Stil + Stilmittel

Deinen Stil verändern – Texte retten, anders schreiben.

Beim Schreiben kommt man früher und später immer mal an Punkte, wo man nicht so zufrieden ist. Manchmal mit einem einzelnen Text, aber es gibt natürlich die persönlichen Schwellen: Da meldet sich dann die Unzufriedenheit über die eigene Schreibe.

Jetzt kommts darauf an:

  • Kritisierst du dich oder nimmst es hin? Das ist halt so!
  • Oder machst du was? – Das kannst du auch in Eigenregie.

Denn wenn uns was stört, können wir in der Regel sagen, was uns nicht passt. Der direkte Weg, dein Schreiben zu verbessern, ist, dir eine Frage zu stellen:

Wie bekomme ich meinen Text xy-iger?

Im ersten Schritt geht’s also darum, zu formulieren, was dir missfällt. Ist ein Text zu langweilig, unklar, ausschweifend, überkorrekt oder gar staubig?

Oder, wenn es dir insgesamt um dein Schreiben geht: Ist es schnarchnasig, wirr, sprunghaft, zu oberflächlich, immer das Gleiche …?

Du benennst also erst mal alles, was dir am Text nicht gefällt. Denk dran: Wir reden gerade über deinen Stil! Das heißt, dass da nur ein oder einige wenige klare Problemzonen sind. Schreib die auf.

Anschließend guckst du pro Problem, was du stattdessen möchtest und bringst das in die –iger Frage:

  • Wie bekomme ich das lustiger?
  • Wie bekomme ich das schlüssiger zusammengezurrt?
  • Wie bekomme ich das besonderer?

Das ist die halbe Miete! Denn jetzt hast du das Problem formuliert, bleibst aber an dieser Stelle nicht stecken, sondern polst dein Hirn auf Lösung: Wo will ich schreiberisch hin?

???

Ist dein erster Impuls ein „Weiß ich doch nicht!“, machst du alles richtig!

Keine Sorge: Als EinzelunternehmerIn schreibst du ja über dein Fachthema. Da bist du sattelfest. Du hast alles Wissen, Erfahrungen, Werkzeug und Standpunkte, die du brauchst, um dazu einen lustigeren/außergewöhnlicheren/dringlicheren/schlaueren/strafferen oder oder oder Ansatz zu finden.

Wie immer gilt: In der Tiefe steckt der Nutzen.

Wir Menschen sind manchmal merkwürdig. Da reden wir frisch von der Leber weg und können beispielsweise genau beurteilen, was eine staubige und was eine lockere Sprache ist, aber sobald es ums eigene Schreiben geht, bekommen viele einen Knoten im Hirn. Mitunter sind wir so überzeugt, dass wir etwas eh nicht können, dass wir sofort innerlich aufgeben.

Stell dir mal vor, du sitzt in einem Vortrag. Der Redner ist stinklangweilig. Du kämpfst dagegen an, dass dir der Kopf nach vorne wegsackt und schaust ständig auf die Uhr.

Nach dem Vortrag fängt dich der Redner an der Türe ab: „Hey, du siehst aber müde aus! Ich habe schon gesehen, dass du mir einige Male fast weggeknackt wärst. Darf ich dich auf einen Kaffee einladen, und du sagst mir, was so langweilig war und wie ich es besser machen könnte?“

Ganz sicher, kannst du sofort sagen, was dem Vortrag so langweilig für dich war. Auch als Laie hat man eine Fülle an Ideen, wie man so einen Vortrag lebendiger, spannender, kurzweiliger, … gestalten kann.

In dem Moment, wo wir nicht rumfrusten oder denken „das kann ich eh nicht“, sondern uns auf die Sache einlassen, finden wir viele kleine Ansätze, wie ein Text –iger wird.

Verlang nicht zu viel von dir!

Die zweite große Hürde ist es, viel zu viel von sich zu verlangen. Schreiben ist keine superschwierige Sache. Man kombiniert Wörter. Klar kann man das immer verständlicher, unterhaltender, wortgewandter, eleganter machen – und klar gibt es richtige SchreibmeisterInnen, wo einem der Mund offen steht.

Doch erstens liegt „gutes Schreiben“ immer im Auge des Betrachters. Und zweitens geht es nicht um Perfektion und preisverdächtige Formulierungskünste.

  • Es geht vor allem darum, dass die richtigen Leute das, was du schreibst, überhaupt lesen: gerne, aufmerksam und bis zum Schluss.
  • Relevant ist, dass deine Leser etwas davon haben! Vielleicht sollen sie einfach unterhalten sein, vielleicht möchtest du sie zum Lachen bringen, sie über etwas informieren, für etwas sensibilisieren oder sonstigen handfesten Nutzen bieten. Was ist Mehrwert + Was du noch für deine Leser tun kannst
  • Je nach Text und Intention geht es außerdem darum, dass deine Leser etwas Bestimmtes tun. Entweder etwas bei dir kaufen, eine Übung machen oder einen deiner Tipps praktisch anwenden.

Hab bitte nicht den Maßstab, dass jeder Text ein fein formuliertes Meisterwerk sein muss! Ich weiß, dass viele von euch meine Schreibe total gerne mögen. Das freut mich. Aber schau mal näher hin: Meine Texte sind alles andere als geschliffen und perfekt.

Das gilt für fast alle Texte da draußen. Klar gibt es Texte, die man lieber liest und manche Autoren liest man besonders gerne, weil einem ihr Schreibstil so liegt. Doch alle Autoren kochen nur mit Wörtern!

Kochen ist übrigens ein gutes Beispiel. Es gibt ganz wenige sterneverdächtige Hobbyköche. Aber es gibt jede Menge Leute, die superleckere Sachen zaubern. Ich persönlich ziehe den bodenständigen Kartoffelsalat, den du mit Liebe gemacht hast, einem abgehobenen 5-Gänge-Menü jederzeit vor. Auch wenn deine Kochkünste nicht an den Sternekoch heranreichen.

Lass weg, was deinem Ziel entgegensteht.

Zurück zum Käffchen mit dem Redner. Ihr sitzt im Foyer der Veranstaltung, das Koffein rauscht durch eure Adern und das Gegenüber schaut dich erwartungsvoll an. Du überlegst kurz und sagst dann:

„Wenn ich ehrlich bin, war dein Vortrag wirklich etwas langweilig.“ Dann zählst du auf, warum das so war:

  • Du hast nicht mit dem Publikum gesprochen, sondern warst auf dich selbst fixiert.
  • Du hast total hölzern gesprochen, fast wie abgelesen. Das war gar nicht natürlich!
  • Ich habe ganz viel von dem, was du gesagt hast, gar nicht richtig kapiert, weil die Sätze so lang waren … all die komischen Wörter! Ich konnte gar nicht richtig zuhören.
  • Ich hatte irgendwie den Eindruck, du stehst gar nicht hinter deinem Thema. Das wirkte so leidenschaftslos.
  • Ehrlich gesagt habe ich nicht so viel Eigenes gehört. Die Punkte, die du angeführt hast, hat man ja in der Form schon oft gelesen.“

Der Redner bedankt sich für die Offenheit. Aber jetzt will er gerne ein paar Vorschläge haben. Hast du Ideen, wie der Vortrag aufgeweckter und spannender werden könnte, damit die Leute nicht einschlafen?

„Aber klar! Es wäre viel interessanter, wenn:

  • Du einen besonderen Aufhänger wählen würdest, etwas, das mit dem praktischen Alltag zu tun hat. Dann wird es gleich relevanter.
  • Ich fände es besser, wenn du freier sprichst. Für mich ist es viel spannender, wenn ein Vortrag lockerer ist, also ganz normal reden, statt perfekt vorzutragen. Gerade bei so einem schwierigen Thema, nimmt das total die Schwere raus. Das motiviert gleich viel mehr, zuzuhören.
  • Du bist doch schon so lange auf dem Gebiet tätig! Bring doch mehr echte Beispiele statt das alles so neutral zu umschreiben.
  • Mir waren das zu viele Schaubilder. Blickkontakt fände ich viel besser.
  • Du hast mich vorhin an der Tür abgefangen und mich ganz lockerflockig darauf angesprochen, dass ich dir fast eingeschlafen wäre und ob ich einen Kaffee mit dir trinke. Das zeigt mir, dass du mutig bist, unverkrampft mit der Sache umgehst und Lust auf meinen Input hast. Genau diese Qualitäten sollte man auch auf der Bühne an dir sehen!“

Schau: Lauter Ansätze! Und dafür musst du gar nicht selbst souveräner Redner sein.

In der Tiefe steckt der Lesernutzen.
Wann immer du konkreter wirst, kannst du was damit anfangen.

Dieses Prinzip gilt auch dafür, deine Schreibe -iger zu bekommen!

Nochmal in Kürze:

Du stellst dir die Frage: „Wie bekomme ich das lustiger?“ oder „Wie kann ich den Text entstauben?“ und dann drehst du um:

Was macht den Text momentan unlustig?

oder

Was macht den Text staubig?

Hetz dich nicht, sondern schau dir den Text ganz genau auf die jeweilige Frage an. Schreib konkret einzelne Aspekte auf, die dafür verantwortlich sind, dass der Text (unlustig, staubig, langweilig, verwirrend …) ist.

Nach kurzer Zeit fällt dir nichts mehr auf. Dann bleiben sitzen und frag dich: „Aha, was noch?“ … und guckst weiter … da kommt immer noch was nach!

Wenn du wirklich fertig bist, machst du zwei Dinge:

1. Du drehst das, was du hast, wieder um. Denn das, was die Sache un- macht, ist meistens eine Lösung. Also „zu viele Hauptwörter“ = „weniger Hauptwörter“. Die kannst du raushauen oder in Verben auflösen.

2. Du fragst dich zusätzlich noch einmal die Ursprungsfrage: „Wie bekomme ich das -iger?“ Denn natürlich gibt es immer viele Dinge, die im aktuellen Entwurf noch gar nicht da sind, die etwas aber lustiger/lockerer/mitreißender/praktischer … machen können.

Das Vortragsbeispiel illustriert genau, was gemeint ist.

Siehste: Gar nicht so schwer, konkrete Ansätze zu finden. Streb nicht danach, alles komplett umzukrempeln. Jeder kleine Ansatz bietet dir die Gelegenheit, dein Schreiben zu verbessern! Und viele ausprobierte Ansätze erweitern deine Schreibfähigkeiten konsequent.