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Die Absicht – eine zentrale Autorenqualität

Jeder hat bestimmt schon mal versucht, ein Wort zu erklären: einen Dialektbegriff, ein Fremdwort oder eines aus einer anderen Sprache. Im Kopf weiß man oft ganz genau, was das Wort bedeutet, aber die richtigen Worte dafür findet man nicht. Also umschreibt man es und merkt „Ja so, aber nicht wirklich …“ und umschreibt weiter, aber das trifft es nicht so recht.

Zwischen dem, was man meint und dem, was man ausdrücken kann, ist eine Schere.

Wissen, was man meint.

Wenn du dich für ein Thema entscheidest, über das du schreiben willst, ist es ganz ähnlich: Wir sind in unserem Fachgebiet sattelfest. In unserem Expertenkopf tummelt sich ganz viel Wissen, Erfahrungen, Standpunkte – und Zusammenhänge. Uns scheint alles glasklar.

Doch ist es das meistens nicht!

In Workshops stellt sich das schnell raus, wenn ich nachfrage. Da entscheidet sich jemand für ein Thema, schreibt eine vorläufige Überschrift dazu – und ich frage: „Was genau meinst du denn? Geht’s da rum oder da rum oder vielleicht da rum – das kann ja immer noch alles Mögliche sein!“

Jetzt gibt’s drei Reaktionen:

Die Person hat tatsächlich was Bestimmtes im Kopf und stellt jetzt fest, dass sie es nur nicht klar hingeschrieben hat. Sobald es dasteht wird auf einmal alles viel greifbarer.

Die Person schmeißt sofort alles um: „Ich weiß nicht genau, nehm ich lieber was anderes!“ – Anstatt festzulegen, worauf sie hinaus möchte, wird das Thema ganz verworfen. Doppelt schade, denn die Ersatzideen werden meistens absichtlich einfacher gewählt. Plus: Es gibt keinen Lerneffekt, konkreter auszudrücken, was man meint. – Doch je öfter man das tut, desto konkreter denkt das Hirn künftig. Irgendwann müssen wir damit anfangen.

Die Person fängt an, wild zu erklären, was sie alles meint – weil sie total schwammig angefangen hat. Das sind dann diejenigen, die einen Arbeitstitel hinschreiben und dann eine halbe Seite Zusatzerklärung mitschicken. Das fühlt sich gut an, weil man erstmal sichtet, was es alles gibt und dann sein Thema rausfiltert. Aber es ist trotzdem keine gute Taktik, weil es wahnsinnig Zeit kostet und meistens eher ein Wirr-Warr an großen und kleinen Themenaspekten produziert.

Mit einer klaren Absicht wird alles ganz leicht

Sagen wir, ich schreibe einen Text für Abteilungsleiter rund um Abmahnungen. – Das ist ein riesiges Thema. Also grenze ich es ein auf das Gespräch selbst. Damit habe ich das „Plankton“ gefunden, fokussiere also auf eine konkrete Themenfacette, doch jetzt kommt meine Absicht dazu: Worauf genau will ich in diesem Text raus?

Geht’s mir darum:

  • Was mache ich als Führungskraft, wenn ich Schiss vor einem Abmahnungsgespräch habe?

Oder will ich lieber darauf eingehen:

  • Diese Reaktionen können vom Mitarbeiter kommen, wenn Sie eine Abmahnung aussprechen – und was jetzt wichtig ist, damit Sie nicht zurückrudern.

Oder darum?

  • Ich war selbst Führungskraft: Meine drei praxiserprobten Tipps, mit denen ich unangenehme Abmahngespräche zu motivierenden Mitarbeitergesprächen machte

Das Beispiel zeigt wieder mal, dass Themen nie ausgehen können und sehr viel spannender werden, wenn sie eine gezielte Sache [Plankton] und eine klare Absicht verfolgen.

Auch spannender für uns selbst! Gerade die VielschreiberInnen unter uns bekommen nämlich irgendwann den Langeweileblues, wenn sie immer wieder dasselbe anpacken – das obendrein schon x-mal woanders steht.

Die Absicht zieht sich weiter durch

… sie begrenzt sich nicht aufs Thema, sondern ist eine zentrale Autorenqualität.

  • Wer konzipiert, also seine Texte vorausdenkt und nicht gleich ins Blaue schreibt, tut sich sehr viel leichter. Konzipieren ist nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Absichten – inklusive der, wie man es schafft, den Lesern etwas Konkretes zu vermitteln oder sogar sie ins Tun zu bringen.
  • Lesefluss und Verstehen werden deutlich erhöht, wenn der Schreibende ein klares Ziel verfolgt hat: Will ein Text auf etwas Bestimmtes heraus, lässt sich der Leser viel stärker an der Hand nehmen.
  • Ich werde mir als AutorIn klar darüber, was mein eigener Standpunkt ist, was nicht nur den Inhalt beeinflusst, sondern idealerweise im WIE durchkommt: Schreibe ich einen Appell, eine Standpauke, ein Plädoyer, einen Rückenstärker, einen Kopf-auf-Tischplatte-Text oder oder oder?
  • Vor allem wird der Nutzen im Text erhöht, wenn ich vorher weiß, was genau ich beim Leser erreichen will.

Details dazu und zur Rolle der weichenstellenden Fragen habe ich kürzlich bereits in Schreib spontaner: Mit klaren Entscheidungen erklärt.

Immer wieder klagen Selbstständige „Ich kann nicht so gut schreiben!“ oder „Ich kann das nicht so schön in Worte packen!“.

Für richtig gute Texte, die was bringen, ist die Absicht die viel wichtigere Qualität. Sie wird gleichzeitig am meisten übersehen! Wenn du irgendwo anfangen willst, deine Texte noch besser zu machen, pack dich bei der Absicht – auf allen Ebenen des Schreibens.

 

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