sich managen

Schreiben unter Belastung

Momentan bin ich täglich auf der Intensivstation, weil jemand aus meiner Familie eine schwere Herz-OP hatte. Vor einigen Jahren hatte ich dasselbe mit meiner Mutter. Damals war es für mich noch übler, weil alles neu war. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, welcher Verlauf normal ist.

Ob Krankheit, Existenzängste, Liebeskummer … in solchen besonderen Belastungsmomenten drückt es aus mehreren Richtungen. Die Situation, die Sorge, das Ungewisse.

Obendrauf kommen Zeit- und Orgaprobleme. Wer Kinder hat, muss noch mal ganz anders organisieren. Wer  an einem völlig anderen Ort gebraucht wird, den stellt die Distanz vor weitere Schwierigkeiten und und und.

Als EinzelunternehmerIn können wir selten abrupt alles fallenlassen: Wir haben Verpflichtungen, laufende Aufträge. The show must go on. Oft ist es sogar eine gute Sache, eine gewisse Normalität zu bewahren, damit der Kopf nicht nur um das Problem kreist. Damit ist niemandem gedient, erst recht, wenn man Kraft für andere oder eine schwierige Situation braucht.

Ob kurze Krise oder lang anhaltende Belastung: Das Schreiben fällt jetzt den meisten ganz besonders schwer.

Tipp 1: Druck rausnehmen

Die Belastung – mit all ihren Konsequenzen – knallt obendrauf und breitet sich für den Moment richtig fett aus. Darum ist oberstes Gebot: für Entlastung sorgen.

Irgendwas geht immer.

Das Verflixte: In solchen Ausnahmesituationen denken wir meist nicht dran, aktiv für Entlastung zu sorgen, sondern versuchen, allem, was üblicherweise dran ist, auch noch gerecht zu werden.

Es kommt natürlich darauf an, wie deine Schreibsituation gerade ist. Einige Beispiele:

  • Vielleicht steht dein monatlicher Newsletter an. Erlaub dir, ihn zu verschieben – dann schickst du ihn halt mal nicht am Ersten, sondern erst in zwei Wochen. Oder du schickst ihn, aber mit der Info an deine Abonnenten, dass du gerade in einer kleinen Ausnahmesituation steckst (gib nur die Informationen, mit denen du dich wohlfühlst, das kannst du immer dosieren) + inkludiere einfach einen nützlichen link zu einem früheren Text in deinem Blog.
  • Vielleicht schreibst du beruflich für andere. Dann gib deinen aktuellen Auftraggebern kurz Bescheid, was los ist. Nicht alles, was aktuell vereinbart ist, ist superobereilig. Frag dich, ob und was du auf jeden Fall gut schaffen kannst – oder bitte um eine spätere Deadline. Ich habe es noch nie erlebt, dass ein anderer Mensch kein Verständnis dafür hätte. Die meisten Sachen lassen sich irgendwie entzerren.
  • Erlaube dir, nicht zu schreiben. Manchmal hatte man etwas Bestimmtes vor: Die Webtexte überarbeiten, endlich mal wieder zu bloggen, dies und das zusammenstellen, oder oder oder. Selbst, wenn du „eigentlich“ wolltest … wenn sich deine Prioritäten zwangsweise verschieben müssen oder du einfach keinen Nerv dafür hast, triff die gezielte Entscheidung, zu verschieben. Am besten mit Datum, so dass du es wirklich aus dem Genick hast und zum X-Ypsiylonten die Lage neu einschätzt.
  • Vielleicht hast du ein Blog, aber es ist absehbar, dass du für einen längeren Zeitraum weder Lust, Zeit noch Nerven dafür haben wirst. Dann schreib einen Hinweis rein, dass und warum es gerade eine Blogpause gibt. Und schon hast du das aus dem Genick – und deine Webbesucher sind im Bild. Wenn du nur sehr wenig Leser hast, kannst du das Blog von der Website nehmen, wenn dir das lieber ist. Das lässt sich immer noch später reaktivieren.

Denk ans Drumherum: Vielleicht ist es gerade nicht machbar, an der Schreibfront für Entlastung zu sorgen.

An welchen Stellen geht’s? Welche anderen Verpflichtungen kannst du ganz oder teilweise bleiben lassen beziehungsweise jemand anderen dazu bitten?

Denk auch ans physische Druckablassen: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man gerne mal die Dinge unter den Tisch fallen lässt, die eigentlich gerade jetzt wichtig für einen wären. Ich neige dazu, wenn ich eh schon viel zu tun habe und dann noch sowas Außergewöhnliches obendrauf kommt, eigene Dinge – wie Sport, persönliche Treffen oder das Essen zu vernachlässigen.

Doch gerade das sind effektive Ventile, vor allem die Bewegung. Ich habe zum Beispiel im Draußensport das Sprinten immer gehasst wie die Pest. Aber als meine Mutter auf der Intensivstation lag, bin ich freiwillig gesprintet, und es hat mir plötzlich so gut getan [danach hab ichs sofort wieder bleibenlassen, haha]. Alles, was dir ein Ventil gibt für die innere Anspannung und Gedankenmühle, ist wichtig – und wenns nur eine Minute wildes Hüpfen auf der Stelle ist oder ein Jammern-Dürfen bei einer Freundin.

Tipp 2: Das Problem parken dürfen.

Sorgen aller Art – auch die anderer nahe stehender Menschen – haben die Angewohnheit, alles zu beherrschen. Das ganze Leben besteht nur noch aus diesem einen Problem. Man wundert sich, dass sich die Welt für andere normal weiterdreht.

Doch die Welt dreht sich für uns alle weiter.

Sogar für den Betroffenen ist es nicht gut, wenn es nur noch um das Problem geht. Wenn wir uns verschlucken lassen von Sorgen oder Ungewissem, dann paralysieren wir uns. Wir machen uns ohnmächtig.

Ich kann jetzt hier sitzen und mich verrückt machen vor Sorge, wie was sein wird, wie sich mein Angehöriger jetzt vielleicht alleine fühlt auf der Intensivstation, mich reinsteigern, dass er vielleicht verzweifelt ist, weil er nicht weiß, was genau los ist. Doch abgesehen davon, dass das alles meine Annahmen sind, würde das nichts verändern. Außer ich entscheide mich, dass ich meine Arbeit für heute lassen kann und jetzt sofort hinfahre. Und selbst dann ist das nicht unbedingt die beste Entscheidung für den Betroffenen.

Was ich damit sagen möchte: Es ist in so Ausnahmephasen, insbesondere, wenn sie länger andauern, sehr wichtig, das Problem parken zu dürfen. Das gilt für jeden, doch für EinzelunternehmerInnen, die weiter funktionieren müssen, erst recht!

Parkzeit festlegen

Ich kann mir bewusst sagen: Heute Vormittag arbeite ich. Um XY Uhr gehe ich dann wieder ins Krankenhaus. – Oder jemand hat Existenzängste, weil keine Aufträge da sind. Das ist schlimm und irrsinnig bedrückend, aber gerade dann ist es wichtig, aktiv was dafür zu tun. Auch da ist es gut, Klartext mit sich zu reden:

„Ja, ich habe Panik, weil ich gerade nicht weiß, wie ich ab übernächsten Monat meine Fixkosten bezahlen soll. Doch jetzt, in diesem Moment, bringt mir die Panik nichts. Ich kenne das Problem, ich kümmere mich darum. Indem ich jetzt diesen einen kleinen Auftrag fertig mache. Und nachher diesen früheren Kunden anrufe. Und anschließend einige erste Ideen aufschreibe, wie ich an Geld komme. Und danach – um drei Uhr – mach ich mir einen Kaffee und mach mir wieder eine runde Sorgen.“

Das klingt seltsam und es scheint so, als ob das gar nicht geht, Sorgen „abzuschalten“. Doch ich garantiere, dass sich das anders anfühlt. Denn man nimmt die Zügel in die Hand. Man nimmt das Problem ernst, aber erlaubt sich, es zu parken. Und um drei Uhr, bei der Kaffeepause, oder was du mir dir vereinbarst, wie lange die Parkzeit andauert, fühlt sich das schon ein kleines bisschen anders an – weil wir etwas TUN, anstatt uns nur ins Problem reinzusteigern.

Ja, der Alltag kommt einem bedeutungslos vor.

Vielleicht hat man ein schlechtes Gewissen, sich einer anderen Sache zu widmen – erst recht, wenn sie „eigentlich“ gar nicht sein müsste. Das darf trotzdem sein!

Für viele Selbstständige ist das Schreiben ein Extra. Und ich kenne eine ganze Menge Leute, die gerne schreiben oder die sich vorgenommen haben, gezielt zu üben. Jetzt ist es in solchen Belastungszeiten manchmal so, dass man nur noch das Nötigste macht. Nicht nur, weil es zeitlich nicht zu gehen scheint, sondern mitunter, weil man es sich nicht erlaubt.

Sorgen, die drastischer ausfallen, verschwinden aber nicht mal kurz, sondern meistens gilt es, über einen längeren Zeitraum eine besonderes Kraft und Jonglierfähigkeit aufzubringen – praktisch und mental. Gerade darum ist es wichtig, sich Dinge zu erlauben, die streng genommen gerade nicht sein dürfen. Aber dann bitte mit machbarem Pensum und realistischen Erwartungen.

Ich hatte schon Leute im Workshop, die aus dem Krankenhaus mitgemacht haben, während ihre Kinder operiert wurden oder geschlafen haben. Das ist eine gute Entscheidung, doch natürlich wirds Abstriche geben: Vielleicht geht nicht alles, was man möchte, ganz sicher hat man nicht die übliche Tagesform … doch mit Abstrichen kann man solche „Extras“ wunderbar für sich nutzen. Also hab kein schlechtes Gewissen, wenn du gerne einen Blogbeitrag schreiben willst, obwohl der eigentlich gar nicht dringend ist oder du dir sonst eine persönliche Auszeit gönnst, um den vielen Verpflichtungen und Sorgen einfach mal zu entgehen, zumindest dich auf andere Gedanken zu bringen.

Tipp 3: Häppchen

Unter Zeit- und Gedanken-Not ist man selten so konzentriert, formvollendet von A bis Z zu schreiben. Hervorragend ist es daher, anstehende Schreibprojekte in Häppchen anzugehen.

  • Einen Text konzipieren ist ideal! Denn da geht’s nicht ums Formulieren, sondern um die nackten Fakten. Auch wenn du nicht zum Schreiben kommst, tust du was für das spätere Ergebnis. Wer bei mir im Workshop war, kann auf diese Weise sogar in kleinen Zeiteinheiten vom Thema bis hin zum kompletten Text kommen, weil durchs Vorausdenken und Durchstrukturieren kleine klare Schritte machbar sind, ohne dass man mit dem Kopf nonstop drin bleiben muss.
  • Denk dein aktuelles Projekt – ob ein eigenes oder für Kunden – in Mini-Häppchen. Nicht „ich muss noch die ganze Website texten“ oder „ich sollte schon längst wieder bloggen“ oder „ich muss die Seminarunterlagen bis X irgendwie schaffen“, sondern brich im Alltag machbare kleine Teilaspekte raus. Mal nur grobe Ideen für die Startseite notieren, im Wartezimmer schöne Mappen recherchieren oder oder oder

Häppchen machen Fortschritt möglich. Das wiederum führt zu weiterer Entlastung.

Wer woanders hin muss, wie ich gerade zu Krankenhausbesuchen – oder nach einer Trennung gerade verrückt in den eigenen vier Wänden wird, der kann ganz old school Block und Stift einpacken und nebenher an seinen Häppchen arbeiten.

Tipp 4: Autopilot vs. frischer Wind

Routine hat Vor- und Nachteile. In solchen Ausnahmesituationen schalten wir gerne auf Routine. Beim Schreiben heißt das, dass wir das tun, was wir schon gut können.

Als vor einigen Jahren meine Mama länger im Krankenhaus war, war ich in der heißen Phase für eines meiner Bücher: Bis zum Abgabetermin waren es nur noch wenige Wochen, und plötzlich war ich von früh bis spät im Krankenhaus. Abends hieß es dann: E-Mails beantworten, Kundenaufträge erledigen und dann noch nebenbei ein Buch zu schreiben.

Das ging trotz allem gut voran, weil ich routiniert war – leider war das das Problem. Zwei Wochen später trat ich 70 Seiten in die Tonne, weil sie mir zu blutleer und gewöhnlich waren.

Je nachdem, wie du drauf bist, entscheide dich für zwei Wege (je nach anstehendem Schreibprojekt  sogar gemischt):

  • Bring gezielt frischen Wind rein, wenn du – wie ich – dazu neigst, in so einer Ausnahmesituation eher zu routiniert zu produzieren: Du kannst das Format ein wenig ändern, das Thema, deine Art vorab zu brainstormen … hab im Kopf, etwas ganz anders zu machen. Das ist für manche Leute ein richtiger Aufatmer, weil sie sich neu fordern und dann aus einem unguten Autopiloten aufwachen.
  • Es kann sein, dass es für dich gerade gut ist, die Routine zu nutzen. Dann schau: Was ist meine bewährteste Vorgehensweise? Kann ich mir beispielsweise für meine nächsten Texte eine Art Schablone schaffen, die ich ganz unterschiedlich fülle, die aber dem gleichen Prinzip folgt, damit ich nicht immer komplett neu denken muss?

Da ticken wir Menschen ganz verschieden. Wichtig ist nur, nicht komplett auf Autopilot zu schalten, denn dann kriegen wir nicht mit, was wir da genau tun – und das macht meistens noch mehr Arbeit. Plus: Das Ergebnis ist eventuell nicht so berühmt.

Frischer Wind kommt unter anderem durch die Werkzeuge rein: Vielleicht schreibst du normal immer elektronisch und jetzt mal wieder auf Papier. Oder du skizzierst deine Gedanken mit kleinen Strichmännchen. Oder du setzt dich draußen auf eine Bank und probierst mal die Diktierfunktion vom Handy aus.

Tipp 5: Es lebe das Unperfekte!

Hier kommt etwas aus der Sparte „Aus der Not eine Tugend machen“. Ausnahmesituationen führen dazu, dass wir nicht so auf der Höhe sind. Fürs Schreiben ist das super, weil der innere Perfektionsmeister geschwächt ist, der preisverdächtig und makellos formulieren will.

Das ist die Gelegenheit für dich, deine „quick & dirty“-Entwürfe zu üben.

  • Einfach mal runterzuhacken, frisch von der Leber weg.
  • Das Ziel: Vollständig rausflutschen lassen, aber im Plauderton, so wie es dir spontan in den Sinn kommt. Idealerweise natürlich vorausgedacht, damit du nicht komplett ins Blaue schreibst, aber selbst das bringt dir schon was.

Du hast dann auf jeden Fall nebenbei schnell-schnell was produziert, das entweder später nur ein wenig Feintuning braucht oder das du zumindest ausschlachten kannst.

Positive Nebeneffekte: Da übst das Unperfektsein, das deinen Schreibfähigkeiten wahnsinnig gut tut, weil es flott geht und ungefilterter nach dir klingt. Und du bringst neben all den Belastungen etwas zustande.

Ein gutes Gefühl!