Deine Leser

Leserperspektive: Kann ich?

Sollen unsere Texte handfest was bei unseren LeserInnen verändern, verfolgen wir beim Schreiben eine bestimmte Absicht. Doch die besten Informationen + wirksamsten Tipps laufen ins Leere, wenn du die inneren Hürden nicht berücksichtigst.

Die Machbarkeit – aus Lesersicht betrachtet – ist die letzte Hürde, die du idealerweise direkt abfederst, indem du kleinere Brötchen backst.

Überfordere nicht und gib deinen Lesern häppchenweise klare Schritte. Versuch nicht, mit jedem Text gleich alles zu verändern!

Gelingt es dir, deine Leser zu treffen und sie wollen tatsächlich, schieben sich zwei weitere Fragen vors Tun:

Sehe ich in meiner jetzigen Situation die Möglichkeit dazu?

Man denkt bei dieser Frage gerne mal direkt an die größeren Brocken: schwierige Entscheidungen, große Veränderungen … und ja, die gibt’s:

  • Eine Bewerbungsberaterin führt in einem Text aus, wann es höchste Zeit ist, zu kündigen. Das trifft bei ihren betroffenen Lesern einen Nerv, die wollen auch … ABER … der Arbeitsmarkt ist schlecht, ich bin zu kurz in der jetzigen Stelle/zu alt/Mutter mit zwei kleinen Kindern/mein Mann ist grad arbeitslos, kann es mir nicht leisten, dass …

Es geht allerdings schon mit kleineren Kalibern los:

  • Ein Verhandlungscoach gibt supertolle Tipps für ein Gehaltsgespräch: „Mehr Geld“, das trifft die Leser und ist total erstrebenswert. Doch bei uns ist eh grad hinten und vorne Sparkurs, das Budget eingefroren bis nächstes Jahr, mit meinem Chef kann man darüber sowieso nicht reden, ich will nicht negativ auffallen …
  • Ein Text animiert dazu, dreimal die Woche raus in die Natur zu gehen. Einfach nur eine Runde spazierengehen. Es ist ein schöner Text, der die Vorteile hervorhebt, richtig toll an die Hand nimmt und viele überzeugt, wie toll das ist. – Doch ich hab für sowas keine Zeit, meine Woche ist eh schon so voll; der nächste Park oder Wald ist zu weit weg; eigentlich muss ich da und dort die Kinder abholen oder müsste sie mitnehmen und dann …

Klar: Deine Leserschaft ist eine Masse an unbekannten Einzelpersonen. Es ist weder machbar, noch nötig, allen alles immer recht zu machen. Doch wenn du dir vorher PRO TEXT (und konkreter Absicht) Gedanken machst, was so typische Verhinderer und Vorbehalte sein könnten, dann kannst du das in deinem Text berücksichtigen:

Es von vornherein abfangen durch differenzierte Vorschläge, die sich anpassen lassen oder indem du solche Hürden aktiv ansprichst. Und schon erhöhst du wieder die Wahrscheinlichkeit, dass mehr deiner Leser dennoch in die Gänge kommen.

Das gilt ganz besonders für dieses tiefe innere Gefühl:

Traue ich es mir zu?

Ob es darum geht,

  • einen Kuchen zu backen,
  • eine Beziehung zu beenden,
  • ein WordPress-Plugin zu installieren,
  • mich gedanklich mit einer schmerzhaften Erfahrung auseinanderzusetzen,
  • einen Handstand zu üben,
  • meinen Körper wohlwollend im Spiegel zu betrachten,
  • nächstens im Restaurant mal ehrlich zu sagen, wenn das Essen nicht geschmeckt hat,
  • oder oder oder …

Das Zutrauen entscheidet, ob ein Leser etwas ausprobiert oder nicht. Halten wir etwas für zu schwierig, sind wir zuvor bereits gescheitert oder befürchten, uns irgendwelche Schwierigkeiten einzuhandeln, dann ist Ende Gelände.

Noch schlimmer: Manche Leser fühlen sich zusätzlich schlecht. Denn besonders, wenn dein Text trifft, sie etwas für total erstrebenswert halten und sogar „eigentlich“ deinen Anregungen + Tipps folgen könnten, ist es mitunter ein Scheißgefühl, wenn man einen Rückzieher macht, weil man denkt „ich kanns nicht/ich trau mir das nicht zu“.

zurück zum Hauptartikel: Wie nah ist das an meiner Realität?