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Verlockend, aber hinderlich: vereinfachen

Überall um uns herum wird vereinfacht. In allen Bereichen wird vorgegaukelt, dass es so simpel ist, Grenzen zu setzen, für sich einzustehen, Kunden magnetisch anzuziehen … ach, jedes beliebige Ziel lässt sich mal eben erreichen. Man muss nur …

Nun gibt es dafür mehrere Gründe:

  • Manche Texte haben gar nicht den Anspruch, wirklich etwas beim Leser zu verändern. Sie sollen unterhalten oder redaktionellen Background für Anzeigen liefern.
  • Dann gibt es die Werbung: Mit wilden Versprechungen, was man alles ganz flott und ohne Kenntnisse mühelos erreichen kann, fängt man natürlich mehr Fliegen als mit der Realität.
  • Außerdem gibt es unseren Expertenkopf, der – besonders gepaart mit Leidenschaft und Enthusiasmus – schnell dazu führt, dass Fachleute die Dinge zu rosig sehen oder ihre ganz unterschiedliche Zielgruppe nicht genug im Blick haben.

Keine Frage: Leser sind mitschuldig

Ich glaube, die meisten Menschen wünschen, hoffen, fordern gerne simple Lösungen, die möglichst flott und garantiert eintreten. Bitte mit radikalen Fortschritten! Und nachhaltig natürlich.

Manchen ist nicht bewusst, wie komplex eine Sache wirklich ist. Andere wollen es nicht wahrhaben oder hätten es gern anders [haha, das kennen wir wohl alle, ich schon!]. Wieder andere sind so streng mit sich, dass sie gar nicht merken, wie unrealistisch ihre eigenen Erwartungen sind, etwas „mal eben“ zu erreichen.

Hier muss ich wieder meine Lieblingsrezension zitieren, die ich auf amazon bei einem Buch über Depressionen gelesen habe:

0 Sterne
„Ich habe das Buch gelesen und leide immer noch unter Depressionen.“

Glaubwürdig bleiben – im Interesse aller

Wann immer du für dein Business schreibst, ob einen Selbstdarstellungs- oder Marketingtext, einen Blogbeitrag oder Artikel in einer Zeitschrift: Lass dich nicht zum Vereinfachen hinreißen!

Damit schadest du dir auf vielfältige Weise:

1. Du trivialisierst.

Werden Probleme und Lösungen zu sehr vereinfacht dargestellt, wirkt der Mensch hinter dem Text so, als ob er die Praxis nicht kennt – oder einfach zu oberflächlich vorgeht. Noch schlimmer ist es, wenn das Thema dadurch so banal rüberkommt, dass die Zielgruppe denkt: „Ach, dann brauchen wir da ja niemanden zu beauftragen, das wussten wir eh schon/können wir dann selbst.“

Artikel können jede Menge für ein Business bringen. Sie können ihm aber auch schaden.

2. Du schürst Erwartungen, die du nicht halten kannst.

Da wird versprochen, dass man nur mal mit der Faust auf den Tisch hauen muss, um respektiert zu werden. Doch dann macht man das und handelt sich nur Ärger damit ein. – Wo ist mein versprochenes Sixpack für den Sommerurlaub? Ich bin doch vier Wochen lang den Trainingstipps gefolgt. – Ich habe wunderbar verhandelt und doch nicht mehr Geld bekommen, obwohl mir das versprochen wurde.

Besonders reißerische Überschriften klingen so schön und laden zum Klicken ein, doch denk dran: Ein Text soll deinen Lesern handfest was bringen.

3. Wenn es nicht zu dir passt, schadest du deinem Image.

Der „Du musst nur mal eben“-Stil ist mittlerweile so verbreitet, dass man schnell ohne es zu merken in diesen Strudel gerät. Dazu kommt, dass viele Schreibtipps in diese Kerbe hauen. Bei Kunden ziehe ich dann die Augenbraue hoch und melde meine Bedenken an, nicht nur inhaltlich: „Echt? Du bist doch gar nicht so!“ Dann kommt immer ein: „Ja, ich finds genauso furchtbar, aber ich dachte …“

Wer zu sehr vereinfacht, verspielt schnell seine Glaubwürdigkeit. Das hatten wir schon. Leider führt es aber auch dazu, dass du Kunden anziehst, die von dir solche „quick fixes“ erwarten. Das rächt sich schon bei den Angeboten: „Wie, Sie brauchen da so lange?“, „Das kann ja nicht so aufwändig sein/so viel kosten!“

4. LeserInnen fühlen sich nicht ernst genommen – oder können dich nicht ernst nehmen.

Paradox: Die meisten DienstleisterInnen, die ich kenne, wollen, dass ihre Kunden realistisch sind und wissen, dass sie selbst aktiv mitarbeiten müssen, um etwas zu erreichen. Gerade, wenn es um eine neue Fähigkeit, eine Verhaltensänderung oder ein anspruchsvolleres Ziel geht, ist ihnen wichtig: Dranbleiben, geduldig sein, aber zielgerichtet Zeit und Energie investieren – und durchaus Geld.

Diese potenziellen Kunden gibt es! Doch das sind genau die, die wissen: Hey, das ist komplexer, langwieriger, das lässt sich nicht von heute auf morgen mal eben erreichen. – Die rollen mit den Augen, wenn sie an Texte geraten, die das Gegenteil versprechen.

5. Schlimmstenfalls demoralisierst du deine Leser.

Kürzlich hatte ich es schon mal über Sinnsprüche. Die sind das Paradebeispiel von Vereinfachung.


Genau das ist jetzt oft eine feine Linie: Eigentlich möchte man mit einem „du musst nur“ ermutigen. Man will seinen Lesern was Gutes tun, sie anregen oder im positiven Sinne pushen.

Doch gerade, wenn es um etwas geht, das jemand nicht kann, sich nicht traut oder einfach überfordert damit ist, kann dieses Nur dazu führen, dass sich LeserInnen schlecht fühlen: „Offenbar ist es ja einfach, nur ich bekomme es nicht hin.“

Das Plankton ist dein Freund!

Wie immer ist das Plankton die Lösung: Anstatt immer gleich ein großes Themenfass mal eben abzuhandeln, zoom weiter rein.

Je konkreter die Themenfacette ist, auf die du näher eingehst, desto handhabbarer ist es. Dann kannst du sehr wohl machbar dafür sorgen, dass deine Leser was mal eben ausprobieren und tatsächliche Fortschritte spüren.