Lesernutzen
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Lesern auf die Pelle rücken

Es gibt zwei Sorten von Texten:

Die einen vermitteln „neutrale Informationen“, bei denen die Persönlichkeit und Situation des Lesers egal ist. Wenn ich ein Kochrezept veröffentliche, Sprach-Informationen gebe oder anleite, wie man einen Textbaustein in Word erstellt, dann ist wichtig, verständlich zu erklären. Das heißt, dass ich mir klar sein muss, wie viel Vorwissen meine Zielgruppe hat. Aber ansonsten ist die Anleitung auf den Inhalt bezogen (Was ist das? – Wie geht das?).

Ganz anders sieht es mit Texten aus, die darauf abzielen, dass der Leser etwas erkennen oder tun soll. Immer dann, wenn die Persönlichkeit, das Verhalten und die individuelle Situation deiner Leser berührt werden, wird es anspruchsvoller.

Aber Achtung: Auch ein Koch-, Sprach- oder Computer-Blog kann Texte beinhalten, die in diese Kategorie fallen. Wenn es darum geht, die Leser dazu zu bringen, regelmäßig oder gesünder zu kochen. Wenn der Computerblogger sich an Technik-Ängstliche richtet oder eine Sonntagspredigt hält, sich endlich mal um seine Backups zu kümmern. Oder wenn es im Sprachblog ums Lernen, Üben und Sich-trauen geht. Das sind jetzt natürlich nur vereinzelte Beispiele.

Kurz und gut: Immer dann, wenn du mit einem Text etwas beim Leser erreichen willst, das über bloße Informationsvermittlung hinausgeht,

  • er soll was reflektieren, erkennen, persönliche Aha-Effekte haben …
  • er soll etwas ausprobieren, konsequenter machen, anders „sein“ als bisher …

musst du dich beim Schreiben mehr ins Zeug legen. Denn du hast es mit einer Menge dir unbekannter LeserInnen mit ganz verschiedenen persönlichen Variablen zu tun.

Das Aber, die Bequemlichkeit und blinde Flecken

Leute lesen viel, besonders wenn sie ein Problem haben oder in einer Sache besser werden wollen. Doch das Lesen ist eine passive Angelegenheit: Man liest. Man liest und nickt. Man liest und denkt „ich könnte ja vielleicht“, „ich sollte auch mal“. Oder man ist willig, meint aber ständig, dass die Informationen noch nicht reichen. Eventuell weil das, was man bisher versucht hat, nicht geklappt hat.

Gehen wir mal davon aus, dass deine Texte nützlich und klar verständlich sind. Dass sie so richtig in die Tiefe gehen und die Persönlichkeit deiner Leser mit einbeziehen. Dass du dir darüber klar bist, dass es für die Zielgruppe meistens sehr schwer ist, in die Gänge zu kommen,

… weil sie Fragen und Vorbehalte hat.
… weil sie bequem ist.
… weil es viele Gründe dafür gibt, nicht oder nur halbherzig was zu machen.
… weil sie blinde Flecken hat.

Dann weißt du, dass du deine LeserInnen viel stärker an die Hand – und in die Pflicht – nehmen musst, wenn sich was tun soll.

  • Du als Expertin kennst deine Pappenheimer aus dem Alltag.
  • Du hast alle Fragen, Hänger und Ausreden schon gehört.
  • Du weißt aus Erfahrung, an welchen Knackpunkten sie zu wenig hinschauen oder etwas als Laien alleine noch gar nicht sehen können.

Und damit sind wir mittendrin im heutigen Thema: Es gibt immer wieder Texte, die deinen Lesern auf die Pelle rücken.

Als AutorIn müssen wir uns trauen, unbequem zu werden. Unsere Leser an unangenehme Tatsachen erinnern, ihnen auch mal auf die Füße steigen und sie gnadenlos mit etwas konfrontieren, was sie nicht gerne hören.

Wir legen einen Finger in die Wunde. Vier gute Ansätze dazu sind:

Den Lesern einen Zahn ziehen

Das Prinzip des Zahnziehens ist ein „So geht das nicht“ oder „So bringt das nichts“. Wir als Fachleute wissen, wie unsere Pappenheimer so ticken. Aus unserem Alltag heraus kennen wir Sicht- und Verhaltensweisen, die nicht sonderlich zielführend sind.

Manchen deiner LeserInnen ist das durchaus bewusst. Kennen wir von uns selbst ja auch: Dass wir bestimmte Dinge machen oder nicht machen und es eigentlich kein Wunder ist, dass …

Ein Text, der das offen anspricht, der sagt, was warum nichts bringt oder was dazu gehört – anstatt zu vereinfachen, weil es verlockend klingt klingt -, bringt sehr viel mehr in Gang.

Einen blinden Fleck aufzeigen

Zweierlei Maß ist total menschlich. Nicht umsonst heißt es „wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe“. Interessant wird es da, wo wir nicht nur unterschiedlich bewerten, sondern es noch nicht mal merken:

  • Selbstständige, die sich über respektloses Kundenverhalten aufregen, aber bei einem Hotline-Anruf total unfreundlich sind oder Lieferanten unnötig unter Druck setzen.
  • Leute, die verletzt sind, dass andere hinter ihrem Rücken über sie sprechen, anstatt das direkte Gespräch zu suchen. Es aber selbst nicht tun.
  • Jemand, der sich aufregt, dass Veganer total missionieren … aber dasselbe mit seinem Herzensthema ganz genauso tut. Nur, da heißt es dann Engagement.

Gerade WEIL solche Verhaltensweisen total menschlich sind, sind Texte so wichtig, die einen Spiegel vorhalten: „Guck mal, du denkst/verhältst dich auch oft so!“ oder „Das ist dasselbe in Grün“.

Hier geht es also darum, dass deine Leser sich an die eigene Nase packen und ihnen ganz direkt einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Du kannst dir vorstellen, wie sehr du da gefordert bist, denn gerade, wenn es unangenehm wird, schaut man nicht so gerne hin.

Zum Reality-Check aufrufen

In vielen Texten geben wir Anregungen, manchmal animieren wir, das eine oder andere mal näher zu hinterfragen.

Beim Reality-Check geht es um Fakten und manchmal um einen kalten Eimer Wasser. Bilanz ziehen, mal richtig Erfolgskontrolle machen, das eigene Verhalten konkret abklopfen, um eigene Stolperfallen und Selbstsabotage zu erkennen. Oder einfach keine Ausreden mehr zu haben, etwas schleifen zu lassen beziehungsweise sich als Opfer zu sehen.

Bei einem Reality-Check gibst du zu deinem Artikel-Thema handfeste Fragen beziehungsweise Aufgaben, die der Leser in Eigenregie wirklich konkret für sich beantworten kann.

Gezielt auf die Füße steigen

Das Tun, Dranbleiben, Realisieren von ToDos oder Zielen ist Dauerbrennerthema. Ein Text, der bei eigenem Verhalten und Versäumnissen ansetzt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei deinen Lesern etwas tut.

Das ist sozusagen die verschärfte Version vom Zahn ziehen. Hier geht es nicht mehr nur um „So bringt das nichts“, sondern du steigst deinen Lesern wirklich auf die Füße:

  • Du brauchst dich nicht wundern, dass …
  • Du machst xy nicht richtig/konsequent/falsch …
  • Du schneidest dich ins eigene Fleisch, indem …

Der passende Workshop

Unbequemer Klartext ist geradlinig, darf krasser sein aber er ist nie grob oder respektlos. Das ist schriftlich manchmal etwas knifflig.

Wenn du mit mir zusammen üben möchtest, den Finger in die Wunde zu legen: Wunsch-Workshops

 

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