Ratgeber schreiben
Kommentare 2

Ratgeber schreiben: Test-Leser?

Stefanie schreibt:

„Ich frage mich, welche Fragen ich Testlesern für mein zweites Buch sinnvollerweise stelle …“

Fangen wir ein wenig vorher an. Wie so vieles, ist das Probelesen nämlich komplexer. Neben der Frage, ob man das überhaupt braucht, gibt es ein paar Kriterien, die relevant dafür sind, den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen zu stellen.

Soll ich überhaupt probelesen lassen?

Viele denken, sie müssten andere „probelesen“ lassen, weil sich das so gehört. Doch nicht immer ist das eine gute Wahl.

Jeder Mensch ist anders.

Es gibt unter Euch einige, die sehr gut selbst beurteilen können und wollen, was sie tun. Denen es leicht fällt, die Perspektive zu wechseln. Die ein sicheres Gefühl dafür haben, wann was gut ist und schlüssig und genau so, wie sie es haben wollen. Die aber auch erkennen, wenn was Scheiße ist oder es besser/anders geht.

Ganz unabhängig davon, ob Feedback anderer als wichtig gilt oder ob es objektive Gründe dafür gibt, verschiedene Meinungen und Blickwinkel einzuholen: Ihr seid Euer eigener Maßstab.

Testlesen ist kein Muss. Wer es nicht möchte, weil er selbst sicher beurteilen kann – wunderbar. Nicht zu vergessen, dass jeder, der in einem Verlag veröffentlicht, automatisch mindestens einen Testleser hat, meistens sogar zwei: den Verlagsverantwortlichen, der das Buch betreut, und das Lektorat.

Viele Ratgeberautoren wünschen sich vorab Feedback:

  • weil sie wissen, dass sie sich schwer tun, ihr eigenes „Geschreibe“ gut zu beurteilen oder/und weil ihnen bewusst ist, dass sie mit ihrem Expertenkopf oft nicht so schlüssig und verständlich schreiben.
  • weil sie die Erfahrung gemacht, dass weitere Paar Augen mehr sehen + verschiedene Blickwinkel bereichern.
  • weil sie in einem kleineren, persönlichen Rahmen einfach erstmal ein Gefühl dafür bekommen wollen, wie das Feedback zum Buch ausfällt, bevor es veröffentlicht wird.

Es gibt noch zahlreiche weitere Gründe. Doch in erster Linie ist mir wichtig, dass du darauf hörst, was sich für DICH richtig anfühlt:

Wie geht’s mir mit dem Gedanken, jemanden testlesen zu lassen?
Wie geht’s mir damit, ehrliches Feedback zu bekommen?

Ich würde mir diese Fragen schriftlich beantworten, ruhig spontan, und so differenziert wie möglich. Dann merkst du nämlich, ob du „eigentlich“ lieber nicht oder lieber schon … und warum.

Wofür möchtest du Feedback?

Probelesen bedeutet nicht, dass du generelles Rundum-Feedback zu deinem Buch erfragst. Es kann sehr gut sein, dass du Meinungen zu einem ganz spezifischen Aspekt einholen willst.

Vielleicht bist du vollkommen zufrieden mit deiner Schreibe, weißt aber, dass du gerne mal abrupt hin- und herspringst.

Oder du neigst zu sehr theoretischer, distanzierter Sprache und willst speziell dazu was hören.

Es kann sein, dass du mit der Anrede schwankst und erfahren willst, wie das pauschale Du so ankommt.

Oder du schreibst über ein Thema, das gerne in eine Schublade gepackt wird (z. B. Esoterik) und willst vermeiden, dort zu landen.

Überleg dir also vorher genau, WOFÜR du Feedback haben willst und schreib dir das auf. Daraus ergibt sich nämlich das Wann und Wer.

Wann?

Das „Wann“ hängt meiner Ansicht nach vor allem von drei Dingen ab:

1. Dem Wofür …

…, denn manche Kriterien geben automatisch vor, ob man relativ am Anfang, in der Mitte oder erst ganz am Schluss nachfragt.

Hat man ein Buch komplett fertig und möchte fürs Feintuning, die Schlüssigkeit oder einzelne Beispiele nochmal das Feedback der Zielgruppe, dann steht das Testlesen ganz am Schluss. Genauso, wenn du abschließend das Straffen oder die Sprache polieren willst.

Doch es kann gut sein, dass du das Feedback vorher einbaust. Zentral ist zum Beispiel der Buchaufbau. Das kann bedeuten, dass du deiner Zielgruppe vorab einfach mal deine geplanten Kapitel mit Kurzzusammenfassung der Inhalte vorstellen willst, um zu erfahren: Ist Euch das praxisnah genug? Wollt Ihr noch was anderes wissen?

Die Struktur ist überhaupt ein zentrales Thema, denn sie entscheidet nicht nur darüber, was reinkommt, wie schlüssig es aufgebaut ist, sondern steuert maßgeblich, auf welche Art du Teilthemen anpackst. Wenn du erstmal wild drauflosschreibst, kriegst du ein Problem. Früher, als ich Buchcoachings angeboten habe, haben mir häufiger Leute ihre fertigen Bücher gezeigt. Bei strukturellen Schwächen hat das bedeutet, dass man entweder das komplette Buch neu sortieren muss, was manchmal gar nicht machbar ist, ohne Passagen oder ganze Kapitel neu zu schreiben, weil sich Reihenfolge und Unterkapitel verändern. Im Extremfall war es schlicht nicht möglich, ein Buch nachträglich zu reparieren.

Für Erstautoren gibt’s die Möglichkeit, zunächst nur ein Kapitel zu schreiben. Ich habe bei meinem ersten Buch die Verlagsredakteurin gefragt, ob ich ihr ein Kapitel vorab zeigen darf, einfach um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob ich das alles richtig mache – im Sinne des Verlages. Willst du relativ zu Beginn schon mal erstes Feedback haben, dann zeig einigen wenigen ausgewählten Testlesern ein oder zwei Kapitel.

2. Wie du mit Feedback umgehst.

Mit Feedback umzugehen, ist ein komplexes Thema. Die meisten denken da erstmal an negatives Feedback – und ja, das spielt eine große Rolle. Denn selbst, wenn es berechtigt und sogar total konstruktiv ist, so gibt es Leute, die sich sofort entmutigt fühlen. Denken, sie können es nicht. Oder „das will eh keiner lesen“.

Positives Feedback kann ebenfalls diesen Effekt haben: Für die meisten ist es nicht leicht, ehrliches Feedback zu geben (mehr dazu in Teil 2). Wenn Testleser dich kennen und mögen, steht oft das Ermutigen und Bestärken im Vordergrund. Ich kenne Leute, die generell nur Positives sagen und Kritisches verschweigen. Ganz häufig höre ich von Neukunden: „Bitte, bitte seien Sie ehrlich und sagen mir ganz ungeschminkt, was Sache ist. Mein Umfeld sagt immer nur TOLL, das zieht mich mittlerweile runter, weil es mir gar nichts hilft.“

Ein weiterer Aspekt ist, dass Einzelmeinungen im eigenen Kopf gerne zu hoch gewichtet werden. Da wird eine Einzelmeinung als richtungsweisend genommen. Wenn du fünf, zehn oder zwanzig Leute fragst, sind das fünf, zehn oder zwanzig Leute. Selbst wenn du 50 Leute fragst und alle bemängeln etwas, das du besonders gut findest, heißt das nicht, dass du dir untreu werden solltest.

Und was ist damit, wenn der eine Testleser „hü“ sagt und der andere „hott“? Bist du dann verwirrt oder versuchst, allen gerecht zu werden – was keinem Buch gut tut.

Mit Feedback umgehen können heißt, dass du eine klare Meinung zu deinem Projekt hast, andere Ansichten anschaust, beurteilst und darauf basierend DEINE ENTSCHEIDUNG TRIFFST.

Es kann bedeuten, dass du nochmal massiv ins Projekt eintauchst, vielleicht ganze Brocken neu angehst, wenn du merkst: Der oder die Test-Leser haben recht! Ich habe was nicht genug beachtet oder nicht klar durchgezogen, darum geh ich hier jetzt noch mal zurück auf Los.

Es bedeutet aber auch, dass du Feedback anschaust und sagst: „Nö. Find ich nicht.“ Oder: „Ja, da ist was dran, doch aus diesem und jenem Grund bleibe ich bei meiner Version.“

3. Wie dein Zeitplan aussieht – und die Zeit deiner Testleser.

Ganz klar: Bitte frag deine Wunsch-Testleser vorher, ob sie möchten – und die entsprechende Zeit haben. Ich habe früher total oft Konzepte, fertige Kapitel und ganze Manuskripte gemailt bekommen mit der Bitte um „kurzes Feedback“. Mal abgesehen davon, dass ein Profi für genau diese Leistung bezahlt wird, steckt da viel Arbeit drin.

Ich habe selten einen Menschen getroffen, dem langweilig war. Die meisten haben genug zu tun. Wenn das Testlesen reinpasst, bedeutet das, dass sie etwas lesen – sich dann erstmal intensiv Gedanken machen – und deine Fragen beantworten sollen.

In Teil 2, wenn wir uns den Fragen widmen, wird klar, dass das richtig in Arbeit ausarten kann. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass vielen Feedback schwer fällt, erst recht schriftlich.

Hast du einen festen Zeitplan, vielleicht schon einen Abgabe- oder geplanten Erscheinungstermin, dann muss das WANN dazu passen. Es muss den Testlesern genügend Raum lassen, dass sie ihrerseits Mühe und Zeit investieren können und dir, damit weiterzuarbeiten.

Wen?

Wer sich gefragt hat, wofür er speziell Feedback möchte, der erkennt bereits, ob ein Profi die bessere Wahl ist. Geht es dir darum, ein Buch komplett zu strukturieren, es gezielt auf Verständlichkeit und Sprache abzuklopfen, ist ein Profi die bessere Wahl. Wobei es natürlich Ausnahmen gibt: Es kann gut sein, dass du in deinem Bekanntenkreis eine begnadete Hobbylektorin hast oder jemanden, der einfach irre gut strukturieren kann.

Bitte aufpassen: Selbst, wenn jemand mündlich oder bei persönlichen Projekten super strukturiert ist, muss das nicht bedeuten, dass das schriftlich klappt. Ein Buch hat eigene Anforderungen. Darum ist es im Regelfall bei solchen Themen besser, gleich zum Profi zu gehen.

Wenn du schon testlesen lässt, frag deine Zielgruppe! Und ja, das bedeutet, dass ich bei einem Kinderbuch das Feedback von Kindern einhole. Da kommt es jetzt drauf an, wen ich erreichen will: Schreibe ich über Probleme oder Krankheiten, dann will ich das vielleicht an Kinder richten, die selbst betroffen sind, und an andere, damit sie Verständnis dafür haben. Das sind bereits zwei „Arten“ von Testlesern, die berücksichtigt werden wollen.

Schreibe ich einen Ratgeber für eine Zielgruppe, von der ich glaube, dass sie keinen Bock und keine Zeit hat, viel zu lesen, dann frage ich nicht nur jemanden, der die Branche kennt, sondern brauche als Testobjekt Leute in dieser Situation. Plus: Offen genug bleiben, dass meine Einschätzung und die Lösung dafür eventuell so nicht stimmt – womit wir wieder bei den Fragen sind, auf die ich im nächsten Teil näher eingehe.

Stell deine Testleser individuell zusammen! Nicht einfach eine Handvoll Leute nehmen, die du kennst, sondern vorher genauere Gedanken machen.

Berücksichtige unter anderem die Eigenheiten eines Feedbackgebers! Im persönlichen Umfeld kann man beispielsweise sehr gut einschätzen, ob jemand eher schaut, was nicht so gut passt oder fehlt – oder ob wer eher lobend hervorhebt, was super ist und „Cheerleader“ ist. Genauso weiß man, welche Leute gedanklich springen, ohne in die Tiefe gehen zu können … auch die können wertvoll sein, weil sie einem Ansätze geben, die man dann selbst abklopfen und weiterspinnen kann.

Wenn du dein Wofür kennst, dann wähle deine Testleser gezielt aus. Damit erhöhst du den Wert, den das Feedback für dich hat. Vor allem aber setzt du dich vorab damit auseinander, woher das Feedback kommt. Das wiederum hilft dir beim Einschätzen und Entscheiden.

Demnächst

Teil 2 – Ratgeber-Testleser: Welche Fragen?

 

2 Kommentare

  1. Danke, Gitte! Wieder ein Super-Artikel.

    Und nun meine Erfahrung mit Testlesern.

    Ich habe A gefragt, meinen Roman-Entwurf zu „begutachten“, ich habe X(*) € gezahlt und war unzufrieden, weil Ihre Meinung zu kurz und oberflächlich war, außerdem hatte ich den Eindruck, dass sie nur die Hälfte gelesen hatte.

    Dann habe ich B gefragt, B hat den fünften Teil (!) von A verlangt und mir ein gutes vollständiges Feedback geschickt.

    (*) 300 €

    und: ich habe B weitere Aufträge gegeben.

    • Gitte Härter sagt

      Huhu Maria,

      dankeschön für deine Erfahrung, das ist schön, dass du sie mit uns teilst.

      Und die Interview-Fragen für dich hab ich auch schon vorbereitet, muss ich nur noch demnächst mal alles zusammenschreiben … ich melde mich.

      Herzliche Grüße
      Gitte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.