, und damit steigt der mögliche Gewinn und das, was man versemmeln kann. Oder denk an ein erstes Date mit jemandem, den du ganz toll findest.

Je unsicherer wir uns da sind, desto schneller kann es passieren, dass wir nicht mehr „normal“ sind, sondern zu viel nachdenken. Hier spielen dann gerne Erwartungen mit rein:

  • Die Annahme, dass man sich auf eine bestimmte Art verhalten sollte. Weil das so von anderen erwartet wird oder „man das so macht“.
  • Die Annahme, dass das „eigentliche Selbst“, also das übliche Verhalten und Sprechen, das wir im Alltag einfach tun, ohne groß drüber nachzudenken, in dieser Situation nicht gut/passend/angemessen ist.

Nun ist das in vielerlei Hinsicht eine ganz gute Taktik …

… denn sich an eine Situation anzupassen, ist ja etwas Gutes! Es ist eine wichtige Fähigkeit, etwa, wenn man jemanden frisch kennenlernt, erstmal die Lage zu sondieren anstatt mit einer Arschbombe reinzuknallen. Und es ist eine schöne Fähigkeit, dass die meisten von uns sich einer Situation und dem Umfeld anpassen können – ob mit besonderem Taktgefühl oder einfach, weil sie Nähe und Distanz achten.

Allerdings ist beides was anderes, als sich komplett zu verstellen.

Regler verschieben okay – aber DU solltest immer gleich bleiben, und auf jeden Fall erkennbar. Auch die Gitte gibt’s seriöser, zurückgenommener und in schüchtern, aber du wirst es immer als eine Abstufung „vom Normal“ erkennen.

Schriftlich passiert diese Verstellerei noch viel öfter. Höchstwahrscheinlich weißt du schon, dass du schriftlich anders klingst als normal, vermutlich nüchterner und „geschäftsmäßiger“ bist. Doch meistens bestimmen Empfänger und Art eines Briefes eben auch, wie sehr wir wir selbst sind.

zum Selbst-Check: Korrespondenz (PDF)