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Ratgeber + Testleser: Welche Fragen?

Im ersten Teil gings ums Ob, ums Warum, ums Wann und Wen. Heute gibts ein paar Takte rund um die Fragen. Versetzen wir uns zunächst in deine Test-Leser.

Feedback ist gar nicht so leicht!

Sollen die Antworten von Test-Lesern was bringen, müssen sie ehrlich sein. Und konkret. Damit sind wir schon bei typischen Hürden, die die meisten Menschen haben:

Ehrlich Feedback zu geben, ist gar nicht so einfach! Die einen haben ein Problem damit, überhaupt was Kritisches zu sagen. Die anderen denken, mit „Feedback“ ist gemeint, lediglich Schwachstellen und Negatives aufzudecken. Dazu kommt, dass es hier immer darum geht, eine subjektive Meinung abzugeben. Ein Feedback bewertet – mal ganz unabhängig, in welcher Richtung. Damit fühlt sich nicht jeder wohl, und manche können es gar nicht. Andere tun sich schwer damit, konstruktiven Klartext zu reden.

Konkret benennen, was man meint, es handfest begründen und vielleicht sogar sagen, was man besser fände, tun die meisten nicht von sich aus. Darum fällt spontanes Feedback gern oberflächlich aus. „Gefällt mir“ oder „ist nicht so meins“ oder „fand ich manchmal nicht so verständlich“ – damit kann man nichts anfangen. Einzelmeinungen müssen nachvollziehbar werden, damit du sie einordnen kannst.

„Gefällt mir“ kann heißen, dass jemand schätzt, dass du überhaupt ein Buch schreibst oder dich einfach ermutigen möchte. Es kann heißen „ich habs gern gelesen, weil es unterhaltsam ist“. Das wäre was ganz anderes als „die Übungen gefallen mir gut, ich hatte Lust, sie zu machen, weil …“ oder „deine Sprache ist so vertraut und verständnisvoll. Ich habe mich in den Beispielen so richtig wiedergefunden“.

Dazu kommt: Der Durchschnittsmensch tut sich schriftlich meist schwerer in solchen Sachen – überhaupt etwas beurteilen, es handfest begründen und konkret zu werden, und dafür noch die richtigen Worte finden. Erst recht, wenns kritisch wird.

Du kannst deinen Test-Lesern hier enorm helfen:

… indem du explizit darum bittest, ehrlich zu sein. Betone bereits beim Fragen, ob jemand für dich Testleser wird, dass du schonungslos, geradeheraus und konkretes Feedback brauchst. Wenn du das etwas humorvoll formulierst („Ich halte das aus!“), fallen die Hemmungen.

… indem du eine gezielte Auswahl triffst, was du wissen möchtest. Also mach keinen wilden Rundumschlag und stell nicht viel zu viele Fragen gleichzeitig!

… indem du deine Fragen so stellst, dass sie spezifisch beantwortet werden können. Klare, einzelne Fragen und die schon so, dass dein Test-Leser näher nachforscht, warum er etwas soundso einschätzt, was er vermisst oder womit er Schwierigkeiten hätte.

Zielgeruppengerecht fragen

Im ersten Teil gings bereits darum, dass du unterschiedliche Test-Leser haben wirst:

  • Leute, die deiner Buchzielgruppe direkt entsprechen. Schreibe ich ein Buch, wie man aus Depressionen rauskommt, frage ich Menschen, die Depressionen haben. Schreibe ich eins für depressive Kinder, suche ich mir als Test-Leser eine Mischung von Kindern und Erwachsenen aus, die eigene Erfahrungen haben. Beim Kinderbuch interessiert mich vielleicht auch die Sicht der Eltern.
  • Feedback von fachlich beschlagenen LeserInnen: Manche Autoren holen sich von Kollegen speziellen Input ein, weil vier Augen mehr als zwei sehen. Oder du bittest jemanden, der schreiberisch super ist, um Feedback zu Struktur, Schlüssigkeit etc.
  • Dann gibt es im persönlichen oder beruflichen Umfeld einfach Menschen, deren Feedback du schätzt – weil sie so strukturiert sind. Oder geradeheraus. Oder so motivierend, aber dennoch immer ehrlich.

Mein Punkt ist: Nicht alle diese Zielgruppen bekommen die gleichen Fragen! Willst du wirklich qualitativ viel aus deiner Testleser-Aktion rausholen, dann triff eine gezielte Fragenauswahl und formuliere die Fragen zielgruppengerecht. Situation und Know-how-Level unterscheiden sich. Und auch dein Verhältnis zum Test-Leser beeinflusst die Art, wie du fragst. Wie immer lohnt sich das Anpassen!

Gehen wir mal tiefer rein:

Frag gezielt, was dich wirklich interessiert.

Damit meine ich einerseits, dass du nur das fragst, wozu du überhaupt Feedback willst (das hatten wir schon in Teil 1). Andererseits bezieht sich das darauf, wie du deine Frage formulierst.

Sagen wir, jemand schreibt ein Buch über Feng-Shui und macht sich Sorgen, ob er das Prinzip bodenständig genug erklärt hat, weil er befürchtet, dass das Thema bei vielen in der Esoterik-Schublade landet.

Jetzt könnte er fragen „Wie wirkt das Thema auf dich?“ – doch damit können viele nichts anfangen oder antworten zu allgemein. Ich kann sagen „Wirkt das Thema arg esoterisch?“ – da bekomme ich dann eine Antwort, aber die Gefahr ist, dass ich die Leute erst auf die Idee bringe. Mal abgesehen davon, dass bei schwammigen Fragen fast immer eine oberflächliche Antwort kommt.

Differenzierter zu fragen, bringt aussagekräftigere Antworten.

Wie wirkt das Thema „Feng Shui“ auf dich, nachdem du das Manuskript gelesen hast:

o eher bodenständig, weil …
o eher spirituell, weil …
o theoretisch, weil …
o praxisnah, weil …
o …

Kreuz alles an, was zutrifft. Es kann gut sein, dass verschiedene Aspekte zutreffen. Ich freu mich auf Details!

Du kannst mit Ankreuzvarianten plus Begründung etwas steuern und deinen Lesern helfen, gezielt abzuklopfen, wie das eigentlich für sie ist.

Es muss übrigens nicht immer eine Frage sein:

Gleich am Anfang, ab Seite 10, erkläre ich, was Feng-Shui ist und was es bewirkt. Bitte fass mal in zwei bis drei eigenen Sätzen zusammen, was aus deiner Sicht Feng-Shui ist (einfach ganz spontan und unperfekt, so wie dus verstanden hast).


Hast du gemerkt, dass ich in meinen „Anweisungen“ sehr stark plaudere?

Je persönlicher und normaler ich mit meinen Test-Lesern rede, desto normaler sind die. Je offizieller so ein Fragebogen daherkommt, desto steifer und formeller wird die Angelegenheit. Das beeinflusst automatisch.

Ich will von einem Test-Leser keine wissenschaftliche Analyse meines Buches. Ich will, dass er sich traut, mir seine ureigene Meinung zu sagen. Bevor er sie durch zig Höflichkeits- und Formulierungsfilter jagt.


Frag spezifisch, aber nicht zu viel auf einmal.

Ich bin ein großer Fan davon, ausgewählte Fragen an ausgewählte Leute zu stellen. Das hat unter anderem einen ganz praktischen Grund: Der Leser kann sich auf die Fragen konzentrieren.

Liest jemand 30 oder 50 Seiten oder gar ein ganzes Manuskript und sieht sich danach mit einem total breit gefächerten Fragenkatalog konfrontiert, dann wird das Probelesen nicht nur zu einer großen Aufgabe. Es ist für die meisten Leser, wenn sie es nicht gewöhnt sind, etwas zu beurteilen, fast unmöglich, auf alles zu achten. Geschweige denn auch noch genau in Worte zu fassen, wie was war.

Begrenz dich also und stell lieber pro Person einige wenige gezielte Fragen.

Denk dran, dass so ein Fragebogen verschiedene Elemente haben kann. Es muss nicht immer die große Analyse sein. Da darf ruhig  mal eine Aus-dem-Bauch-raus-Abfrage kommen, bei der du ohne Begründung eine unmittelbare Wirkung bekommst. Zum Beispiel kannst du deinen Probelesern im Manuskript nach jedem Kapitel einen kleinen Ankreuz-Check einheften, wo nur steht.

Du hast grad Kapitel 1 fertig gelesen. Kreuzel jetzt gleich spontan an, was alles zutrifft. Bitte nicht nachdenken und ganz ehrlich das Kreuz nur da machen, was grad für dich stimmt:

o konnte flüssig lesen
o hab alles verstanden
o hatte einen oder mehrere Aha-Effekte
o hab die Übungen gemacht
o bin neugierig, wie es weitergeht

Das sind jetzt nur ein paar Beispiele, damit du siehst, was ich meine: Ein kurzes Blitzlicht, ohne groß nachzudenken. Die Fragen könnte man natürlich negativ formulieren oder negativ und positiv, doch damit blockierst du bei einigen wieder die ehrliche Antwort. Darum mach ruhig positiv, denn für so ein Blitzlicht sagt dir das schon, wo du noch mal nachbessern kannst.

Kombinierst du sowas mit einigen qualitativen Fragen überforderst du deine Leser nicht und bekommst verschiedene Ansatzpunkte, was schon super ist und wo was besser geht.

Du kannst auch alle deine Kapitel in Form einer Skala auf einem Blatt ausdrucken und den Leser währenddessen einzeichnen lassen, was relevant für dich ist. So siehst du einen Verlauf beziehungsweise merkst sofort, wenn ein Kapitel abfällt. Immer gilt: Keep it simple. Ich würde maximal 1 – 3 Dinge abfragen, z. B.

(aufs Bild klicken für größere Ansicht)

Bitte mit ermutigenden einleitenden Worten, dass das ganz subjektiv + ehrlich sein soll, selbst wenns mal ins Graue geht. Und mit einer kurzen Erklärung, was du jeweils meinst mit flüssig lesbar etc. plus wie die Skaleneinschätzung gedacht ist.

Aufgepasst beim Auswerten: Das ist eine subjektive Einschätzung, die dir zudem Tendenzen aufzeigen kann. Aber bitte nicht über einen Kamm scheren à la „5 Leute sagen 8 in Kapitel 5“ und dann pseudostatistisch ausrechnen. Das wäre Quark, denn du hast hier eben keine qualitative Begründung dabei, warum das so ist.

Frag so, dass du eine qualitative Antwort bekommst.

Das hab ich oben schon vorgemacht: Stell keine Fragen, die zu riesig sind. Und wenn du eine JA/NEIN-Frage stellst, dann bitte immer um eine Begründung. Einfach ein „weil …“ dazusetzen und ein paar freie Zeilen. Genug Platz geben, denn wenn da nur eine oder zwei Zeilen stehen, schreiben 90 % der Leute nur kurz und knapp, weil sie denken, das soll da hinpassen.

Nehmen wir an, ein Manuskript duzt seine Leser. Das ist nicht jedermanns Sache. Der Autor ist sich selbst nicht sicher. Wenn er nun einfach fragt „Findest du DU oder SIE besser?“, dann hat er die persönliche Präferenz seiner paar Test-Leser. Aber das sagt nicht viel aus. Besonders, wenn er selbst ja eigentlich das Du gut findet.

Er kann also gezielter fragen und damit über die persönliche Präferenz hinaus gehen.

Zur Anrede:

o Magst du persönlich DU oder SIE lieber in einem Buch? Warum?

o In meinem Buch geht es ja um das sehr persönliche Thema Liebeskummer und frühere Verletzungen. Findest du dafür das Du passend?

So holst du mehr aus der Antwort raus.

Die ganzen Beispiele sind jetzt natürlich nur angerissen. Ich hoffe, du erkennst, wie viel mehr Gestaltungsspielraum du hast – und wie du damit mehr aus einer Testleser-Aktion rausholst. Plus: Sie dabei unterstützt, dir richtig nützliches Feedback zu geben.

Bewerte ausgewogen!

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Das Feedback deiner Test-Leser sind x Einzelmeinungen. Sie haben eine subjektive Sicht der Dinge. Bitte nicht ins Verallgemeinern verfallen.

Wenn eine Person etwas bemängelt, dann ist das eine Person. Und wenn jeder deiner Test-Leser irgendwas anderes bemängelt, dann heißt das nicht „das von mir Geschriebene ist schlecht“, sondern es heißt, dass es laut deinen Test-Lesern ganz subjektiv dies und das gibt, das sie nicht gut finden.

Selbst wenn 9 von 10 Leser sagen, mir gefällt nicht, dass du den Leser duzt, sind das nicht ALLE MENSCHEN DA DRAUSSEN. Es sind neun.

Ein Testlesen ist nur dann sinnvoll,

… wenn du einordnen kannst, was dir die Leute sagen. Besonders, wenn es kritisch ausfällt. Wer mit Feedback nicht klarkommt oder eigentlich gar keins möchte (dazu mehr in Teil 1), der ist besser damit bedient, keine Testleser vorher zu befragen.

… wenn du Rückmeldungen abklopfst, drüber nachdenkst und „dahinter“ schaust: Wer sagt mir das? Was steckt da vielleicht ansatzweise drin, was ich mir nochmal vorknöpfen möchte? Feedback muss man nicht zu 100 % aufnehmen oder abtun, man kann es als Sprungbrett nehmen, um etwas zu verbessern – oder etwas anderes damit zu tun.

… wenn du verinnerlichst: DU hast das abschließende Wort. Es ist dein Buch!

Aha, die Leute sagen, sie wollen nicht, dass ich duze. Ich will aber duzen. Punkt.Oh, es gab mehrmals kritische Stimmen, dass ich etwas zu flapsig formuliert habe. Doch das ist meine Art. Das bleibt so!

 

Teil 1: Buch schreiben: Brauche ich Test-Leser?

 

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