Deine Leser

Leserperspektive: Will ich?

Sollen unsere Texte handfest was bei unseren LeserInnen verändern, verfolgen wir beim Schreiben eine bestimmte Absicht. Doch die besten Informationen + wirksamsten Tipps laufen ins Leere, wenn du die inneren Hürden nicht berücksichtigst.

Wir hatten schon darüber gesprochen, dass wir mit unserem Text den Leser wirklich treffen müssen. Bevor wir zur Machbarkeit kommen, gehts ums Wollen.

Ein großer Unterschied: Wollen und Wollen

Ich will noch zwei Sprachen können, schöne Torten backen, mal einen Wanderurlaub machen, meine Wohnung nonstop auf Hochglanz haben, meditieren und tausend andere Sachen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht wirklich will. Also können wollen schon, wenn es mit einem Fingernschnips erreichbar wäre.

Dann gibt’s Dinge, die schon näher an meinem Wollen liegen: Total flexibel zu werden, viel öfter gesünder und lecker kochen (lernen), viel geduldiger zu werden und sowas. Doch seien wir auch da realistisch, das richtige JETZT! WOLLEN! EINSATZ! ist bei diesen Dingen nicht so wirklich da.

Und dann gibt’s die Dinge, die ich sehr wohl jetzt angehen will. Sachen, die mich aktuell total interessieren; die zu dem passen, was ich eh gerade mache; Dinge, die mich drücken oder wo ich sonstwie gerade Feuer unterm Arsch habe …

Jeder Mensch hat solche Abstufungen von Wollen: 

  • Das, was im Hier und Jetzt so richtig ein Wollen ist, ist erstens das, was am meisten trifft (und zwar so richtig, denn unsere Zeit, Aufmerksamkeit und Kräfte sind begrenzt!)
  • und wird zweitens dadurch beeinflusst, wie du etwas präsentierst.

Es kann sehr wohl sein, dass du prinzipiell genau das richtige Thema hast und supertolle Tipps, aber die Verpackung stört die Frage: Ist das für mich erstrebenswert?

Die Präsentation kann das Tun verhindern

Sagen wir, jemand schreibt einen Text mit konkreten Tipps zum Meditieren für Anfänger. Dabei geht’s nur darum, wie man erste kleine Schritte machen kann. Der Text ist durchzogen von Spirituellem, sich mit dem Universum verbinden, Kraft von oben bekommen etc.

Damit setzt der Autor einen Filter. Ein Teil seiner Leser wird das äußerst erstrebenswert finden, aber ein weiterer Teil wird sagen: What?! Ich hab mit dem Spirituellen da nichts am Hut. Damit sackt das Erstrebenswert gleich nach unten.

WIE man etwas an den Leser bringt, beeinflusst, für Wie erstrebenswert es ist. Es ist völlig in Ordnung, gezielt etwas zu betonen, doch der Fokus muss immer auf der Absicht liegen. Wenn es mir im Meditationstext wirklich nur darum geht, möglichst viele Leute dazu zu bringen, meine Tipps zu befolgen, gibt’s keinen Grund das Spirituelle derart in den Vordergrund zu bringen. Auch wenn das für mich als AutorIn mein ureigenes Ziel ist, ist es in diesem speziellen Text nicht wichtig. Denn ein Anfänger soll einfach nur die ersten Schritte machen.

Anderes Beispiel:

Ein Selbstmanagementtrainer schreibt einen Text gegen Perfektionismus und ein Tipp ist, mal absichtlich ein wenig zu schlampern oder auch mal zu spät zu kommen. Hier wird es Leser geben, die sagen: „Nie im Leben werde ich absichtlich fehlerhaft oder unpünktlich sein.“

Der Autor muss sich also überlegen: Was ist der Kern meines Textes, was will ich erreichen? Wenn er sich mit solchen Vorbehalten auseinandersetzt, kann er im Text darauf eingehen und die Leser stärker an die Hand nehmen, worums dabei geht – und worum nicht.

Ein weiterer Aspekt: Einseitigkeit

Eine Kommunikationstrainerin schreibt einen Text zum Kontern. Sie legt ihren Lesern ans Herz, für sich einzustehen, wenn jemand im Büro anmaßend ist oder einem zu persönlich wird. Sie betont, dass es dafür wichtig ist, schnell einen Riegel vorzuschieben. Soweit, so gut. Die Mehrheit der  betroffenen Leser nickt jetzt und denkt: „Stimmt! Das will ich auch.“

Danach folgen einige Szenarien mit Konter-Tipps, aber die sind alle recht harsch und teils unter der Gürtellinie. Damit fällt wieder ein Großteil der Leser weg: „So will ich mich nicht benehmen!“

Jetzt ist so ein Text dennoch okay, wenn die Kommunikationstrainerin wirklich die Meinung vertritt, dass so ein Riegel harsch und krass ausfallen muss. Doch vielleicht hat sie beim Schreiben zu wenig differenziert überlegt, welche abgestufteren Reaktionsmöglichkeiten es gibt, die auch einen klaren Riegel vorschieben, ohne dem Gegenüber ungut übers Maul zu fahren?

Wir Autoren haben eine Absicht und wir haben unsere Überzeugungen. Es ist total in Ordnung, absichtlich einen Filter zu setzen. Und es ist ganz natürlich, dass ein Text niemals bei allen Lesern gleichermaßen ankommt.

Wenn wir wollen, dass unser Text maximal was erreichen kann, müssen wir allerdings im Blick haben, ob wir unnötig oder einseitig den Fokus auf etwas legen. Und das passiert sehr schnell!

Meinen Kunden sage ich: „Okay, hier ist da und dort ein Fokus drauf, ist das an der Stelle wirklich so wichtig für dich, denn es wirkt soundso“ oder „Da bist du schon recht einseitig, weil es gibt ja auch noch dies und das und jenes“ … fast immer kommt dann ein: „Stimmt!“ oder „Ich habe mir das auch schon gedacht, aber …“

 

zum Hauptartikel: Wie nah ist das an meiner Realität?