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Ernsthaft krank geworden und darüber bloggen? 5 Fragen, die ich mir stellen würde

Ein unerfreuliches Thema, mit dem ich in letzter Zeit immer öfter konfrontiert werde, ist die Frage, ob man eine ernsthafte Erkrankung publik machen sollte. Erst gestern habe ich wieder mit einer langjährigen, lieben Kundin darüber gesprochen. Gerade für bloggende EinzelunternehmerInnen ist diese Frage erst recht ein Thema. Darum hier mal meine Gedanken dazu, was man sich vorher überlegen sollte.

Denn wenn es mal im Internet steht, steht es da.

Das betone ich zu Beginn gezielt – mit dem Grundsatz „Das Netz vergisst nichts!“ Vielleicht geht es Euch auch manchmal so, dass Ihr so einen engen, vertrauten Austausch auf Euren eigenen Plattformen habt, dass Ihr vergesst, dass das eigentlich alles öffentlich ist. Ich muss mich manchmal dran erinnern!

Damit sind wir schon bei der ersten Frage:

Wen möchte ich in dieses sehr persönliche Thema einweihen?

Gesundheitliche Belastungen sind ganz unterschiedlicher Natur – wird es ernst, ist man als EinzelunternehmerIn doppelt gearscht: Auf der einen Seite die Diagnose mit allen persönlichen Konsequenzen und „ToDos“ für einen selbst und seine Lieben. Auf der anderen Seite das Business, das – je nachdem, worum es geht – einfach zurückstehen muss, anders läuft oder eine Weile sogar komplett ruht.

In seinem persönlichen Umfeld trifft man meistens sehr gezielt die Entscheidung, wem man was sagt: Da weiht man selbst im engsten Kreis meistens nicht sofort jeden ein und im Business noch ausgewählter.

Im Netz ist so ein Publikmachen schnell viel größer, als man es gedacht hatte. Selbst, wenn man sich nur einem ausgewählten Kreis mitteilt: Die Nachricht ist draußen, und so geht sie dann doch eher rum, da erzählt dann mal jemand jemandem außerhalb des Kreises was oder hat gar nicht mitbekommen, dass es nicht komplett öffentlich ist.

Mit einer Krankheit – ob physisch oder psychisch – muss man sich nicht verstecken! Ganz sicher hat das Öffentlichmachen ganz viele Vorteile, für dich und für andere, die mit dir zu tun haben oder sogar selbst betroffen sind, es waren oder mal werden.

Es ist in den meisten Fällen auch nicht geschäftsschädigend, wenn man pro-aktiv damit umgeht (natürlich geht es je nach Situation mit Einbußen einher), aber der zentrale Aspekt ist hier: Was bin ich für ein Mensch? Was brauche und möchte ich momentan?

Du kennst dich selbst am besten: Bist du jemand, der erstmal selbst klarkommen möchte; der im richtigen Leben nur verzögert und selektiv anderen von persönlichen Dingen erzählt, dann drück mal kurz „Pause“, bevor du darüber bloggst oder auf Social Media erzählst und stell dir die weiteren Fragen.

Ist es gut für mich, wenn ich das, was mich gerade bewegt/beeinträchtigt/umtreibt, öffentlich mache?

Abgesehen davon, wie du persönlich drauf bist, spielt der Zeitpunkt eine Rolle:

Hast du gerade genug mit dir selbst zu tun?

Oder hilft es dir, darüber zu schreiben? Fühlst du dich wohler, wenn du dich mitteilen kannst, vielleicht den Weg, der gerade damit verbunden ist, aufarbeitest. Erst recht, wenn dein Blog thematisch so gelagert ist, dass es genau dazu passt – wie das viele persönlichkeitsbezogene Blogs sind. Oder durch die Tatsache, dass deine Situation für andere Selbstständige relevant ist, weil „sowas“ immer Auswirkungen auf das Business hat.

Schreiben ist zweifellos ein Stück weit Therapie, finde ich.

  • Es kann einem so viel klar machen,
  • bei der Stange halten,
  • helfen, den Blickwinkel zu wechseln
  • es kann erleichternd sein, sich anderen mitzuteilen
  • … und die Gemeinschaft, die man bekommt. Man ist nicht alleine.

Doch manchmal ist der Zeitpunkt noch nicht der richtige. Womit wir bei den nächsten Fragen sind.

Warum möchte ich mich „outen“?

Frag dich, was dein Beweggrund ist, zum jetzigen Zeitpunkt über deine Gesundheit öffentlich zu reden. Welche Erwartungen verbindest du damit?

Da gibt es gar nicht mehr zu sagen, außer: Ich würde mir einen Zettel machen und mir ganz genau aufschreiben, warum ich mir überlege, als Selbstständige in Social Media oder im Blog darüber zu berichten – vielleicht sogar regelmäßig. Das bringt dir in dieser Beziehung Klarheit, ob die weltweite Öffentlichkeit, also das totale Publikmachen, für dich gerade die richtige Entscheidung ist.

Bin ich bereit für die Reaktionen, die kommen?

Gesund sein, krank werden, das bewegt uns alle. Weil wir selbst betroffen waren oder sind. Weil wir jemanden kennen. Weil wir gerne helfen möchten!

Im Netz kommen noch die vielen Anbieter dazu, die Behandlungs- und Verhaltenstipps geben.

Wer eine Krankheit oder/und die damit verbundenen Gedanken, Sorgen, Entscheidungen preisgibt, kann sich auf eine große Bandbreite von Reaktionen einstellen:

  • Betroffenheit
  • Zuspruch
  • Ängste und Verzweiflung, die mit dir oder mit der anderen Person zu tun haben
  • interessierte und besorgte Nachfragen (wenn du keine genaue Diagnose reinschreibst) und immer mal Wie-geht’s-dir-denn-Fragen?
  • eigene Krankheitsgeschichten oder Miterlebtes/Gehörtes, die mal gut ausgegangen, gerade noch aktuell sind oder in Horrorszenarien enden
  • Ferndiagnosen, auch psychischer Art
  • Ernährungstipps
  • schulmedizinische und homöopathische Empfehlungen
  • Verhaltenstipps
  • Durchhalteparolen
  • Mitleid

Dazu kommt, dass wir alle ganz unterschiedlich mit diesem Thema umgehen. Der Sensibilitätsgrad und der Blickwinkel anderer ist nicht immer kompatibel mit der eigenen Sichtweise. Das, was den einen unterstützt, kann den anderen total runterziehen.

Es kommt also darauf an, was gut für dich ist. Und dann muss man auch mit entsprechenden Reaktionen umgehen wollen und können. Momentan bist das Wichtigste du! Wie stabil bist du, wie viel Nach-außen-Gerichtetheit kannst du derzeit ertragen?

Habe ich die Kraft, Lust und Zeit, auf Nachrichten zu antworten?

Wer sich öffentlich macht, wird Reaktionen bekommen. Selbst wenn du die Empfängergruppe, die es lesen kann, begrenzt oder im Blog die Kommentarfunktion abschaltest. Es werden Nachrichten kommen.

Von Menschen, die dich kennen, die sich um dich sorgen, dich unterstützen möchten. Von Betroffenen, die sich kümmern möchten – oder die selbst in einer ähnlichen Situation stecken. Eine Bandbreite der Nachrichten, die zu erwarten sind, habe ich eben schon aufgelistet.

Die einfach ins Leere laufen zu lassen, wäre nicht schön. Auch wenn sich einige direkt löschen lassen (solche, die von sich aus schreiben, dass sie keine Antwort erwarten bis hin zu ungefragten Anbietern irgendwelcher Heilmethoden, die du nicht haben willst), so bleiben noch genug übrig, denen man antworten muss oder möchte.

Weil man sie näher kennt, weil es Kunden oder Kollegen sind. Weil man anderen Zuspruch geben möchte oder einen Tipp hat.

Klar: Ist man gerade außer Gefecht und das Business ruht, lässt sich der Abwesenheitsassistent entsprechend formulieren, dass man sich bedankt und gerade nicht antwortet. Doch auf irgendwas wird man immer antworten wollen, und das ist die Frage:

Möchte ich mich damit momentan konfrontieren? Habe ich die Zeit und Energie für das Lesen und Beantworten?

Wie gesagt: Wir sind alle unterschiedlich.

Es kann so eine Erleichterung sein, eine großartige Unterstützung, über eine Krankheit und ihre Folgen öffentlich zu schreiben – für sich selbst und für andere. Doch klopf vorher ab, was du momentan brauchst.

Du hast das Was und Wie in der Hand!

Über allem steht, dass du immer dosieren kannst, was genau du wie preisgibst. Und das steuert dann natürlich auch wieder, ob und welcher Art die Reaktionen sind.