Deine Leser

Wann ist ein Text zu kurz oder zu lang?

Manche Sachen machen mich sauer. Zum Beispiel, wenn Leute dogmatisch behaupten, wie umfangreich ein Text sein darf oder muss. „Ein Artikel darf nicht zu lang sein, sonst liest ihn keiner!“ – „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Text nur so und so viele Wörter haben darf.“ – Uäch.

Es ist doch so:

  • „Den Leser“ gibt es nicht.
  • Relevant sind Aussagekraft und Nutzendichte.
  • Ist ein Text länger, muss er klar gegliedert sein.

Und über allem steht:

  • Du schreibst. Du hast deinen Stil. Oder solltest ihn haben. 😉

„Den Leser“ gibt es nicht.

Die meisten schließen von sich auf andere, zum Beispiel: „Ich mag nicht so viel lesen! Darum mag das niemand.“

Doch das stimmt nicht! Andere mögen sehr wohl ausführlicher lesen, können nicht genug davon haben.

Unabhängig von der Vorliebe, es lieber deutlicher auf den Punkt zu haben oder mehr Details + Zusammenhänge zu erfahren, geht es allen Lagern um eins: Das, was ich lese, muss sich lohnen.

Denn selbst wenn Kurzliebhaber auf knackige Texte treffen: Steckt nichts drin, war der Minitext für die Katz. Genauso gilt: Ist ein langer Text nur deshalb so ausführlich, weil er dieselbe Tür immer wieder einrennt, durch Gelaber oder umständlichen Satzbau zum Roman wird, enttäuscht er die Leser ebenso. Greifbarer ausgedrückt:

Ein Text ist zu lang, wenn …

  • nicht alles, was dasteht, relevant ist.
  • zu viel geplappert wird.
  • ein Teilaspekt zu ausgiebig ausgewalzt wird (und womöglich gar nicht für jeden aus der angestrebten Zielgruppe interessant/zutreffend ist).
  • er zu sehr aus der Ich-Perspektive des Autors getextet ist.
  • er nicht lesefreundlich und gut strukturiert aufgeteilt ist, sodass er auch beim schnellen Drüberlesen gut erfasst werden kann.
  • im Internet erforderlich ist, dass ein Leser x-mal weiterblättert, weil kleine Portionen an Text auf zig Seiten verteilt sind. Das sehe ich übrigens sehr oft bei Websites von Selbstständigen, besonders bei den Leistungstexten.
  • und schließlich ist zu lang zu lang, wenn der Text langatmig und sperrig formuliert ist.

Wenn wir über die Länge eines Textes reden, geht es also in erster Linie nicht um Umfang, sondern um die Substanz.

Relevant = Substanz: Aussagekraft und Nutzendichte

Ständig betone ich „In der Tiefe steckt der Lesernutzen“. Das gilt immer, ganz egal ob du einen kurzen oder langen Text schreibst, ob Blogartikel, Webtext, Vortragsankündigung oder oder oder.

Darum plädiere ich dafür, dir VORHER über den Umfang klar zu werden und darauf basierend dein Plankton-Thema auszuwählen. Wer zu groß oder schwammig in einen Text geht und schreibt, was ihm spontan so einfällt, der landet an der Oberfläche. Ein oberflächlicher Text bringt wenig bis nichts, denn er bleibt da hängen, wo der Leser eh schon Bescheid weiß oder mangels konkreter Inhalte nicht erkennt, was warum wie wichtig ist.

Als AutorIn bist du die Fachkraft! Du hast Wissen, Ansichten und Erfahrungen im Kopf. Wählst du das beim Schreiben nicht auf den Umfang passend aus, kommst du nicht in die Tiefe. Klar – das ist Übungssache:

noch ein Video, das hier eine Rolle spielt: Die Angst vor der Tiefe

Und eine simple, coole Übung: Schreib hin und wieder auf Zeile

Ist ein Text länger, muss er klar gegliedert sein.

Ist dein Text berechtigt länger, ist wichtig, dass du aufs Layout achtest. Denn der beste und nützlichste Inhalt muss immer noch lese- und verstehfreundlich sein:

Lass deine Inhalte atmen
Der Absatz

Meiner Erfahrung nach achten zwar die meisten auf ein gutes Layout (bis auf ein paar Pappenheimer, die wirklich beharrlich ohne Punkt, Komma und Absätze schreiben) – doch vergessen immer noch viele, dass beim Online-Lesen die Displays immer kleiner werden.

Besonders, wenn man selbst auf größeren Monitoren arbeitet, hat man dieses Format einfach so drin – und optimiert seine Texte dafür. Doch die Welt da draußen hat sich verändert. Sehr viele sind mit Tablets und Smartphones unterwegs – da hast du halt schnell mehrzeilige Überschriften und ein umfassenderer Absatz, der auf einem großen Monitor super ausschaut, wird am Smartphone plötzlich zur kilometerlangen Bleiwüste.

Oh, und weils grad dazu passt: Schau dir mal dein Blog kritisch an! Nicht jedes Blog ist lesefreundlich programmiert. Das YOKO-Theme, das ich für Schreibnudel aktuell nutze, hat im Original eine hellgraue Standardschrift. Als ich damit zum ersten Mal online ging, haben mir einige BlogleserInnen gesagt, dass sie es nicht gut lesen können. Daraufhin hab ich gegoogelt, wie man den Wert dunkler bekommt und es angepasst. Vor allem die Schriftgröße ist bei Blogs oft sehr klein. Das lässt sich in jedem Blog mit einem Handgriff anpassen. Wenn du es nicht weißt, frag einen Fachmann! Das ist keine große Sache und kostet kaum Zeit und Geld.

Du schreibst. Du hast deinen Stil.

… oder wirst ihn haben. 😉 Hier gleich ein Trostpflaster, wenn du das Gefühl hast, deine Texte klingen noch nicht so richtig nach dir: Wie bei jeder Fähigkeit, steht vor dem eigenen Stil das Üben und die Zuversicht. Das eine wächst mit dem anderen.

Einen Stil HAT man nicht, man bildet ihn heraus. Du kannst ihn aber nur herausbilden, indem du dir selbst mehr vertraust, anstatt andere 1:1 zu kopieren oder dich vermeintlichen Schreibgesetzen zu beugen.

Hier sind wir dann wieder bei den Vorlieben: Wenn du also jemand bist, der ausführliche Texte liebt, weil du Inhalte gerne in Geschichten verpackst, weil du als LeserIn schätzt, wenn überall Beispiele dabei stehen – oder einfach, weil du lieber fundierte, in die Tiefe gehende Texte vorziehst, dann wird es Teil deines Stils sein, dass deine Texte ausführlicher sind.

Der eigene Stempel schließt nicht nur das ein, was dich ausmacht – zum Beispiel, dass deine Texte idealerweise nach dir klingen („Ja, das bist ganz du! Ich kann dich richtig raushören!“), sondern auch was du gerne magst. Unter anderem weil wir das, was wir selbst gern mögen, lieber produzieren.