Lesefluss

Das stört den Lesefluss

Das Ideal ist, dass unsere Leser flüssig von oben bis ganz unten lesen.

Doch als Autoren dürfen wir uns nichts vormachen: Viele kommen gar nicht, zumindest nicht ungehindert, bis zum Schluss. Die Gründe sind zahlreich, du brauchst dich nur mal durch die Lesefluss-Kategorie zu stöbern.

Heute geht’s mir um die kleinen Schnitzer, die zu einem „Hä?“ führen.

Sprich: Der Lesefluss ist unterbrochen, weil man etwas nicht versteht, verwirrt ist oder auf eine andere Gedankenbahn geschubst wird.

Weit verbreitete Aufmerksamkeitskidnapper aus Lesersicht:

„Hä?! – Was heißt das denn?“

Vorsicht, Experten- und Gewohnheitskopf! Für uns selbst ist vieles selbstverständlich, darum nutzen wir im Schreiben schon mal

  • Abkürzungen
  • Namen
  • Fremdsprachiges
  • Fachjargon
  • oder Dialekt.

Und weißt du was: Das ist völlig in Ordnung! Sofern du es dosiert einsetzt und sofern du dir sicher bist, dass deine Zielgruppe es versteht. Denn was es nicht versteht, lässt das Gehirn stolpern.

Der Lesefluss ist unterbrochen, es kommt zum Überlegen – aber nicht etwa zum eigentlichen Inhalt, sondern zu so einem Nebendetail. Selbst, wenn das Hirn ganz flott entscheidet „versteh ich zwar nicht, lese aber trotzdem weiter“, ist es zu einer Unterbrechung gekommen. Immer dann, wenn der Lesefluss unterbrochen wird, ist auch das Verstehen unterbrochen.

Die gute Sache: Das ist im Feintuning schnell repariert:

Ist die Abkürzung nötig, kannst du ausschreiben, was sie heißt.

Bei Dialekt und Fremdsprachigem ist es wichtig, sich in andere zu versetzen. Zum Beispiel kann ich – wie viele – relativ gut Englisch, aber ich staune oft, welche schwierigen Begriffe, die bei uns ganz und gar nicht geläufig sind, heutzutage in der Werbung verwendet werden.

Mit Namen ist es ganz einfach: Sprichst du nicht vom Dalai Lama, Elvis oder einer anderen Person, wo ziemlich sicher ist, dass „man“ sie kennt, muss eine Berufsbezeichnung dazu. Wenn ich also bei Annemarie Birnträger, die eine absolute Größe ist, meine Qualitätsmanagement-Zertifizierung gemacht habe, oder den von mir bewunderten Heinrich Meyer-Korn zitiere, muss ich für meine Leser dazuschreiben, wer das ist. [Der Psychologieprofessor Heinrich Meyer-Korn …]

„Hä?! – Worum geht’s noch mal?“

Jetzt wirds lustig, denn hier spielt der Impuls des „Viel hilft viel“ mit rein: Aus Angst, dass es noch nicht reichen könnte, wird immer noch was dazugepackt. Mitunter ist es allerdings bloß eine Angewohnheit, die aus dem Reden kommt. Auch ich neige im persönlichen Gespräch manchmal dazu, zu viel gleichzeitig sagen zu wollen.

Zu viele Details: Beispiele oder Erklärungen werden zu kleinteilig ausgewalzt. Das passiert besonders gerne bei echten Vorkommnissen. Da wird dann im Dokumentationsstil geschildert, was genau passiert ist, wer dabei war und was man sich alles gedacht hat … Je überladener einzelne Sätze oder Erklärungen sind, desto schwerer sind sie in einem Rutsch zu lesen und zu verstehen.

Ein Info-, Argumente- oder Appell-Bombardement: Kommt zu viel gleichzeitig oder maschinengewehrartig hintereinander, erschlägst du deine Leser. Da verliert man entweder die Lust am Weiterlesen – geschweige denn zum Was-damit-Tun. Selbst, wer weiterliest, kann die vielen einzelnen Informationen gar nicht alle aufnehmen. Siehe auch: 5 Dinge, die für deine Leser schnell anstrengend werden können

Nebenschauplätze aufmachen: In unseren Köpfen gibt es unendlich viele Zusammenhänge und verwandte Informationen. Kein Wunder, dass die gerne mit rausrutschen – oder du dir manchmal denkst „Das wäre eigentlich noch wichtig.“ Problematisch ist es, wenn du die Tür zu einem neuen Thema aufmachst oder etwas in den Raum stellst … und dann in deinem eigentlichen Text weitermachst. Denn da bleiben Leser  hängen, denken darüber nach oder sind enttäuscht, dass dazu jetzt keine nähere Erklärung kommt.

Auf diese Themen bin ich bei Lass deine Inhalte atmen teilweise näher eingegangen:

Solche unnötigen Details oder neu geöffneten Türen, die für den aktuellen Text und das, was du „eigentlich“ sagen willst, nicht nötig sind, sind wie Fettschwarten eines Artikels, die du von Haus aus weglassen kannst. Oder im Feintuning wegschneiden.

„Hä?! – Finde ich gar nicht!“

Unterstellen und Polarisieren ist immer schwierig. Nicht, dass ich rate, das unbedingt zu vermeiden! Im Gegenteil: Gezielt eingesetzt, sind das gute Stilmittel, mit denen du Lesern den Rücken stärken, sie ins Boot holen oder etwas aufstacheln kannst.

Entscheidend ist deine Absicht. Ich merke in Workshops, dass Autoren es oft gar nicht bemerken, wenn sie bei Lesern Widerspruch wecken.

  • So bin ich nicht! – Das Stören der Identifikation und sogar Verärgern hab ich schon mal näher anhand von Beispielen beleuchtet
  • Das sehe ich überhaupt nicht so! … Noch kritischer als bei einer Unterstellung ist das, wenn du polarisierst.
  • Das kenne ich nicht!Kennen Sie das auch? 

Ein Klassiker der Unterstellung passiert beim Wir. Wenn ich sage „Wir Menschen sind nicht immer ehrlich“, nickt jeder. Wenn ich sage: „Wir Menschen trauen uns nicht, unsere Meinung sagen“, ernte ich von einem Großteil Widerspruch (außer meine Zielgruppe ist explizit schüchtern und nicht sonderlich selbstbewusst, so dass ich weiß, dass das ein Kernproblem meiner Leser ist).

Es passiert außerdem gerne, dass der Leser eine Argumentation oder einen Rückschluss als hinkend oder unvollständig erlebt. Letztes Jahr habe ich in einem Text gelesen „Die Tatsache, dass so kontrovers über Homöopathie diskutiert wird, zeigt, dass sie funktioniert.“

Das ist für mich ein schönes Beispiel, dass die Schreiberin dieser Zeilen einfach nicht schlüssig genug argumentiert hat, was sie meint. Denn natürlich ist das keine Begründung! Das ist, wie meistens bei solchen Kleinigkeiten, dahingeschrieben … und im eigenen Kopf hat man was „gemeint“.

Meinen reicht aber nicht aus! Denn unsere Leser können sich nur an das halten, was dasteht. Es ist unsere Aufgabe, das schlüssig rüberzubringen.

Halte deine Leser auf der Spur …

… auf der du sie haben willst!

Das geht natürlich nur, wenn du dir deiner Absicht bewusst bist.

Lies den ruhig noch mal samt dort verlinktem Text, wie wichtig es ist, klare Entscheidungen zu treffen. Dann wird es nämlich viel einfacher, selbst auf Kurs zu bleiben – und sofort zu merken, wenn sich Querschläger einschleichen.