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Interview mit Lektorin Juliane Topka aka Sprachpingel

Kurz nachdem ich wieder bei Twitter war, kam mir @Sprachpingel unter die Augen. Wie perfekt ist das denn für eine Lektorin?! Ich war begeistert. Diese mir völlig unbekannte Frau war mir instant-sympathisch und hat sich sofort als DIE Lektorin bei mir verhakt.

Seitdem lesen wir uns im Vorbeigehen, plauschen gelegentlich twitternderweise kurz und jetzt habe ich ihr fürs Blog diverse Löcher in den Bauch gefragt.

… zum Firmennamen:

 

„Sprachpingel“ … wie kams?

julianetopkatwitterprofilGanz ehrlich? Das war eine spontane Idee aus dem Bauch raus. Als diese Idee mich anflog, war ich schon 6 Jahre selbstständig als Lektorin unterwegs. Mein Blog gab es auch schon ungefähr 2 Jahre, es lief aber noch semi-offiziell unter dem Namen „Frisch gestrichen!“, mit dem ich nie so richtig glücklich war. Aber wer erst mit dem perfekten Namen loslegen will, tut es am Ende gar nicht. Also hatte ich mit dem Arbeitstitel angefangen, erste Bloggererfahrung zu sammeln.

Als der Sprachpingel dann da war, wusste ich schon, wie es geht und wie ich das Blog mit meinem Angebot verknüpfen kann.

Ich mag den Sprachpingel vor allem deshalb, weil es das Wort eigentlich gar nicht gibt – und weil trotzdem jeder sofort was damit anfangen kann. Das Adjektiv „pingelig“ ist ja eher negativ angehaucht, den Pingel finden aber die meisten Leute auf Anhieb sympathisch. Das gilt sogar für die, die Lektorat normalerweise mit Besserwissertum und Korinthenkackerei verbinden.

 

Du firmierst unter Juliane Topka. Lektorat für Unternehmenskommunikation, bloggst jedoch unter Sprachpingel. Ist es eine bewusste Entscheidung, dass das Sprachpingel nicht im Firmennamen ist – oder hat sich das eher ergeben?

Teils – teils. Zum einen ist die Bloggerei ja wie gesagt erst dazugekommen, als mein Business unter dem Namen schon etabliert war und gut lief. Es wäre also auch ein Risiko gewesen, diesen Namen zu ändern.

Zum anderen verdiene ich meine Brötchen mit dem Lektorat von Texten aus Wirtschaft, Logistik, Verkehrswesen und ähnlichen Bereichen – da geht es also in der Regel ernsthaft zu. Das Augenzwinkern und die Leichtigkeit, die ich mir im Blog und bei Twitter häufiger erlaube, sind ein Kontrapunkt dazu. Das finde ich toll, aber es gehört und passt nicht vollständig unter dasselbe Dach wie mein Brotjob; als Firmenname wäre „Sprachpingel“ mir zu salopp.

Aber die beiden Websites verlinken aufeinander, und man erkennt seit 2011 auch an der Aufmachung eindeutig, dass sie aus demselben Stall kommen. So ist es für mich nach wie vor stimmig.

Dein Verhältnis zur Sprache:

 

Wie bist du dazu gekommen, dich als Lektorin selbstständig zu machen?

Ich habe nach einigen Umwegen zuletzt gut 5 Jahre in einer großen Unternehmensberatung gearbeitet – und dort in der Unternehmenskommunikation. In dieser Zeit habe ich fachlich und organisatorisch unheimlich viel gelernt und mir auch ein Verständnis für betriebswirtschaftliche Dinge angeeignet, das man als Sprachler ja nicht ganz selbstverständlich mitbringt.

Als ich merkte, dass jetzt mal was Neues dran ist, hatte ich unheimliche Lust, was Eigenes zu machen – und fühlte mich dafür auch gut gerüstet. Dass das Lektorat nicht nur im Verlagswesen gefragt ist und wie anspruchsvoll, abwechslungsreich und interessant es gerade in der Unternehmenskommunikation sein kann, wusste ich durch diesen letzten Job. Und ich hatte gemerkt, dass meine Art der Text-Überarbeitung selbst bei Leuten gut ankam, die sich normalerweise nicht so gern sagen lassen, wie etwas besser geht. Nun wollte ich selbst bestimmen, für wen, wann und wie viel ich arbeite. Das ist jetzt fast 12 Jahre her, und ich habe es keinen Tag bereut, diesen Schritt gewagt zu haben.

 

Du bloggst und hast deine Reihe „Zwei Minuten für die Sprache“ als Buch rausgebracht. Da steckt ja auch ein persönliches Engagement dahinter, was die Sprache angeht … oder?

Persönliches Engagement? Das klingt ein bisschen nach Missionieren … das ist nicht so mein Ding, ich will eher meinen eigenen Spaß an der Sprache vermitteln. Wenn mir Leute sagen, dass sie einen erhobenen Zeigefinger erwartet, aber beim Lesen gar nicht gespürt hätten, dann freut mich das besonders.

zweiminutenfuerdiespracheDer Newsletter „Zwei Minuten für die Sprache“ entstand schon sehr früh. Es ging mir in erster Linie darum, mich fachlich zu positionieren und in Erinnerung zu halten, ohne dabei durch zu hohe Frequenz, zu lange Texte und zu viel „Kauf mich“-Geblinke zu nerven.

Bei den „Zwei Minuten für die Sprache“ war (und ist) der Name Programm: Jeden Monat gibt es einen handfesten Tipp, der in zwei Minuten gelesen ist und in Erinnerung bleibt.

Ich hätte nie gedacht, dass diese Serie so lange läuft – bis heute kommen immer noch jeden Monat neue Leser dazu! Die waren es auch, die mich auf die Idee brachten, daraus ein Buch zu machen – ich selbst hätte daran vielleicht nie gedacht. Im Laufe der Zeit habe ich die Frage nach einem Buch aber tatsächlich so oft gehört, dass mir irgendwann keine Gründe mehr einfielen, es nicht zu versuchen.

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Wie siehst du das mit der Entwicklung von Sprache? Bist du eher eine Bewahrerin, die vielleicht sogar Wörter oder Ausdrucksweisen gezielt am Leben erhält? Oder das Stichwort Anglizismen: Immer mehr englische Begriffe fließen ein und „verfälschen“ das Deutsche teilweise (z. B. „Sinn machen“)?

Ich liebe Sprache, und ich finde es spannend und wichtig, sie bewusst zu verwenden, um ihre ganze Kraft nutzen zu können. Einflüsse aus anderen Sprachen oder aus Fachterminologien sind nichts Böses, sie bereichern das Deutsche und spiegeln auch die Entwicklungen im täglichen Leben wider. Für manche Begriffe, die andere Sprachen haben oder die in anderen Sprachen neu entstehen, gibt es einfach keine adäquate deutsche Entsprechung – ein gutes Beispiel ist „liken“. Warum soll man sich da verbiegen, statt das Wort zu nehmen, das punktgenau ausdrückt, was gemeint ist?

Solche Einflüsse komplett abzulehnen, führt irgendwann zu Absurditäten. Ein Beispiel: Die Behördensprache hat sich erst mit dem Jahressteuergesetz 2006 offiziell von den Bezeichnungen „Hundertsatz“ und „Kraftdroschke“ verabschiedet und diese durch „Prozentsatz“ bzw. „Taxi“ ersetzt. Im Jahr 2006 – also erst vor 10 Jahren. Doll, oder? Ein „Das haben wir immer so gemacht“ führt halt dazu, dass man sich irgendwann hinterm Mond wiederfindet.

Aber: Ich halte es auch für falsch, allzu voreilig Dinge zu übernehmen, ohne groß darüber nachzudenken. Und damit sind wir wieder beim Bewusstsein: Wer sich Gedanken darüber macht, wie unterschiedlich man etwas ausdrücken kann, kann sich gezielt die beste Variante raussuchen.

 

Es gibt im Englischen das schöne Wort „pet peeve“, also irgendwas Banales, das einen so richtig nervt. Welche sprachliche Angewohnheit oder Ungenauigkeit kannst du schwer ertragen?

Ich finde es anstrengend, wenn Leute total in ihrer Fachsprache verhaftet sind und sich auch außerhalb des Jobs nur schwer davon lösen können. Das geht gern Hand in Hand mit der Unart, englische Begriffe einfach ins Deutsche zu zerren und ihnen halbherzig so was wie deutsche Grammatik überzustülpen. Der Twitter-Account @beratersprech überzeichnet dieses Phänomen zum Beispiel für Unternehmensberater (Folgeempfehlung!).

Solange die Damen und Herren sich untereinander verstehen, ist alles bestens. Wenn die Zielgruppe außerhalb des Unternehmens sitzt und von völlig anderen Voraussetzungen ausgeht, muss man sich schon ein bisschen Mühe geben und überlegen, wie man sich verständlich macht – oder sich Unterstützung suchen.

Rund ums Lektorieren:

 

Lektorat ist ja mehr als nur Rechtschreibung zu korrigieren. Was ist denn deine ganz persönliche Definition?

Wenn ein Text nicht verständlich ist, dann ändert sich daran nichts, wenn keine Rechtschreibfehler mehr drin sind. Eine reine Rechtschreibkorrektur ist überhaupt nur sinnvoll, wenn vorher (oder gleichzeitig) ein Lektorat stattfindet. Zur Bandbreite des Lektorats schreibe ich im Blog: „Ich korrigiere Rechtschreib- und Grammatikfehler, spinne rote Fäden, pflücke Stilblüten, sortiere durcheinandergeratene Redewendungen, hänge schiefe Bilder gerade, ergänze, streiche und formuliere um.“ Ich glaube, da kann man sich schon vorstellen, dass es nach dem Lektorat in der Datei ganz schön bunt aussehen kann.

 

… was bewirkt ein Lektorat alles/wie wirkt es sich auf einen Text aus?

Ein gutes Lektorat sorgt dafür, dass die Zielgruppe den Text flüssig lesen kann und den Inhalt auf Anhieb versteht. Die Zielgruppe ist überhaupt ganz wichtig: Je nachdem, wer den Text verstehen soll, ist auch die Bearbeitung unter Umständen ganz unterschiedlich. Fachsprache ist zum Beispiel überhaupt kein Problem (im Gegenteil!), wenn die Zielgruppe vom Fach ist. Richtet man sich an Laien, ist das etwas anderes. Und wenn ein Text keinen roten Faden hat, wenn es darin von schwammigen Formulierungen wimmelt oder die Argumentation nicht deutlich wird, ist auch die Zielgruppe egal: Dann geht Inhalt verloren, weil die Leser ihn nicht (vollständig) verstehen oder schlicht aufhören zu lesen.

Wenn man sehr in seiner eigenen Denke gefangen ist, neigt man beim Schreiben dazu, den Informationsstand der Zielgruppe zu überschätzen. Da ist ein externes Lektorat dann auch eine Teststufe.

 

Ich habe, vor allem durch meine über zwei Dutzend Bücher, mit vielen Lektoraten zu tun gehabt. Darunter gabs GlattmacherInnen, die ihre Aufgabe darin gesehen haben, meinen Stil zu neutralisieren. Andere waren verkappte Autoren. Einer hat mir mal drei Viertel meines Buches UMgeschrieben, und zwar auch inhaltlich, so, wie er es besser fand! Du schreibst auf deiner Website: „Texte, die Sie mir überlassen, behandle ich mit dem nötigen Nachdruck“ – was meinst du damit?

Damit meine ich, dass ich nicht zimperlich bin, wenn es darum geht, einen Text klar und verständlich zu gestalten – im Sinne der Verständlichkeit für die Zielgruppe und damit letztendlich auch im Sinne des Autors, der ja seine Botschaft unter die Leute bringen will. Manchmal drehe ich dabei auch das Unterste nach oben.

Aber der Satz auf meiner Website geht ja noch weiter: „… aber auch mit dem gebotenen Respekt gegenüber dem Urheber“. Dieser zweite Teil ist mindestens genauso wichtig: Ich reiße den Text nicht an mich oder bügele ihm meinen Stil über. Ich frage nach, biete verschiedene Alternativen an und dokumentiere bei der Bearbeitung an vielen Stellen, warum ich etwas verändere und warum die Ausgangsfassung missverständlich, sprachlich schief oder anderweitig ungünstig ist. Wer möchte und sich etwas Zeit nimmt, kann also auch noch was lernen.

 

Ich habe schon öfter von Lektoren gehört, dass Autoren manchmal ziemlich schwierig sind und sich nicht immer „reinreden“ lassen …

Das kann ich aus meiner Erfahrung so nicht bestätigen. Ich habe es allerdings auch ausschließlich mit Unternehmenskommunikation zu tun, also mit Informationstexten. Bei Romanautoren, die ja etwas sehr Eigenes schaffen und persönlich sehr mit ihrem Werk verbunden sind, mag das anders sein – und das kann ich sogar verstehen.

Meine Erfahrung ist eher, dass Autoren sehr dankbar und teilweise sogar erstaunt sind, wenn sie erkennen, wie viel klarer ihre Texte durch das Lektorat werden.

 

* aka = also known as/auch bekannt als