Lesernutzen

Leser brauchen Raum fürs Denken

Ich habe eine nervige Angewohnheit, mit der ich andere hin und wieder etwas kirre mache: Mitunter feuere ich eine Salve von Fragen ab. Das liegt daran, dass in meinem Hirn jede Menge abgeht – eins führt zum anderen.

  • Manchmal betrifft so eine Gedankensalve das gleiche Thema. Wenn ich meine Freundin zu ihrer Situation in der Arbeit frage, schicke ich fünf unterschiedliche Fragen dazu sofort hinterher.
  • Manchmal aber geht mir gerade noch anderes Zeug im Kopf umher, und dann kann es sein, dass ich mein Gegenüber mit Fragen bombardiere, die in verschiedene Richtungen gehen.

Die Folge: Blockade.

Dazu fällt mir ein super Beispiel aus einer Werbe-Doku der 90er ein, leider komm ich grad nicht mehr auf den Namen. Verschiedene Marketingleute und Promis haben mitgemacht und David Bowie hat dieses einleuchtende Beispiel genannt: Wenn man jemandem einen Tennisball zuwirft, hat er eine Chance, ihn zu fangen. Wirft man ihm ganz viele Tennisbälle auf einmal zu, kann er wahrscheinlich gar keinen auffangen.

Was heißt das fürs Schreiben?

In meinen Workshops machen drei Viertel der Leute den Fehler, viel zu viele Ideen in einen einzigen Text zu pressen.

Das hat verschiedene Gründe, manchmal in Kombination:

Sie haben noch kein Gefühl für ihr Thema und machen ein viel zu großes Fass auf.
= Wer ein zu großes oder schwammiges Thema in einen Artikel packt, kann seine Ideen dazu nicht kanalisieren und schüttet zu viel Inhalt rein. Immer noch einen Tennisball und noch einen.

Sie denken „Es reicht noch nicht!“
=
Selbstständige, die bloggen, kennen ihren Fachbereich aus dem Effeff und haben praktische Erfahrung damit. Uns Experten kommen viele Dinge daher banal oder „eh klar“ vor. Darum hat man oft das Gefühl, man kann doch nicht nur darüber schreiben, da muss doch noch

Sie glauben, der Nutzen steckt im Mehr.
= Besonders der Lesernutzen wird verkannt. Gerne ist nämlich zu wenig drin, und wenn ich dann sage „pack da mal mehr Nutzen rein“, dann gehen die meisten in die Breite, also über die Quantität. Aber: In der Tiefe steckt der Lesernutzen, in der Qualität.

Idee und Umsetzung – aus Lesersicht

Schreiben ist Freiheit. Wir können unsere Texte gestalten, wie wir wollen. Wir entscheiden das WAS (Thema, Umfang, Inhalte, Lesernutzen), das für WEN (konkrete Zielgruppe) und das WIE (Struktur, Sprache, Methoden und Stilmittel).

Das bedeutet, dass wir an unserem Ende unsere Ideen und Ziele umsetzen, indem wir den Text schreiben.

Doch jetzt kommt der Leser ins Spiel! Denn wir Selbstständigen schreiben ja nicht zur Unterhaltung, wir möchten dem Leser ja etwas bringen. Damit es unserem Business was bringt.

Der Leser muss also in der Lage sein, umzusetzen, was er da vor Augen hat:

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Was bringts deinem Leser?

 

Etwas damit tun kann er nur, wenn wir ihm die Chance geben,

  • wirklich zu verstehen.
    = Denk an deinen Expertenkopf: Das, was dir eh klar oder zu banal ist, ist für deine LeserInnen oft Neuland. Bei Persönlichkeits- und Lebensthemen, also wenn du mit deinen Texten den Leser beim Reflektieren/Verändern seiner Denke, Einstellung und Verhalten unterstützen willst, ist es noch komplexer.
  • das, was wir ihm neu in den Kopf pflanzen, zu verarbeiten.
    = Gedanken, die für Leser neu sind, brauchen Raum. Das kennst du selbst doch auch: Gerade, wenn wir nicht huschi-huschi über was Drüberlesen, sondern uns etwas besonders relevant erscheint, idealerweise sogar einen Nerv trifft, fängt unser Hirn an zu rattern. Kommt sofort der nächste Tennisball, bringen wir die Leser davon ab, lenken in eine neue Richtung – schlimmstenfalls verwirren oder überfordern wir.
  • konsequent weiter einzutauchen.
    = Wir sind die Fachleute. Wollen wir unseren Lesern nicht nur Informationen rüberschieben, sondern etwas bewirken [richtig begreifen, worum es geht/Zusammenhänge erkennen/differenzierter hinsehen/sich selbst abklopfen/einen anderen Blickwinkel einnehmen/etwas ausprobieren …], dann müssen wir sie mit unserem Text stärker an die Hand nehmen. Das heißt, dass wir den zentralen Gedanken „gemeinsam“ näher betrachten, dass wir deutlich ausführen, was wir meinen. Indem wir einzelne Ideen aufgreifen und wirklich damit in die Tiefe gehen, statt in die Breite.

Der wirkliche Wert …

Beim Schreiben ist die Umsetzung einer Idee nicht nur, dass irgendwas aufs Blatt kommt. Nur, wenn der Leser umsetzen kann, was wir von ihm und für ihn wollen, hat ein Text wirklichen Wert.

PS: „Umsetzen“ heißt nicht, dass ein Leser sofort alles kann. Es geht ums Kapieren, sich daran erinnern, verstanden fühlen, ermutigt sein, darüber nachdenken, ausprobieren …