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Andere interviewen (2)

Im ersten Teil gings um 7 typische Probleme bei Interviews. Wenn du konzipierst, bevor du irgendwelche Fragen stellst, kannst du deinen Interviewpartner viel mehr dabei unterstützen, wirklich nützliche Antworten zu geben.

Ein Win-Win-Win: Für deine LeserInnen, den Interviewten und für dich.

Mach ein klares Konzept!

  • Was ist das Thema? Worum dreht sich das Interview GENAU? Gib deinem Interviewpartner keine schwammigen Stichwörter, sondern auch hier heißt es, richtig greifbar einzugrenzen, worum es geht.
  • Was beabsichtige ICH mit dem Interview? Was erhoffe ich mir von diesem Interviewpartner und/oder seinem Thema und welchen konkreten Mehrwert sollen meine Leser haben?
  • Wo/in welchem Kontext wird das Interview stehen? Es ist ein Unterschied, ob das Interview thematisch für sich alleine steht oder ob du damit vorhandene Texte ergänzt, etwa in deinem Blog oder einem Buch. Ist Letzteres der Fall, gilt es, darauf zu achten, dass sich keine Inhalte doppeln, sondern du deinen eigenen Text sinnvoll ergänzt oder vertiefst.
  • Wer genau ist die Zielgruppe? Das ist ein zentraler Punkt, den du für dich glasklar festlegen musst, um die richtigen Fragen zu stellen. Auch der Interviewte braucht dazu klare Angaben, denn nur dann ist er in der Lage, seine Antworten spezifisch auf deine Zielgruppe zuzuschneidern.
  • Was ist der Umfang? Es ist ein riesiger Unterschied, ob du eine einzige Buchseite zur Verfügung hast oder ob es im Blog mehrere A4-Seiten lang sein darf. Das wirkt sich zum einen darauf aus, wie viele und „wie große“ Fragen du stellen kannst. Zum anderen ist es wichtig, dem Interviewten einen Rahmen zu geben. Sonst liefert er dir zu viel oder zu wenig Stoff.

All diese Aspekte gehen Hand in Hand. Deine Kriterien bilden die Basis dafür, welche Fragen du wie stellst + welche Instruktionen du dem Interviewten von vornherein gibst.

Je besser die Frage, desto besser die Antwort.

Mit konkret gestellten Fragen hilfst du deinem Interviewpartner, sich zu fokussieren und richtig gute Antworten zu geben.

Leg dir deine Konzeption vor die Nase. Das ist wichtig, denn die Eckdaten sind jetzt natürlich dafür da, deine Fragen gezielt zu stellen – und Zielgruppe, Inhalte/Mehrwert + den Umfang fest im Auge zu behalten.

Das Gute ist, dass es keine festen Regeln zu Fragen gibt. Du kannst in dem Interview prinzipiell tun, was du willst. Hier einige bewährte Tipps:

Stell nie zu allgemeine Fragen!

Das macht es erstens schwierig für den Interviewpartner, weil er nicht weiß, worauf er sich begrenzen soll. Gerade Experten wissen zu viel: Stellt man zu riesige Fragen, kommt entweder ein Roman an Details oder der Interviewte fasst viel zu stark zusammen + bleibt zwangsläufig an der Oberfläche.

Wenn du keine kleineren Fragen stellen kannst, weil du den Interviewten nicht zu sehr steuern willst oder dich in seinem Gebiet nicht genug auskennst, dann gib dem anderen einfach ein paar Denksprungbretter, die ihm die Richtung zeigen.

Ich mache es bei meinen Autoren-Interviews immer so, dass ich mit Arbeitstitel-Fragen arbeite. Das heißt, ich stelle den Leuten nicht eine kurze Frage à la: Wie organisierst du dich beim Schreiben?

sondern: Wie hast du dich beim Schreiben organisiert? Also wie lange hattest du Zeit nach Vertragsabschluss, hast du am Stück geschrieben + dir frei genommen oder wie neben der Arbeit? Was ist eine bewährte Vorgehensweise für dich?

Beim Bearbeiten formuliere ich die Fragen dann griffiger. Wichtig ist, dass alle Fragen zur eigentlichen Fragestellung gehören. Hier geht es etwa darum, wie die Person sich beim Schreiben organisiert hat. Mix nie völlig andere Fragen dazu, sonst wird das Thema komplexer statt konkreter.

Geschlossene Fragen

Für ein Interview sind offene Fragen meist die bessere Wahl, weil wir ja qualitative Antworten wollen. Trotzdem kann eine geschlossene Frage wichtig sein, um klare Statements zu entlocken, z. B.

  • Hattest du in den ersten Jahren deiner Selbstständigkeit
    mal richtig Existenzangst?
  • Sollten Alleinerziehende beim ersten Date sagen,
    dass sie Kinder haben?

Damit führst du die Person auf sich selbst zurück – und vermeidest, dass sie zu allgemein über das Thema spricht. Oder du erreichst, dass für die Leser eine eindeutige Ansage kommt, sich die interviewte Person festlegt und nicht um ein Thema herumlaviert.

Hier zeigt sich bereits, warum eine geschlossene Frage dennoch nie alleine stehen sollte. Denn an dieser Stelle wollen Leser jetzt Genaueres erfahren. Darum achte bei geschlossenen Fragen immer darauf, dass du den Interviewpartner direkt auf „weil“, „inwiefern“, „was war da genau“ hinweist oder die nächste Frage eine Vertiefungsfrage ist.

Ein anderes Beispiel: Ich interviewe jemanden zu Hundehaltung. Mein Interview dreht sich um das Thema: Wie ist das, einen Welpen im Haus zu haben?

Wenn ich die folgende Frage stelle, wird der Interviewte mit Ja oder Nein antworten:

Wusstest du von vornherein, dass du einen Welpen und nicht etwa einen älteren Hund aus dem Tierheim willst?

Nur ein kleiner Teil wird gleich etwas weiter ausholen. Es ist fast vorprogrammiert, dass die Antwort zu ich-bezogen oder nichtssagend ausfällt. Darum ist es wichtig, eine vertiefende Frage nachzuschicken oder direkt in die Frage einzubauen.

Entweder:

(1) Wusstest du von vornherein, dass du einen Welpen und nicht etwa einen älteren Hund aus dem Tierheim willst?

(2) Was hat deine Entscheidung beeinflusst?

oder:

Wusstest du von vornherein, dass du einen Welpen und nicht etwa einen älteren Hund aus dem Tierheim willst? Bitte sag ein bisschen mehr zu deinen Überlegungen + der Entscheidung für einen jungen Hund im Gegensatz zu einem älteren mit „Vorleben“.

Immer dann, wenn du nah an die interviewte Person rangehst, läufst du Gefahr, dass sie sich zu sehr um sich selbst dreht. Darum ist es elementar, dass du danach fragst, was du wissen möchtest, und zwar idealerweise in einer offenen Frage.

Offene Fragen

Bei der offenen Frage bekommst du nicht nur eine Ja/Nein-Antwort, sondern zapfst mehr Informationen, Erfahrungen und Tipps an. Nun ist es so, dass wir uns beim Fragen immer etwas dazudenken, und so kann es sein, dass du gar nicht gleich merkst, dass du zu geschlossen fragst. Denn du weißt ja, worauf du hinauswillst.

Bleiben wir kurz beim Hundebeispiel:

Ich habe gehört, dass die ersten Nächte schwierig sind und Welpen oft nonstop wimmern, weil sie nicht alleine sein wollen. War das hart für dich?

Diese Frage ist nicht nur zu eng gestellt, sie ist auch emotional wahnsinnig nah an der Person. Die Leser haben nichts davon, wenn sie jetzt lang und breit bekräftigt bekommen, wie schwierig das war und wie oft der Hund gejault hat etc.

Wir wissen ja schon, dass das hart ist, und dann noch bei einem süßen kleinen Welpen. Die eigentliche Frage dahinter ist also gar nicht, ob das hart für den Interviewten war, sondern es geht doch darum:

Ich habe gehört, dass die ersten Nächte schwierig sind und Welpen oft nonstop wimmern, weil sie nicht alleine sein wollen. Wie bist du damit umgegangen/was hast du gemacht, um diese Phase zu überstehen, ohne einzuknicken?

Du siehst, dass der Schlüssel für kluge Fragen darin liegt, dir klar zu werden, was genau du wissen willst – und deine formulierten Fragen daraufhin abklopfst, wie der Interviewte antworten könnte. So kannst du gezielt mehr Mehrwert rauslocken.

PS:

Kennst du dich in einem Fachgebiet nicht besonders aus, sag das deinem Interviewpartner ruhig, wenn du ihm die Fragen schickst: Ich habe Fragen gestellt, die mir schlau erscheinen, und teilweise Beispiele gemacht. Da ich Laie bin, ist vielleicht nicht alles korrekt oder es fehlt was Wichtiges. Bitte einfach den Ball aufnehmen und ruhig was ändern, eine Frage auslassen oder ergänzen.

Und natürlich: Wenn du die Antworten zurückbekommst, heißt es, das Interview sinnvoll zu editieren. Nicht nur, was deine eigenen Fragen angeht.