Selbstdarstellung

Das kleine Wörtchen „leider“

Vor einigen Jahren gabs Plakate, was man im Bahnhof alles nicht tun darf. Darauf standen allerlei Verbote. Unter anderem sinngemäß das hier:

Leider dürfen Sie sich nicht betrinken und anschließend bei uns im Gebäude rumhängen.

Natürlich stand das in etwas hochgestochener Formulierung. Doch die Message war tatsächlich „Leider dürfen Sie sich in unserem Gebäude nicht besoffen aufhalten.“ Der Texter war offensichtlich einer weit verbreiteten Gedankenlosigkeit aufgesessen: Er wollte es gerne höflich und servicebewusst formulieren und nicht lauter Verbote aussprechen, also hat er es schlicht mit einem „leider“ gedämpft.

Doch das Leider ist nicht einfach ein Füllwort, sondern es hat ja eine klare Bedeutung.

leider

Was sind Leider-Sachen?

Leid tut einem etwas,

➡ das man bedauert,
➡ was man selbst schade findet,
➡ wo man etwas versemmelt hat
➡ oder nicht in der Lage ist, etwas zu tun:

  • Leider habe ich nicht, wie vereinbart, am Freitagnachmittag noch angerufen.
  • Leider habe ich eine falsche Postleitzahl auf den Brief geschrieben.
  • Es tut mir leid, dass wir in dem Fall nicht zusammenkommen. Ich habe im Bereich xy nicht genug Erfahrung, um Ihren Auftrag guten Gewissens anzunehmen.
  • Es tut mir leid, dass Sie sich über unseren Online-Shop geärgert haben.
  • Leider hab ich grad gar keine Zeit, einen weiteren Auftrag anzunehmen.

Besonders schwierig für Einzelunternehmer

Wir EinzelunternehmerInnen sind „der Boss“. Wir entscheiden, was wir tun oder lassen. Es gibt keine Firmenregeln, denen wir uns beugen müssen. Möchte also jemand etwas von uns, dann weiß derjenige: Es liegt in unserer Hand. Schauen wir uns einige Beispiele an:

  • Jemand fragt nach einem Preisnachlass (Skonto, Studi-Rabatt o. Ä.).
  • Ein langjähriger Kunde möchte eine Leistung buchen, die du nicht oder nicht mehr anbietest.
  • Man möchte mit dir ein Video-Interview per Skype für eine Website machen.
  • Ein Blogleser mailt dir eine Frage mit Anlagen und will „nur mal kurz“ einen Rat.
  • Ein loser Kontakt aus Social Media möchte einen Gastbeitrag in deinem Blog veröffentlichen.

Nehmen wir an, in allen Fällen lautet deine Antwort Nein. Die Gründe können ganz unterschiedlich sein. Schauen wir zum Beispiel mal in mein eigenes Gehirn.

  • Nein, ich gebe prinzipiell keine Preisnachlässe, weil ich ein Business und kein Basar bin. Außerdem finde ich es ungerecht, wenn Leute, die fragen, etwas günstiger bekommen als Neu- und Stammkunden, die ganz selbstverständlich mein volles Honorar bezahlen.
  • Nein, ich habe mich gezielt von dieser Leistung verabschiedet. Ausnahmen mache ich prinzipiell nicht mehr, weil mir der Schlussstrich wichtig ist und ich keine Lust mehr auf diese Sache habe.
  • Nein, ich finde Skype-Interviews schon als Zuseherin nicht so schön zum Anschauen und auch wenig vorteilhaft. Interviews mache ich nur schriftlich, zur Not per Audio.
  • Nein, ich verschenke in meinem Blog so viel kostenfreies Wissen und ansonsten kann man mich jederzeit buchen – gegen Geld.
  • Nein, ich nehme grundsätzlich keine Fremdbeiträge in meinen Blogs auf, außer gelegentliche Interviews, die ich selbst initiiere.

Nun wissen wir alle, dass Körbe sich nicht so gut anfühlen, und für manche ist so ein Nein auch gar nicht so leicht auszusprechen, besonders im Business!

Man will ja nicht unsympathisch rüberkommen oder es sich mit potenziellen Kunden oder Netzwerkpartnern verscherzen. Da schleicht sich schnell ein „leider“ ein – genau wie im Plakat da oben. Aber! Hantiere ich in einem der Beispiele mit dem Leider, passieren zwei Dinge:

Entweder mein Gegenüber fragt sich „Hä? Wenn es ihr leid tut, könnte sie ja einfach Ja sagen!“ Immerhin bin ich Einzelunternehmerin: Ich bestimme, was ich tue oder nicht. Nein, ich gebe leider keinen Preisnachlass macht also gar keinen Sinn … und das weiß auch der andere!

Oder ich schlittere geradewegs in eine Lüge, die mich später in den Arsch beißt. Denn so ein Leider bringt einen schnell zu einer Ausrede. Dann wird aus einem „das mach ich grundsätzlich nicht“ oder „darauf hab ich keine Lust“ ein „leider kann ich nicht“ oder „leider hab ich keine Zeit“ … was dazu führt, dass das Gegenüber hört „ich würde gerne“. Das wiederum lädt ein, es noch mal zu versuchen. Zu betteln, zu insistieren, es später wieder und wieder zu versuchen.

Achte mal verstärkt aufs Leider!

Wann immer du versucht bist, ein Leider einzuflechten: Klopf lieber noch mal ab, wie deine ungefilterte Antwort aussieht. Die in deinem Kopf! Denn die gilt. Das ist das Schöne daran, dass wir als Einzelunternehmer selbst entscheiden können. Ich kann sagen „Nö, mach ich nicht“ oder „Bläh, keinen Bock“, ganz egal, was es ist.

Natürlich wird dieses Nein nach außen nicht so ungefiltert ausfallen, aber es ist wichtig, zum eigenen Nein klipp und klar zu stehen. Nicht nur, damit es unmissverständlich ankommt, sondern auch, damit sich unser Gegenüber nicht veräppelt vorkommt.

Schau dir deine Leider-Sätze künftig genauer an. Dann kannst du entscheiden, ob es in diesem Fall seine Berechtigung hat – oder ob du es streichst und dein Nein freundlich, aber eindeutig, formulierst.