Stil + Stilmittel
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Vorsicht: Zurückhaltung!

Oft begegnet mir bei Kunden die Sorge, dass sie besserwisserisch rüberkommen könnten: wie so ein Oberlehrer, der sagt, was man zu tun hätte. Ich bin schon darauf eingegangen, warum diese Angst unbegründet ist (und eher eine Stilfrage).

Schauen wir uns heute mal das Gegenteil ein: Zu große Zurückhaltung ist nämlich genauso problematisch!

Hand aufs Herz

Packst du manchmal ein Thema absichtlich neutraler an oder formulierst etwas um,

  • um dir ein Hintertürchen offenzuhalten, dich also nicht festlegen zu müssen.
  • um nicht angreifbar zu sein (eventuell sogar von Fachkollegen).
  • um keinen eigenen Standpunkt beziehen zu müssen, vielleicht sogar bewusst die Verantwortung an andere abzugeben – das können andere Quellen sein oder ein Verweis darauf, was „man sagt“.

Wenn Menschen persönlich etwas tun sollen, kommt es stark auf die Wirkung deiner Texte – und dir! – an. Leser brauchen das Vertrauen in dich und dein Know-how. Nur dann kommt deine Botschaft an und sie probieren etwas aus.

Bist du zu zurückhaltend, sieht die Wirkung mau aus:

Gefahr Nr. 1: unsicher rüberkommen

Zu viel könnte, vielleicht, Passiv-Konstruktionen, einerseits – andererseits, ständiges Abwägen, Einbeziehen, Relativieren … und vor allem kein eigener Standpunkt.

All das lässt deinen Text und damit dich sehr schwach aussehen. Schwach und unsicher ist aber das Gegenteil von jemandem, der weiß, wovon er spricht. Darum sind unsicher formulierte Texte ein Problem. Erst recht für uns Selbstständige, denn von so jemandem will man keinen Rat, geschweige denn ihn beauftragen.

Der Leser denkt:

Die Person ist sich ja selbst nicht sicher. Warum sollte ich das beherzigen/ausprobieren/dafür Geld ausgeben?

 

Gefahr Nr. 2: Fehlender Klartext – und damit keine konkrete Anleitung.

Wer unsicher ist, mogelt sich gerne über den Inhalt hinweg. Interessanterweise passiert das gerne unbewusst! Anzeichen sind, wenn im Text viel zu viel Einleitung, Hinführung, Beispiele, aber kein handfester Lesernutzen steht.

Das ist übrigens der Grund, warum ich mein Kunden so lange piesacke, bis die ganze Substanz „aus ihnen raus ist“, bevor sie vom eigentlichen Text das erste Wort schreiben.

Ein Text kann nämlich von den Formulierungen her durchaus selbstbewusst klingen, sich aber dennoch um klare Ansagen drücken.

Der Leser denkt:

Wie geht das? Warum sollte ich?

 

Gefahr Nr. 3: Die Sache tragischer, schwieriger wirken lassen.

Bei Persönlichkeits- und Lebensthemen passiert es schnell, dass man Unsicherheit und fehlenden Klartext mit Verständnis wettmacht.

Dann wird besonders viel ermutigt, bestärkt, gut zugeredet. Doch die Kehrseite ist leider, dass man Dinge komplizierter und schwerer darstellt, Hürden vergrößert und Konsequenzen unabsichtlich aufbläht.

Der Leser denkt:

Das ist schwieriger/komplizierter als ich dachte. Sogar der Experte findet das! Wie soll ich es dann können?

 

Du bist doch von dem überzeugt, was du rätst?

Dann steh schriftlich genauso dazu, wie du das persönlich vermutlich tust. Mit zu großer Zurückhaltung ziehst du dir, deiner Botschaft und deinen Tipps den Boden unter den Füßen weg.

 

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag! Ich konnte mich (leider) in einigen Punkten wiederfinden. Gerade die Sache mit dem „sich angreifbar machen“ ist durchaus ein Thema, das mich begleitet. Aber wer blah schreibt, weckt auch blah Emotionen. Von daher arbeite ich gerade daran in meinen Texten deutlicher Stellung zu beziehen. Auch wenn es nicht jedem gefällt.

    • Gitte Härter sagt

      … herzlichen Dank, Anne. Das freut mich sehr! 🙂

      Genau so! – Alles, was nicht jedem gefällt, ist sowieso besser. Weil du damit DICH zeigst und deine Überzeugungen rauslässt.

      Macht außerdem viel mehr Spaß, was die Schreiberei noch flutschiger macht.

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