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Interview mit Michaela Schara zu ihrem ganz besonderen Blog

Michaela Schara kenn ich schon seit längerem virtuell als Marketing, Werbe- und Inter-netfachfrau. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange und woher. Wie das im Netz so ist: Man trifft sich immer wieder.

Via Twitter haben wir dann immer mal geplaudert, unsere Zeichnungen angeschaut und so habe ich ganz nebenbei mitbekommen, dass Michaela blöderweise öfter mal ins Krankenhaus muss. Warum, darüber bloggt sie seit Ende März.

(c) Michaela Schara

(c) Michaela Schara

Lieber Herr Crohn
Briefe aus dem Leben mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung


 

Liebe Michaela, ich freue mich total, dass ich dir einige Fragen stellen darf. Denn du hast da ein ganz besonderes Blog gestartet.

Ich freu mich extra narrisch über deine Anfrage und grinse seither wie ein Honigku-chenpferd. Von Gitte Härter interviewt zu werden, als Bloggerin, das ist ja fast sowas wie ein Ritterschlag, zumindest aber ein Orden – Danke!

 

… erstmal lach ich mich jedes Mal über das Logo kaputt. Morbus Crohn ist was, wovon vermutlich die meisten so am Rande gehört haben. Mir war nicht klar, wie heftig das ist!

 

Was hat dich bewogen, ein Blog dazu zu starten. Wie war da der innere Reife- oder auch Haderprozess, mit diesem so persönlichen – ja auch schmerzhaften – Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?

Als ich 2012 Jahren einen intensiven Crohn-Schub bekam, ist mir in den darauffolgenden Monaten mein damaliges Leben zerbröckelt. Wenn sich der Job den Alltag mit den Schmerzen teilen muss, werden irgendwann Zeit und Energie knapp. Die Schmerzen haben gewonnen, meine Arbeit hat verloren.

(c) Michaela Schara

(c) Michaela Schara

In meinem Beruf aber war Schreiben ein wichtiger Teil. Sei es für meine eigenen Blogs oder wenn ich mit Klienten an ihren Marketingauftritten gearbeitet habe.

Schreiben ist etwas, das für mich so wichtig ist wie Atmen. Ich spiele gerne mit Worten und im Schreiben kann ich auch wesentlich mehr sagen, als im direkten Gespräch.

Dazu kam dann, dass ich sehr viel alleine zuhause war, zwischen den Spitalsaufenthalten und den Arztterminen. Das stört mich an sich nicht, denn allein sein ist etwas anderes als einsam sein. Aber es war auch keiner da, den ich anjammern konnte und gleichzeitig hätte ich auch niemand anjammern wollen.

Eine seltsame Situation: Man will motzen, maulen, meckern, heulen, raunzen und am besten auf irgendwas oder irgendwen einschlagen. Will die Wut und den Schmerz über diese ganze vertrackte Situation rausschreien. Aber es ist niemand da, dem man das zumuten kann und der-die-das, was Schuld dran hat – der Crohn – ist nicht wirklich (an)greifbar.

Da wurde das Schreiben zu meinem Ventil und hat mir so geholfen, die langen Tage zu überstehen und Ordnung in mein inneres Emotions- und Gedanken-Chaos zu bekommen.

Dass das dann irgendwann an die Öffentlichkeit kommen sollte, stand erst viel später im Raum und war zu Beginn nicht geplant. Es hat dann eine Eigendynamik bekommen und der Teil von mir, der sich dem Marketing nach wie vor sehr verbunden fühlt, hat das Seine dazu beigetragen. Es ist da auch ein Teil in mir, der sich dem Verwerten von vorhandenen Dingen verbunden fühlt. Für die Schublade zu schreiben war diesem Teil irgendwann keine Option mehr. Mein inneres Team und ich haben da also einen Mehrheitsbeschluss gefasst und der Herr Crohn wurde öffentlich.

 

„Lieber Herr Crohn“ ist eigentlich ein Buchmanuskript, das du momentan fertigstellst und planst, zu veröffentlichen. Wird das im Eigenverlag passieren oder hast du schon einen Verlag an der Hand bzw. wie gehst du vor?

Es gibt Interesse von einer Pharmafirma, das Manuskript zum einen als Info für die eigenen MitarbeiterInnen zu verwenden und es zum anderen auf Messen und Veranstaltungen für PatientInnen und Angehörige aufzulegen. Aktuell wird hier noch verhandelt, fix ist noch nix und es sind nach wie vor alle Optionen offen. Verlag, Self-Publishing oder Publikation durch andere – es wird sich beizeiten das Richtige finden.

Dass bisher keine Entscheidung gefallen ist liegt auch daran, dass mir dieses Jahr der Herr Crohn ein paar intensive Lerneinheiten untergeschoben hat: Drei Operationen, die letzte und größte erst vor ein paar Wochen. Die hat mich dann aber auch zu zwei weiteren, wichtigen Briefen inspiriert. Einmal zu einer Bucket List (was ich vor dem großen Cut Out noch tun will) und dann zu einem Abschiedsbrief – an den Herrn Crohn. Denn seit der letzten Operation geht es mir deutlich besser und das ist für mich sowas wie ein Happy End, ein wunderbarer Abschluss des Buches, mit einem positiven Schlusskapitel, das Hoffnung macht.

 

Du hast dich für das Stilmittel des offenen Briefes entschieden. Einige davon hast du im Blog veröffentlicht. Warum hast du diese Form gewählt – und war das Buch geplant oder hast du mit einzelnen Texten begonnen?

Ich habe schon früher Briefe geschrieben, die ich dann nicht abgeschickt habe. Briefe, in denen ich meine Emotionen in erster Linie mal für mich sortiert und damit die Situation geklärt habe – im Sinne von „abgeschrieben“.

Irgendwann im Jänner 2015, an einem von diesen miesen Tagen, hab ich mir mein Tablet geschnappt und aufs Neue einen solchen Brief geschrieben. Sehr rotzig, sehr frustriert, mit verheulten Augen und gleichzeitig dem Bedürfnis, mal so richtig mit Schmackes in die Tasten zu hauen. Begonnen hat der Brief spontan mit „Lieber Herr Crohn …“ und dann hab ich ihm mal die Meinung gesagt.

Das war der Anfang und im Lauf der kommenden Monate sind weitere Briefe hinzuge-kommen. Manche traurig, manche sarkastisch und fallweise auch heiter. Die meisten gingen an den Herrn Crohn, aber es gibt auch andere Briefe. An die Hoffnung, an die Erschöpfung, an meinen Frühstücks-Toast, an diejenigen, die mir ungefragt Ratschläge geben und an die, die sich mit echtem Interesse nach mir erkundigen, denen ich aber nicht die brutale Wahrheit sagen wollte. Im Schreiben ging es dann.

(c) Michaela Schara

(c) Michaela Schara

Einige Briefe habe ich gleich am nächsten Tag wieder gelöscht. Die waren einfach zu giftig. Es war gut sie zu schreiben, aber aufheben wollte ich sie nicht.

Ich hatte damals weder ein Buch noch den Blog im Sinn. Ich habe nur jeden Tag meine Korrespondenz mit meinen „Zuständen“ erledigt und dabei gemerkt, dass mir das gut tut.

Nach ein paar Wochen habe ich ein paar der Briefe meinem Mann und dann ein paar guten Freunden gezeigt. Da erst entstand die Idee, dass das nicht nur zur Eigentherapie Sinn macht, sondern auch für andere ein hilfreicher Einblick sein kann, der vieles verständlicher macht.

Der Blog selbst ist heuer, im Frühjahr 2016, spontan geboren worden. Zuerst war das Manuskript da und dann die Intention, das mit einem Blog zu verknüpfen, weil da einfach noch mehr und andere Infos hinein können, als in ein Buch passen.

Im Buch sind es einzelne Briefe, die einerseits klassische Probleme ansprechen, Gerüchte rund um Morbus Crohn bereinigen, den Alltag darstellen, aber auch Ängste und Emotionen behandeln, die sich bei chronischen, nicht heilbaren Krankheiten einstellen.

Dazwischen gibt es kurze Texte, die auf das Kommende einstimmen und ergänzende Erklärungen liefern. Die Handlung ist eher lose, der rote Faden ist locker, aber nicht gespannt. Man kann also auch mittendrin beginnen, sich nach vorne, hinten oder quer durchlesen – was einen aktuell interessiert.

 

Du hast auch Cartoons und Texte auf Englisch auf der Seite – warum? Und: Wie sind da deine Pläne? Machst du für die ausländischen Leser speziell Werbung?

Wir sind sehr anglophil in meiner Familie und manche Wortspiele funktionieren auf Englisch auch besser. Ein anderer Grund hat sich per Zufall ergeben: Ich habe bei einem Live-Interview gemeinsam mit meiner damaligen Ärztin über die Problematik von Morbus Crohn gesprochen, auf Englisch, weil das Publikum international war. Später wurden dann einige meiner Briefe von einem Unternehmen für den internen Gebrauch übersetzt und so kam eins zum anderen.

Spezielle Werbung mache ich aktuell nicht – das schaff ich momentan einfach nicht, weder auf Deutsch, noch auf Englisch. Es hat zur Zeit alles eine Eigendynamik bekommen und verbreitet sich langsam, aber stetig von selbst.

 

Ich will mal eine vielleicht blöde Frage stellen. Viele Leute, die sich mit einer chronischen Krankheit rumschlagen, sagen, dass sie bestimmte Dinge über sich gelernt haben, dass nicht alles daran schlecht ist. Du schreibst dein Blog ja humorvoll, reflektiert und mit Tipps. – Unabhängig davon, dass es besser wäre, diesen Scheiß nicht zu haben [Kalauer]: Gibt es irgendwas, wo du sagst: Mei, … ?

Es tut mir wahnsinnig leid, aber: Ich bin noch immer nicht erleuchtet [witzig diese Frage, denn dazu hab ich auch einen Brief geschrieben].

Aber ich habe viel gelernt durch und mit dieser Erkrankung, das mit Sicherheit. Über mich, über andere, über das Gesundheitssystem und wie das ist, wenn man als Selbständige dauerhaft krank wird (= tödlich fürs Business und gefährlich fürs eigene Überleben). Auch habe ich tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft und das Sozialsystem bekommen, das zwar aus gesunder Sicht ok wirkt, aber für Kranke in vielen Fällen zu einer Tortur wird. Das klingt nun sehr deprimierend und ich gestehe, dass es das in den meisten Fällen auch ist.

Aber: Es gibt auch Gutes, was ich erfahren und gelernt habe. Hauptsächlich sind es Begegnungen mit anderen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Spannende Gespräche, tiefsinnige Diskussionen und ganz, ganz viele situationskomische Szenen. Vielleicht hab ich ein Talent, dass ich solche Lebenssketches anziehe. Keine Ahnung, aber sie haben mir so manchen miesen Tag und Moment erträglich gemacht.

Was aber wirklich ohne Crohn nie und nimmer passiert wäre, ist meine Reise nach Japan. Auf Einladung einer Firma sollte ich dort vor den MitarbeiterInnen über mein Leben mit Morbus Crohn sprechen. Es kam auch ein „Crohniker“ aus Amerika und gemeinsam haben wir dann über unseren Alltag erzählt und was man so erlebt, wenn man mit dem Herrn Crohn durchs Leben marschiert (oder kriecht, je nachdem).

Japan ist wirklich toll und wir hatten Gelegenheit uns ein bisschen umzusehen – nur ein paar Tage, aber es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Und beide, mein amerikanischer Kollege und ich, waren unisono der Meinung, dass es schon sehr schräg ist, dass wir nur hier sind, weil wir beide Crohn haben und eigentlich die A***karte im Lebenspoker gezogen haben. Aber da war sichtlich auch ein Joker im Kartendeck versteckt und der hat uns nach Japan gebracht.

Das war cool und jo mei: Des is schon fei was Tolles, was ich ohne den Herrn Crohn nicht erlebt hätte. Dennoch: So schön Japan auch ist – ein Leben ohne Morbus Crohn hat mehr Schönheit zu bieten.

 

Du zeichnest total super, mir gefällt dein einzigartiger Stil und wie hintergründig, aber eben auch humorvoll du rangehst. Wie bist du zum Zeichnen gekommen – und wie war da deine Entwicklung?

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(c) Michaela Schara

Als mir die Worte ausgingen, haben ich zu zeichnen begonnen. Und daran bist auch du schuld, liebe Gitte. Denn mit deinen tollen Mantschgerln hast du mich schon früher auf die Idee gebracht, meine Zeichnerei wieder aufzunehmen. Beim Herrn Crohn hat es dann richtig gepasst. Spontan hab ich auch zweimal bei Angelika Bungert-Stüttgens 30-Skizzen-Challenge mitgemacht – so wie du (und auch da hat dein Dabeisein mich zum Mittun inspiriert). Die Cartoons ergänzen die Briefe meiner Meinung nach gut. Und ich freu mich narrisch, dass dir mein Stil gefällt!

Was das Hintergründige betrifft: Das ist der Sarkasmus, mein Münchhausen-Trick. An dem zieh ich mich dann und wann selbst aus der Frustsuppe. Meine Tochter hat mich mal so vorgestellt:

„Das ist meine Mutter. Sie spricht fließend sarkastisch.“

Andererseits ist der Crohn aber auch ein hinterfotziger Geselle. Insofern gebe ich ihm in gleicher Sprache konter.

Wenn man über wen lacht – wir wissen ja: Satire darf fast alles -, dann hat der etwas von seiner Schärfe verloren. Es tut zwar nicht weniger weh, aber mit einem Grinsen wird es verträglicher.

 

Wenn man ein Blog startet, macht man sich öffentlich  und gerade bei so einem persönlichen Thema kommen sicher viele Betroffene auf dich zu. Je mehr sich dein Blog etabliert, desto stärker wird das der Fall sein. Wie willst du damit umgehen?

Ich habe ehrlich gesagt noch keinen Plan und handhabe das großteils situativ. Die bisherigen Reaktionen sind jedenfalls durchwegs positiv. Ich erhalte auch Zuschriften von Leuten, die an anderen Krankheiten leiden, sich aber in den Briefen erkennen – also die Situationen kennen. Der Tenor ist der, dass die Texte und Bilder Mut machen und Klarheit bringen. Das freut mich sehr, denn genau das wollte ich vermitteln.

Ein paar haben natürlich auch wieder Gesundheitstipps und ultimative Heilmittel angepriesen und fast immer kam das von hilfsbereiten, gut meinenden Menschen, die keine Ahnung von Crohn haben, aber wissen, woran es bei mir krankt. 😉

Je nach Tenor des Schreibens reagiere ich dann gleichfalls hilfsbereit und antworte mit einem Standardtext, den ich für solche Fälle vorbereitet habe. Sind die Werbezuschriften aber sehr dreist, dann landet das unkommentiert im großen virtuellen Rundordner.

Aber zum Glück sind es meist sehr nette und ermutigende Zuschriften und ich beantworte jede, auch wenn das fallweise bei mir dauern kann. Denn das Leben und der Herr Crohn sorgen dafür, dass meine Planung immer wieder einer situativen Veränderung unterworfen ist. Dafür kenne ich aber auch keine Langeweile.

 


(c) Michaela Schara

 
Twitter: tweetwithmi
Facebook: michaela.schara
lieberherrcrohn.at

 

(c) Michaela Schara


 

4 Kommentare

  1. Pingback: Ein Interview! - Lieber Herr Crohn

  2. Liebe Gitte!
    Vielen herzlichen Dank für deine tollen Fragen – ich freu mich narrisch sehr über dein Interesse und das Beantworten war mir ein Genuss! 🙂
    Ganz, ganz liebe Grüße,
    Michaela

  3. Liebe Michaela, super. Ich hab alles gelesen … ich finde großartig was Du geleistet hast … und Du warst in Japan wegen Herrn Crohn … sprichst fließend sarkastisch … ja mei, was ein Scheiß.

    Ich bin froh Dich übers Netz zu kennen und ich finde Du siehst so klasse und soooo attraktiv aus.
    Ich verneige mich vor Deiner Offenheit. Danke dafür. Es berührt mich.

    Auf die Gesundheit! Herzlich. Petra

    Danke Gitte, für die tollen Fragen.

  4. Marion Pinkhaus sagt

    WAS MEINT IHR, WAS ICH FÜR DIAGNOSEN HABE. ? SO EINIGE. SORRY, ABER ICH KONNTE MICH DAMIT NICHT ANFREUNDEN UND HABE SIE EINFACH IGNORIERT. BIN NATÜRLICH DANN DURCH MEINE PERSÖNLICHE HÖLLE GEGANGEN . KONNTE MICH SELBER ÜBERLEBEN INDEM ICH EINFACH WEITERGEMACHT HABE, ALS SEI NIX AUSSERGEWÖHNLICH . ALLERDINGS BEZOGEN SICH MEINE DIAGNOSEN AUF MEINE PSYCHE. NUN BIN ICH DURCH DIVERSE HINDERNISSE GEGANGEN UND STELLE FEST , ALLES BESTENS. MEIN BESTER FREUND HATTE AUCH DIESE DIAGNOSE MORBUS CROHN. ER TRANK ZUIEL, WAR VERKRAMPFT, HATTE EINE VÖLLIG BESCH……. EINSTELLUNG USW…..NACHDEM ER SICH VON ALLEM GELÖST HATTE, ( inklusive Ehefrau & Familie) WAR SEIN PROBLEM ERLEDIGT.

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