typische Fehler

Warum es meistens keine gute Idee ist, was Vorhandenes umzustricken

Wer beruflich schreibt, kommt früher oder später an einen Punkt, wo es ans Weiterverwenden geht:

Ich hab so viele Seminarunterlagen, daraus mache ich mal eben einen Ratgeber.

Ich hab einen alten Artikel, den kürze ich zusammen für einen Blogbeitrag.

Ich habe zu diesem Thema in Publikation A schon was geschrieben, das verwurste ich neu.


Dahinter stecken eigentlich ganz logisch klingende Grundgedanken:

Warum soll ich mir neu Arbeit machen, wenn ich doch schon was habe?

Das funktioniert in der Praxis so gut, das wäre doch super, es als Selbstlernkurs oder Buch rauszubringen.

Oder:

Mir gefällt das, was ich habe, derart gut, dass ich einfach nicht loslassen kann.

Und doch ist das Umstricken von Altem problematisch.

1. Andere Bedingungen erfordern andere Texte

Je nachdem, für welches Medium und für welches Umfeld du das alte Material ursprünglich zusammengestellt hast, gab es bestimmte Anforderungen. Der Verwendungszweck war anders, vielleicht die Zielsetzung oder die Adressaten.

Verschiedene Medien brauchen eine ganz andere Leser-Ansprache und einen anderen Ton.

Darum funktioniert es beispielsweise nicht, wenn man wissenschaftliche Arbeiten mal eben als Ratgeber rausgeben will. Oder die Unterlagen eines Präsenzseminars als Selbstlernkurs.

Es geht allerdings nicht nur um größere Projekte. Vorhandene Artikel, die unter völlig anderen Voraussetzungen oder ein wenig anderen Zielsetzungen erstellt wurden, werden beim Überarbeiten oft zu einem unguten Flickwerk.

Geht es nicht nur um wenige Änderungen, ist man besser bedient, das Thema ganz neu anzupacken. Sollten im Vorhandenen viele gute Gedanken drinstecken, dann einfach noch mal aufmerksam lesen, aber dann weglegen und neu andenken. Das geht meistens sogar viel schneller, als am Alten herumzudoktern.

2. Dein Stil hat sich geändert.

Gerade, wenn man auf alte Materialien zurückgreift, hat man oft eine andere Schreibe. Das kann daher rühren, dass die alten Sachen auf ein anderes Medium abgestimmt waren, es ist in der Regel aber einfach die persönliche Entwicklung.

Ich schreibe jetzt seit fast zwanzig Jahren und habe in dieser Zeit Tausende von Texte zu meinen Fachthemen produziert. Die meisten davon habe ich nach und nach komplett gelöscht! Obwohl das ein irrer Schatz ist, der mich viel Arbeit gekostet hat und wo extrem viele gute Inhalte drinstecken.

Klar kann man sich entscheiden, ein altes Blog als Archiv online zu lassen oder Texte, die früher mal veröffentlicht waren, wieder zu erneuern, doch wir entwickeln uns ja persönlich weiter:

  • Du schaust zurück auf frühere Texte und findest sie mit der heutigen Erfahrung und deinem geschulteren Blick nicht mehr gut.
  • Dein Stil hat sich so verändert, dass du dich gar nicht mehr damit identifizieren kannst.

Stil bedeutet ja nicht nur einzelne Formulierungen, sondern damit ist bereits gemeint, wie man Themen anpackt, welche Überschriften man wählt – das wiederum beeinflusst die Textstruktur. Das heißt, dass es gar nicht möglich wäre, „mal eben kurz“ alte Texte zu aktualisieren.

Viel besser ist es, neue Texte zu schreiben oder vorhandene Themenideen frisch aufzugreifen. Das ist außerdem für einen selbst spannender, weil du Neues entdeckst!

3. Inhalte sind nicht mehr aktuell.

Abgesehen vom Stil, veralten möglicherweise Inhalte:

Handelt es sich um ein Thema, wo sich mittlerweile sehr viele Neuerungen ergeben haben, sind Recherchen damit verbunden. Anstatt nun alles Bisherige zu überprüfen, ist es viel zeitsparender, sich sofort auf den aktuellen Stand zu stürzen.

Vergiss wiederum nicht deine persönliche Entwicklung: Auch Standpunkte verändern sich! Du bist ein anderer Mensch als früher oder dein Business hat ein anderes Profil, du willst anders gesehen werden. Oft ist es so, dass man bei alten Texten kaum persönlich geschrieben hat, vielleicht sind vorhandene Texte inhaltlich zwar top, aber vollkommen austauschbar, während du dich heute sehr wohl traust, eine klare Ansicht zu äußern.

Das Hirn klein halten

Mit der wichtigste Punkt ist aber, dass du dein Gehirn einsperrst, wenn du was Altes passend machst:

Du konservierst etwas Vergangenes, manchmal sogar mit unschönem Frankenstein-Effekt, wenn du Passagen aus früheren Texten mit neuen zusammenflickst.

Bei vergangenen Texten bedeutet dieses Konservieren unter anderem, dass du deine Heute-Persönlichkeit nicht würdigst. Du bist heute anders, als noch vor einem oder mehreren Jahren. Du weißt mehr, denkst anders, traust dich was, bist vielleicht einfach schreibgeübter und würdest aktuell bei einem Text sehr viel mehr Lesernutzen einbauen.

Du bist zu sehr mit der alten Variante beschäftigt, eben weil du den Fokus darauf setzt, das Vorhandene passend zu machen. Dadurch versäumst du, das Thema spezifischer aufzuhängen; eine clevere neue Struktur zu wählen, etc.

In dem Moment, wo du auf dein Know-how, deine Erfahrungen und deine Meinung baust, kannst du in der Regel sehr viel schneller und freier einen ganz neuen Text kreieren. Erst recht, wenn sich Umfang und Verwendungszweck drastisch unterscheiden.

„Copy paste“ ist verboten!

Das alles gilt übrigens auch für die Selbstdarstellung. Ich habe in Coachings und Workshops, die sich mit Webtexten, Kurzvorstellungen etc. befassen, festgestellt, dass viele gern recyceln.

Ich verbiete darum rigoros ein Copy-Paste:

Macht jemand Seminarausschreibungen bei mir, dürfen keine vorhandenen Inhaltsbeschreibungen einkopiert werden, weil man sich ja eh schon mal Gedanken gemacht hat, was ins Seminar kommt.

Frage ich zum Auftakt „Schreib mal, was genau du machst und für wen?“, darf nicht einfach eine entsprechende Passage von der Website kopiert werden.

etc.

Vorhandenes ist zum einen alt, zum anderen „starrer“ als frische Gedanken und in 90 % der Fälle ist es viel zu glatt und oberflächlich, weil es vorformuliert ist.

Formulieren stört das Konzipieren.

Meine Empfehlung: Wenn es nicht nur kleine Aktualisierungen sind, dann kleb nicht an Altem! Denk das Neue ganz frisch an – und wenn es sich anbietet, dann pick hinterher die Rosinen aus bestehendem Material.

Doch selbst das ist meistens überhaupt nicht nötig. Du hast alles, was du brauchst viel besser aktuell im Kopf. Das will nur mal eben zielgerichtet rausgeholt werden.